Weikersheim (Baden-Württemberg)

Datei:Weikersheim im Main-Tauber-Kreis.png Weikersheim - jahrhundertelang der Stammsitz der Grafen und Fürsten von Hohenlohe - ist heute eine Kleinstadt mit derzeit ca. 7.500 Einwohnern im Main-Tauber-Kreis im fränkisch geprägten Nordosten Baden-Württembergs (Karte F. Paul, 2009, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0).

Ob bereits während der sog. „Rindfleisch-Verfolgungen“ 1298 Juden in Weikersheim gelebt haben, ist urkundlich nicht eindeutig nachweisbar. Als sicher gilt aber, dass es im 15.Jahrhundert einzelne Ansiedlungen gegeben hat; allerdings wurde um 1455 die Niederlassung von Juden in Weikersheim verboten. Dauerhafte jüdische Ansässigkeit in Weikersheim reicht bis in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges zurück. Aus diesen mit Schutzbriefen ausgestatteten Familien bildete sich alsbald eine kleine Gemeinde heraus, die um 1690 ihre erste Synagoge im Ort erbaute; ermöglicht wurde der Bau durch die Stiftung zweier hiesiger wohlhabender Familien. Wenige Jahre später war ein Gemeinderabbiner angestellt, der jährlich eine Besoldung von zwei Reichstalern erhielt.

Anfang des 18.Jahrhunderts hatte sich die Zahl der jüdischen Familien auf fast 20 vergrößert; unterstützt wurde ihre Ansiedlung durch den damaligen Grafen Carl-Ludwig, der die wirtschaftliche Betätigung seiner jüdischen Untertanen durch „allerlei Beschwernisse und vor allem neue Steuern“ auszunutzen verstand. Besonders der „Hofjude“ Lämmle-Seligmann genoss das Vertrauen des Grafen; er machte sich als Finanzier und Lieferant für den gräflichen Hof unentbehrlich.

Seit 1743 war Marx Anschel, Stammvater der Familie Marx, die später den Namen Pfeiffer annahm, am gräflichen Hofe tätig; er veranlasste 1768 auch den Bau einer neuen Synagoge, die den älteren Vorgängerbau aus dem Jahre 1688 ersetzte. Das Gebäude wurde Mitte der 1820er Jahre mit klassizistischen Elementen versehen. Gottesdienste hielt die Gemeinde hier bis 1928 ab.

         Innenansicht des Synagogenraumes (hist. Aufn., um 1930)

Seit 1748 besaßen die Weikersheimer Juden ein Gemeindehaus; eine jüdische Elementarschule wurde 1835 eröffnet. In voller Blüte stand die Weikersheimer jüdische Gemeinde zu Beginn des 19.Jahrhunderts; etwa jeder achter Einwohner von Weikersheim war damals mosaischen Glaubens. Ab Mitte der 1820er Jahre war Weikersheim Sitz eines Bezirksrabbiners. Auf eine langjährige Tätigkeit als Rabbiner in Weikersheim konnten Mayer Mainzer (1825-1861) und Dr. Isaak Heilbronn (1861-1903) zurückblicken.

Anm.: Das Bezirksrabbinat Weikersheim wurde 1914 aufgelöst; einzelne Gemeinden wurden danach dem Bezirksrabbinat Mergentheim zugewiesen.

Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war - neben dem (Bezirks)Rabbiner - ein Lehrer angestellt, der auch als Vorbeter und Schochet wirkte. Die Schule war seit ihrer Gründung (1835) im Vorderhaus des Gebäudes Wilhelmstraße 16 untergebracht, wo sich auch bis 1914 die Rabbinatsverwaltung und die Lehrerwohnung befanden. 

Seit etwa 1730 verfügte die Weikersheimer Judenschaft über eine eigene Begräbnisstätte; zuvor mussten die Verstorbenen - bei Zahlung eines hohen Wegezolls - auf dem Friedhof in Unterbalbach (Deutschordensgebiet) beerdigt werden. Streitigkeiten mit der jüdischen Gemeinde Mergentheim führten dann dazu, dass Graf Ludwig von Hohenlohe die Erlaubnis für die Anlage eines eigenen Friedhofs in Weikersheim erteilte. Der Weikersheimer Friedhof - in Richtung Honsbronn gelegen - wurde mehrfach erweitert. Viele kleinere Gemeinden aus dem unterfränkischen Grenzgebiet, u.a. die von Bütthart, Gaukönigshofen, Hohebach, Laudenbach, Ober- und Niederstetten, Tauberrettersheim, begruben hier ihre Toten.

