Münden (Niedersachsen)

Bildergebnis für Landkreis Göttingen karte ortsdienst Die im äußersten Süden von Niedersachsen liegende Stadt (im Landkreis Göttingen) mit derzeit ca. 25.000 Einwohnern trägt seit 1991 offiziell den Namen Hann. Münden (Karte aus: ortsdienst.de/niedersachsen/goettingen).

Bereits seit Ende des Mittelalters lassen sich jüdische Bewohner in Münden nachweisen; so zeugt z.B. die Jüdenstraße ("Jodenstrate") - zwischen der Burgstraße und dem Plan - von früheren jüdischen Einwohnern. Ein erster urkundlicher Beleg für die Ansiedlung von wenigen „Schutzjuden“ in Münden stammt aus dem Jahre 1397. Um die Mitte des 15.Jahrhunderts haben offenbar schon deutlich mehr jüdische Familien hier gelebt; Beleg dafür ist die herzogliche „Judensondersteuer“, die damals recht hoch war. Das jüdische Lebens in Münden endete vorläufig gegen Ende des 16.Jahrhunderts, als der Herzog Heinrich Julius die Juden vertreiben ließ.

Stadtansicht von Münden von Petrus Kerius, um 1610 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Danach sind erst wieder in der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts jüdische Bewohner in Münden nachweisbar; diese gründeten alsbald eine neue Gemeinde; sichtbares Zeichen dafür war 1673 die Anlage ihres Friedhofs.

Die Mündener Juden bestritten ihren Lebensunterhalt vom Trödel- und Kleinhandel; trotz der in den Schutzbriefen reglementierten Wirtschaftstätigkeiten gelangte der gewinnbringendere Tuch- und Ellenwarenhandel allmählich in jüdische Hand; so soll zeitweilig kein einziger christlicher Kaufmann mehr Tuchhandel betrieben haben.

Ausdruck ihrer inzwischen starken wirtschaftlichen Stellung in der Stadt war der Bau einer neuen Synagoge, die 1834 auf dem rückwärtigen Teil eines Grundstücks in der Hinterstraße (heute: "Hinter der Stadtmauer")  eingeweiht wurde. Ein Brand 1878 auf einem der Nachbargrundstücke beschädigte auch das Synagogengebäude stark; wenige Monate später waren die Schäden beseitigt, sodass das Gebäude wieder eingeweiht und in Nutzung genommen werden konnte.             

Die 1973 entdeckte Mikwe befand sich in einem Fachwerkhaus aus der Renaissancezeit (Hinter der Stadtmauer 7), in dem einst die kleine Gemeinde auch ihre ‚Schul’ eingerichtet hatte. Diese wurde nach 1850 als Elementarschule geführt und bestand bis 1921; danach war sie Religionsschule.

Einen jüdischen Friedhof am Vogelsangweg gab es bereits Ende des 17.Jahrhunderts (angelegt 1673); ein zweiter wurde 1928/1932 oberhalb der Göttinger Straße geschaffen, der bis zur Vernichtung der Gemeinde in Nutzung war (es waren nur sieben Gräber vorhanden).

Juden in Münden:

         --- 1397 ..........................   3 jüdische Familien,

    --- um 1440 .......................   5     “       “    ,

    --- 1525 ..........................   7     “       “    ,

    --- 1689 ..........................   6     "       "    ,

--- 1702 ..........................  41 Juden,

    --- 1809 ..........................  99   “  ,

    --- 1833 .......................... 102   “   (2,4% d. Bevölk.),

    --- 1848 ..........................  96   “  ,

    --- 1858 ..........................  35   “  ,

    --- 1864 ..........................  65   “  ,

    --- 1875 .......................... 155   “   (2,8% d. Bevölk.)

    --- 1885 .......................... 143   “  ,

    --- 1895 .......................... 125   “  ,

    --- 1905 .......................... 112   “  ,

    --- 1925 ..........................  98   “  ,

    --- 1933 ..........................  84   “  ,

    --- 1939 ..........................  48   “  ,

    --- 1942 (Febr.) ..................  22   “  ,

             (Aug.) ...................  keine.

