Wronke/Warthe (Posen)

Jüdische Gemeinde - Obersitzko/Warthe (Posen)Adam Mickiewicz University – Wikimedia Commons Wronke war anfangs ein ‘geistlicher Ort’ im Besitz der Dominikaner; erst im 16.Jahrhundert gelangte er unter weltliche Herrschaft. Heute liegt die Kleinstadt Wronki nad Warta mit derzeit ca. 11.000 Einwohnern in der polnischen Woiwodschaft Poznan - etwa 50 Kilometer nordwestlich von Posen/Poznan (Ausschnitt aus hist Karte, aus: wikipedia.org, gemeinfrei und Kartenskizze 'Polen' mit Eintrag der Woiwodschaft Poznan, aus: commons.wikimedia.org).

 

In den beiden Jahrzehnten unmittelbar vor der Mitte des 19.Jahrhunderts erreichte der jüdische Bevölkerungsanteil in Wronke mit ca. 35% seinen Höchststand.

Juden war es bis Anfang des 16.Jahrhunderts untersagt, sich in der unter klösterlicher Herrschaft stehenden Ortschaft Wronke niederzulassen. Dieses Verbot wurde aufgehoben, als nach erfolgter Säkularisierung der Ort unter die Herrschaft des Grafen von Gòrka kam. Jüdische Familien müssen sich in den folgenden Jahrzehnten in größerer Zahl hier angesiedelt haben. Ihren Lebenserwerb bestritten sie zumeist im Handwerk, so als Weber, Schneider und Gold- u. Silberschmiede.

Eine Synagoge stammte nachweislich aus dem beginnenden 17.Jahrhundert. Urkundliche Hinweise auf jüdisches Leben in Wronke liegen für einen längeren Zeitraum nicht vor, da 1768 die Synagoge und alle Judenhäuser bei einer Feuersbrunst vernichtet wurden. Erst in den 1820er Jahren wurde in Wronke eine neue Synagoge gebaut, die in der Folgezeit mehrfach umgebaut wurde.

                          Synagoge in Wronke (hist. Postkarte)

Am Ort existierte seit den 1820er Jahren auch eine jüdische Elementarschule, die in ihrer Blütezeit von fast 140 Schülern besucht wurde. Mehrere jüdische Vereine bereicherten in Wronke das gesellschaftliche Leben der Gemeindemitglieder.

Der alte jüdische Begräbnisplatz lag jenseits der Warthe und war im Winter nur schwer erreichbar; deshalb erwarb die jüdische Gemeinde zusätzlich am diesseitigen Ufer der Warthe ein Friedhofsgelände.

Juden in Wronke:

         --- um 1795 ................... ca. 380 Juden (ca. 30% d. Bevölk.),

    --- 1808 .......................... 543   “  ,

    --- 1832 .......................... 716   “  ,

    --- 1840 .......................... 791   “   (ca. 35% d. Bevölk.),

    --- 1849 .......................... 666   “  ,

    --- 1871 .......................... 604   “   (ca. 24% d. Bevölk.),

    --- 1880 .......................... 561   “  ,         

    --- 1895 .......................... 528   “   (ca. 12% d. Bevölk.),

    --- 1905 .......................... 380   “   (ca. 8% d. Bevölk.),

    --- 1913 .......................... 314   “  ,

    --- 1921 .......................... 187   "   (ca. 4% d. Bevölk.)

    --- 1924 ..........................  70   “  ,

    --- 1939 (Sept.) ..................  31   “  .

Angaben aus: Heppner/J.Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und ..., S. 1017

 

Ihren zahlenmäßigen Höchststand erreichte die Wronker jüdische Gemeinde in den 1840er Jahren; von diesem Zeitpunkt an ging die Zahl ihrer Angehörigen stetig zurück. Familien wanderten ab - vor allem nach Berlin und andere deutsche Großstädte wie z.B. Breslau; manche emigrierten auch in die USA. Besonders stark war die Abwanderung unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkrieges.

Anfang der 1930er Jahre lebten nur noch sehr wenige jüdische Familien in der Kleinstadt; am Vorabend des Zweiten Weltkrieges waren es noch etwa 30 Personen mosaischen Glaubens; sie wurden „ins Generalgouvernement ausgesiedelt” und kamen vermutlich in den Vernichtungslagern ums Leben.

 

Der alte jüdische Friedhof fiel erst in jüngster Zeit Straßenbaumaßnahmen zum Opfer; die mehr als 700 wiederaufgefundenen Grabsteine bzw. -fragmente wurden 2014 zu einem steinernen „Denkmal“ (eine Art Lapidarium) gefügt.

