Nümbrecht (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Nümbrecht in GM.svg Nümbrecht ist eine Kommune mit derzeit ca. 17.000 Einwohnern im Oberbergischen Kreis – ca. 30 Kilometer nordöstlich von Siegburg (Karte TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Seit der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts hielten sich Juden in Nümbrecht im Bröltal auf; die Wurzeln der Gemeinde liegen in den 1790er Jahren. Es wohnten hier stets nur wenige jüdische Familien, die der streng-orthodoxen Richtung anhingen; seit Ende des 19.Jahrhunderts war ihre Anzahl weiter rückläufig. Sie lebten zunächst in bescheidenen, zuweilen ärmlichen Verhältnissen; die Familienvorstände schlugen sich als Hausierer, Lumpen- und Viehhändler durchs Leben. Erst ab Ende des 19.Jahrhunderts besserte sich ihre wirtschaftliche Lage zumeist.

1828 wurde die Nümbrechter Synagoge - eine umgebaute Scheune auf dem Dorfplatz - durch den Bonner Oberrabbiner Aaron Auerbach eingeweiht. Sie galt als zentrales Gotteshaus für alle Juden im Oberbergischen Lande. Zuvor waren Gottesdienste in einem angemieteten Raume eines Privathauses abgehalten worden.

  Synagoge in Nümbrecht (hist Aufn., aus: oberbergische.deutscher-koordinierungsrat.de)

Aus dem „Organisationsstatut“ für die Synagogengemeinde Nümbrecht vom August 1832:

Auf Grund der Verfügung der Königlichen Regierung zu Köln ... hat das israelitische Konsistorium zur Erhaltung und Beförderung der Moralität und Gottesfurcht in der Synagoge zu Nümbrecht folgendes verordnet:

1. Zur Erhaltung der Aufsicht beim Gottesdienst in der Synagoge nach dem Inhalte des gegenwärtigen Reglements ist der Vorsteher der Synagoge verpflichtet. ...

2. Während des Gottesdienstes ist jedem streng und bei Strafe untersagt, sich von seinem Platze zu entfernen oder mit seinem Nachbarn in der Synagoge zu sprechen; ...

3. Jeder Familienvater, Vormund und Erzieher, welche Kinder in die Synagoge einführen, haben dieselben auf ihren Plätzen bei sich zu behalten und sind für deren Aufführung verantwortlich.

4. Es darf keine Person weiblichen Geschlechts während des Gottesdienstes in der Abteilung der Mannspersonen erscheinen. ...

6. Es ist streng verboten, in der Synagoge Tabak zu rauchen oder Versammlungen abzuhalten.

7. Jedes Mitglied ist schuldig, den Betrag für die an sich gekauften Ehrenrechte und den ... ihm zugeteilten Beitrag zu den Kultuskosten zu der vom Vorsteher bestimmten Zeit zu bezahlen.

....

Verstorbene Gemeindeangehörige wurden auf dem Gelände „In der alten Weiher Wiese“ bestattet; hier fanden auch verstorbene Juden der Umgebung ihre letzte Ruhe. Der älteste vorhandene Grabstein datiert aus dem Jahre 1724.

Die Synagogengemeinde Nümbrecht umfasste die Gemeinden Nümbrecht, Waldbröl und Ruppichteroth. Um 1900 schufen die Juden Ruppichteroths eigene gemeindliche Einrichtungen und sonderten sich von der immer kleinen werdenden „Muttergemeinde“ ab; 1932 gliederte sich Ruppichteroth wieder an.

[vgl.  Ruppichteroth (Nordrhein-Westfalen)]

Juden in Nümbrecht:

    --- um 1810 ...................... 18 Juden,

    --- 1843 ......................... 28   “  ,

    --- 1855 ......................... 27   “  ,

    --- 1861 ......................... 41   “  ,

    --- um 1880 .................. ca. 60   “  ,

    --- um 1900 .................. ca. 30   “  ,

    --- 1929 .........................  4 jüdische Familien.

Angaben aus: Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil I: Reg.bez. Köln, S. 457

Schon zur Zeit der 100-Jahrfeier der Synagoge fanden in Nümbrecht keine regelmäßigen Gottesdienste mehr statt. Im Sommer 1938 erwarb die Kommune das Synagogengrundstück; wenige Wochen später wurde das Gebäude abgerissen. Während des Novemberpogroms von 1938 schändeten auswärtige SA- und SS-Angehörige den jüdischen Friedhof; einheimische Schüler vollendeten tags darauf das Zerstörungswerk. Einzelne Grabsteine wurden zum Bau von Häusern verwendet.

 

Auf dem Dorfplatz - dem ehemaligen Standort der Synagoge - informiert seit 1990 eine Stele mit mehreren Schrifttafeln über die Geschichte der jüdischen Gemeinde (Abb. 2005, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0).

