Meinerzhagen (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Meinerzhagen in MK.svg Meinerzhagen ist eine Kleinstadt mit derzeit ca. 21.000 Einwohnern im Märkischen Kreis im Westen des Sauerlandes - ca. 45 Kilometer südöstlich von Wuppertal gelegen (Karte TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Erst um die Wende zum 19.Jahrhundert siedelten sich unter bergischer Herrschaft einzelne Juden in Meinerzhagen dauerhaft an; doch bereits um 1750 sollen sich einige wenige vorübergehend am Ort aufgehalten haben. Dass ihre Ansiedlung bei den örtlichen Behörden nicht auf Zustimmung stieß, lässt ein 1818 vom Meinerzhagener Bürgermeister verfasstes Schreiben erkennen, in dem es u.a. hieß:

... Die Juden meiner Bürgermeisterei sind seit und in folge der unter der Bergischen Herrschaft zu Theile gewordenen Begünstigung hier eingewandert. ... Sie haben ... das Bürgerrecht als einen neuen wichtigen Zweig ihres Verkehrs betrachtet, auch wie Unkraut allenthalben hinverbreitet, um die Gewerbe christlicher Kaufleute zu zerstören und sich zu bereichern. ... Jeder Ort hat hohe bürgerliche Lasten zu tragen. Zu den Gewerben, welche die hierzu erforderliche Baarschaft liefern, gehört vorzüglich das der Kaufleute und Krämer. Gerade dieses Gewerbezweiges bemächtigen sich die Juden, besonders seitdem sie sich hier niederlassen. ... Daß sie verhaßt und man sie nirgends gerne sieht, ist also kein Wunder. ... Religionshaß ist dieses nicht, sondern der Abscheu, den der Christ gegen Solche, die ihm allgemein das Brod aus dem Munde nehmen, empfindet. ..."

Den Kern der jüdischen Bevölkerung in Meinerzhagen bildeten bis ins 20.Jahrhundert hinein die drei Familien Fischbach, Rosenthal und Stern.

Meinerzhagen bildete um 1850 zusammen mit den vier ‚Untergemeinden’ Altena, Neuenrade, Plettenberg und Lüdenscheid einen eigenen Synagogenbezirk; zuvor besuchten die Meinerzhagener Juden Gottesdienste in Lieberhausen; doch Querelen innerhalb der Judenschaft beendeten diese Gemeinschaft.

Laut Statut von 1858 bildete dann Meinerzhagen fortan eine Untergemeinde des Synagogenbezirks Altena.

Über die wirtschaftliche Lage der Meinerzhagener Judenschaft gegen Mitte des 19.Jahrhunderts gibt ein Brief des Vorstehers der hiesigen Judengemeinde vom Oktober 1856 an den örtlichen Amtmann Auskunft; darin hieß es:

„ ... In hiesiger Stadt wohnen bekanntlich 6 Familien jüdischer Confession, welche zusammen 30 Seelen zählen. Seit einer Reihe von Jahren ist der Gottesdienst in dem Hause des Unterzeichneten abgehalten, indem derselbe ein kleines Betzimmer unentgeltlich hergab. Dieses bisher benutzte kleine Betzimmer ist indeß gegenwärtig bei dem noch immer zunehmenden Andrange unserer Glaubensgenossen viel zu klein und zu beschränkt, um darin Gottesdienst nach unseren Gesetzen abhalten zu können. Es hat sich als ein dringliches unabweisliches Bedürfnis herausgestellt, eine andere größere und geeignetere Localität beschaffen zu müssen; allen Bemühungen ungeachtet hat dieses bisher nicht gelingen wollen und ist ein derartiges Local hier durchaus nicht zu erhalten; wäre dies aber auch der Fall, so würde die Miethe nicht beschafft werden können, weil die hiesige kleine Judengemeinde nur aus ärmlichen und dürftigen Mitgliedern besteht, die kein Vermögen besitzen. Die nächste Synagoge ist in Lüdenscheid, 3 Stunden von hier entfernt. ... Bei der gegenwärtigen Lage der Sache bleibt uns nichts übrig, als dahin zu wirken, daß wir eine kleine Synagoge erhalten; allein hierzu fehlt es uns leider an allen Mitteln. Wir haben indeß das Zutrauen zu unseren Glaubensgenossen, durch freiwillige Gaben soviel zusammenzubringen, um hier eine Synagoge erbauen zu können und erlauben uns daher, ... zu bitten, ... daß uns die Erlaubnis ertheilt werde, ... bei unseren Glaubensgenossen in der Provinz Westfalen eine Collecte anstellen zu dürfen.”

beide Texte aus: Rüdiger Benninghaus, Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Meinerzhagen, in: Meinardus - Meinerzhagener Heimatblätter, 16.Jahrgang, Heft 2/1982, S. 32

