Wenings (Hessen)

Wetteraukreis Karte Wenings mit derzeit ca. 1.300 Einwohnern ist seit 1972 ein Stadtteil von Gedern im Nordosten des hessischen Wetteraukreises - am Südhang des Vogelsberges gelegen (Karte aus: ortsdienst.de/hessen/wetteraukreis).

Erstmals wird die Existenz von Juden in Wenings im 17.Jahrhundert erwähnt. Zusammen mit den jüdischen Bewohnern von Bindsachsen bildete man eine Kultusgemeinde, deren Angehörige unter dem Schutz der Herren von Ysenburg-Büdingen bzw. Ysenburg-Birstein standen.

Ihre erste Synagoge in der Amtshofstraße ersetzte die jüdische Gemeinde durch einen ansprechenden, aus dunkelgrauem Bruchsteinmauerwerk gefügten Neubau, der 1877 (oder 1878) eingeweiht wurde; in seinem Innern fanden mindestens 100 Personen Platz. Die durch den Bau entstandene Verschuldung der Gemeinde wurde mit Hilfe einer Spendenaktion abgebaut; auch das Frankfurter Bankhaus Rothschild hatte den Bau durch eine langfristige Anleihe gefördert.

           ehem. Synagoge in Wenings (Rekonstruktionsskizze, aus: Th. Altaras)

Zur Erledigung religiös-ritueller Aufgaben war seitens der Gemeinde ein Lehrer angestellt, der auch Vorbeter- und Schächtdienste verrichtete.

 

Stellenangebote der Gemeinde aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5.Dez. 1877, vom 31.Mai 1882 und vom 1.Aug. 1892

Unmittelbar an das Synagogengebäude war das jüdisches Schulhaus angebaut.

Verstorbene begruben die Weningser Juden zunächst auf dem jüdischen Sammelfriedhof in Birstein. Ab Mitte des 19.Jahrhunderts stand ein eigener Begräbnisplatz nordöstlich des Dorfes zur Verfügung.

Juden in Wenings:

       --- 1830 ...........................  74 Juden (ca. 10% d. Bevölk.),

             ...........................  90   “  ,*           * Kultusgemeinde

    --- 1861 ...........................  85   “   (ca. 9% d. Bevölk.),

    --- um 1875 .................... ca.  30 jüdische Familien,*

    --- 1880 ........................... 126 Juden (ca. 14% d. Bevölk.),

    --- 1895 ...........................  99   “   (ca. 12% d. Bevölk.),

    --- 1905 ...........................  81   “  ,

    --- 1910 ...........................  70   "   (ca. 9% d. Bevölk.)

    --- 1925 ...........................  65   “  ,

    --- 1933 ...........................  47   "  ,

    --- 1939 (Dez.) ....................  keine. 

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 2, S. 358

In den 1920er Jahren bestritten von den 15 jüdischen Familien in Wenings ihren Lebenserwerb als Kaufleute, sechs als Viehhändler und zwei als Metzger; im Nebenerwerb betrieben die meisten noch eine kleine Landwirtschaft.

Bereits 1933 soll es in Bindsachsen zu Übergriffen auf hiesige jüdische Bewohner gekommen sein.

Die Inneneinrichtung der Synagoge in Wenings wurde beim Novemberpogrom von 1938 durch Brand zerstört; das Gebäude selbst blieb weitestgehend erhalten. In der NS-Zeit zogen fast alle Weningser Juden in die nahe Großstadt Frankfurt/M., ein Teil von ihnen emigrierte. Die in Wenings zurückgebliebenen jüdischen Bewohner* wurden deportiert; elf von ihnen fielen der Shoa zum Opfer.

* Anderen Angaben zufolge sollen alle jüdischen Bewohner bereits bis Ende 1939 ihre Wohnsitze in Wenings verlassen haben.

Anfang der 1950er Jahre wurde das inzwischen marode Synagogengebäude von der katholischen Gemeinde gekauft, die es nach einem Umbau 1958 als Kirche „Maria, Königin des Friedens“ weihte.

  

Ehem. Synagoge (Aufn. Gemeinde Wenings und U., 2012, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Weiteres sichtbares Relikt jüdischer Geschichte in Wenings ist der israelitische Friedhof.

 

In Bindsachsen - etwa zehn Kilometer nördlich von Büdingen gelegen und heute ein Ortsteil von Kefenrod - war bis um 1860 eine kleine selbstständige Gemeinde beheimatet. Die etwa sechs Familien, die in wirtschaftlich recht armseligen Verhältnissen lebten, trafen sich in einer angemieteten schlichten Betstube. Der Versuch, eine eigene Synagoge zu bauen, scheiterte zunächst an der Finanzierung; schließlich führten Spendenaufrufe zur Realisierung des Bauvorhabens; das Gebäude wurde 1861 eingeweiht.

Kurznotiz zur Synagogeneinweihung ("Allgem. Zeitung des Judentums", Jan.1862)http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20116/Bindsachsen%20AZJ%2014011862.jpg

Ihre Verstorbenen begrub die kleine Gemeinde auf dem jüdischen Friedhof in Büdingen.

Ab den 1860er Jahren gehörten die wenigen Familien offiziell zur Kultusgemeinde Wenings; doch konnte der hiesige Synagogenraum zunächst weiter benutzt werden.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20270/Bindsachsen%20Israelit%2019021868.jpg Kleinanzeige von 1868

1932/1933 lebten in Bindsachsen noch zwei jüdische Familien, die aber bald nach Frankfurt/M. verzogen. Sechs gebürtige Bindsachsener Juden fielen dem Holocaust zum Opfer.

 

In Gedern bestand eine relativ große jüdische Gemeinde, deren Angehörige um 1900 knapp 8% der Ortsbevölkerung stellten.

[vgl. Gedern (Hessen)]

[vgl. auch Ober-Seemen (Hessen)]

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 2, S. 358/359

Hans-Velten Heuson, 650 Jahre Stadt Wenings 1336 – 1986, Gedern-Wenings 1986

Thea Altaras, Synagogen in Hessen - Was geschah seit 1945 ?, Königstein/Ts. 1988, S. 195/196 (Neubearb. 2007, S. 398/399)

Susanne Gerschlauer, Synagogen, in: Kirchen und Synagogen in den Dörfern der Wetterau, in: Wetterauer Geschichtsblätter. Beiträge zur Geschichte und Landeskunde, Friedberg 2004, S. 289 - 326

Wenings, in: alemannia-judaica.de (mit einigen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Jüdische Friedhöfe im Wetteraukreis - Gedern-Wenings, in: alemannia-judaica.de (mit einigen Aufnahmen vom jüdischen Friedhofsgelände)

Bindsachsen, in: alemannia-judaica.de

Hans-Erich Kehm, Wenings - eine alte Stadt. Eine Reise durch die 675jährige Stadtgeschichte, Wenings 2011