Thannhausen/Schwaben (Bayern)

Datei:Thannhausen in GZ.svg Thannhausen ist eine Kleinstadt mit derzeit ca. 6.000 Einwohnern im schwäbischen Landkreis Günzburg – ca. 30 Kilometer westlich von Augsburg gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Vermutlich siedelten sich die ersten jüdischen Familien im oberschwäbischen Thannhausen Anfang des 16.Jahrhunderts an; weitere Zuzüge ließen die sich nun bildende Gemeinde relativ schnell anwachsen. Trotz der wechselnden Grundherrschaften konsolidierte sich die Gemeinde weiter; denn die Ortsherren begünstigten die Ansiedlung weiterer Familien, weil sich durch die Erhebung von Schutz- und Neujahrsgeldern, Synagogenabgaben und Sterbegeldern erhebliche zusätzliche Einnahmen erzielen ließen. Die Ausstellung von Schutzbriefen war in Thannhausen eher die Ausnahme; im Regelfall wurden Vergleiche und Rezesse geschlossen; zudem fanden sich judenrechtliche Bestimmungen in der allgemeinen Polizeiordnung des Dorfes.

Zu den gemeindlichen Einrichtungen zählte neben der Synagoge (erbaut 1627/28) ein bereits seit 1566/67 bestehendes Beerdigungsgelände, das die Ortsherrschaft bewilligt hatte. Seitdem mussten verstorbene Thannhausener Juden nicht mehr auf dem israelitischen Friedhof in Burgau bzw. Kriegshaber begraben werden.

In Thannhausen befand sich auch eine jüdische Druckerei; das bekannteste Druckwerk ist das um 1592/1594 entstandene Machsor, das heute als einziges, noch erhaltenes Exemplar in der Bibliothek zu Oxford zu finden ist.

                             Machsor, gedruckt in Thannhausen (um 1590/1595)

Juden in Thannhausen:

        --- um 1530 ...................... eine jüdische Familie,

    --- um 1540 ....................... 10 jüdische Familien,

    --- 1582 .......................... 18     “       “    ,

    --- um 1590/95 .................... 31     “       “    ,

    --- um 1610 ....................... 45     “       “   (ca. 300 Pers.),

    --- 1627 .......................... 51     “       “    ,

    --- um 1680 .......................  8     “       “    ,

    --- 1699 .......................... 24     “       “    ,

    --- um 1708 ................... ca. 20     “       “    ,

    --- 1720 .......................... keine.

Angaben aus: B. Stegmann, Aspekte christlich-jüdischer Wirtschaftsgeschichte am Beispiel der Reichsgrafschaft Th.

In den beiden ersten Jahrzehnten des 17.Jahrhunderts zählte die Judengemeinde Thannhausens mit etwa 400 Angehörigen zu den größten und bedeutendsten in Schwaben. Dazu hatte auch die Vertreibung der jüdischen Familien aus Günzburg und Burgau 1617/1618 beigetragen. Der Ort war damals auch Sitz des Landesrabbinats.

[vgl. Günzburg (Bayern)]

1618 erließ der Kaiser ein Privileg, das den jüdischen Bewohnern in Thannhausen und anderen Orten der Region wie Hürben, Binswangen, Pfersee, Ichenhausen ein ungehindertes Wohnrecht einräumte; als Gegenleistung war die Zahlung eines jährliches „Opferpfennigs“ fällig.

Ein Beleg für die Bedeutung der Judengemeinde von Thannhausen war 1628 der Neubau einer größeren Synagoge. Gegen den Bau hatte sich die katholische Ortsgeistlichkeit ausgesprochen, sich aber letztlich nicht durchsetzen können. Bis in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges gab es im Orte eine „Judenschuol“ und die „Juden-Studentenschuol“; die jüdische Volksschule befand sich in der alten Bachgasse gegenüber dem Kirchplatz und bestand bis 1718.

Die sich im Zuge des Dreißigjährigen Krieges ausbreitenden Seuchen und Hungersnöte erfassten auch den schwäbischen Raum, so auch den Markt Thannhausen, dessen Bevölkerung arg dezimiert wurde; besonders hart traf es die Juden, die wegen angeblicher Brunnenvergiftung von hier vertrieben wurden. Gegen Ende des 17.Jahrhunderts siedelten sich wieder einige jüdische Familien hier an; um 1710 sollen es etwa 20 Familien gewesen sein. Neben Pfandleihe und Kreditgeschäft lebte der größte Teil der Juden Thannhausens vom Kleinhandel mit Landesprodukten, Salz, Textilien u.a.; zusätzlich spielte der gewinnbringendere Viehhandel eine Rolle.