Die Bitte fand kein Gehör, sodass Gottesdienste weiterhin in privaten bzw. angemieteten Betlokalen abgehalten werden mussten. Um 1900 befand sich der Betraum im Erdgeschoss eines Neubaus im Kapellenweg. Ab 1927 diente das Obergeschoss eines Gebäudes hinter der Hauptstraße als Gebetsraum der Meinerzhagener Judenschaft; in dem ca. 50 Plätze fassenden Saal wurden Gottesdienste vermutlich bis 1938 abgehalten. Eine jüdische Schule hat es in Meinerzhagen zu keiner Zeit gegeben; die wenigen jüdischen Kinder besuchten zumeist die örtliche evangelische Schule; nur Religionsunterricht wurde getrennt erteilt.

Ein jüdischer Friedhof wurde 1813 am Schwarzenberg angelegt; zunächst war das Gelände im Besitz einer jüdischen Familie, die es 1843 der hiesigen Gemeinde übertrug. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg wurde eine neue jüdische Begräbnisstätte an der Heerstraße in Nutzung genommen.

Juden in Meinerzhagen:

       --- 1815 ........................... 14 Juden, 

    --- 1843 ........................... 20   "  ,                    

    --- 1856 ...........................  6 jüdische Familien (ca. 30 Pers.),

    --- 1875 ....................... ca. 30 Juden,

    --- 1913 ........................... 70   “  ,

    --- 1924/25 .................... ca. 45   “  ,

    --- 1933 ........................... 42   “  ,

    --- 1935 ........................... 39   “  ,

    --- 1942 ........................... 10   “  ,

             (Aug.) .................... keine.

Angaben aus: Rüdiger Benninghaus, Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Meinerzhagen

und                   Ira Zezulak-Hölzer (Bearb.), Meinerzhagen, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe, S. 614

                         Kirchstraße in Meinerzhagen (hist. Aufn.)

Zu Beginn der NS-Zeit lebten noch etwa 45 Bewohner israelitischen Glaubens in Meinerzhagen; sie betrieben derzeit acht Geschäfte.

Mehr als die Hälfte von ihnen emigrierte oder wanderte bis 1940 in andere deutsche Städte ab.

Die Einrichtungs- und Kultgegenstände des Synagogenraumes, die inzwischen im Privathaus des Gemeindevorstehers Nathan Stern zur Lagerung untergebracht waren, wurden während des Novemberpogroms von 1938 von SS-Angehörigen zerstört und an Ort und Stelle verbrannt. Fünf jüdische Männer wurden „in Schutzhaft“ genommen und eine Zeitlang im KZ Sachsenhausen festgehalten.

Die letzten beiden jüdischen Geschäfte (Manufakturwaren Julius Stern und Leo Stern) mussten Ende 1938 schließen.

Ende April bzw. Ende Juli 1942 wurden die elf noch am Ort verbliebenen Juden – sie waren in einem am Ortsrand liegenden Gehöft konzentriert worden – deportiert, einige nach Zamosc und andere nach Theresienstadt; keiner von ihnen kehrte jemals zurück.

 

1979 wurden an der Kirchstraße ein Gedenkstein und eine Gedenktafel mit den Namen der elf ermordeten ehemaligen jüdischen Bewohner angebracht.

2013/2014 wurden in drei Verlegeaktionen ca. 35 sog. „Stolpersteine“ an verschiedenen Standorten in die Gehwege Meinerzhagener Straßen eingelassen. 2017 folgten weitere vier Steine, die an die Familie Fischbach (Lindenstr.) erinnern.

  

    „Stolpersteine“ in der Teichstraße (Aufn. Budde) und der Kirchstraße  (zwei erinnern an nach Argentinien verschlagene Juden)

                                                        

Das bis 1926/1927 benutzte ehemalige Betlokal der Meinerzhagener Juden wurde Ende 2001 abgerissen.

Auf dem alten jüdischen Friedhof am Schwarzenberg sind heute keine Grabsteine mehr zu finden. Das mit einem Holzgatter umfriedete Gelände besitzt nur einen unscheinbaren Gedenkstein, der das Areal als ehemalige jüdische Begräbnisstätte ausweist.

Der (neue) jüdische Friedhof an der Heerstraße - seit 2008 in die Denkmalliste der Stadt eingetragen - weist ca. 15 Grabstätten auf; zudem erinnert ein Gedenkstein an die ermordeten jüdischen Gemeindeangehörigen. Während des Zweiten Weltkrieges wurden auf diesem Friedhofsgelände 26 sowjetische/polnische Zwangsarbeiter/innen und ihre Kinder beerdigt.

