Weißenburg (Elsass)

Kreise Hagenau und Weissenburg.png Das niederelsässische Weißenburg ist das heutige französische Wissembourg mit derzeit ca. 8.000 Einwohnern - in unmittelbarer Grenznähe zu Rheinland-Pfalz gelegen (auf der hist. Karte am rechten oberen Kartenrand).

Jüdische Bewohner besaß Weißenburg nachweislich seit der Mitte des 13.Jahrhunderts. Ein angeblicher Ritualmord 1270 führte zu den ersten Verfolgungen; sieben der Tat „überführte“ Juden wurden öffentlich gerädert; auch der Pestpogrom forderte hier Opfer: 1349 wurden drei Juden auf dem „Judenrain“ verbrannt. Nach diesem Pogrom erlaubte Kaiser Karl IV. der Stadt, Juden wieder aufzunehmen (1362).

Bis ins 15./16.Jahrhundert hinein hielten sich nur noch sporadisch einige Juden in der Kleinstadt auf; erst danach gab es wieder eine dauerhafte Ansässigkeit jüdischer Bewohner.

Weißenburg – Stich aus dem 17.Jahrhundert (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Ihren zahlenmäßigen Höchststand erreichte die jüdische Gemeinde Weißenburgs gegen Mitte des 19.Jahrhunderts; Zeugnis dafür war u.a. auch die Einweihung einer neuen, größeren Synagoge 1872, die ein 1805 erstelltes Gebäude ersetzte.

Pose de la premiere pierre  

Grundsteinlegung der Synagoge (aus: Sammlung Rothé) und Artikel aus: „Der Israelit" vom 1.Sept. 1869

                               Synagoge in Weißenburg (hist. Bildpostkarte)

Weißenburg war über Jahrzehnte hinweg Sitz eines Rabbinats.

Zur Besorgung religiöser bzw. ritueller Aufgaben der Gemeinde war ein Vorbeter/Schochet angestellt.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20104/Weissenburg%20Alsace%20Israelit%2002011890.jpg aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2.Jan. 1890

Bis Ende des 17.Jahrhunderts wurden verstorbene Weißenburger Juden auf - auch weit entfernten - Friedhöfen der Umgebung beerdigt, dann wurde ein eigenes Begräbnisareal am Ort in Nutzung genommen; auf diesem fanden bis in die 1870er Jahre auch Angehörige der jüdischen Gemeinde Lauterburg (Lauterbourg) ihre letzte Ruhe.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2034/Wissembourg%20cimetiere%20166.jpg Ansicht des älteren Friedhofteils (Aufn. J. Hahn, 2003)

            Grabmäler mit Ornamenten (Aufn. G. Waloszek)

Juden in Weißenburg:

    --- 1689 ...........................    8 jüdische Familien,

    --- 1784 ...........................   28     “       “   (ca. 165 Pers.),

    --- 1807 ...........................  254 Juden,

    --- 1846 ...........................  402   “  ,

    --- 1861 ...........................  311   “  ,

    --- 1870 ...........................  283   “  ,

    --- 1910 ...........................  173   “  ,

    --- 1936 ...........................  146   “  ,

    --- 1953 ....................... ca.   30   “  .

Angaben aus: Michel Rothé/Max Warschawski, Les synagogues d’Alsace et lieur histoire, S.44

Wie alle jüdischen Gemeinden im Elsass wurde auch die Gemeinde in Weißenburg während des Zweiten Weltkrieges zwangsweise aufgelöst und ihre Angehörigen „umgesiedelt“; zehn von ihnen kamen gewaltsam ums Leben. 

Das Synagogengebäude wurde während des Kriegsjahre zerstört.

Nach 1945 fand sich in Wissembourg eine neue kleine jüdische Gemeinschaft zusammen, die auf dem Gelände der zerstörten Synagoge einen Neubau errichten ließ (1960). Da die wenigen jüdischen Bewohner von Wissembourg das Synagogengebäude auf Dauer nicht unterhalten konnten, wurde der Kommune das Haus zum Kauf angeboten; seit 2009 ist es im Besitz der Stadt.

                    Synagogue de Wissembourg.JPG Aufn. Olivier Lévy, 2007, aus: commons.wikimedia.org, CC BY 2.5)

In Wissembourg erinnert die „Rue de Juifs“ an die spätmittelalterliche jüdische Gemeinde. Der aus dem Beginn des 18.Jahrhunderts stammende jüdische Friedhof wird bis heute belegt.

