Schwerte (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Schwerte in UN 2011.svg Schwerte ist eine Stadt mit derzeit ca. 48.000 Einwohnern im Kreis Unna (am Südostrand des Ruhrgebietes) – ca. 15 Kilometer südöstlich von Dortmund gelegen (Karte TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Erstmals wird die Existenz von Juden in Schwerte Mitte des 15.Jahrhunderts erwähnt. Während der nächsten 300 Jahre hielten sich im Ort nur vereinzelt jüdische Familien auf; erst Anfang des 19.Jahrhunderts war eine deutliche Zunahme zu verzeichnen. Ihren Lebensunterhalt verdienten sie zumeist als ‚Handelsmänner’, Kaufleute und Metzger.

Die bedeutendste Person innerhalb der Schwerter Judenschaft war in der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts Jacob Simon (geb. um 1690), der das Amt des Vorstehers der märkischen Juden bekleidete. Er war auch als Kreditgeber in der Region angesehen ( daß wann bey Christen das Baar Geldt mangelt, sie es bey ihm gegen Juden Wucher erlangen können, und wegen seine Conduite seindt bishero keine Klagen beym Magistrat entstanden“).

Gottesdienste wurden seit dem 18.Jahrhundert in einem Betsaal in der Hellpothstraße abgehalten, später in einem Privathause am Kirchhof. 1854 erwarb der jüdische Kaufmann J. Reifenberg das ehemalige Küsterhaus der Reformierten Gemeinde in der Großen Marktstraße und ließ es zur Synagoge umbauen, die dann noch im gleichen Jahre eingeweiht wurde.

          http://gesamtschule.schwerte.de/hardlink/schwerte-im-nationalsozialismus/synagoge1.jpg  Synagoge - Frontansicht, um 1928 (Abb. aus: gesamtschule-schwerte.de)

Bis zum Bau des neuen Schulgebäudes am Nordwall (1898) - das Grundstück war eine Schenkung eines Gemeindemitglieds - wurden die jüdischen Kinder in der Synagoge unterrichtet; sie erhielten zunächst nur Religions-, dann auch Elementarunterricht. In den 1920er Jahren besaß die überalterte Gemeinde nur noch wenige Kinder, so das die Schule wegen Schülermangels geschlossen wurde.

Außerhalb der Stadtmauer, auf dem Gelände des Stadtgrabens am Nordwall, wurde vermutlich in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts der jüdische Friedhof angelegt (erstmals erwähnt 1796).

Juden in Schwerte:

    --- 1738 ...........................   5 jüdische Familien (23 Personen),

    --- 1797 ...........................  26 Juden,

    --- 1831 ...........................  85   “   (ca. 5% d. Bevölk.),

    --- 1848 ...........................  74   “  ,

    --- 1867 ...........................  95   “   (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1891 ........................... 130   “  ,

    --- 1895 ........................... 165   “  ,

    --- 1923 ...........................  41 jüdische Familien,

    --- 1930/33 ........................  83 Juden,

    --- 1939 ...........................  19   “  ,

    --- 1942/43 ........................  keine.

Angaben aus: Liselotte Hagenah, Geschichte der Juden in Schwerte

und                 Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938, Anhang S. 651

Mit der 1870 einsetzenden Entwicklung Schwertes von einer Ackerbürger- zu einer Industriestadt war auch eine enorme Bevölkerungszunahme innerhalb weniger Jahrzehnte verbunden; dies galt auch für den jüdischen Bevölkerungsanteil; die Anzahl ihrer Geschäfte und Kleinbetriebe nahm deutlich zu.

Werbeanzeigen jüdischer Geschäfte in Schwerte:

Schwerte, Hagenerstrasse Hagener Straße, hist. Postkarte um 1925 (Stadtarchiv Schwerte)

Zu Beginn der NS-Machtübernahme 1933 lebten etwa 60 jüdische Familien in Schwerte. Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Ausgrenzungspolitik der Nationalsozialisten führte auch in Schwerte zur Ab- und Auswanderung der hier lebenden Juden. Geschäfte und Immobilien wurden verkauft bzw. „arisiert“; Ende 1938 gab es in Schwerte kein Geschäft mit einem jüdischen Inhaber mehr.

