Niederhofheim (Hessen)

Datei:Liederbach am Taunus in MTK.svg Niederhofheim ist heute ein Ortsteil der Kommune Liederbach im hessischen Main-Taunus-Kreis - ca. 15 Kilometer westlich von Frankfurt/Main (Kartenskizze 'Main-Taunus-Kreis', Hagar 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

 

Im Dorfe Niederhofheim entstand vermutlich zu Beginn des 17.Jahrhunderts eine jüdische Gemeinde; wahrscheinlich handelte es sich bei den Zuzügen um jüdische Flüchtlinge aus Frankfurt/M., die nach dem sog. „Fettmilch-Aufstand“ von 1614 hier Schutz gefunden hatten. Ihren Höchststand erreichte die Zahl der Gemeindeangehörigen im Laufe des 18.Jahrhunderts mit etwa 50 Familien; unter ihnen sollen einige recht wohlhabend gewesen sein. Zur Kultusgemeinde Niederhofheim zählten auch die jüdischen Bewohner der Nachbarorte Ober- und Unterliederbach, später auch die Juden aus Bad Soden und Neuenhain. 1848 trennten sich die Juden Bad Sodens von der Gemeinde Niederhofheim und bildeten fortan eine autonome Gemeinde.

[vgl. Bad Soden (Hessen)]

Mitte des 18.Jahrhunderts errichtete die damals relativ wohlhabende jüdische Gemeinde Niederhofheim ihre Synagoge. Als diese nach etwa 100jähriger Nutzung baufällig geworden war, konnten die inzwischen in ärmlichen Verhältnissen lebenden Glaubensgenossen - sie verdienten ihren Lebensunterhalt zumeist vom Hausier- und Trödelhandel - die Renovierungskosten kaum aufbringen; eine überregional durchgeführte Kollekte sollte die dafür erforderlichen Finanzmittel zusammenbringen - was vermutlich aber nicht gelang; so verschlechterte sich der Zustand des Gebäudes noch weiter; zu welchem Zeitpunkt es dann nicht mehr gottesdienstlich genutzt wurde, ist nicht bekannt.

Bereits seit etwa 1680/1690 gab es in Niederhofheim einen jüdischen Friedhof, der als Sammelfriedhof für nahe Ortschaften genutzt wurde; dieses Areal stand bis Anfang der 1870er Jahre zur Verfügung; ein neuer Friedhof wurde um 1875 angelegt. Verstorbene aus Niederhofheim wurden auf diesem aber nicht beerdigt, sondern auf einem eigenen Begräbnisareal am Dorfausgang, am Liederbach; dieses war ebenfalls in den 1870er Jahren angelegt worden.

Juden in Niederhofheim:

         --- um 1740/70 ................... ca.  50 jüdische Familien,

    --- um 1850 ...................... ca.  70 Juden,

    --- 1900 ......................... ca.  40   “  ,

    --- um 1925 ...................... ca.  10   “  ,

    --- um 1935 ..........................  keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 2, S. 135

 

Bereits zu Beginn des 19.Jahrhunderts wanderten vor allem jüngere jüdische Familien aus Niederhofheim ab; zurückblieben zumeist alte Menschen. Die Gemeinde verarmte nun zusehends. Durch die Abspaltung der Juden aus Bad Soden verschlechterte sich die finanzielle Lage der Gemeinde noch mehr. Im ersten Jahrzehnt des 20.Jahrhunderts wurde die jüdische Gemeinde von Niederhofheim schließlich aufgelöst; die letzte jüdische Familie verließ das Dorf im Jahre 1935.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des „Gedenkbuches – Opfer der Verfolgung der Juden ...“ sind zwölf aus Niederhofheim stammende Juden Opfer der NS-Verfolgung geworden (namentliche Nennung der betroffenen Persosnen siehe: alemannia-judaica.de/niederhofheim_synagoge.htm).

Das ehemalige Synagogengebäude war bereits in den 1920er Jahren veräußert worden; Jahrzehnte später wurde es abgerissen.

                          Synagogengebäude ganz rechts im Bild (Aufn. aus: P. Arnsberg)

Der alte, 1873 geschlossene jüdische Friedhof wurde in der NS-Zeit „abgeräumt“ und das Areal planiert. Außer vier Grabsteinen sind alle anderen „verschwunden“. Dem neuen jüdischen Friedhof wurde das gleiche Schicksal zuteil.

                    Einer der Grabsteine vom alten Friedhof (Aufn. Stefan Haas, 2013)

Gräber auf dem neuen Friedhof (Aufn. K., 2010, aus: wikipedia.org, CCO)

In Niederhofheim lebte eine Zeitlang der 1786 in Frankfurt geborene Hirsch Salomon Niederhofheim (trug ursprünglich den Namen Stern); er besaß seinerzeit eine der größten Privatbibliotheken Frankfurts und verfügte selbst über ein bedeutendes talmudisches Wissen. Er starb 1849.

 Dessen Sohn Benjamin Niederhofheimer (1810-1856) „erlangte (er) in der talmudischen Literatur sehr bedeutende Kenntnisse, sodass er schon als junger Mann unter den Talmudgelehrten Frankfurts eine geachtete Stellung einnahm. Ganz besonderen Ruhm erwarb er sich in der Ausübung der Funktionen eines Mohel. Als sechszehnjähriger Jüngling trat er in die Praxis ein und übte sie bis zu seinem Tode aus - nicht nur in Frankfurt, sondern in der näheren und entfernteren Umgebung der Stadt. ... Mehr als 7.000 Jungen sind durch Rabbi Benjamin Niederhofheim ... "in den Bund Abrahams" aufgenommen worden; es gibt Familien, in denen er an drei Generationen - Vater, Sohn und Enkel - die Beschneidung vollzogen hat.“ Rabbi Benjamin - er ruhe in Frieden - wurde im Laufe der Zeit der Lehrer, Freund, Berater und Wohltäter ganzer Ortschaften. ...“ (aus einem Nachruf aus der Zeitschrift „Der Israelit" vom 2. März 1885)

 

 

 

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, FrankfurtM. 1971, Bd. 2, S. 135 f.

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder - Dokumente, Eduard Roether Verlag, Darmstadt 1973, S. 156

Thea Altaras, Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945 – Das jüdische Rituelle Tauchbad, Königstein/Ts. 2007, S. 353/354 (Neubearbeitung)

Niederhofheim mit Ober- u. Unterliederbach, in: alemannia-judaica.de