1994/1995 wurde der jüdische Friedhof in Nümbrecht - hier findet man noch 14 originale Grabsteine - zu einer Gedenkstätte umgestaltet: Zwischen sieben im Halbkreis angeordneten Granitstelen sind sechs Plaketten in den Boden eingelassen, die die Namen der Konzentrations- und Vernichtungslager tragen, in denen Juden aus Nümbrecht ihr Leben ließen. Eine weitere Steinplatte zitiert in hebräischer Sprache den Vers:

Der Gerechte kommt um, und niemand nimmt es zu Herzen,

und die frommen Männer werden hingerafft, während niemand merkt,

daß von der Bosheit hingerafft der Gerechte. (Jesaja 57,1)

Gedenkstätte (Aufn. 2005, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

An eine jüdische Bürgerin Nümbrechts, die dem NS-Rassenwahn zum Opfer fiel, erinnert die Meta-Herz-Straße.

Seit 2014 erinnern sog. „Stolpersteine“ an Angehörige jüdischer Familien, die in Nümbrecht einst zu Hause waren und Opfer der NS-Gewaltherrschaft wurden. Den Anstoß für diese Form des Erinnern gab der hochbetagte, in New York lebende Leo Baer bei einem Besuch in seiner Heimatstadt (er verstarb 2016).

Bereits vor einigen Jahren wurde eine an den jüdischen Friedhof angrenzende Straße in „Leo-Baer-Straße“ benannt.

 

In Waldbröl – einer Kleinstadt wenige Kilometer südöstlich von Nümbrecht – wurden 2018 mehrere sog. „Stolpersteine“ verlegt, die an Angehörige zweier jüdischer Familien erinnern.

                Stolperstein Waldbröl Querstraße 9 Albert EliasStolperstein Waldbröl Querstraße 9 Hedwig EliasStolperstein Waldbröl Querstraße 9 Gustav Elias  Stolperstein Waldbröl Hochstraße 30 Hermann SalomonStolperstein Waldbröl Hochstraße 30 Carolina SalomonStolperstein Waldbröl Hochstraße 30 Erich Salomon

sechs Stolpersteine in der Querstraße und Hochstraße (alle Aufn. T., 2018, aus: wikiedia.org, CC BY-SA 4.0)

 

In der nur wenige Kilometer von Waldbröl liegenden Ortschaft Morsbach sollen künftig "Stolpersteine" an die vierköpfige jüdische Familie Levy erinnern, die 1942 deportiert und in Maly Trostinec (Werißrussland) ermordet wurde.

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Weitere Informationen:

Hundertjahrfeier der Synagogengemeinde Nümbrecht, in: "Waldbröler Zeitung" vom 1.8.1928

H. Nieden, Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde in Nümbrecht, in: "Heimatklänge" 12/1964

Karl Schröder (Bearb.), Die Juden in den Gemeinden Eitorf und Ruppichteroth, in: "Veröffentlichungen des Geschichts- und Altertumsvereins für Siegburg u. den Rhein-Siegkreis e.V.", Heft 11/1974, Siegburg 1974, S. 63 ff. (betr. Synagogenordnung)

Otto Kaufmann, Jüdische Mitbürger in der Gemeinde Nümbrecht. Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde, in: H. Schild, Chronik der Gemeinden Nümbrecht und Marienberghausen, Nümbrecht 1977, S. 458 - 464

Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil I: Regierungsbezirk Köln, J.P.Bachem Verlag, Köln 1997, S. 457 - 463

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 403/404

Anne Voglmayr, Mein Name ist Meta Herz. Erinnerungen an die jüdische Gemeinde Nümbrecht (Taschenbuch), 2000

Heike Hüschemenger (Red.), Gedenken an jüdische Familien – Stolpersteine zum Gedenken, in: „Oberbergische Volkszeitung – Bergische Landeszeitung“ vom 28.6.2013

Ulrich Klein (Red.), Stolpersteine in Nümbrecht gegen das Vergessen, in: „Oberbergische Volkszeitung – Bergische Landeszeitung“ vom 23.5.2014

fk (Red.), Stolpersteine gegen das Vergessen, in: oberberg-aktuell.de vom 23.5.2014

sül (Red.), Zum Tod von Leo Baer – Ein Mann der Versöhnung, in: "Oberbergische Volkszeitung – Bergische Landeszeitung“ vom 1.4.2016

Jens Höhner (Red.), Nümbrecht. Gemeinde richtet Gedenkfeier für Leo Baer aus, in: „Oberbergische Volkszeitung – Bergische Landeszeitung“ vom 9.6.2017

Auflistung der in Waldbröl verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Waldbröl

Rainer Thies (Red.), Reichspogromnacht. SS-Männer schändeten den jüdischen Friedhof in Nümbrecht, in: „Bergische Volkszeitung“ vom 8.11.2018

Christoph Buchen (Red.), Jüdische Familie Levy aus Morsbach. Bahnhfahrt in den Tod begann in Morsbach, in: „Kölner Stadt-Anzeiger“ vom 14.5.2020