Angaben aus: Germania Judaica, Band III/2, S. 907

und                 J.D. von Pezold (Bearb.), Münden, in: H. Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen ..., Bd. 2, S. 1072 und S. 1078

Mit der Revolution von 1848/1849 erreichte die Judenschaft die Emanzipation. Die soziale Struktur der jüdischen Gemeinde Münden änderte sich durch hohe Fluktuation immer sehr schnell; so soll um 1865 nur noch eine der ‚alten Familien’ in der Stadt ansässig gewesen sein. Die Volkszählung von 1864 wies für Münden 64 Juden aus; bis 1910 hatte sich die Mitgliederzahl der Gemeinde fast verdoppelt; das lag wohl daran, dass die Stadt zu einem Verkehrsknotenpunkt geworden war und damit besonders Kaufleute gute wirtschaftliche Perspektiven bot. Die Zugezogenen kamen überwiegend aus dem ländlichen Umland, aber auch aus dem benachbarten Hessen. Seit dem ausgehenden 19.Jahrhundert dominierten jüdische Geschäftsleute die Textilbranche der Stadt; das führende Geschäft war das der Familie Rosenberg (Ecke Schmiedestraße).

   

Geschäftsanzeige von 1894  - rechts im Bild: Textilhaus Madelong, Ecke Kirchplatz/Lange Str. (Repro v. Pezold)

Der seit den 1890er Jahren in Deutschland aufkommende Antisemitismus erreichte zwar auch Münden, konnte aber hier keine größeren Erfolge erzielen.

Im Jahre der NS-Machtübernahme hatte die jüdische Gemeinde Münden etwa 80 Mitglieder. Unmittelbar nach dem 30.Januar 1933 verstärkte sich in der Mündener Presse die antisemitische Hetze. In den beiden Lokalzeitungen erschienen dann auch die von ‚oben’ erteilten detaillierten Anweisungen für den reichsweiten Boykotttag am 1. April 1933.

                  Aus dem Bericht des „Weser-Kurier” vom 1.April 1933:

... Die Abwehraktion in Münden, der Boykott jüdischer Geschäfte, ist heute morgen auch hier durchgeführt worden. Vor den einzelnen Geschäften stellte die SA. Posten aus, und außerdem waren vor den Ladeneingängen Schilder aufgestellt mit der Aufforderung, nicht in diesen Läden zu kaufen. Der Straßenverkehr war sehr lebhaft, das Publikum wahrte jedoch in jeder Beziehung Ruhe. ...

Anm.: Zu diesem Zeitpunkt gab es in Münden nur fünf Ladengeschäfte mit jüdischen Besitzern, so das Modehaus Rosenberg, das Herren- u. Schuhgeschäft Madelong, das Lederwarengeschäft Ediger, die Textilhandlung Löwenthal und das Schuhgeschäft Blankenberg.

Nach vorübergehender Beruhigung setzte im Frühjahr 1935 eine erneute Boykottwelle ein, die zwei jüdische Geschäftsinhaber in Münden veranlasste, ihre Geschäfte aufzugeben und Deutschland zu verlassen.

Während des Novemberpogroms von 1938 drangen wohl mehrere Personen in die Mündener Synagoge ein und zerschlugen die Inneneinrichtung; Kultgegenstände wurden auf die nächst gelegene Freifläche (zur Fuldainsel "Tanzwerder") geschleppt und dort verbrannt. Die Polizei nahm zwar eine Anzeige des Vorstehers der Synagogengemeinde auf, doch von einer Strafanzeige soll dieser dann Abstand genommen haben. Zu Übergriffen auf die noch bestehenden fünf jüdischen Geschäfte soll es nicht gekommen sein. Etwa 20 jüdische Männer aus Münden und umliegenden Ortschaften wurden - auf Anordnung der Gestapostelle Hildesheim - in Haft genommen und zunächst ins Gerichtsgefängnis nach Göttingen gebracht; vermutlich überstellte man einige von ihnen dem KZ Buchenwald.

                  Aus einem Schreiben des Bürgermeisteramtes von Hann. Münden vom 25.5.1939:

....

