Rhina (Hessen)

Datei:Haunetal in HEF.svg Im Zuge der Gebietsreform wurde Rhina 1971 der neugebildeten Kommune Haunetal im Kreis Hersfeld eingegliedert (Karte NNW, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Ihre Blüte erreichte die 1682 gegründete jüdische Gemeinde Rhina Ende des 19./Anfang des 20.Jahrhunderts. Sie umfasste damals mehr als 300 Mitglieder und stellte mehr als die Hälfte der gesamten Dorfbevölkerung. Rhina war in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts bis um 1910 der einzige Ort in Preußen, in dem die Bevölkerungsmehrheit jüdischen Glaubens war.

Angeblich sollen schon im 14.Jahrhundert Juden in Rhina gelebt haben. Anderen Angaben zufolge sollen Juden erstmals unmittelbar nach dem Dreißigjährigen Kriege nach Rhina gezogen sein. Sie kamen vermutlich aus bayrischen Gebieten bzw. waren aus dem Fürstbistum Fulda Vertriebene. Mitte des 17.Jahrhunderts lebten relativ viele jüdische Familien im Dorf; sie waren vom Adelsgeschlecht von Wehrda aufgenommen worden; nach derem Willen sollten die jüdischen Zuwanderer am Aufbau der durch den Krieg zerstörten Region mitwirken.

Der erste Betraum war vermutlich in einem alten Bauernhaus untergebracht; 1782 wurde ein Synagogengebäude errichtet, das etwa 50 Jahre später erweitert wurde. Um es nutzen zu dürften, musste die religiös-orthodoxe Gemeinde eine jährliche Abgabe entrichten. Um 1860 entschloss man sich zu einem Synagogenneubau; im vorderen Teil des Fachwerkbaus befand sich der Betsaal mit Frauenempore; im hinteren Bereich waren der Schulraum und die Lehrerwohnung, im Keller die Mikwe untergebracht.

  Synagogengebäude in Rhina (Aufn. Marktgemeinde Haunetal)      

Die schon längere Zeit in Rhina bestehende Religionsschule wurde in den 1860er Jahren in eine öffentliche jüdische Elementarschule umgewandelt, in der zeitweilig fast 80 Schüler unterrichtet wurden.

Zu den über lange Jahre hinweg in Rhina tätigen Lehrern zählte - neben Emanuel Fauerbach (von 1824 bis 1863 im Amt) - Isaak Emmerich (geb. 1835 in Gudensberg), der von 1862 bis 1902 seinen Wirkungsbereich in Rhina hatte.

Während des Ersten Weltkrieges mussten die christlichen Kinder ebenfalls in die „Judenschule“ gehen, da ihr Lehrer zum Kriegsdienst eingezogen worden war.

         Der Mohel (Beschneider) meldet sich zurück (Anzeige aus: Der Israelit" vom 11.8.1921)

In Rhina gab es seit den 1850er Jahren einen eigenen jüdischen Friedhof; er lag etwa ein Kilometer vor dem Dorfe; die letzte Beerdigung fand hier 1938 statt. In den Jahrzehnten zuvor waren die Verstorbenen auf dem alten jüdischen Friedhof in Burghaun beerdigt worden.

Juden in Rhina:

         --- 1829 .......................... 190 Juden (in 40 Familien),

    --- 1835 .......................... 177   “  ,

    --- 1855 .......................... 322   “   (in 63 Familien),

    --- 1871 .......................... 312   “   (ca. 53% d. Bevölk.),

    --- 1885 .......................... 314   “   (ca. 56% d. Bevölk.),

    --- 1895 .......................... 297   “  ,

    --- 1902 .......................... 332   “   (ca. 60% d. Bevölk.),

    --- 1919 .......................... 253   “   (in 59 Familien),

    --- 1927 .......................... 214   “  ,

    --- 1928 .......................... 183   “  ,

    --- 1930 .......................... 184   “   (ca. 30% d. Bevölk.),

    --- 1933 (Juni) ................... 172   “  ,

    --- 1937 (April) .................. 121   “  ,

    --- 1938 (Okt.) ...................  87   “   (ca. 22% d. Bevölk.),

    --- 1939 (Anfang) .................  63   “  ,

             (März) ...................  keine.

