Seeheim - Jugenheim (Hessen)

Datei:Municipalities in DA (district).svg Seeheim-Jugenheim ist eine von derzeit ca. 16.000 Einwohnern bewohnte Kommune an der Bergstraße im äußersten Süden des hessischen Landkreises Darmstadt-Dieburg (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Anfang des 18.Jahrhunderts ließen sich zwei jüdische Familien in Seeheim nieder; im zunächst zur Grafschaft Erbach gehörenden Ort waren bis dato Juden nicht geduldet. Die nur wenigen jüdischen Familien Seeheims zählten bis Mitte des 19.Jahrhunderts zur Alsbacher Kultusgemeinde; in den 1860er Jahren konstituierte sich hier dann eine selbstständige israelitische Gemeinde.

1868 konnte die hiesige Judenschaft auf einem angekauften Grundstück in der Bachgasse, der späteren Ludwigstraße, ihre eigene Synagoge einweihen; der Bau war durch Spenden und Kollekten finanziert worden. Die Gemeinde setzte sich damals nur aus 15 Familien zusammen.

                   Über die Einweihung der neuen Synagoge berichtete die Zeitschrift „Der Israelit” vom 11.März 1868:

Von der hessischen Bergstraße. Die isr. Gemeinde Seeheim ... besteht nunmehr ... aus 15 Familien; dieselben hatten bisher ihren Gottesdienst in einem gemietheten Locale abgehalten. Bereits vor 2 Jahren gelang es dem gegenwärtigen Vorstand daselbst einen geeigneten Platz zu Synagoge, Gemeindehaus und Frauenbad käuflich zu erwerben.; derselbe Vorstand wirkte mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln dahin, daß jetzt dort ein neues schönes Gebäude steht, welches Synagoge,  Gemeindehaus und Frauenbad nach echt jüdischem Ritus enthält. ...  Am Sabbatmorgen Paraschath Jithra versammelte sich die Gemeinde und einige Freunde sowie der Großh. Bürgermeister mit dem Gemeinderath, von denen besonders als rühmlich und dankenswerth hervorgehoben werden muß, daß sie ihren jüdischen Mitbürgern zu dem Bau des Gotteshauses aus der Gemeindekasse 450 fl. gewährten, ... Als nun alle Anwesenden ihre angewiesenen Plätze eingenommen hatten, bestieg Herr Jeidel (Anm.: aus Pfungstadt) die Kanzel ... Der Redner entwickelte in schwungvollen und begeisternden Worten, daß das israel. Gotteshaus geweihet sein müsse als eine Stätte der Gottesverehrung, der Andacht und der Belehrung. ... Möge des neuerbaute Gotteshaus der Gemeinde Seeheim dasjenige werden, als was es die Festrede bezeichnete, und so diese noch kleine Gemeinde mit göttlicher Hilfe immer mehr und mehr erblühen.

Über dem Thora-Schrank war eine lackierte Tafel in Wappenform - flankiert von den hessischen Löwen - angebracht.

                  Fürstengebet“ - Tafel über dem Thoraschrein in der Synagoge Seeheim

Der in hebräischer und deutscher Sprache verfasste Text auf der Tafel lautete wie folgt: „Er, der den Königen Sieg und Gewalt den Fürsten verleiht, sein Reich in aller Welten Reich, der seinen Knecht David von der Bosheit Schwert gerettet, der durch Meer durch mächtige Fluthen seinen Weg bahnt, er segne und behüte unseren Großherzog Ludwig III., ihn und sein ganzes fürstliches Haus, er bewahre ihn vor jedem Übel und beglücke ihn in allen seinen Wegen. Er, der Allbarmherzige, der König aller Könige, möge seinen Geist und den Geist seiner hohen Räthe und Beamten stets erleuchten, auf daß Recht und Wahrheit, Friede und Wohlstand immer blühe in seinem Reich. In seinen und unseren Tagen möge der Erlöser Zion kommen. Amen.

           http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2071/Seeheim%20Bergstrasse%20Synagoge%20010.jpg Ehemaliges Synagogengebäude (Aufn. um 1970, aus: P. Arnsberg)

Das neue Synagogengebäude beherbergte in seinen Mauern auch einen Schulraum, die Lehrerwohnung und eine Mikwe. Mit der Verrichtung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer betraut.

Stellenanzeige aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1.März 1876 http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20111/Seeheim%20Israelit%2001031876.jpg

Verstorbene Seeheimer Juden wurden auf dem jüdischen Sammelfriedhof in Alsbach beerdigt.

Die Juden Seeheims gehörten dem orthodoxen Rabbinat Darmstadt II an; zur Zeit der Synagogenweihe schienen die Seeheimer Juden aber nicht mehr der strengen Darmstädter Orthodoxie des Bezirksrabbiners Dr. Landsberger gefolgt zu sein.

Juden in Seeheim:

        --- um 1700 ......................   2 jüdische Familien,

    --- 1780 .........................   4     “        “   ,

    --- 1791 .........................  20 Juden,

    --- 1805 .........................  24   "  ,

    --- 1828/29 ......................  48   “  ,  

    --- 1861 .........................  78   “  (in 15 Familien, ca. 7% d. Bevölk.),

    --- 1880 .........................  39   "  ,

    --- 1890 .........................  50   “  ,

    --- 1900/05 .................. ca.  60   “  ,

    --- 1910 .........................  38   “  (ca. 2% d. Bevölk.),

    --- 1925 .........................  32   “  ,

    --- 1933 .........................  19   “  ,

    --- 1939 .........................   3   “  .