 

Mehrere hundert gelagerte Grabsteinfragmente in Nowa Wies bei Wronke (Aufn. aus: iajgsjewishcemeteryproject.org)

https://uncoveringjewishheritage.files.wordpress.com/2015/04/dsc02691.jpg

„Steinernes Denkmal“ (Aufn. Marysia Galbraith, in: uncoveringjewishheritage.wordpress.com/2015/04/14/lapidarium-in-wronki/)

 

Aus Wronke (poln.Wronki) stammte Baruch Isaak Lipschütz, der als Sohn eines Rabbiners dort 1812 geboren wurde. Bereits im Alter von 21 Jahren war er nach einer theologischen Ausbildung kurzzeitig als Rabbiner tätig, wegen seines geringen Alters aber wieder supendiert. Nach einem Universitätsstudium in Berlin (orientalische Philologie) war er dann an verschiedenen Orten tätig, so als Prediger in Posen, danach als Rabbiner in Landsberg/Warthe; ab 1850 hatte er seinen Wirkungskreis in Frankfurt/Oder. Drei Jahre später erfolgte seine Ernennung zum Landesrabbiner von Mecklenburg-Schwerin, wo er die Reformansätze seiner Vorgänger weitgehend rückgängig machte. Bereits 1858 wurde er aus dem Amt wieder entlassen und wirkte danach als Prediger und Talmudlehrer bei der orthodoxen Bruderschaft Etz Chaim. An seinem letzten Wohnort Berlin verstarb er 1877.

 

 

Ganz der Nähe Wronkes existierte in Obersitzko (poln. Obrzycko) ebenfalls eine jüdische Gemeinde.

[vgl. Obersitzko (Posen)]

 

 In Filehne a.d. Netze (poln. Wielén, derzeit ca. 6.000 Einw.) – ca. 20 Kilometer nordwestlich von Wronke gelegen (Ausschnitt aus hist. Karte von 1905, aus: de-academic.com)  – existierte eine relativ große jüdische Gemeinde, die zu Beginn des 19.Jahrhunderts mehr als 1.000 Angehörige besaß, die immerhin fast 45% der Ortsbevölkerung ausmachten. Ihre Wurzeln reichen bis in die Mitte des 17.Jahrhunderts zurück. Die 1787 erbaute Synagoge – sie ersetzte einen wenige Jahre zuvor durch Brand zerstörten Vorgängerbau - wurde zu Beginn des Zweiten Weltkrieges zerstört. Die Anlage eines Friedhofes soll erst am Anfang des 19.Jahrhunderts erfolgt sein; das Areal wurde von den Nationalsozialisten verwüstet.

 Der 1824 in Filehne geborene Moritz Lazarus galt als Vorkämpfer für die Rechte des Judentums; er war der Initiator der „Zeitschrift für Völkerpsychologie“. Unter dem Vorsitz von Lazarus wurde die erste Israelitische Synode 1869 in Leipzig abgehalten, die Rabbiner, Wissenschaftler und führende Laien aus 60 Gemeinden Deutschlands, Österreichs und anderer Länder Europas und Amerikas versammelte. Moritz Lazarus verstarb 1903 in Meran.

 Aron Freimann, geb. 1871 in Filehne, war langjähriger Leiter der Judaica-Sammlung an der Frankfurter Universitätsbibliothek; dank seiner Einsatzes war sie bis 1933 mit 18.000 Titeln zur umfangreichsten Spezialsammlung Europas geworden. 1933 wurde er aus seiner Bibliothekarsstellung entlassen; fünf Jahre später emigrierte er die USA, wo er als Dozent für jüdische Geschichte und Literatur tätig war. Er starb 1948 in New York.

Bildergebnis für Abraham Baer Ein weiterer bekannter Sohn der jüdischen Gemeinde war Abraham Baer (geb. 1834), der aus Begeisterung zur synagogalen Musik als Kantor wirkte. Im Laufe seines Lebens sammelte er traditionelle jüdische Musikstücke; er selbst komponierte auch liturgische Musik. Baer starb im Alter von 60 Jahren in Göteborg/Schweden.

 

 

 

Weitere Informationen:

A.Heppner/J.Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gemeinden in den Posener Landen, Koschmin - Bromberg 1909, S. 1014 – 1018

Steffi Jersch-Wenzel, Zur Geschichte der jüdischen Bevölkerung in der Provinz Posen im 19.Jahrhundert, in: G. Rhode (Hrg.), Juden in Ostmitteleuropa – Von der Emanzipation bis zum 1.Weltkrieg. Historische u. Landeskundliche Ostmitteleuropa-Studien 3, Marburg 1989, S. 73 – 84

Wronki nad Warta – Wielén, in: sztetl.org.pl

Lapidarium of Wronki, online abrufbar unter: gepete.de/wronki/lapidarium.html (enthält Aufn. bei der Erstellung des Lapidariums)

Eugeniusz Tomczak, Wronki (mehrere aktuelle Aufnahmen), in: kirkuty.xip.pl

Marysia Galbraith (Red.), Lapidarium in Wronki, online abrufbar unter: uncoveringjewishheritage.wordpress.com/2015/04/14/lapidarium-in-wronki/