Schierstein (Hessen)

Datei:Schierstein in Wiesbaden.svg Schierstein - derzeit ca. 10.000 Einwohnern zählend - ist bereits seit Mitte der 1920er Jahre ein Stadtteil von Wiesbaden (Karte TUBS, 2012, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Die ersten jüdischen Bewohner in Schierstein sind spätestens seit 1530 nachweisbar. Aber erst im ausgehenden 18.Jahrhundert bildete sich hier eine jüdische Gemeinde. Diese errichtete Ende der 1850er Jahre in der Kirchstraße ihre neue Synagoge; zuvor war ein kellerartiger Raum genutzt worden. Das neue Gotteshaus, dessen Bau die kleine Gemeinde finanziell fast überforderte, verfügte über insgesamt etwa 65 Plätze, davon 40 für Männer und 25 Emporenplätze für Frauen.

             Synagogenruine in Schierstein (Aufn. P. Arnberg, um 1960)

 zu einer Goldenen Hochzeit geschmückter Thoraschrein (hist. Aufn. 1932, aus: Sammlung Dorothee Lottmann-Kaeseler)

                    Stellenanzeige aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9.Aug. 1865

Fast vier Jahrzehnte war Arnold Katzenstein als Lehrer, Vorbeter und Schochet tätig (bis Ende der 1930er Jahre); gleichzeitig erteilte er auch jüdischen Kindern der Nachbarorte Religionsunterricht.

Ihre Verstorbenen begrub die Gemeinde zunächst auf dem jüdischen Friedhof in Wiesbaden; von ca. 1890 bis in die 1920er Jahre stand ein kleines Friedhofsgelände außerhalb des Ortes, zwischen Schierstein und Niederwalluf, zur Verfügung; danach wurde ein neues Areal neben dem christlichen Friedhof an der Walluferstraße belegt.

                                          aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 1.Sept. 1890 

Die kleine jüdische Gemeinde Schierstein, zu der auch die wenigen jüdischen Familien aus Frauenstein gehörten, unterstand dem Rabbinatsbezirk Wiesbaden. Seit ca. 1880 waren die Gemeindeangehörigen der orthodox ausgerichteten Israelitischen Religionsgesellschaft Wiesbaden angeschlossen.

Juden in Schierstein:

    --- 1843 ............................ 65 Juden,

    --- 1853 ............................ 14 jüdische Familien,

    --- um 1870 ......................... 56 Juden (in 11 Familien),

    --- 1885 ............................ 50   “   (ca. 2% d. Bevölk.),

    --- 1895 ............................ 70   “  ,

    --- 1905 ............................ 70   “  ,*    *andere Angabe: 45 Pers.

    --- 1924 ........................ ca. 60   “   (ca. 1% d. Bevölk.),

    --- um 1930 ..................... ca. 60   “  ,

    --- 1942 (Dez.) .....................  keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 79

Schierstein am Rhein - Ansichtskarte, um 1905 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Die jüdischen Familien Schiersteins bestritten ihren Lebensunterhalt bis ins 19.Jahrhundert überwiegend als ambulante Händler, ehe sie nach 1850/1860 Handelsgeschäfte am Ort eröffneten. Anfang der 1930er Jahre lebten noch ca. 60 jüdische Personen in Schierstein, unter ihnen ca. 25 Kaufleute, die im Einzelhandel tätig waren; zumeist befanden sich deren Geschäfte in der Wilhelmstraße, der heutigen Reichsapfelstraße. Auf Grund der zunehmenden Entrechtung und wirtschaftlichen Ausgrenzung verließ in den folgenden Jahren ein Teil der jüdischen Gemeindemitglieder den Ort und verzog in größere Städte bzw. ging in die Emigration. In einer Kurzmitteilung in der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 24.Okt.1935 hieß es:

                              

Während des Novemberpogroms von 1938 steckten SA-Angehörige die Schiersteiner Synagoge in Brand, die im Innern völlig ausbrannte; auch Wohnungen und Geschäfte wurden demoliert. An der Plünderung der Geschäfte beteiligte sich auch die Schiersteiner Bevölkerung. Ende des Jahres mussten die letzten jüdischen Gewerbetreibenden ihre Geschäfte schließen. - Im Juni 1942 wurden die letzten in Schierstein verbliebenen jüdischen Bewohner deportiert; zuvor waren sie zwangsweise ins „Judenhaus“ in der Luisenstraße eingewiesen worden; nur ein einziger, Julius Löwenthal, überlebte die Deportation.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des Gedenkbuches (Bundesarchiv) sind 15 gebürtige bzw. länger in Schierstein wohnhaft gewesene jüdische Personen Opfer der NS-Gewaltherrschaft geworden; aus Frauenstein kamen sechs Personen, davom fünf Angehörige der Fam. Salmon, gewaltsam ums Leben (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/schierstein_synagoge.htm).

