Nottuln (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Nottuln in COE.svg Nottuln ist eine Kommune mit derzeit ca. 20.000 Einwohnern im Kreis Coesfeld - etwa 20 Kilometer westlich von Münster gelegen (Karte TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Die erste Ansiedlung einer jüdischen Familie in Nottuln ist aus den 1670er Jahren urkundlich belegt. In der Folgezeit lebten hier stets nur wenige Familien als „Schutzjuden“ der Fürstbischöfe von Münster. Gefördert wurde die jüdische Ansiedlung vom Damenstift und seinen Äbtissinnen, die die jüdischen Familien in ihre Geschäfte einbanden. Die Nottulner Juden waren damals als Viehhändler/Metzger, im Klein- u. Trödelhandel und im Geldverleih tätig.

In einer unscheinbaren Betstube wurden bis 1816 zunächst heimlich Gottesdienste abgehalten; danach nutzten die jüdischen Familien ein Hinterhaus in der Stiftstraße als Synagoge. Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg fanden in Nottuln keine gottesdienstlichen Zusammenkünfte mehr statt; die nur noch wenigen Juden besuchten Synagogen im nahen Umland, in Münster bzw. Dülmen.

Ein kleines Friedhofsgelände - weit außerhalb der Dorfflur am Uphovener Weg gelegen - stand den Nottulner Juden vermutlich seit Ende des 17.Jahrhunderts (andere Angabe: seit 1749) zur Verfügung. 

Die Nottulner Juden gehörten - zusammen mit denen aus Havixbeck, Telgte und Wolbeck - als Filialgemeinde zur Synagogengemeinde des Kreises Münster.

Juden in Nottuln:

        --- um 1680 ........................   2 jüdische Familien,

    --- 1698 ...........................   3     "        "   ,

    --- um 1800 .................... ca.  20 Juden, 

--- 1843 ...........................  20   “  ,

--- 1863 ...........................   7 jüdische Familien,

    --- 1871 ...........................  15 Juden,

    --- 1895 ...........................  36   “  ,

    --- um 1900 .................... ca.  60   “  ,

    --- um 1935 ........................  eine jüdische Familie.

Angaben aus: Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Reg.bez. Münster, S. 203

und                 Hans-Peter Boer, Nottuln, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften ..., S. 530

Die Nottulner Juden verdienten ihren Lebenserwerb Ende des 19.Jahrhunderts allesamt als Händler. Gegen Ende des 19.Jahrhunderts erreichte die Zahl der Juden in Nottuln mit ca. 60 Personen ihren Höchststand; doch schon vor dem Ersten Weltkrieg war ihre Anzahl durch Abwanderung stark zurückgegangen. In der NS-Zeit lebten nur noch zwei jüdische Familien in Nottuln (Fam. Gerson u. Fam. Lippers). Sie mussten im November 1938 mitansehen, wie Schaufensterscheiben und Inventar zertrümmert wurde; anschließend verschloss man das geplünderte Geschäft mit Brettern. Wenige Monate später suchten die Familien ihr Heil in der Flucht ins benachbarte Holland. Nach der Besetzung der Niederlande (1940) wurden sie - via Westerbork - nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Nachweislich fanden 13 jüdische Bewohner einen gewaltsamen Tod.

Der jüdische Friedhof, der während der NS-Zeit teilweise abgeräumt worden war, wurde nach Kriegsende – so gut es eben ging – wiederhergestellt (etwa 60 Gräber); dabei wurden 24 beschädigte Grabsteine mit neuen Inschriftentafeln versehen. 

 Gedenktafel mit namentlicher Aufführung der Opfer (Aufn. aus: fi-nottuln.de)

Seit 1999 erinnert eine Gedenktafel an der von Ascheberg’schen Kurie an die Opfer der NS-Diktatur:

1933 – 1945

Den Opfern von Staatsterror und Krieg, den Kriegsgefangenen und Vermissten,

den Geschundenen und Vergewaltigten, den Gefangenen der Arbeits- und Konzentrationslager,

den 13 Ermordeten aus der jüdischen Gemeinde Nottuln.

(hier sind die Namen der Opfer aufgeführt)

„Gemeinsame Erinnerungen sind manchmal die besten Friedensstifter“ (Marcel Proust)

2005 wurden sog. „Stolpersteine“ gesetzt, die den letzten jüdischen Bewohnern des Kirchplatz 4 gewidmet sind.

Zwei „Stolpersteine“ (aus: gruene-nottuln.de)  

In Darup - seit 1975 ein Ortsteil von Nottuln - erinnert ein kleiner jüdischer Friedhof daran, dass im 19.Jahrhundert eine winzige jüdische Gemeinschaft (kaum mehr als zwei Familien) hier gelebt hat.

 

Weitere Informationen:

Bernhard Brilling, Zur Geschichte der Juden in Nottuln, in: Nottulner Martinibote, Nottuln 1976

Hans-Peter Boer, 300 Jahre Juden in Nottuln. Eine Dokumentation, verfaßt aus Anlaß der 50.Wiederkehr der Reichspogromnacht 1938, Hrg. Selbstverlag der Gemeinde Nottuln, 1988

Hans-Peter Boer, Juden in Nottuln vom 17. bis 20.Jahrhundert, in: Diethard Aschoff, Juden im Kreis Coesfeld. Beiträge zur Landes- und Volkskunde des Kreises Coesfeld 24/1990, S. 217 - 228

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen. Regierungsbezirk Münster, J.P.Bachem Verlag, Köln 2002, S. 202 – 205

Hans-Peter Boer, 300 Jahre Juden in Nottuln. Eine Dokumentation verfasst aus Anlass der 50. Wiederkehr der Reichspogromnacht 1938, Nottuln 2006 (neu bearb. u. Erg. 2.Aufl. von 1988)

Hans-Peter Boer (Bearb.), Nottuln, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Münster, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen XLV, Ardey-Verlag, München 2008, S. 527 - 532

Ludger Warnke (Red.), Jüdischer Friedhof in Nottuln, in: „Westfälische Nachrichten“ vom 11.8.2011

Hans-Peter Boer, Stolpersteine der Nottulner Geschichte. Zum Gedenken an die Ofer des „Verwaltungsmassenmordes“, online abrufbar unter: gruene-nottuln.de