Angaben aus: P. Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 2, S. 220 f.

und                 Brunhilde Miehe, Rhina - einstmals Brennpunkt jüdischer und christlicher Religion und Lebensart, S. 45

Die meisten Juden Rhinas betrieben Hausierhandel mit Textilien/Gebrauchsgüter sowie Vieh- und Fellhandel; auch waren sie in der Landwirtschaft tätig. „ ... Nach der am 1.Dezember 1875 zuletzt stattgefundenen Volkszählung fanden sich in 106 Häusern und 121 Haushaltungen 263 Christen und 337 Juden. Erste sind Bauern und Tagelöhner; letztere teils Krämer, Branntweingroßhändler, Vieh-, Fell-, Woll- und Fruchthändler.” (aus der Schulchronik von Rhina)

   aus: „Der Israelit“ vom 18.2.1909 u. 16.6.1921

aus: "Jüdische Wochenzeitung für Kassel, Kurhessen u. Waldeck" vom 23.1.1931 

Am 22.Januar 1933 – also eine Woche vor der "Machtergreifung" - konnte die Rhinaer israelitische Gemeinde ihr 150jähriges Synagogenjubiläum feiern. In einem Artikel berichtete die Zeitschrift „Der Israelit“ vom 2. Februar 1933 wie folgt:

                                                  

Noch wenige Jahre vor der NS-Machtübernahme 1933 lebten fast 200 Juden am Ort; dies entsprach etwa einem Drittel der Gesamtbevölkerung; bis 1933 gab es im Dorf nur Geschäfte jüdischer Inhaber. Die Rhinaer Juden hielten bis zur Auflösung der Gemeinde strikt ihre religiösen Gebräuche ein; so wurde jeden Morgen in der Synagoge Gottesdienst abgehalten, am Sabbath und an Feiertagen herrschte vollständige Arbeitsruhe. - Trotz der NS-Propaganda wurde das einvernehmliche Zusammenleben zwischen Christen und Juden in den ersten Jahren der NS-Diktatur nicht wesentlich gestört. Doch nach wiederholten antijüdischen Demonstrationen und Störungen der Gottesdienste zog es der Großteil der Rhinaer Juden vor, sein Heimatdorf zu verlassen. Die meisten von ihnen emigrierten in die USA, jüngere gingen nach Palästina; ein anderer Teil verzog in deutsche Städte, meist nach Frankfurt/Main. Schon Jahre vor dem Novemberpogrom von 1938 wurden jüdische Bewohner von Rhina Opfer von NS-Terror, der zumeist von fanatisierten Jugendlichen ausging: Fenster von Juden bewohnter Häuser wurden eingeworfen, Gottesdienste massiv gestört und auch Gewalt gegen einzelne Personen angewendet.

Aus dem Polizeibericht der Gendarmerie Wehrda vom 22.3.1935: „ ... Am 22.März 1935 ... erhielten wir ... die telefonische Nachricht, daß dortselbst ein Überfall auf die Synagoge stattgefunden habe. ... begaben uns sofort nach Rhina, wo wir feststellten: als gegen 18.45 Uhr, nach Beendigung des jüdischen Gottesdienstes, die ersten Personen die Synagoge durch die Haupttür ... verließen, drangen plötzlich etwa 15 bis 20 Personen, die, verkleidet und schwarz maskiert, mit Gummiknüppeln ausgerüstet waren, in die Synagoge und schlugen blindlings auf die männlichen Juden ein ...

In der „Reichskristallnacht“ wurden die Synagoge und der Schulraum planmäßig in Brand gesetzt und zerstört, alle Ritualien - darunter 15 Thorarollen und wertvolle Silbergefäße - vernichtet. Etwa 20 männliche Juden wurden verhaftet und mehrere Wochen im KZ Buchenwald festgehalten.

                  Im „Hünfelder Kreisblatt” vom 11.11.1938 hieß es dazu:

Aus Stadt und Land

Synagoge u. Judenschule gingen in Flammen auf !

Rhina. Unser Ort, der früher schon über 60% Juden gezählt haben soll, und damit mit zu den berüchtigsten Hochburgen unseres Hessenländchens gehörte, ist nun auch die Antwort auf die feige Mordtat in Paris nicht schuldig geblieben. Synagoge und Judenschule, diese Schandflecke in unserer Gemeinde, gingen am hellen Tag in Flammen auf. Wir sehen den Tag kommen, daß wir melden können: Auch unser Dorf ist judenrein !

Bereits Anfang des Jahres 1939 hatten alle jüdischen Einwohner Rhina verlassen; die letzten Abmeldungen erfolgten ausschließlich nach Frankfurt/Main. Am 1.März 1939 erklärten die NS-Behörden Rhina für „judenfrei“.