    

Grabsteinmotive auf dem Weikersheimer Friedhof (Aufn. Eva Maria Kraiss und Marion Reuter)

Dem im Jahre 1832 neu gegründeten Bezirksrabbinat Weikersheim waren auch die jüdischen Familien aus Ailringen und aus Mulfingen zugeteilt; in beiden Orten lebten um 1830/1840 jeweils etwa 30 bis 40 jüdische Bewohner. Gottesdienstliche Handlungen wurden an beiden Orten in privaten Beträumen vollzogen. Ab 1885/1890 lebten in Ailringen und Mulfingen keine Juden mehr.

Juden in Weikersheim:

        --- um 1640 ..........................   2 jüdische Familien,

    --- um 1720 ..........................  19     “        “   ,

    --- 1804 ......................... ca. 100 Juden (ca. 10% d. Bevölk.),

    --- 1807 ............................. 158   “  ,

    --- 1830 ............................. 131   “  ,

    --- 1854 ............................. 121   “  ,

    --- 1869 .............................  78   “  ,

    --- 1886 .............................  88   “  ,

    --- 1900 .............................  82   “  ,

    --- 1910 .............................  57   “  ,

    --- 1925 .............................  35   “  ,

    --- um 1930/33 ................... ca.  15   “  ,

    --- 1941 .............................  keine.

Angaben aus: Helmut Herrmann, Zur Geschichte der Juden in Weikersheim (1637 - 1987)

Bildergebnis für weikersheim historisch Weikersheim um 1880 (Abb. Landesarchiv Baden-Württemberg)

Die Weikersheimer Juden lebten vor allem vom Getreide- und Textilhandel, waren aber auch im Pferde- und Weinhandel engagiert. Mit der ab etwa 1850 einsetzenden Abwanderung der jüdischen Familien in die städtischen Zentren verlor die Weikersheimer Gemeinde an Bedeutung. Infolge der starken Dezimierung der Zahl seiner Gemeindemitglieder musste 1914 das Rabbinat aufgelöst werden (letzter Rabbiner war Dr. Abraham Schweizer); die Gemeinde wurde nun dem Rabbinat Mergentheim zugewiesen. Bereits 1917 hatte Rabbiner Dr. Abraham Schweizer angesichts der Auflösung der Gemeinde geschrieben: "Das Rabbinatshaus in Weikersheim ... ist verödet, der Rabbinatssitz in der Synagoge verlassen, die Synagoge selbst, nur wenig mehr aufgesucht von der arg dezimierten jüdischen Bevölkerung in Weikersheim, hat ihren Glanz verloren".

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20380/Wachbach%20GemZeitung%20Wue%2016021935.jpg Mitteilung über die Gemeindeauflösung vom Febr. 1935

Zu Beginn der NS-Zeit – die Gemeinde war 1935 offiziell aufgelöst worden - lebten nur noch etwa zehn bis 15 jüdische Bewohner in Weikersheim; den meisten gelang eine Emigration. Das Synagogengebäude war bereits Ende der 1920er Jahre - nach Auflösung der Gemeinde - an einen Privatmann verkauft worden, der es in der Folgezeit als Schreinerei nutzte; aus diesem Grunde überstand es auch den Novemberpogrom von 1938 äußerlich unversehrt; allerdings wurde der Innenraum durch auswärtige SA-Angehörige demoliert. 1941 wurden die letzten beiden jüdischen Bewohner Weikersheims deportiert.

 

Der mitten in der Feldflur an der Landstraße nach Honsbronn liegende jüdische Friedhof weist auf einer Fläche von mehr als 4.000 m² heute noch mehr als 600 Grabsteine auf; der älteste vorhandene Stein datiert von 1730.

Judenfriedhof Weikersheim 01.jpg

Jüdischer Friedhof in Weikersheim (beide Aufn. Schorle, 2011, aus: commons.wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Seit 1981 erinnert eine Gedenktafel in der Wilhelmstraße an den ehemaligen Standort der Weikersheimer Synagoge.

