Willmars (Unterfranken/Bayern)

Datei:Physische Uebersichtkarte Rhoen.pngDatei:Sondheim vor der Rhön in NES.svg Willmars mit seinen derzeit ca. 600 Einwohnern ist zusammen mit der Gemeinde Sondheim v.d. Rhön Mitglied der Verwaltungsgemeinschaft Ostheim v.d.Rhön im Landkreis Rhön-Grabfeld – unmittelbar an der bayrisch-thüringischen Landesgrenze zwischen Meiningen und Bad Neustadt/Saale gelegen (topografische Karte 'Rhön' ohne Eintrag von W., Milseburg 2009, aus: wikipedia.org  und  Kartenskizze 'Landkreis Rhön-Grabfeld', Hagar 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

 

Zu Beginn des 19.Jahrhunderts erreichte der jüdische Bevölkerungsanteil im Dorf ca. 30%.

Unter der Grundherrschaft von Carl Ludwig Schenk zu Schweinsberg ließen sich jüdische Familien in Willmars nieder und bildeten bald eine Gemeinde, deren Wurzeln im beginnenden 18.Jahrhundert liegen. Unter dem adligen Schutz - aber gegen Widerstände der christlichen Bevölkerung unter Führung des hiesigen Pfarrers - wurde bereits in den 1720er Jahren eine Synagoge eingerichtet. Einen zweistöckigen Synagogenneubau aus Backstein errichtete die inzwischen kleiner gewordene Gemeinde 1900/1901 in der Dorfstraße; da man die finanziellen Mittel für den Bau allein nicht mehr aufbringen konnte, war seit 1895 eine Kollekte ins Leben gerufen worden, die deutschlandweit ausgeschrieben worden war.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2092/Willmars%20Israelit%2026031896.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2092/Willmars%20Israelit%2028121896.jpg

Danksagungen für eingegangene Spenden zum Synagogenbau (aus: "Der Israelit" vom März und Dez. 1896)

Im neuen Synagogengebäude waren auch Schulsaal, Lehrerwohnung und Mikwe untergebracht.

  Anzeigen aus den Jahre 1875 und 1900 

In der jüdischen Volksschule von Willmars wurde bis 1920 unterrichtet; danach wurde sie als Religionsschule noch weitergeführt.

   aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 21.10.1920 

Die Juden Willmars verfügten über ein Friedhofsgelände in der Gemarkung des Nachbarortes von Neustädtles - auf einer Anhöhe zwischen Willmars und Neustädtle gelegen; dessen erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahre 1736, doch kann davon ausgegangen werden, dass erste Begräbnisse auf dem Gelände bereits Ende des 16.Jahrhunderts erfolgt sind. Hier fanden auch verstorbene Juden aus anderen Orten wie Nordheim/Rhön, Oberelsbach und Weißbach ihre letzte Ruhe. Auf dem fast 5.000 m² großen Areal befinden sich auf dem älteren Teil etwa 1.300 Grabstätten, der neue Teil hingegen weist nur ca. 110 Grabstätten auf.

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Teilansicht des jüdischen Friedhofs (Aufn. Dietrich Krieger, 2012, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

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Einzelne auffällige Grabsteine (Aufn. Dietrich Krieger, 2012, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

Die jüdische Gemeinde Willmars gehörte von 1840 bis Anfang der 1890er Jahre zum Rabbinatsbezirk Gersfeld, danach zum Distrikitsrabbinat Bad Kissingen.

Juden in Willmars:

         --- 1699 ..................... ca.   3 jüdische Familien,

    --- 1731 ..................... ca.  10     "        "   ,

    --- 1806 .........................  33     "        "   ,

    --- 1816 ......................... 161 Juden (ca. 28% d. Bevölk.),

    --- 1830 ......................... 181    "  ,

    --- 1848 ......................... 151   "   (in 30 Familien)

    --- 1867 ......................... 144   “   (ca. 16% d. Bevölk.),

    --- 1884 .........................  14 jüdische Familien,

    --- 1897 .........................  66  Juden,  

    --- 1904 .........................  64   “  ,

    --- 1910 .........................  53   “  ,

    --- 1925 .........................  36   “  ,

    --- 1933 .........................  35   “  ,

    --- 1938 .........................   6 jüdische Familien,

    --- 1939 .........................  11 Juden,

    --- 1941 (Mai) ...................  keine.

