Sinzig (Rheinland-Pfalz)

Bildergebnis für sinzig karte postleitzahl Sinzig – derzeit ca. 18.000 Einwohner - ist eine Stadt am Mittelrhein im Landkreis Ahrweiler - zwischen Koblenz (im S) und Bonn (im N) gelegen (Karte aus: suche-postleitzahl.org).

Vermutlich begann schon im 12.Jahrhundert die Geschichte der jüdischen Gemeinde Sinzig, die damals relativ groß gewesen sein muss; denn laut dem Reichssteuerverzeichnis von 1242 waren die Juden Sinzigs mit einem relativ hohen Betrag belastet; aus dem 13.Jahrhundert sind weitere ihnen auferlegte Sonderabgaben belegt. Bei den Pogromen von 1265, 1287 und 1348/1349 sollen insgesamt mindestens 120 Juden in Sinzig ums Leben gekommen sein. Anlass der ersten Verfolgung von 1265 soll die Schändung eines Kruzifixes durch einen aus Augsburg stammenden Proselyten gewesen sein; mehr als 60 Männer, Frauen und Kinder sollen - nach Angaben des Nürnberger Memorbuches - sollen in der Synagoge eingesperrt und verbrannt worden sein. 1287 kam es erneut zu pogromartigen Gewalttaten, die 46 Juden in Sinzig das Leben kosteten; die Überlebenden mussten die Stadt verlassen. (Anm.: Damals forderte eine blutige Verfolgungswelle Opfer in ca. 20 Ortschaften am Mittelrhein, nachdem der Tod des "Guten Werner von Oberwesel" den Juden angelastet worden war.)

Der Pestpogrom von 1348/49 vernichtete die jüdische Gemeinde dann vollends.

Trotz Verfolgungen, Vertreibungen und Anfeindungen wurden immer wieder jüdische Familien in Sinzig ansässig. So lebten im 15. Jahrhundert abermals Juden in Sinzig, für das 16. und 17.Jahrhundert gibt es allerdings kaum urkundliche Hinweise.

Sinzig um 1830 (Abb. aus: rheinische-landeskunde.lvr.de)

Im 18.Jahrhundert kam es dann zur Bildung der neuzeitlichen israelitischen Gemeinde.

Bis weit in die Mitte des 19.Jahrhunderts benutzte die kleine Gemeinschaft einen angemieteten Betraum, der 1842 als „sehr mangelhaft und der Würde einer kirchlichen Versammlung nicht entsprechend“ beschrieben wurde. Rivalitäten zwischen einzelnen Familien und finanzielle Not der kleinen Judengemeinde verzögerten jahrelang die Errichtung einer eigenen Synagoge. Schließlich kaufte man ein sanierungsbedürftiges Gebäude, die „Alte Burg“. Nachdem die Finanzmittel unter Schwierigkeiten zusammengebracht und die Renovierungsarbeiten abgeschlossen worden waren, wurde Mitte September 1867 die Sinziger Synagoge - unter großer Anteilnahme der christlichen Bevölkerung - feierlich eingeweiht. Die Festlichkeiten sollen sich über drei Tage erstreckt haben.

                       aus: „Bonner Zeitung” vom 7.9.1867

                  In der „Ahrweiler Zeitung” wurde über die Synagogeneinweihung am 21. Sept. 1867 wie folgt berichtet:

Sinzig. Die Einweihung der jüdischen Synagoge zu Sinzig, welche am 13. d. M. durch den Rabbiner Dr. Ben Israel von Koblenz in der erhabensten und würdigsten Weise vollzogen wurde, war in Verbindung mit den weltlichen Festivitäten eine Feier, wie eine solche noch nie in den Mauern Sinzig's begangen worden ist. - Um 4 Uhr Nachmittags versammelte sich die Gemeinde in der alten Synagoge, ... , hielt der Herr Rabbiner eine ergreifende Abschiedsrede, welche die Anwesenden zu Tränen rührte, öffnete dann die h. Lade und übergab die Tora-Rollen den zu deren Empfang designierten Personen. Die Gemeinde verließ nun die alte Synagoge und es ordnete sich folgender Zug: Voran Knaben und Mädchen mit Fahnen, das Musik-Corps, die Mitglieder des Comite's, die Trägerin des Schlüssels, von zwei Mädchen begleitet, die Träger der Tora-Rollen und der Herr Rabbiner nebst Herrn Cantor unter einem schönen blauen Traghimmel, dann der Herr Bürgermeister Wenner mit dem Gemeindevorstande nebst einer unübersehbaren Menge jüdischer und christlicher Festteilnehmer. Der Zug bewegte sich nun durch das mit Maien, Girlanden und Fahnen festlich geschmückte Sinzig zur neuen Synagoge. An der neuen Synagoge angekommen, überreichte die Schlüsselträgerin unter passenden Worten den Schlüssel derselben dem Herrn Bürgermeister, welcher dann in schöner Ansprache der jüdischen Gemeinde Glück zu dem neuen Gotteshause wünschte und zur fortdauernden Friedlichkeit und gegenseitiger Toleranz, welche heute sich so glänzend bewiesen, ermahnte und die Synagoge dann öffnete. Die Versammlung trat ein, und nachdem der Herr Rabbiner die Feier mit einem Gebet eröffnet, begann der Gesang abwechselnd zwischen dem Cantor und dem eigens zu dieser Feier eingeübten israelitischen Chore, in hebräischen und deutschen Liedern unter der Direktion des Lehrers Herrn Zimmermann von Sinzig mit Musikbegleitung der berühmten Bach'schen Kapelle aus Bonn. Der Herr Rabbiner hielt nun eine meisterhafte, mit fließender Diktion gesprochene Einweihungsrede, welchen Worten die Anwesenden mit großer Ruhe und Erbauung lauschten, und trotzdem die Hitze in dem überfüllten Räume drückend war und die Feier bis nach sieben Uhr währte, wich keiner der Anwesenden von der Stelle. Am Abende desselben Tages war Sinzig wieder sehr belebt durch die Serenaden, welche die Bach'sche Kapelle dem Herrn Rabbiner, dem Herrn Bürgermeister Wenner und dem Herrn Pastor Stumpf brachten.

In der Folgezeit gab es in Sinzig mehrfach Konflikte zwischen Gemeindemitgliedern, die sich vor allem an der Einhaltung der gottesdienstlichen Ordnung entzündeten; dabei wurde sogar die Erhebung von Geldbußen bei Nichteinhaltung der Synagogenordnung diskutiert.

Zur Erledigung rituell-religiöser gemeindlicher Aufgaben der Gemeinde war im Synagogenbezirk Sinzig ein Lehrer (zeitweise Elementarlehrer) angestellt.

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Anzeigen aus: „Allgemeine Zeitung des Judentums“ vom 19.Nov. 1861 undDer Israelit“ vom 14.Febr. 1884

Mitte des 19.Jahrhunderts bestand in Sinzig zeitweilig eine kleine jüdische Elementarschule, die in einem angemietetem Raum des Hauses, in dem sich auch die Betstube befand, untergebracht war.

Der alte jüdische Friedhof für die Sinziger Juden befand sich auf dem Mühlenberg im Sinziger Stadtwald, ca. zwei Kilometer vom Ortskern entfernt. Die Neuanlage einer Begräbnisstätte für jüdische Verstorbene erfolgte in unmittelbarer Nähe zum christlichen Friedhof; die ältesten noch vorhandenen Grabsteine stammen aus den 1870er Jahren.

Zum Synagogenverband Sinzig gehörten in den 1880er Jahren insgesamt neun „Spezialgemeinden“: Die Gemeinden von Sinzig, Bodendorf, Brohl, Löhndorf, Niederbreisig, Oberbreisig, Oberwinter, Remagen und Westum.