Während des Novemberpogroms von 1938 vernichteten NS-Brandstifter die Inneneinrichtung der Synagoge. Das Gebäude wurde anschließend vom Roten Kreuz genutzt. In der „Schwerter Zeitung” vom 11.11.1938 hieß es:

Schwerter Volksempörung gegen die Juden

Auch in Schwerte setzten in der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag spontane Demonstrationen gegen die Juden ein. Die Fensterscheiben in Läden und Wohnungen der Juden wurden demoliert. Die Synagoge erlitt starke Brandschäden.

Vor ihrer Deportation musste ein Teil der in Schwerte verbliebenen Juden ihre Wohnungen verlassen und in die Baracken der Liethstraße ziehen. Mehr als 50 Schwerter Juden wurden Opfer des Holocaust.

Von April 1944 bis Januar 1945 befand sich in Schwerte-Ost ein Außenkommando des KZ Buchenwald; hier wurden auch jüdische Häftlinge zur Zwangsarbeit im Reichsbahn-Ausbesserungswerk Schwerte herangezogen.

Nach 1945 kehrten wenige Juden nach Schwerte zurück.

Der von einer Mauer umgebene jüdische Friedhof in Schwerte am Nordwall weist heute noch ca. 100 Gräber auf; ein Teil des Friedhofsgeländes wurde vermutlich nach 1890 aufgefüllt und bebaut.

überwucherte Gräber (Aufn. E. Ferdinand, 2005, aus: wikipedia.org, CC BY 2.0)

Auf dem jüdischen Friedhof in Schwerte-Westhofen befindet sich heute eine kleine Gedenkstätte; neben einer Grabanlage für sowjetische Kriegsgefangene stehen hier vier Stelen der jüdischen Familie Stern.

1988 wurde der aus einem Türpfosten der Synagoge gearbeitete siebenarmige Leuchter als Mahnmal eingeweiht. Nur die Grundmauern der ehemaligen, 1983 abgerissenen Synagoge erinnern heute noch an das einstige jüdische Gotteshaus; 1994/1995 wurde hier eine Gedenkplatte verlegt.

  Gedenkplatte (Aufn. Archiv „Wochenkurier“) 

Im Stadtgebiet von Schwerte erinnern inzwischen fast 70 sog. „Stolpersteine“ an zumeist jüdische Opfer des Nationalsozialismus (Stand 2019); der erste Stein wurde bereits im Jahre 2005 verlegt.

   Aufn. aus: gesamtschule-schwerte.de

 

In Ergste – seit 1975 Teil der Stadt Schwerte - sind erstmals um 1720 jüdische Bewohner nachweisbar. Zu Beginn des 19.Jahrhunderts sind acht mit Schutzbriefen ausgestattete Familien namentlich bekannt.

Als Tagelöhner und Handwerker bestritten die hiesigen Juden ihren Lebensunterhalt; zeitweilig waren sie für die Hagener Papiermühle mit dem Sammeln von Lumpen beschäftigt.

Juden in Ergste:

--- 1759 ........................  3 jüdische Familien,

--- 1776 ........................  4     “        “   ,

--- 1807 ........................  8     “        “   ,

--- 1843 ........................ 47 Juden,

--- 1858 ........................ 29   “  ,

--- 1871 ........................ 44   “  ,

--- 1895 ........................ 58   “  ,

--- 1925 ........................ 21   “  ,

--- 1933 ........................ 14   “  ,

--- 1938 ........................ 12   “  ,

--- 1942 (Sept.) ................  keine.

Angaben aus: W.Reininghaus (Red.), Schwerte-Ergste, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe , S. 721

In den 1920/30er Jahren gehörten die Metzgerei von Leopold Sternheim und die beiden Kolonialwarengeschäfte der Geschwister Silberberg und Sternheim zu den wichtigsten Läden am Ort.

Im Frühjahr 1942 wurde die sechsköfige Familie Sternheim – via Dortmund – ins Ghetto Zamosc deportiert, im Sommer des gleichen Jahres die letzten fünf jüdische n Bewohner von Ergste nach Theresienstadt „umgesiedelt“.

