Wallau (Hessen)

Datei:Hofheim am Taunus in MTK.svg Wallau ist seit 1977 ein Stadtteil der Kreisstadt Hofheim/Taunus im Main-Taunus-Kreis - zwischen der Landeshauptstadt Wiesbaden und Frankfurt/M. gelegen (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Der erste urkundlich nachweisbare jüdische Bewohner Wallaus war um 1535 hier ansässig. Hinweise auf in den späteren Filialorten lebenden Juden finden sich erst in Schutzbriefen aus dem 18.Jahrhundert.

Seit Anfang des 18.Jahrhunderts fanden gottesdienstliche Zusammenkünfte in Wallau in einem Betraum eines kleinen Hauses in der Bachgasse statt; er wurde erstmals 1701 in einem Flurbuch als „Judenschul“ erwähnt. Als in den 1830er Jahren die Räumlichkeit nicht mehr der wachsenden Zahl der Gemeindeangehörigen genügte, sollte der Synagogenraum vergrößert werden, was aber wegen finanzieller Probleme unterblieb. Erst etwa 50 Jahre später konnte der Umbau bzw. Anbau eines neuen Gebäudeteils realisiert werden. Die Einweihung nahm im Dezember 1885 der Rabbiner Dr. Silberstein aus Wiesbaden vor.

 

links: Jüdisches Gemeindehaus (Schule/Lehrerwohnung/Synagoge), rechts: Synagoge (hist. Aufn., um 1938 aus: Altaras)

                        Grundriss-Skizze des jüdischen Gemeindehauses in Walllau

Die jüdischen Kinder wurden von einem Religionslehrer unterrichtet, der auch die Funktionen des Vorbeters und Schächters besaß.

    

Stellenanzeigen aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 24.Jan. 1884, vom 10.Sept. 1901 und vom 15.Sept. 1921

Der aus dem 17./18.Jahrhundert stammende jüdische Friedhof liegt außerhalb von Wallau an der Straße nach Langenhain.

Der Kultusgemeinde Wallau waren als Filialorte angeschlossen: Breckenheim, Delkenheim, Diedenbergen, Langenhain, Massenheim und Nordenstadt. Bis um 1840 hatte Breckenheim eine selbstständige Kultusgemeinde gebildet, der wiederum kleinere Ortschaften angeschlossen waren.

Die Synagogengemeinde Wallau unterstand dem Rabbinat Wiesbaden.

Juden in Wallau (incl. Filialgemeinden):

    --- 1782 ........................ ca.  90 Juden,

    --- 1794 ........................ ca.  90   “  ,

    --- 1843 ........................ ca. 130   “  ,

--- 1871 ............................  30   “  ,*     * nur Wallau

    --- 1905 ........................ ca. 125   “  ,

--- 1924 ........................ ca. 110   “  ,

         ...........................   18   “  ,*

    --- 1933 ...........................   23   “  ,*

    --- 1938 ........................ ca.  60   “  ,

    --- 1942 (Mai) ......................  keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 2, S. 338

Die jüdischen Familien aus Wallau und den Filialorten lebten vorwiegend vom Vieh-, Frucht- und Kramhandel; fast alle, meist kinderreiche Familien lebten in sehr bescheidenen Verhältnissen.

In den Novembertagen 1938 drangen auswärtige SA-Angehörige in das Synagogengebäude ein, demolierten die Inneneinrichtung und verbrachten die vorhandenen Kultusgegenstände auf den Hof; danach lud man alles auf den Leichenwagen der jüdischen Gemeinde, fuhr unter Gejohle zum Sportplatz, wo alles verbrannt wurde. Das Synagogengrundstück soll angeblich bereits vor dem Novemberpogrom von 1938 in Privatbesitz übergegangen sein. Doch hat der letzte Vorsteher der Gemeinde, Manfred Aron, mit seiner Familie bis 1942 hier gewohnt.

Nach der „Reichskristallnacht“ haben für einige Jahre ca. zehn bis 18 Personen im „Judenhaus“ der Familie Löwenstein (Wiesbadener Str.) gelebt. Im Mai 1942 wurden die letzten etwa 20 Angehörigen der Wallauer Gemeinde deportiert; neun stammten aus Wallau, sie kehrten nicht mehr zurück.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." sollen insgesamt ca. 35 gebürtige bzw. längere Zeit im Gemeindebezirk* lebende Personen mosaischen Glaubens dem Holocaust zum Opfer gefallen sein (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/wallau_synagoge.htm).   * Gemeindebezirk bestand aus aus Diedenbergen, Langenhain, Delkenheim, Nordenstadt, Masenheim und Langenhain.

 

Ende der 1960er Jahre wurde das ehemalige Synagogengebäude abgerissen.

               Ehem. Synagoge (Computersimulation, Jürgen Eckhardt)  

Der israelitische Friedhof von Wallau - zwischen Langenhainer Straße und Hessenstraße gelegen – besitzt heute noch über ca. 185 Grabstätten, die auf einem Gelände von ca. 3.000 m² verteilt stehen. Trotz während der NS-Zeit stattgefundenen Zerstörungen lassen sich im alten Teil des Friedhofs noch Grabsteine aus dem 18. Jahrhundert finden.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20357/Wallau%20Friedhof%20K1600_IMG_1582.jpg

Jüdischer Friedhof in Wallau (Karsten Ratzke, 2015, aus: wikipedia.org, CCO  und  Aufn. Stefan Haas, 2013)

Auf dem jüdischen Friedhof wurde an einem Gedenkstein für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Angehörigen der jüdischen Gemeinde Wallau und Delkenheim zusätzlich eine Gedenktafel angebracht, die an die Opfer der NS-Zeit erinnert.

Zum ewigen Gedächtnis

der in den Jahren 1933 - 1945 Verschollenen

Nun folgen 34 Namen ...

Seit 2009 wurden sog. „Stolpersteine“ in Wallau, Diedenbergen und Massenheim verlegt - so in Wallau für Angehörige der Familien Leopold und Levi Stolpersteine vor ihren ehemaligen Wohnsitzen in der Langenhainer Straße und Bleichstraße.

 

[vgl. Hofheim/Taunus (Hessen)]

 

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 2, S. 337 - 340

Johann-Phillip Schleicher, Chronik von Wallau, o.O. o.J. 

Thea Altaras, Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945?, o.O. 1988, S. 166/167

Studienkreis Deutscher Widerstand (Hrg.), Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 – 1945, Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt, VAS-Verlag, Frankfurt/M. 1995, S. 236/237 

Wallau, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust, Vol. 3, New York University Press 2001, S. 1422

Jürgen Eckhardt (Red.), Synagoge Wallau, online abrufbar unter: ca-wallau.com/synagoge-wallau.htm (mit Bildmaterial)

Martina Weyang-Onk, Geschichte Wallauer Juden, in: "Wiesbadener Kurier" vom 11.Nov. 2011

Doris Preusche (Red.), Jüdische Gemeinde in Wallau. Tragische Geschichten, in: „Höchster Kreisblatt“ vom 2.7.2015