Angaben aus: Baruch Z.Ophir/F.Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945, S. 431

und                  W.Kraus/H.-Chr. Dittscheid/G. Schneider-Ludorff (Hrg.), Mehr als Steine … - Synagogengedenkband Bayern, Teilband III/2.1: Unterfranken, S. 928

 

Bei der Erstellung der Matrikel (1817) waren für Willmars 35 (!) Familienvorstände aufgelistet. Gegen Mitte der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts hatte die jüdische Gemeinde Willmars ihren zahlenmäßigen Höchststand erreicht. Nach 1850/1860 wanderten jüdische Familien vermehrt ab, auch in andere Orte des ehemaligen Bistums Würzburg. Zu Beginn der 1930er Jahre lebten dann noch etwa 30 bis 40 jüdische Bürger in Willmars.

Bereits vier Wochen vor der „Kristallnacht“ im November 1938 sollte nach dem Willen der „arischen“ Dorfbewohner das Synagogengebäude in einen Getreidespeicher umfunktioniert werden; bei der Umsetzung des Vorhabens kam es zu ersten Gewalttätigkeiten. Etwa 100 Dorfbewohner - darunter auch Schulkinder - beschimpften und misshandelten ihre jüdischen Mitbewohner, die gezwungen wurden, das Synagogengebäude leer zu räumen. Ein Teil der Ritualien wurde nach Bad Kissingen verbracht, wo er 1938 dem Novemberpogrom zum Opfer fiel. Während des Novemberpogroms von 1938 zerstörten örtliche Bewohner die übrige Inneneinrichtung der Synagoge; äußerlich blieb das Gebäude Bau fast unbeschädigt. Das ehemalige Synagogengebäude ging danach in Privatbesitz und diente fortan Wohnzwecken. Im Frühjahr des Jahres 1941 lebten keine jüdischen Bewohner mehr in Willmars.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." fielen 22 gebürtige bzw. längere Zeit in Willmars ansässig gewesene Juden dem Holocaust zum Opfer (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/willmars_synagoge.htm).

Im März 1949 fand vor dem Landgericht Schweinfurt ein Prozess gegen sieben der an den Ausschreitungen in Willmars im Oktober 1938 Beteiligten statt; fünf Angeklagte erhielten Gefängnisstrafen zwischen sechs und 18 Monaten.

 

In unmittelbarer Nähe der einstigen Synagoge (in der Lappichstraße) wurde in den 1980er Jahren an einer Mauer eine Gedenktafel angebracht, die auf die frühere Nutzung des Gebäudes hinweist:

Dieses Gebäude war

Synagoge der jüdischen Gemeinde Willmars von 1900 - 1938.

                     Ehem. Synagogengebäude (Aufn. J. Hahn, 2005)

In Willmars wurde 2019 - als erste Kommune des Landkreises Rhön-Grabfeld – die Erinnerungsstätte der Würzburger Initiative „DenkOrt Deportationen 1941-1944“ der Öffentlichkeit übergeben; diese besteht aus einer Stele mit einer Gedenktafel, die allen Deportierten jüdischen Glaubens aus Unterfranken gewidmet ist, und aus einem symbolischen Koffer, auf dem die Namen von zehn ermordeten Bürgern aus Willmars vermerkt sind (vgl. dazu: Würzburg).

Willmarshttps://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20466/Willmars%20DSC00458.jpg

Gedenkstätte mit Koffer-Skulptur (Aufn. C. Mence, aus: denkort-deportationen.de)

 

 

Weitere Informationen:

Baruch Z.Ophir/F.Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München 1979, S. 431/432

Israel Schwierz, Steinerne Zeugen jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation, Hrg. Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Bayern, München 1992, S. 138

Erika Rust, " ... mit Tränen in den Augen die Freiheitsstatue..." Lebenserinnerungen des Max Strauss aus Willmars, in: "Heimat-Jahrbuch des Landkreises Rhön-Grabfeld", Mellrichstadt, 25/2003, S. 316 - 344

Dirk Rosenstock (Bearb.), Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle, in: "Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg", Band 13, Würzburg 2008, S. 119/120 

Willmars, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen, zumeist personenbezogenen Text- und Bildbeiträgen zur jüdischen Ortsgeschichte)

Reinhold Albert, Jüdische Friedhöfe im Landkreis Rhön-Grabfeld, in: "Schriftenreihe der Kulturagentur des Landkreises Rhön-Grabfeld", Heft 1/2015

Fred Rautenberg (Red.), Willmars beteiligt sich am „DenkOrt Aumühle“, in: „Rhön- und Streubote“ vom 25.10.2018

Eckhard Heise (Red.), Willmars: Im Koffer steckt die Erinnerung an die jüdischen Mitbürger, in: „Main-Post“ vom 4.11.2019

Gerhard Gronauer/Johannes Sander (Bearb.), Willmars, in: W.Kraus/H.-Chr. Dittscheid/G. Schneider-Ludorff (Hrg.), Mehr als Steine … - Synagogengedenkband Bayern, Teilband III/2.1: Unterfranken, Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2021, S. 908 - 933