Der am Sembergweg liegende jüdische Begräbnisplatz - ein Teil des Kommunalfriedhofes – diente im Zeitraum von 1873 bis 1934 als „Guter Ort“; vor 1872 begrub man Verstorbene auf dem jüdischen Friedhof in Hennen. Auf dem Areal in Ergste findet man heute noch 13 Grabsteine.

Schwerte-Ergste-JüdischerFriedhof1-Bubo.JPGGräber in Ergste (Aufn. Bubo, 2016, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

In Ergste erinnern heute mehrere sog. „Stolpersteine“ an frühere jüdische Bewohner.

verlegt für Fam. Silberberg in der Kirchstr. (Aufn. aus: gesamtschule-schwerte.de) http://gesamtschule.schwerte.de/hardlink/schwerte-im-nationalsozialismus/ststsilberberg0.JPG

 

Weitere Informationen:

Reinhard Bee/Frank Ulrich Mölle (Red.), Schwerte unterm Hakenkreuz. Eine Studie zur Erforschung des nationalsozialistischen Alltags in einer Kleinstadt, Schwerte, hrg. von der Stadt Schwerte 1983, S. 274 - 285

Liselotte Hagenah, Geschichte der Juden in Schwerte, hrg. im Auftrag des Heimatvereins Schwerte e.V., Victor-Verlag, Schwerte 1988

Synagoge Schwerte - Wettbewerb zur Errichtung einer Gedenkstätte, Hrg. Stadt Schwerte, Schwerte 1994

Josef Wilkes, Ein Rabbiner aus Schwerte. Dr. Werner van der Zyl: Stationen eines jüdischen Lebens, in: Heimatbuch Kreis Unna 18/1997, S. 68 f.

G. Birkmann/H. Stratmann, Bedenke vor wem du stehst - 300 Synagogen und ihre Geschichte in Westfalen und Lippe, Klartext Verlag, Essen 1998, S. 125

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 490/491

Rosemarie Kosche, Studien zur Geschichte der Juden zwischen Rhein und Weser im Mittelalter, in: Forschungen zur Geschichte der Juden, Abt. A: Abhandlungen Band 15, Verlag Hahnsche Buchhandlung, Hannover 2002

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen - Regierungsbezirk Arnsberg, J.P.Bachem Verlag, Köln 2005, S. 645 - 650

Alfred Hintz, Jüdisches Leben in Schwerte, PDF-Datei unter: schwerter-mitte.de/fileadmin/user_upload/Vortrag_Juden_f._pdf.pdf

Alfred Hintz, „Ohne Meldung unbekannt verzogen“ - Schwerte unter der NS-Herrschaft, in: Schriftenreihe des Roland zu Dortmund e.V., Neue Folge, Band 2, Schwerte 2008

Matthias Wais, Jüdische Grabinschriften in Schwerte, Schwerte 2008

Josef Wilkes/Reinhold Stirnberg (Red.), Der jüdische Friedhof in Schwerte, hrg. von „Aktive Senioren", als PDF-Datei abrufbar unter: as.schwerte.de/ausgaben/pdf/as55/as55-seite-18-19

Alfred Hintz (Red.), Schicksale von Schwerter Juden, online abrufbar unter: schwerte.de – Das Stadtportal (Anm. enthält Biografien der jüdischen Bewohner von Schwerte)

Arbeitskreis “Stolpersteine für Schwerte” (Bearb.), Stolpersteine für Schwerte, online abrufbar unter: schwerte.de

Auflistung der Stolpersteine in Schwerte, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Schwerte

Stolpersteine in Schwerte, online anrufbar unter: gesamtschule-schwerte.de (Bilddokumentation)

Wilfried Reininghaus (Bearb.), Schwerte und Schwerte-Ergste, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe – Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Arnsberg, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, Ardey-Verlag Münster 2016, S. 708 - 723

Reinhard Schmitz (Red.), Wo die jüdische Gemeinde ihre Schule hatte, wird heute Pizza serviert, in: “Ruhr-Nachrichten” vom 28.12.2018

Aileen Kierstein (Red.), 15 neue Stolpersteine sollen an schweter NS-Opfer erinnern, in: “Ruhr Nachrichten” vom 21.12.2019