 

Etwa sechs Kilometer südlich Weißenburgs (Wissembourg) liegt das Dorf Riedselz (frz. Riedseltz), in dem es seit dem 18.Jahrhundert eine relativ kleine jüdische Gemeinde gab. Die dem Rabbinat Weissenburg zugehörige Gemeinde setzte sich um 1785 aus knapp zehn Familien zusammen. Neben einem Bethaus verfügte die Gemeinde auch über eine Religionsschule und ein rituelles Bad. - Um 1850 lebten im Dorf immerhin fast 150 jüdische Bewohner; im ausgehenden 19.Jahrhundert reduzierte sich die Gemeindezahl infolge Abwanderung erheblich: kurz vor dem Ersten Weltkrieg besaß Riedselz nur noch ca. 25 jüdische Einwohner; 1935 war ihre Zahl auf drei abgesunken. Mitte der 1930er Jahre wurde das Synagogengebäude veräußert und diente danach einem Handwerksbetrieb als Standort.

Ehem. Synagogengebäude in Riedseltz (Aufn. aus: alemannia-judaica.de) http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20315/Riedseltz%20Synagoge%20280.jpg

 

In Lembach (frz. Lembach) – westlich von Weißenburg gelegen – gründete sich zu Beginn des 18.Jahrhunderts eine kleine jüdische Gemeinschaft. Zu den gemeindlichen Einrichtungen zählten eine in den 1830er Jahren erbaute Synagoge, in der die kleine Schule untergebracht war, und ein rituelles Bad.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20195/Lembach%20Alsace%20Israelit%2012121887.jpg Kleinanzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12.Dez. 1887

Die Gemeinde gehörte zum Rabbinat Weißenburg.

Juden in Lembach:

    --- 1784 ........................   12 jüdische Familien,

     --- 1807 ........................  105 Juden,

     --- 1846 ........................  147   “  ,

     --- 1861 ........................   78   “  ,

     --- 1870 ........................   88   “  ,

     --- 1882 ........................   62   “  ,

     --- 1910 .................... ca.   25   “  ,

 --- 1936 ........................    8   “  .

 Angaben aus: Michel Rothé/Max Warschawski, Les synagogues d’Alsace et lieur histoire

In den 1930er Jahren löste sich die Gemeinde auf. Das Synagogengebäude wurde während der deutschen Okkupation von den Besatzungsbehörden gesprengt.

 

In Drachenbronn – südwestlich von Weißenburg gelegen – bestand seit dem 18.Jahrhundert eine winzige jüdische Gemeinde; ihren personellen Zenit erreichte diese zu Beginn des 19.Jahrhunderts mit knapp 70 Angehörigen. Im Laufe des Jahrhunderts ging die Zahl ihrer Mitglieder kontinuierlich zurück; 1910 waren es nur noch 15 Personen. Die Gemeinde, die zum Rabbinat Weißenburg gehörte, besaß eine Synagoge; diese wurde bis Anfang des 20.Jahrhunderts genutzt; um 1935 wurde das Gebäude verkauft. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges lebten in Drachenbronn noch zwölf jüdische Bewohner; einige wurden 1940 nach Südfrankreich deportiert; drei von ihnen fielen der „Endlösung“ zum Opfer.

Nach 1945 kehrten nur wenige Personen mosaischen Glaubens wieder nach Drachenbronn zurück.

 

Weitere Informationen:

Michel Rothé/Max Warschawski, Les synagogues d’Alsace et lieur histoire, Jerusalem 1992, S. 146

Germania Judaica, Band III/2, Tübingen 1995, S. 1569

Gerd Mentgen, Studien zur Geschichte der Juden im mittelalterlichen Elsaß. Forschungen zur Geschichte der Juden, in: Schriftenreihe der Gesellschaft zur Erforschung der Geschichte der Juden e.V., Verlag Hahnsche Buchhandlung, Hannover 1995, S. 295 - 297

Max Warschawski, Les contrats de mariage de Wissembourg, in: Eliane de Thoisy (Hrg.), Le Judaisme Alsacien. Histoire, Patrimoine, Traditions, Straßbourg 1999, S. 45 – 61

Alain Kahn, Un conte pour Roch Hachanah: LEMBACH: le shofar a disparu ! (Aus dem Gemeindeleben von Lembach), unter: judaisme.sdv.fr

Wissembourg, in: alemannia-judaica.de

Riedseltz, in: alemannia-judaica.de

Lembach, in: alemannia-judaica.de

Drachenbronn, in: alemannia-judaica.de