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 2, S. 245

und                Robert Bertsch, Juden in Seeheim und Jugenheim, Seeheim-Jugenheim 1992, S. 101

In den 1860er Jahren erreichte die Zahl der hier lebenden Juden ihren Höchststand. Nach 1900 sank sie stetig; schließlich löste sich die Gemeinde ganz auf. Ab Mitte der 1930er Jahre wurde das inzwischen veräußerte Synagogengebäude zu Wohnzwecken genutzt.

Zur Zeit des Novemberpogroms 1938 wohnten noch fünf jüdische Personen in Seeheim und Jugenheim. Bei Übergriffen wurde ein Gemischtwarenladen eines jüdischen Besitzers in der Ludwigstraße geplündert und die Ladeneinrichtung auf die Straße geworfen.

Nach der Deportation der letzten beiden jüdischen Bewohner (Ende September 1942) war Seeheim „judenfrei”.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des „Gedenkbuches – Opfer der Verfolgung der Juden ...“ sind nachweislich 15 aus Seeheim und zehn aus Jugenheim stammende bzw. längere Zeit hier ansässig gewesene jüdische Bürger Opfer der "Endlösung" geworden (namentliche Nennung der betreffenden Personen siehe. alemannia-judaica.de/seeheim_synagoge.htm).

 

Auf einem Granitstein in der Jugenheimer Ludwigstraße erinnert seit 2002 eine bronzene Gedenktafel an die einstigen jüdischen Bewohner.

2013 wurden die ersten 13 sog. "Stolpersteine" verlegt; in zwei Aktionen der Jahre 2014/2015 folgten noch weitere.

Seeheim-Jugenheim Stolpersteine Albert-Schweitzer-Straße 6.png Seeheim-Jugenheim Stolpersteine Schloßstraße 8.png

verlegt in der Albert-Schweitzer-Straße und in der Schlossstraße (Aufn. Alfons Tewes, 2020, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Die Zahl der Juden in Jugenheim war stets sehr gering und erreichte zu keiner Zeit mehr als 15 Personen. Erstmals soll eine jüdische Familie um 1700/1705 hier gelebt haben.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20110/Jugenheim%20Israelit%2007021889.jpg Stellenanzeige aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7.Febr. 1889

Die in Jugenheim verstorbenen Juden wurden in Alsbach begraben.
Im Mittelpunkt des jüdischen Lebens in Jugenheim standen die seit Ende des 19. Jahrhunderts am Ort bestehende streng-rituell geführte Pension Heymann und das koschere "Speisehaus" von David Koppel (später Heinrich Koppel), das um 1930 unter dem Namen "Pension Sandmühle" von der Familie Rosenbaum-Bamberger geführt wurde.

Werbeannoncen der beiden jüdischen Dienstleistungsbetriebe aus Jugenheim:

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20110/Jugenheim%20Israelit%2016061898.jpg  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20110/Jugenheim%20Israelit%2023061904.jpgvon 1898 bzw. 1904

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20274/Jugenheim%20Israelit%2022061891.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20194/Jugenheim%20Israelit%2028061900.jpgvon 1891 bzw. 1904

 

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 2, S. 245/246

Robert Bertsch, Juden in Seeheim - Dokumente, Bilder, Berichte aus drei Jahrhunderten. Ausstellung vom November 1988

Robert Bertsch, Juden in Seeheim und Jugenheim, hrg. im Auftrag der Gemeinde Seeheim-Jugenheim, Seeheim-Jugenheim 1992 (2.Aufl., 2005)

Studienkreis Deutscher Widerstand (Hrg.), Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes u. der Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt, 1995, S. 48 f.

Thomas Lange, “L’chajim” - Die Geschichte der Juden im Landkreis Darmstadt-Dieburg, Hrg. Landkreis Darmstadt-Dieburg, 1997, S. 77 - 81

Seeheim-Jugenheim, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Vergeben, aber nicht vergessen” - Juden in Jugenheim. Einweihung eines Gedenksteins in der Ludwigstraße, in: "Darmstädter Echo" vom 12.11.2002

Geschichtswerkstatt Geschwister-Scholl-Schule Bensheim, Opfer des Nationalsozialismus aus Seeheim-Jugenheim. Eine Dokumentation im Auftrag der Gemeinde Seeheim-Jugenheim, hrg. von der Gemeinde Seeheim-Jugenheim, Bensheim 2012  

Stephanie Goethals, Die jüdischen Familien Jugenheims, in: 750 Jahre Kirche auf dem Heiligen Berg - Beiträge zur Geschichte Jugenheims, Jugenheim 2013

N.N. (Red.), 16 weitere Stolpersteine in Seeheim-Jugenheim, in: „Echo“ vom 11.11.2014

Stolpersteine in Seeheim-Jugenheim, online unter: sankt-bonifatius-seeheim-jugenheim.de

Auflistung der in Seeheim-Jugenheim verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter. wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Seeheim-Jugenheim