Nußloch (Baden-Württemberg)

Bildergebnis für Eppingen Kraichgau karte Nußloch mit derzeit ca. 11.000 Einwohnern ist eine Kommune im Rhein-Neckar-Kreis - etwa zehn Kilometer südlich von Heidelberg bzw. nördlich von Wiesloch gelegen (Nußloch ohne Karteneintrag, aus: wikimedia.org, CCO).

Die Existenz von drei jüdischen Familien im kurpfälzischen Dorf Nußloch wird 1712 erstmals erwähnt; in den folgenden Jahrzehnten zogen weitere nach.

In der Anfangszeit besaßen die Nußlocher Juden am Ort einen eigenen Friedhof, der aber später aufgegeben wurde; von da an diente der jüdische Friedhof in Heidelberg bzw. in Wiesloch als letzte Ruhestätte verstorbener Nußlocher Juden.

Zu gemeindlichen Zusammenkünften trafen sich die Juden Nußlochs im Synagogenraum eines Gebäudes in der Friedrichstraße; zunächst nur angemietet konnte es in den 1830er Jahren von der Gemeinde käuflich erworben werden.

Anm.: Im Hause, in dem sich der Betsaal befand, war auch ein Wirtshaus untergebracht. Die zwischen der Gemeinde und dem Gastwirt auftretenden Probleme mussten gerichtlich geregelt werden. Als der Wirt den Eingang des Hauses für die jüdische Gemeinde gesperrt hatte, musste die Gemeinde daraufhin eine Treppe zu dem im Obergeschoss liegenden Betsaal anbringen lassen.

Für die Besorgung religiöser Aufgaben in der Gemeinde war im 19. Jahrhundert zeitweise ein eigener Lehrer angestellt.

 http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20346/Nussloch%20Amtsblatt%20Seekreis%2023021850.jpg

aus: "Großherzoglich Badisches Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 14.1.1843 und vom 23.2.1850

Seit 1905 gehörten auch die wenigen Juden Leimens zur Kultusgemeinde Nußloch.

Nußloch war seit 1827 dem Rabbinatsbezirk Heidelberg zugeordnet.

Juden in Nußloch:

        --- um 1745 ......................  3 jüdische Familien,

    --- 1825 ......................... 51 Juden (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1875 ......................... 65   “  ,

    --- 1900 ......................... 41   “  ,

    --- 1910 ......................... 37   “   (ca. 1% d. Bevölk.),  

    --- 1925 ......................... 21   “  ,

    --- 1933 ......................... 21   “  ,

    --- 1938 (Mai) ................... 10   “  ,

    --- 1940 (Sept.) .................  4   “  ,

             (Nov.) ..................  keine.

Angaben aus: F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden - Denkmale, ..., S. 217

Während der Revolutionswirren 1848 kam es auch in Nußloch zu judenfeindlichen Ausschreitungen. Doch wenige Jahre später hatte sich das Verhältnis zur christlichen Bevölkerungsmehrheit entspannt, und man lebte fortan einträchtig nebeneinander. Die wenigen jüdischen Familien verdienten ihren Lebensunterhalt im Handel mit Vieh, Tabak und Textilwaren. In den 1920er Jahren bestanden die folgenden jüdischen Geschäfte/Gewerbebetriebe: Schuhhandlung u. Damenschneiderei Adler (Hauptstraße), Gasthaus "Zum Adler" der Fam. Bernheim (Hauptstraße), Bäckerei u. Viehhandlung Bierig (Sinsheimer Straße), Hopfenhandlung u. Rohtabak-Fermentationsbetrieb Gebr. Ehrmann (Hauptstraße) und Pferdehandlung u. Textilwarengeschäft Neumann (Hauptstraße). Eine größere Zigarrenfabrik am Ort war im Besitz der jüdischen Fabrikanten S. Simon und Cie (Mannheim).

Die NS-Zeit beendete schließlich das friedliche Zusammenleben; um den zunehmenden Diskriminierungen zu entgehen, verließ ein Teil der Nußlocher Juden seinen Heimatort.

Das Synagogengrundstück wurde bereits vor 1938 an einen Nußlocher Bürger verkauft, der die Synagoge abreißen ließ und auf dem Grundstück ein Wohnhaus erstellte. Ende Oktober 1940 wurden die letzten vier jüdischen Einwohner nach Gurs deportiert.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden..." wurden nachweislich 14 gebürtige bzw. längere Zeit in Nußloch wohnhaft gewesene Juden in den NS-Vernichtungslagern ermordet (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/nussloch_synagoge.htm).

 

Ein im Rahmen des badischen „Ökumenischen Jugendprojektes Mahnmal für die deportierten Jüdinnen und Juden Badens“ entstandener Gedenkstein fand 2009 in einer Grünanlage des Ortes seinen Platz.

 Denkmal - angefertigt im Rahmen des Jugendprojektes (Aufn. H. Müller, Nußloch)

2016 wurden in Nußloch vier sog. „Stolpersteine“ verlegt, sie erinnern in der Friedrichstraße an die Geschwister Elsa u. Guta Mayer und in der Hauptstraße an das Ehepaar Bernheim.