An die Kriminalpolizei

h i e r

Es ist mir aufgefallen und auch gemeldet worden, daß die Bänke in den Anlagen und auf dem Tanzwerder von den hiesigen Juden in Anspruch genommen werden und dadurch den Fremden und unseren Volksgenossen die Möglichkeit genommen wird, hier Platz zu nehmen. Ich bitte durch Beamte allen Mündener Juden mündlich Anweisung zu geben, daß ihr Aufenthalt in den Anlagen und auf dem Tanzwerder nicht gewünscht wird.

Im Oktober 1939 wurde ein jüdischer Einwohner Mündens, der 29jährige Erwin Proskauer, von angetrunkenen SA-Angehörigen in seinem Hause überfallen und anschließend in die Werra getrieben, wo dieser ertrank. Im März bzw. Juli 1942 wurden die letzten etwa 20 in Münden verbliebenen Juden „in den Osten“ bzw. nach Theresienstadt deportiert.

 

Seit 1992 erinnert eine Gedenktafel an die Deportation der letzten fünf Mündener Juden vom Juli 1942 nach Theresienstadt.

 

In Todesangst verbrachten gequälte Menschen, wenige Meter von hier,
hinter der Mauer des Rathauses 1942 die letzten Stunden in ihrer Heimatstadt.
Wir gedenken der Mündener Bürger jüdischen Glaubens, die in unserer Mitte
gedemütigt, ihrer Menschenrechte beraubt, misshandeltund zur Ermordung deportiert wurden:
[23 NAMEN]

 Wir bitten um Vergebung und Frieden
Viele schwiegen, als jüdische Mitbürger entrechtet, gemieden, vertrieben, gefoltert, deportiert und ermordet wurden.
Wir bitten um Mut, dass wir nicht schweigen, wenn Menschen neben uns entwürdigt werden
Juli 1942    -   Juli 1992

Auf Initiative eines Vereins wurde sieben Jahre später am Rathaus ein Gedenkstein für die 1942 deportierten jüdischen Bewohner Mündens aufgestellt (beide Aufn. A.Hindemith, 2015, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0).

Eine Tafel am Packhof erinnert an den 1939 ums Leben gekommenen Erwin Proskauer.

Im Rahmen der Altstadtsanierung war im Jahre 1973 der Abriss des ehemaligen Synagogengebäudes erfolgt. Nahezu zeitgleich wurde im Kellergewölbe eines Fachwerkhauses An der Stadtmauer 23 (hier befand sich die jüdische Schule) eine Mikwe freigelegt, deren Anlage ausgangs des 18.Jahrhunderts erfolgt sein muss.

Tauchbad (Aufn. A.Hindemith, 2017, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Am Standort des alten jüdischen Friedhofs am Vogelsangweg - er besaß etwa 300 Gräber und war in der NS-Zeit völlig eingeebnet worden - erinnert ein Mahnmal mit hebräischer Inschrift an die verfolgten und ermordeten jüdischen Bürger der Stadt.


Ehem. alter Friedhof und Eingangspforte zum neuen jüdischen Friedhof (Aufn. Axel Hindemith, 2008/2010, aus: wikipedia.org)

 

In Hedemünden – heute Ortsteil von Hann.Münden – existiert ein winziger jüdischer Friedhof „Am Hackelberge“ (Elleröder Straße), dessen Belegung im Laufe des 19.jahrhunderts erfolgte. Auf dem mit einer Mauer umgebenen kleinflächigem Areal befinden sich heute ca. 20 Grabsteine von Verstorbenen aus Hedemünden und nahen Umland. Die Grabsteine aus rotem Sandstein stehen nicht - wie sonst allgemein üblich – aufrecht, sondern sind liegend aufgereiht.