In einem im Frühjahr 1946 vor dem Landgericht Wiesbaden geführten Prozess wurden drei ehemalige SA-Leute wegen “schweren Landfriedensbruchs in Tateinheit mit schwerer Brandstiftung” zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

 

Der alte jüdische Friedhof – auf einem unscheinbaren kleinen Gelände zwischen Schierstein und Niederwalluf gelegen – besitzt nur noch sehr wenige Grabsteine.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20298/Schierstein%20Friedhof%20190.jpg Der alte Friedhof (Aufn. Dorothee Lottmann-Kaeseler, ca. 2004)

Der neue jüdische Friedhof ist ein Teil des allgemeinen kommunalen Friedhofs befindet sich ebenfalls an der Straße Richtung Niederwalluf.

Einige Grabstätten des neuen Friedhofs (Aufn. J. Hahn, 2008) http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20171/Schierstein%20Friedhof%20172.jpg

Das Synagogengrundstück ging 1950 in den Besitz der Stadt Wiesbaden über. Nach dem Abbruch der Synagogenruine um 1965 entstand auf dem freien Gelände in der Bernhard-Schwarz-Straße eine kleine Gedenkstätte, die 1968 eingeweiht wurde.

  Aufn. Walter Richters, 2018, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0

Mittelpunkt des Mahnmals bildet eine Rosette, die aus der Ostwand der einstigen Synagoge stammt. Ein Gedenkstein trägt die folgende Inschrift:

Diese Rosette schmückte die Ostwand der Synagoge, die bis zu ihrer mutwilligen Zerstörung am 10.November 1938 an dieser Stelle stand und Mittelpunkt der Mitglieder der Jüdischen Gemeinde war, bis diese in die Vernichtungslager verschleppt wurden.

Diesen Gedenkstein errichtete die Stadt Wiesbaden zur Erinnerung und steten Mahnung.  Denn von Zion geht die Lehre aus und das Wort des Ewigen von Jerusalem. Kein Volk wird gegen ein anderes Volk mehr das Schwert erheben und sie werden nicht mehr das Kriegshandwerk erlernen.  Diese Worte schrieb der Prophet Jesaia am Anfang des zweiten Kapitels seines Buches vor etwa zweitausendsiebenhundert Jahren - MCMLXVIII.

Seit 2020 befindet sich neben der Rosette eine Gedenkstele, die neben historischen Aufnahmen Informationen zur Geschichte der Synagoge trägt.

og. „Stolpersteine“ erinnern an mehreren Verlegeorten an Opfer der NS-Herrschaft; die Steine wurden – beginnend im Jahre 2006 - in die Gehwegpflasterung eingefügt.

alle Aufn. Walter Richters, aus: gruene-schierstein.de

[vgl. Wiesbaden (Hessen)]

 

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 2, S. 270 - 272

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder - Dokumente, Eduard Roether Verlag, Darmstadt 1973, S. 183

Lothar Bembenek (Bearb.), Die jüdische Gemeinde Schierstein-Frauenstein, Hrg. Verein Wiesbadener Museum der Neuzeit e.V., Wiesbaden 1985

Studienkreis Deutscher Widerstand (Hrg.), Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945, Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt, 1995, S. 347 ff.

Schierstein mit Frauenstein, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Mirjam Ulrich (Red.), Gedenken an Schiersteiner Arzt, in: „Frankfurter Rundschau“ vom 1.8.2007

Daniiel Honsack (Red.), Boykott kostete die Existenz, in: „Wiesbadener Tageblatt" vom 6.11.2009 (betr. Familie Salmon)

Hans Groth (Red.), Christoph Adam entdeckte „sein Schierstein“ in Yad Vaschem, in: pluspunktschierstein.de vom 23.11.2012

Julia Anderton (Red.), „Wunderbar, dass an ihn gedacht wird“ - Regisseur Rolf von Sydow am „Stolperstein“ für seinen Großvater Dr. Alexander Bayerthal, in: „Wiesbadener Kurier“ vom 1.8.2013

Aktives Museum Spiegelgasse (Hrg.), Zur Erinnerung an Arnold Katzenstein, online abrufbar unter: am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/EB-Katzenstein-Arnold.pdf

Auflistung der in Wiesbaden-Schierstein verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Schierstein

Anja Baumgart-Pietsch (Red.), Die Feuerwehr durfte nicht löschen, in: „Wiesbadener Kurier“ vom 15.9.2018

Volker Watschounek (Red.), Einst Gotteshaus, heute Gedenkstätte, in: wiesbaden-lebt.de vom 24.9.2020