 

Neuer jüdischer Friedhof in Meinerzhagen (Aufn. A., 2017, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

In Kierspe - einer Kleinstadt wenige Kilometer nordwestlich von Meinerzhagen – wurden 2017 zunächst drei sog. „Stolpersteine“ im Hammerkamp verlegt, die auch bewirken sollen, dass damit eine Aufarbeitung der lokalen NS-Geschichte angestoßen wird. In Kierspe haben nur einzelne jüdische Familien gelebt, die aus Meinerzhagen zugezogen waren, aber weiterhin der dortigen Kultusgemeinde angehörten. Die Angehörigen des Viehhändlers Hermann Heß (er war um 1905 in den Ort zugezogen) verließen Kierspe mit ihren Familien aber wieder in den 1920/1930er Jahren.

 

Weitere Informationen:

Kommunalverwaltung Meinerzhagen, Aufstellung der am 16.6.1933 in Meinerzhagen ansässigen jüdischen Einwohner

Rüdiger Benninghaus, Zu Ge- und Nachdenken - der 28.April 1942 - Das Schicksal der Meinerzhagener Juden, in: “Meinerzhagener Zeitung” vom 28.4.1977

Rüdiger Benninghaus, Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Meinerzhagen, in: "Meinardus - Meinerzhagener Heimatblätter", 16.Jahrgang, Heft 1 und 2, 1982

Stadt betreut vergessenen jüdischen Friedhof am Schwarzenberg, in: "Westfälische Rundschau" vom 13.3.1993

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 366/367

Ehemaliges jüdisches Betlokal befand sich an der Hauptstraße, in: "Meinerzhagener Zeitung" vom 8./9.12.2001

Ehemaliges jüdisches Gebetshaus auch ein Stück Ortsgeschichte, in: "Meinerzhagener Rundschau" vom 18.12.2001

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen - Regierungsbezirk Arnsberg, J.P.Bachem Verlag, Köln 2005, S. 425 – 427

Edgar Gättner (Bearb.), Der alte jüdische Friedhof - Der neue jüdische Friedhof mit russischen Gräbern in Meinerzhagen, online abrufbar unter: gättner.de/friedhof/friedhof.htm

Frank Zacharias (Red.), Stolpersteine – Anlieger bald ohne Vetorecht?, online abrufbar unter: come-on.de

Jürgen Beil (Red.), Meinerzhagen. Dokumente der Familie Fiscbach im Stadtarchiv, online abrufbar unter: come.on.de vom 17.12. 2014

Ira Zezulak-Hölzer, Der Erste Weltkrieg als Zäsur – Das Verhältnis zwischen der deutschen und der jüdisch-deutschen Bevölkerung in der Stadt Meinerzhagen, in: "Der Märker", 63/2014, S. 131 ff.

N.N. (Red.), Dokumente der Familie Fischbach im Stadtarchiv, in: come-on.de vom 17.12.2014

Frank Zacharias (Red.), Stolpersteine – Anlieger bald ohne Vetorecht ?, online abrufbar unter: come-on.de

Herbert Langenohl (Red.), Die Verlegung von Stolpersteinen in Meinerzhagen, in: "Meinardus - Meinerzhagener Heimatblätter. Sonderheft", Meinerzhagen 2015

Ira Zezulak-Hölzer (Red.), Stolpersteine Meinerzhagen. Vor 75 Jahren, am 16. Januar 1938,  floh die Familie Oskar Fischbach in die USA und rettete so ihr Leben, online abrufbar unter: stolpersteine-meinerzhagen.de

Rolf Janßsen/Herbert Langenohl/u.a, Stolpersteine in Meinerzhagen, online abrufbar unter: meinerzhagen-stolpersteine.de (Anm.: in Text und Bild breit gefächerte Internet-Präsentation)

Auflistung der in Meinerzhagen verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Meinerzhagen

Initiative Stolpersteine Meinerzhagen (Hrg.), Stolpersteine erinnern an jüdische Mitbürger, Faltblatt 2016

Ira Zezulak-Hölzer (Bearb.), Meinerzhagen, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe – Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Arnsberg, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, Ardey-Verlag Münster 2016, S. 611 - 619

Johannes Becker (Red.), Stolpersteine: „Ein neuer Anfang für Kierspe“, in: come-on.de vom 23.2.2017

Frank Zacharias (Red.), Meinerzhagen. Demnig verlegt Stolpersteine selbst, in: come-on.de vom 15.6.2017

Auflistung der verlegten Stolpersteine in Kierspe, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Kierspe

Klaus Schliek (Red.), Initiative und Gäste hoffen auf weitere Stolpersteine, in: come-on.de vom 1.5.2018

Frank Zacharias (Red.), Wegweiser soll Nutzer „stolpern" lassen, in: come-on.de vom 25.10.2019