Waldhilbersheim (Rheinland-Pfalz)

     Auf Grund der rheinland-pfälzischen Verwaltungsreform wurden 1969/1970 die beiden bis dahin selbstständigen Kommunen Heddesheim und Waldhilbersheim zur heutigen Gemeinde Guldental im Nordosten des Landkreises Bad Kreuznach vereinigt; das derzeit ca. 2.500 Einwohner zählende Guldental (zur Verbandsgemeinde Langenlonsheim-Stromberg gehörig) liegt nur wenige Kilometer nördlich der Kreisstadt (Landkreiskarte aus: kvplusr.de)

Die Wurzeln einer israelitischen Gemeinde reichen bis ins 18.Jahrhundert zurück. Im Laufe des 19.Jahrhunderts schlossen sich die jüdischen Bewohner der beiden Dörfer Heddesheim und Waldhilbersheim offiziell zu einer Synagogengemeinde zusammen.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20144/Waldhilbersheim%20Israelit%2005061890.jpg Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Juni 1890

Obwohl der Anteil der Juden aus Heddesheim stets größer war, entschloss sich der Gemeindevorstand für den Neubau einer Synagoge in Waldhilbersheim; das Gebäude war ein schlichter Ziegelbau.

                   Die „Allgemeine Zeitung des Judentums“ berichtete in ihrer Ausgabe am 7. Oktober 1910: 

Kreuznach, 28. September. Am vorigen Donnerstag fand die feierliche Einweihung der neuerbauten Synagoge der Nachbargemeinden Heddesheim-Waldhilbersheim unter wärmster Anteilnahme der Bürgerschaft beider Orte statt. Anwesend waren auch die katholischen und evangelischen Geistlichen sowie sämtliche Lehrer beider Kirchengemeinden. Außerdem erschienen die Amtsvorsteher und aus der Umgegend die Bürgermeister von Langenlonsheim und Windesheim. ... Nachdem Herr Kantor Marwit aus Bingen mit klangvoller Stimme die liturgischen Gesänge zum Vortrag gebracht hatte, entzündete Rabbiner Dr. Tawrogi die ewige Lampe. Alsdann gelangten die prächtig geschmückten Thora-Rollen im heiligen Schreine zur Aufstellung, worauf Rabbiner Dr. Tawrogi die Festrede hielt. In dieser gedachte der Redner zunächst aller derer, die werktätig zum Gelingen des schönen Gotteshauses beigetragen haben, dankte allen, die durch materielle Unterstützung das Werk förderten und sprach in wirkungsvoller Weise über die Bestimmung des jüdischen Gotteshauses. Er ermahnte die Gemeinde zum rechten und fleißigen Gebrach dieser neugeweihten Stätte. Nach Schluß dieser erhebenden Feier, die mit einem Gebet für Kaiser und Reich endigte, folgten die Festteilnehmer einer Einladung des Vorstehers der jüdischen Gemeinde, Herrn August Schneider, zu einem gemütlichen Beisammensein.

 

Ehemaliges Synagogengebäude (links: Aufn. um 1955  -  rechts: Aufn. K., 2015, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

 In der Flur „Auf dem Engelroth“ befand sich der jüdische Begräbnisplatz.

Juden in Waldhilbersheim-Heddesheim:

         --- 1808 .......................... 29 Juden,*       * nur Waldhilbersheim

    --- 1858 .......................... 90   “  ,

             .......................... 50   "  ,*

    --- 1895 .......................... 66   “  ,

    --- 1925 .......................... 37   “  ,

    --- 1937 ...................... ca. 25   “  .

Angaben aus: Kreisverwaltung Bad Kreuznach (Hrg.), Die jüdischen Synagogen im Landkreis Bad Kreuznach, S. 6/7

Während des Novemberpogroms von 1938 wurden die gesamte Inneneinrichtung der Synagoge von SA-Angehörigen aus Windesheim völlig demoliert; über den Verbleib der Ritualien ist nichts bekannt. Die Randalierer vergriffen sich auch am privaten Eigentum der jüdischen Dorfbewohner und versetzten diese in Angst und Schrecken. Wenige Monate später wurde das Synagogengebäude verkauft und diente seitdem als Lagerraum.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20387/Waldlhilbersheim%20KK%20MZ%20Schneider%20Rosa.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20387/Heddesheim%20KK%20MZ%20Wolf%20Franz%20Guenther.jpg

J-Kennkarten von zwei in Waldhilbersheim bzw. Heddesheim gebürtigen Personen jüdischen Glaubens – ausgestellt 1939

Nachweislich wurden 15 gebürtige Juden Waldhilbersheims und Heddesheims Opfer der Shoa.

 

Seit Mitte der 1990er Jahre steht das ehemalige Synagogengebäude in der Naheweinstraße unter Denkmalschutz; derzeit sind seitens der Kommune Guldental Überlegungen angestellt, das Gebäude zu erwerben und es möglicherweise für kulturelle Zwecke zu nutzen (Stand 2020).

Auf dem jüdischen Friedhof - im Bereich „Auf dem Engelroth“ der Gemarkung Waldhilbersheim - sind noch ca. 45 Grabsteine bzw. -relikte zu finden.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20275/Waldhilbersheim%20Friedhof%20270.jpg Jüdischer Friedhof Waldhilbersheim (alle Aufn. Otmar Frühauf, 2010)

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20275/Waldhilbersheim%20Friedhof%20294.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20275/Waldhilbersheim%20Friedhof%20277.jpg Steine mit Spuren der Verwitterung

                  Ein von Überlebenden der Shoa errichteter Gedenkstein trägt die Inschrift:

Zum ewigen Angedenken an unsere Lieben,

die in den Jahren der Verfolgung 1933 – 1945 in der Deportation umgekommen sind:

(Nun folgen 18 Namen)

 

Weitere Informationen:

Kreisverwaltung Bad Kreuznach (Hrg.), Die jüdischen Synagogen im Landkreis Bad Kreuznach, Bad Kreuznach 1988, S. 21

Jabob M. Zacher, Guldental - Die Geschichte der jüdischen Einwohner der ehem. selbständigen Gemeinde Heddesheim und Waldhilbersheim (Maschinenmanuskipt, o.O., o.J.)

Dokumentation jüdische Grabstätten im Kreis Bad Kreuznach. Geschichte und Gestaltung, in: Reihe Heimatkundliche Schriftenreihe des Landkreises Bad Kreuznach, Band 28/1995, S. 177 - 194

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels”. Synagogen. Rheinland-Pfalz und Saarland, Mainz 2005, S. 172/173

Waldhilbersheim mit Heddesheim, in: alemannia-judaica.de

Jüdischer Friedhof Waldhilbersheim, in: alemannia-judaica.de (mit Bilddokumentation der Grabsteine)

N.N. (Red.), Guldental.  Museum, Kulturzentrum oder Gedenkstätte: Gemeinde Guldental will alte Synagoge kaufen, in: „Oeffentlicher Anzeiger“ vom 20.1.2020