Juden in Sinzig:

       --- um 1265 ......................... 60 Juden,

    --- um 1300 ......................... 12 jüdische Familien,

    --- 1782 ............................  5     “         “   (27 Pers.),

    --- 1817 ............................ 27 Juden,

    --- 1828 ............................ 87   “  ,*

    --- 1843 ............................ 55   “  ,

             ............................ 74   “  ,*    * in der Bürgermeisterei (Westum und Löhndorf)

    --- 1858 ............................ 90   “  ,*

    --- 1861 ............................ 78   “  ,

    --- 1895 ............................ 75   “  ,

    --- 1925 ............................ 41   “  ,

    --- 1933 (Juni) ..................... 13 jüdische Familien,

    --- 1936 ............................ 41 Juden,

    --- 1939 ............................ 19   “  ,

    --- 1942 (Aug.) ..................... keine.

Angaben aus: H. Kleinpass, Die ehemalige Synagogengemeinde Sinzig, in: J.Haffke/B.Koll (Hrg.), Sinzig ..., S. 314 f.

Die jüdischen Bewohner Sinzigs zählten fast ausnahmslos zur Gruppe der wenig begüterten Landjuden; sie verdienten ihren Lebensunterhalt vor allem als Viehhändler, Metzger, Hausierer und Tagelöhner, in den 1920er Jahren auch im Textilwarenhandel. Wirtschaftlich waren sie in die kleinstädtische, katholische Gesellschaft integriert, doch persönliche Kontakte blieben meist oberflächlicher Art.

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Anzeigen jüdischer Geschäftsleute aus Sinzig 1901 - 1905 - 1924

Seit den 1870er Jahren kam in Sinzig eine judenfeindliche Stimmung auf; von ersten antisemitischen „Vorfällen“ berichtete die Ortschronik von Sinzig 1872; hier heißt es:

„ ... Am 26. und 27.August (1872) fanden Straßenaufläufe vor dem Hause des Israeliten Kaufmann statt und wurde das Haus theilweise beschädigt. ... Am 26.October nachts fand eine Zerstörung des Hauses des Israeliten Kaufmann durch zum Militär eingezogene Rekruten statt. Polizeidiener und Nachtswächter wurden mißhandelt. ...”

Fünf Jahre später wurde ein Teil des jüdischen Friedhofs geschändet.

Ab den 1920er Jahren machte sich - unterstützt und angefacht durch die NS-Propaganda - in Sinzig wieder eine antijüdische Stimmung breit. Nach dem von der NSDAP ausgerufenen Boykott jüdischer Geschäfte am 1.4.1933 wurden die wenigen jüdischen Geschäftsleute in Sinzig immer mehr ausgegrenzt; seit Sommer 1935 ließ die NS-Handelsgenossenschaft „arische“ Geschäfte mit dem Schild: „Deutsches Geschäft” kennzeichnen; zudem folgten Hinweise wie „Juden unerwünscht” oder „Juden ist der Eintritt untersagt”.

In der Nacht vom 9./10.November 1938 stürmten einheimische und aus Bad Neuenahr kommende SA-Angehörige den Betsaal in der "Alten Burg"; sie zündeten die Inneneinrichtung an und warfen diese in den Vorhof, wo ein Scheiterhaufen errichtet wurde. Mit der vollständigen Verwüstung der Synagoge ging die Demolierung von vier Wohnungen und des jüdischen Kaufhauses Hirsch einher. Während der Ausschreitungen sollen sich die Einwohner Sinzigs in ihre Wohnungen zurückgezogen haben. Am folgenden Tage wurden vier einheimische und zwölf ortsfremde Juden durch Sinzig geführt; sie mussten ein Transparent mitführen, das die demütigende Aufschrift trug: „Weg mit den Meuchelmördern - Wir dulden keine Juden!”  Anschließend brachte man die Männer ins Gestapogefängnis nach Koblenz. Nach dem Pogrom verließen fünf jüdische Familien ihren Heimatort; dies bedeutete gleichzeitig das Ende der jüdischen Gemeinde.

Anm.: Das teilweise zerstörte Synagogengebäude wurde alsbald an die Sinziger Kommune verkauft. Nachdem es zunächst als Kindergarten genutzt wurde, diente es während des Krieges als Unterkunft für Kriegsgefangene.