Als der Graf Philipp von Stadion 1706 die Reichsgrafschaft Thannhausen in Besitz nahm, lebten hier noch ca. 100 Juden. 1717/1718 wurden alle jüdischen Bewohner - auf Betreiben der Gräfin von Stadion - aus Thannhausen vertrieben; seitdem kam es hier nie wieder zu einer Ansiedlung von Juden. Das genaue Motiv der Vertreibung ist nicht bekannt: Ob die gräfliche Herrschaft oder die Bevölkerung die Vertreibung veranlassten, lässt sich auch aus den alten Ortschroniken nicht belegen. Sicher ist aber, dass zu Beginn des 18.Jahrhunderts eine judenfeindliche Stimmung im Ort herrschte.

In Dörfern und Flecken der Umgebung fanden die vertriebenen Thannhausener Juden Aufnahme, so u.a. in Ichenhausen, Altenstadt/Iller, Fellheim und Osterberg. Die Synagoge in Thannhausen wurde 1720 abgerissen und an ihrer Stelle eine christliche Kapelle errichtet.

Bis auf den heutigen Tag erinnern die Judengasse und die nördlich davon gelegene, auf den Grundmauern der Synagoge errichtete „Stadionkapelle“ - im Volksmund auch „Judenkapelle“ genannt - daran, dass der Ort einstmals Sitz einer jüdischen Gemeinde gewesen war.

         Sog. „Judenkapelle“ in Thannhausen (Aufn. Karl Landherr) http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20130/Thannhausen%20Stadionkapelle%20140.jpg

Außer dem noch benutzten Flurnamen „Judenbegräbnis“ sind vom jüdischen Friedhof an der Straße nach Ziemetshausen keinerlei Spuren mehr sichtbar.

Die Familie Thannhauser, deren Wurzeln im schwäbisch-bayrischen Raum liegen, gehörte seit Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten zu den führenden Kunsthändlern Deutschlands. In der Münchener Galerie von Heinrich Thannhauser fand 1911/1912 die erste Ausstellung des Blauen Reiters statt. Zwei Jahre später konnte dessen Sohn Justin die bis dahin weltweit umfangreichste Ausstellung mit Werken Picassos eröffnen, die der Künstler selbst als Ausgangspunkt seines Weltruhmes bezeichnet hat. Legendär ist die 1930 in der Berliner Galerie gezeigte Matisse-Ausstellung, die mit ihren 265 Werken aus der Zeit von 1896 bis 1929 die bis heute weltweit umfangreichste Schau des Künstlers geblieben ist. In der NS-Zeit führte der Weg der Galerie über die Zwischenstation Paris schließlich nach New York.

Weitere Informationen:

Isidor Kahn, Die Juden in Thannhausen, in: Bayrische Israelitische Gemeindezeitung vom 8.Juni 1926

David Wallersteiner, Die jüdische Druckerei in Thannhausen, in: „Der Israelit“ vom 29.Juli 1926

Hans Bronnenmaier, Thannhauser Heimatbuch, Thannhausen 1959

Bernhard Stegmann, Die Geschichte der Juden in Thannhausen. Stationen einer jüdischen Gemeinde in einem reichsritterschaftlichen Territorium innerhalb der Markgrafschaft Burgau, Zulassungsarbeit, Augsburg 1994

Rolf Kießling, Zwischen Vertreibung und Emanzipation - Judendörfer in Ostschwaben während der Frühen Neuzeit, in: R.Kießling (Hrg.), Judengemeinden in Schwaben im Kontext des Alten Reiches, Colloquia Augustana, Band 2, Institut für Europäische Kulturgeschichte der Universität Augsburg, Berlin 1995, S. 154 - 183

Bernhard Stegmann, Aspekte christlich-jüdischer Wirtschaftsgeschichte am Beispiel d. Reichsgrafschaft Thannhausen, in: R.Kießling/S. Ullmann (Hrg.), Landjudentum im deutschen Südwesten während der Frühen Neuzeit, Colloquia Augustana, Band 10, Institut für Europäische Kulturgeschichte der Universität Augsburg, Berlin 1999, S. 336 - 362

Sabine Ullmann, Nachbarschaft und Konkurrenz. Juden und Christen in Dörfern der Markgrafschaft Burgau 1650 - 1670, in: Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, Band 151, Göttingen 1999

Thannhausen, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Robert Schlickewitz, Jüdisches Bayern: Die Juden von Thannhausen, in: hagalil-Nachrichten vom 27.Febr. 2011

E.Brugger/M.Keil/A.Lichtblau/Chr.Lind/B.Staudinger, Geschichte der Juden in Österreich, Verlag Carl Ueberreuter, Wien 2013, S. 242/243

Werner Glogger (Red.), Die jüdische Geschichte von Thannhausen dargestelltt, in: „Augsburger Allgemeine“ vom 10.9.2019

Karl-B. Thoma, „Judengasse“, Thannhausen 2019