Zur Erinnerung an die jüdische Gemeinde, die hier ihre Synagoge hatte,

in der bis zum Jahr 1928 Gottesdienste gefeiert wurden.

Das baulich erhaltene Gebäude - es wird seit Ende der 1950er Jahre als Tischlerwerkstatt genutzt - zeigt heute noch im Innern Reste seiner einstigen Ausstattung, so eine farbige Deckenbemalung und Relikte der Frauenempore.


Außenfront des ehem. Synagogengebäudes und z.T. erhaltene Deckenbemalung (Aufn. Sch., 2014, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

 Einer der bedeutendsten Söhne Weikersheims war der 1685 geborene Raphael Levi. Durch seinen Besuch der Jeschiwa in Frankfurt/Main eignete er sich nicht nur traditionelle Kenntnisse der talmudischen Schriften, sondern auch ein umfangreiches Allgemeinwissen an. Als er nach Hannover kam, wurde Leibniz auf ihn aufmerksam, der ihn förderte. Danach lehrte Raphael Levi Mathematik und Astronomie. Er starb 1779 in Hannover. Auf seinem Grabstein auf dem alten Friedhof von Hannover ist die folgende Inschrift angebracht: „Fromm, rechtlich und hochangesehen hat er die Bahnen des Himmels beleuchtet und ist auf dem Gefährt des Wissens zum Himmel emporgestiegen, seine Weisheit und Einsicht ist dem ganzen Volke bekannt, und vor Fürsten und Königen durfte er hintreten, der hervorragende Geistesfürst.”

 

Im heutigen Weikersheimer Ortsteil Laudenbach existierte auch eine jüdische Gemeinde, die um die Mitte des 19.Jahrhunderts fast 160 Angehörige zählte.  [vgl. Laudenbach (Baden-Württemberg)]

 

Weitere Informationen:

Helmut Hermann, Über das Kahalbuch der Gemeinde Weikersheim, in: Gemeindezeitung, 11.Jg., No. 17/1934, S. 145 f.

Paul Sauer, Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern. Denkmale - Geschichte - Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Kohlhammer Verlag Stuttgart 1966, S. 188 - 191

Bruno Stern, Meine Jugenderinnerungen an eine württembergische Kleinstadt und ihre jüdische Gemeinde, o.O. 1968

Elmar Weiß, Jüdisches Schicksal zwischen Neckar und Tauber, Heidelberg 1979

Die Juden in Tauberfranken 1933 - 1945. Quellen und didaktische Hinweise für die Hand des Lehrers, Hrg. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, 1984

Helmut Herrmann, Zur Geschichte der Juden in Weikersheim, in: ‘Weikersheimer Wochenspiegel’, Sept. 1987 (vierteilige Serie)

Helmut Herrmann, Zur Geschichte der Juden in Weikersheim (1637 - 1987), aus: Württembergisch Franken, Jahrbuch 1988, S. 373 - 378

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 358 ff.

Israel Schwierz, Steinerne Zeugen jüdischen Lebens in Bayern - eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 133

Guido Kleinberger (Bearb.), Grunddokumentation des Jüdischen Friedhofs in Weikersheim, Unveröffentlichte Grunddokumentation des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg, 1999

Weikersheim, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Eva Maria Kraiss/Marion Reuter, Bet Hachajim - Haus des Lebens. Jüdische Friedhöfe in Württembergisch Franken, Swiridoff Verlag, Künzelsau 2003, S. 130 - 139

Gerhard Taddey (Hrg.), ... geschützt, geduldet, gleichberechtigt ... Die Juden im baden-württembergischen Franken vom 17.Jahrhundert bis zum Ende des Kaiserreiches (1918), in: Forschungen aus Württembergisch Franken, Band 52, Ostfildern 2005

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 503 - 507 (incl. Laudenbach)

Arbeitskreis Jüdischer Kulturweg. Hohenlohe – Tauber (Bearb.), Weikersheim (und weitere Orte) – Broschüre oder online abrufbar unter: juedischer-kulturweg.de (letzte Aktualisierung Mai 2018)