Die wenigen noch in Sinzig verbliebenen Juden wurden 1942 - über das "Zwischenlager" Schloss Broleck - ins besetzte Polen deportiert; keiner kehrte zurück. Mindestens 23 Sinziger Juden wurden Opfer des Holocaust.

Sechs Jahre nach Kriegsende kam ein einziger Sinziger Jude wieder in seine Heimatstadt zurück; doch bereits 1957 verließ er diese enttäuscht wieder, weil ihm der Vorwurf gemacht wurde, sich mittels der „Wiedergutmachung zu bereichern“.

Das ehemalige Synagogengebäude beherbergte nach 1945 zunächst Flüchtlinge und verfiel danach zusehends. Die "Alte Burg" wurde schließlich 1965 abgerissen; heute befindet sich dort ein Parkplatz. In der Nähe, an der Rheinstraße, erinnert seit 1992 ein Gedenkstein an die jüdische Gemeinde und die Zerstörung ihres Gotteshauses am 10.November 1938. Unter einer Menora und einem hebräischen Schriftzug lautet die Inschrift:

Hier stand die Synagoge, die am 9.Nov. 1938 durch die Nazis entweiht wurde

Heiligtümer und Schriften verbrannten.

Wir gedenken der Opfer und Verfolgten der Jüdischen Gemeinde Sinzig.

Schaalom   Friede

Vom alten jüdischen Friedhof auf dem Mühlenberg sind heute keinerlei Relikte mehr vorhanden; das Gelände ist von Eichen-Mischwald überwachsen. Auf dem neuen israelitischen Begräbnisareal im Herrental (Teil des kommunalen Friedhofs) erinnert seit 1950 eine granitene Gedenktafel an die jüdischen NS-Opfer aus Sinzig.

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jüdische Grabstätten (Aufn. J. Hahn, 2007 und D. Antony, 2008, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Weitere Informationen:

Germania Judaica, Band II/2, Tübingen 1968, S. 766/767 und Band III/2, Tübingen 1995, S. 1372 - 1374

Volker Hartmann, Die Unterdrückung und Verfolgung der Juden unter dem Nationalsozialismus am Beispiel der Gemeinde Sinzig am Rhein, Facharbeit am Rhein-Gymnasium Sinzig, Sinzig 1981

Heinz Kleinpass, Die ehemalige Synagogengemeinde Sinzig, in: J.Haffke/B.Koll (Hrg.), Sinzig und seine Stadtteile - gestern und heute, Sinzig 1983, S. 314 - 320

Leonard Janta, Auf dem Weg zur “Reichskristallnacht” - Zur Verfolgung der jüdischen Bevölkerung während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft im Kreis Ahrweiler, in: Heimatjahrbuch Kreis Ahrweiler 1988, S. 35 - 50

Leonard Janta, Kreis Ahrweiler unter dem Hakenkreuz - Studien zur Vergangenheit und Gegenwart, Band 2, Hrg. Landkreis Ahrweiler, Bad Neuenahr-Ahrweiler 1989

Hans Kleinpass, Die Einweihung der Sinziger Synagoge anno 1867 - Für die ehemalige Synagogengemeinde erfüllte sich ein langjähriger Wunsch, in: Heimatjahrbuch Kreis Ahrweiler 1990, S. 71 – 75

R. Menacher/H.U. Reiffen, “Knoblauch und Weihrauch” - Juden und Christen in Sinzig von 1914 bis 1992, Memento-Verlag, Bonn 1996

Udo Bürger, Zum Erziehungswesen der Juden im Kreis Ahrweiler und zu den Synagogenverhältnissen allgemein, in: SACHOR - Beiträge zur jüdischen Geschichte u. zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz, Heft 12, 2/1996, S. 16 - 33

R.Menacher/H.-U.Reiffen, Sinzig, in: H. Warnecke (Hrg.), Zeugnisse jüdischen Lebens im Kreis Ahrweiler, Bad Neuenahr-Ahrweiler 1998, S. 146 - 166

Sinzig, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels “. Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 346/347

Hildegard Ginzler (Red.), 750 Jahre Sinziger Pogrom - Zurück zum Namen Judengasse, in: „Generalanzeiger“ vom 24.4.2015