Abb. aus: "Internetzeitung" vom 28.10.2016

 

Im zunächst pfälzischen, ab 1803 badischen Leimen bei Heidelberg gab es bis 1905 eine jüdische Gemeinde; sie hatte sich um 1700 gebildet. Ihre Blütezeit besaß die Leimener Gemeinde mit ca. 80 Personen gegen Ende des 18. Jahrhunderts; im Laufe des 19.jahrhunderts erreichte ihre Zahl kaum 30 Köpfe. Wohngebiet der Leimener Juden war die heutige Herrengasse. Die Gemeinde unterhielt eine Synagoge am Marktplatz. Mit der Abwanderung ins aufstrebende Mannheim ging die Zahl der Gemeindeangehörigen stetig zurück; die wenigen verbliebenen schlossen sich der Nusslocher Gemeinde an.

                        Anzeige von 1905

Nach Auflösung der Gemeinde wurde das Synagogengebäude 1905 verkauft und vermutlich um 1926/1927 abgebrochen. Der Almemor der Synagoge Leimen, der von der Familie Seligmann gestiftet worden war, befand sich nach dem Wegzug der Familie im „Museum für jüdische Altertümer“ in Frankfurt am Main, wo er 1938 zerstört wurde. Vier Leimener Juden wurden im Okt. 1940 ins südfranzösische Gurs verschleppt.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden..." wurden nachweislich fünf aus Leimen stammende Juden Opfer der NS-Gewaltherrschaft (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/leimen_synagoge.htm).

   Drei Schülerinnen der St. Ilgener Geschwister-Scholl-Schule haben sich 2010 sich mit Recherchen und einem von ihnen gestalteten steinernen Mahnmal ebenfalls am Jugendprojekt zur Erinnerung an die Deportationen der badischen Juden von 1940 in Neckarzimmern beteiligt (Abb. aus: mahnmal-neckarzimmern.de).

http://www.mahnmal-projekt-leimen.de/images/dokumentation/zentrales-mahnmal-neckarzimmern-ausschnitt-gr.jpg Mahnmale in Neckarzimmern (aus: mahnmal-projekt-leimen.de)

Bis ein endgültiger Platz für die Mahnmal-Doublette in Leimen gefunden ist, wird es im Foyer des Leimener Rathauses – es war das einstige Palais von Aron Elias Seligmann - aufgestellt.

 Aron Elias Seligmann war 1747 in Leimen als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren worden. Er übernahm den Salzhandel seines Vaters und wurde zusätzlich durch eine Tabakmanufaktur und durch Heereslieferungen reich. Als er 1799 nach München kam, erhielt er vom Kurfürst Max Joseph das Bürgerrecht - damals ein seltenes Privileg für einen Juden. Aron Elias Seligmann erwirtschaftete ein enormes Vermögen; seine fünf Söhne führten die Familiendynastie erfolgreich weiter. Wenige Jahre vor seinem Tode (1828) wurde Seligmann vom bayrischen König Maximilian I. sogar in den Adelsstand als Freiherr von Eichthal erhoben. Das von Aron Elias Seligmann, Freiherr von Eichthal 1792 erbaute Palais ist heute das Rathaus der Stadt Leimen.

  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20198/Leimen%20Rathaus%20045.jpg Rathaus der Stadt Leimen, ehem. Palais von Aron Elias Seligmann (Aufn. M. Fuchs, Leimen)

 

Weitere Informationen:

Karl Gehrig, Ein Streifzug durch die Geschichte Nußlochs, Nußloch 1925

Georg-Ludwig Menzer, Beiträge zur Ortsgeschichte von Leimen, Leimen 1949

Heinrich Schnee, Die Familie Seligmann-Eichthal als Hoffinanziers an süddeutschen Fürstenhöfen, in: "Zeitschrift für bayrische Landesgeschichte", 25/1965, S. 163 - 201

F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden - Denkmale, Geschichte, Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Band 19, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1968, S. 217 - 219

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988

Karl Günther, Manis aus Nussloch. Zur Geschichte der Juden in der Kurpfalz, in: Heidelberger Apokryphen, Heidelberg 1990, S. 72 – 86

Karl Günther, Das Haus Seligmann in Leimen im Lichte neuer Quellen, in: "Der Kraichgau", 14/1995, S. 127 - 149

Nußloch, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Leimen, in: alemannia-judaica.de (mit einzelnen Bild- u. Textdokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 292/293 und S. 353/354

Annette Weber (Red.), Das Palais Seligmann in Leimen - oder wie man das Angenehme mit dem Nützlichen verbindet, in: Jüdisches Leben in Baden 1809 bis 2009 - 200 Jahre Oberrat der Israeliten Badens, Ostfildern 2009, S. 57 - 63

Mahnmal-Projekt Leimen - Online-Präsentation, abrufbar unter: mahnmal-projekt-leimen.de

Stolpersteine in Nußloch verlegt. Erinnerung an vier deportierte und ermordete Juden, in: „Leinen – Nußloch – Sandhausen. Internet-Zeitung“ vom 28.10.2016