Knapp 60 aus Rhina stammende jüdische Bewohner wurden „in den Osten umgesiedelt”; die meisten kamen dort gewaltsam ums Leben.

Heute erinnern in Rhina nur die Grabsteine auf dem israelitischen Friedhof an die jüdische Vergangenheit des Ortes.

Blick auf den jüdischen Friedhof (Aufn. M. 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

  

einzelne Grabmäler und der Gedenkstein für die Shoa-Opfer (Aufn. aus: juedspurenhuenfelderland.de)

2019 wurden auf Initiative des Heimatvereins in Rhina drei sog. „Stolpersteine" verlegt; sie erinnern an Angehörige der jüdischen Familie Metzger.

 Der wohl berühmteste Sohn der jüdischen Gemeinde Rhina war der 1873 geborene Maler und Graphiker Jakob Nußbaum. Nachdem er seine Kindheit in Rhina verbracht hatte, zog seine Familie nach Frankfurt/Main. Nach einem Studium an der Kunstakademie München besaß Jakob Nußbaum ein Atelier in Frankfurt, wo er besonders als Portrait- und impressionistischer Landschaftsmaler in Erscheinung trat. Nußbaum war viele Jahre Vorsitzender des Frankfurter Künstlerbundes, eines Forums für moderne Künstler. Im Herbst 1933 emigrierte Jakob Nußbaum mit seiner Frau und drei Kindern nach Palästina, wo er in einem Dorfe am See Genezareth bis zu seinem frühen Tode 1936 lebte.

 

In Wehrda, einem anderen Ortsteil von Haunetal, gab es auch eine kleine jüdische Gemeinde, die sich aber bereits 1935/1936 aufgelöst hatte. Ihren zahlenmäßigen Höchststand hatte die Wehrdaer Gemeinde um 1820/1830 mit knapp 150 Angehörigen erreicht.

[vgl. Wehrda (Hessen)]

eitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M.1971, Bd. 2, S. 220 f.

Nur Grabsteine blieben übrig - Jüdische Friedhöfe in Stadt und Kreis Hersfeld’, in: Hersfelder Zeitung 1976

Brunhilde Miehe, Rhina - einstmals Brennpunkt jüdischer und christlicher Religion und Lebensart, Selbstverlag, 2.Aufl. Kirchheim/OT Gershausen 1981

Naftali Herbert Sonn/OttoBerge, Schicksalswege der Juden in Fulda und Umgebung, Fulda 1984, S. 145 ff.

Renate Chotjewitz-Häfner/Peter Chotjewitz, Die Juden von Rhina. Aus der Chronik eines osthessischen Dorfes, hrg. von „Die Grünen“ Landkreis Hersfeld-Rotenburg, Oberellenbach 1988

Abraham Frank, Die Geschichte der Juden in Rhina, Jerusalem o.J. (als pdf-Datei online)

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Hessen II - Regierungsbezirke Gießen und Kassel, Hrg. Studienkreis Deutscher Widerstand, VAS-Verlag, Frankfurt/M. 1996, S. 60/61

Rhina, in: alemannia-judaica.de (mit einer detaillierten Dokumentation zur jüdischen Ortsgeschichte, auch zahlreiche personenbezogene Texte)

Elisabeth Sternberg-Siebert, Jüdisches Leben im Hünfelder Land: Juden in Burghaun, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2001, S. 23 und S. 45/46

Claudia C. Müller, Jakob Nussbaum (1873 - 1936). Ein Frankfurter Maler im Spannungsfeld der Stilrichtungen, in: Studien zur Frankfurter Geschichte, Band 47, Frankfurt/M. 2002

Heinrich Nuhn (Hrg.), Die Judeneiche, Rotenburg/Fulda, 2003

Harald Neuber, Rhina im Spiegel seiner christlich-jüdischen Vergangenheit, Haunetal 2005

Elisabeth Sternberg-Siebert, Auf den Spuren jüdischen Lebens im Hünfelder Land - Internet-Präsentation (mit zahlreichen Informationen), abrufbar unter: juedspurenhuenfelderland.de/die-jüdischen-gemeinden/rhina

Hartmut Zimmermann (Red.), Stolpersteine in Rhina verlegt – Erinnerung an ermordete Juden, in: „Fuldaer Zeitung“ vom 10.12.2019