Friedhof Hedemünden (Aufn. A. Hindemith, 2014, aus: wikipedia.org, CC BY 3.0)

 

Weitere Informationen:

Ulrich Popplow, Der Novemberpogrom in Münden und Göttingen, in: "Göttinger Jahrbuch", 28/1980, S. 177 - 192

Judenverfolgung von 1939 bis 1942 in einer deutschen Kleinstadt nach Dokumenten des Archivs der Stadt Münden - Arbeit der 11.Klasse des Grotefend-Gymnasiums, Hann.Münden 1982/83 im Rahmens “Schülerwettbewerbs Deutsche Geschichte”

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Niedersachsen I: Regierungsbezirke Braunschweig und Lüneburg, Pahl-Rugenstein Verlag, Köln 1985, S. 19 f.

Johann Dietrich von Pezold, Judenverfolgung in Münden 1933 - 1945, in: "Dokumentationen aus dem Stadtarchiv", Heft 1, Hrg. Stadt Münden, 2.Aufl. 1988

Uta Schäfer-Richter, Die jüdischen Bürger im Kreis Göttingen 1933 - 1945 : Göttingen - Hann.Münden - Duderstadt. Ein Gedenkbuch, Wallstein-Verlag, Göttingen 1992

Berndt Schaller/Adelheid Markus, Die Grabinschriften des jüdischen Friedhofs, in: Heinrich Hampe (Hrg.), Hedemünden. Aus der Geschichte einer kleinen Ackerbürgerstadt bis zu ihrem Verzicht auf die Stadtrechte 1930, Hann. Münden/Hedemünden 1992, S. 258 - 277

Heinrich Hampe, Judenbäder in Hedemünden und Münden, in: R. Sabelleck (Hrg.), Juden in Südniedersachsen. Geschichte - Lebensverhältnisse - Denkmäler. Schriftenreihe des Landschaftsverbandes Südniedersachsen, Band 2 , Hahnsche Buchhandlung, Hannover 1994, S. 185 ff.

Germania Judaica, Band III/2, Tübingen 1995, S. 907/908

Johann Dietrich von Pezold, Judenverfolgung in Hann. Münden - Der Fall Erwin Proskauer. Vortrag im Landgericht Göttingen, Nov. 2001

Johann Dietrich von Pezold (Red.), Die jüdische Familie Madelong und ihr über 100 Jahre alter Textilhandel, in: regiowiki.hna.de

Johann Dietrich von Pezold (Red.), Juden im mittelalterlichen Münden, in: Geschichte an drei Flüssen. Streiflichter in die Vergangenheit der Stadt Hann.Münden an Werra, Fulda und Weser, Hann. Münden 2003, S. 43 – 46

Joahnn Dietrich von Pezold (Bearb.), Münden (heute Hannoversch Münden), in: Herbert Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, Band 2, S. 1072 – 1082

Sibylle Obenaus (Bearb.), Mollenfelde, in: Herbert Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, Band 2, S. 1050 - 1057 (darin Hedemünden)

Johann Dietrich von Pezold (Red.), Judenverfolgung in Münden. Die Verwüstung der Mündener Synagoge, in: Geschichte an drei Flüssen. Streiflichter in die Vergangenheit der Stadt Hann.Münden an Werra, Fulda und Weser, Hann. Münden 2006, S. 69 - 71

Mikwe in Hann. Münden, Hinter der Stadtmauer 23, online abrufbar unter: historie.denkmalkunst-kunstdenkmal.de

Geschichtswerkstatt Göttingen e.V., Verfolgung und Emigration jüdischer Bürger/innen in Göttingen und Umgebung, online abrufbar unter: juedische-emigration.geschichtswerkstatt-goettingen.de (Anm.: detaillierte Darstellung der während der NS-Zeit getätigten antijüdischen Maßnahmen, hier: Informationen über die Familie Edinger, Hann. Münden, Rosenstraße)

Katja Rudolph, Vor 75 Jahren: Boykott jüdischer Geschäfte, in: regioWiki, 2013 (online abrufbar)

Mathias Simon (Red.), Jüdische Händler im Blickpunkt, in: „Mündener Rundschau“ vom 24.1.2018

Stefan Schäfer/Julia Bytom (Red.), HANN. MÜNDEN – Novemberpogrome 1938 in Niedersachsen, Hrg. Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten, online abrufbar unter: pogrome1938-niedersachsen.de/hann-muenden/