Illingen (Saarland)

Datei:Illingen in NK.svg Illingen ist eine Kommune mit derzeit ca. 18.000 Einwohnern im saarländischen Landkreis Neunkirchen - etwa 20 Kilometer nördlich von Saarbrücken gelegen (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Ein erster urkundlicher Beleg der Existenz von Juden in Illingen stammt von Beginn des 18.Jahrhunderts; doch vermutlich lebten bereits Jahrzehnte zuvor jüdische Familien im Ort. Die Herrschaft von Illingen, die Freiherren von Kerpen, nahmen im Laufe des 18.Jahrhunderts einige jüdische Familien - nach Zahlung eines niedrigen Schutzgeldes - in Illingen auf; dagegen wurde streng darauf geachtet, dass sich keine ‚Betteljuden’ hier ansiedelten. Den meist vom Viehhandel lebenden und aus der nördlichen Pfalz stammenden Juden sicherten die Freiherren individuell Schutz zu - allerdings immer gegen bestimmte Gegenleistungen, welche auch oft in Naturalien bestanden. Die Illinger Judensiedlung lag auf halbem Wege zwischen dem Schloss und dem Dorfe; das Gelände war herrschaftlicher Grund und Boden, wo ihnen - gegen Zahlung eines jährlichen Erbzinses - kleine Parzellen zur Verfügung gestellt worden waren.

Gegen Mitte des 18.Jahrhunderts wurde in Illingen der jüdische Begräbnisplatz angelegt, der auf herrschaftlichem Gebiete oberhalb des Heisterwaldes in Richtung Raßweiler lag. Bis 1831 wurden hier auch Angehörige der jüdischen Gemeinden Neunkirchen und Ottweiler beerdigt. Für jede Bestattung musste eine Gebühr gezahlt werden, die sich nach Geschlecht und Alter der Verstorbenen richtete.

Gottesdienste wurden zunächst in dem Obergeschoss eines Privathauses in der Judengasse abgehalten; im Erdgeschoss war eine Religionsschule untergebracht, wofür ebenfalls ein Schulgeld zu zahlen war. Einen eigenen Rabbiner unterhielt Illingen seit den 1760er Jahren.

 aus: „Allgemeine Zeitung des Judentums“ vom 24.8.1857

                                                Anmerkung: statt "Ellingen" muss es im obigen Text "Illingen" heißen

Seit 1859 besaß die Illinger Judenschaft eine neue Synagoge; es war ein zweigeschossiger Bau mit Satteldach. Zur Einweihung war die politische und gesellschaftliche „Prominenz“ der Umgebung erschienen.

                     Synagoge in Illingen (hist. Aufn., um 1930 ?, Landesamt) 

Eine eigene jüdische Elementarschule gab es in Illingen seit ca. 1820; gegen Ende des 19.Jahrhunderts erhielt sie den Status einer öffentlichen Schule.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20133/Illingen%20AZJ%2023071861n.jpg  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20133/Illingen%20Israelit%2018041907.jpg

Stellenangebote aus: Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 23.7.1861 und „Der Israelit“ vom 18.1.1895 und 18.4.1907

Zur Synagogengemeinde bzw. –bezirk Illingen gehörten auch die jüdischen Familien aus Dudweiler, Genweiler, Heiligenwald, Merchweiler, Quierschied und Sulzbach.

Juden in Illingen:

         --- 1763 ..............................   9 jüdische Familien,

    --- um 1790 ...........................  12     “       “    ,

    --- 1824 .............................. 145 Juden,

    --- 1843 .............................. 198   “  (ca. 25% d. Dorfbev.),

    --- 1855 .............................. 256   “  ,*              * Gemeindeangehörige

    --- 1895 .......................... ca. 220   “  ,*

    --- 1919 .............................. 182   “  ,

    --- 1925 .......................... ca. 200   “  ,

    --- 1933 .............................. 107   “  ,

    --- 1939 ..............................  32   “  ,

    --- 1941 ..............................  keine.

Angaben aus: Albert Marx, Die Geschichte der Juden im Saarland

und                 Otto Nauhauser (Bearb.), Die Jüdische Gemeinde zu Illingen

Haupterwerbsquelle der Illinger Juden war bis ins 19.Jahrhundert der Viehhandel. Im Zuge der zunehmenden Industrialisierung des Saargebietes ging die Zahl der Angehörigen der Illinger jüdischen Landgemeinde stark zurück. Die Juden Illingens waren in mehrere jüdische Vereine eingebunden; sie gehörten aber auch nicht-jüdischen Lokalvereinen an.

Zu antijüdischen „Aktionen“ kam es hier im Jahre 1907, als katholische Wähler der Zentrumspartei jüdische Geschäftsleute boykottierten. Darüber berichtete die „Allgemeine Zeitung des Judentums“ vom 22.3.1907 und zitierte dabei einen Artikel aus der „Kölner Zeitung“ wie folgt:

Wir haben schon über den politischen Boykott berichtet, der über die hiesige jüdische Gemeinde verhängt wurde. Jetzt schreibt die ‚Kölner Zeitung’ von hier: ‚In unserem 4.000 Einwohner zählenden Ort besteht eine Anzahl nicht unbedeutender Geschäfte, die sich im Besitz von Israeliten befinden. Die stark bevölkerte Umgegend deckt ihren Bedarf ebenfalls in den hiesigen Geschäften. Seit Jahren war das Verhältnis unserer zu 90 % katholischen Bevölkerung zu diesen israelitischen Geschäftsleuten das denkbar beste. Durch die letzte Reichstagswahl ist es jedoch gründlich zerstört worden. Unser Wahlkreis gehört zum Wahlkreise St. Wendel – Ottweiler – Meisenheim, in dem sich bei der letzten Reichstagswahl der Zentrumskandidat Marx und der Nationalliberale von Schubert gegenüber standen. Die Wahl endete mit der Niederlage des Zentrums, das auf einen sicheren Sieg gerechnet hatte und durch den Ausgang doppelt enttäuscht worden ist. Es war leicht festzustellen, daß die israelitischen Geschäftsleute nicht für das Zentrum gestimmt haben konnten. Schon gleich nach der Hauptwahl setzte die Agitation gegen die israelitischen Geschäftsleute ein; es wurden ihnen Drohbriefe gesandt. Der Ausgang der Stichwahl brachte die Judenhetze offen zum Ausdruck. Die Drohungen mehrten sich. In der Nacht wurden aufhetzerische Flugblätter in die Häuser geworfen, die an die katholischen Glaubensgenossen gerichtet waren, und in denen es hieß, es sei festgestellt, daß die Juden in Saarbrücken, Neunkirchen und Illingen liberal gewählt hätten. Die Juden hätten damit gegen die Katholiken, die ihnen das ganze Jahr hindurch ihren Verdienst zutrügen, gestimmt. Es folgte dann die Aufforderung, nichts mehr bei den Juden zu kaufen, sondern nur bei katholischen Geschäftsleuten. Am Fastnachtsdienstag folgten große Kundgebungen gegen die Juden. Auf einem Wagen sammelten sich mehrere Personen mit die Israeliten verhöhnenden Masken, und, gefolgt von einer mehr als tausendköpfigen Menge, zog man durch die Straßen; vor den Häusern der israelitischen Geschäftsinhaber machte man Halt und sang Spottlieder auf die Juden. …"

Nach dem Ersten Weltkrieg verbreitete sich in Illingen vermehrt antisemitisches Gedankengut; 1930 fanden erste Ausschreitungen gegen hiesige Juden statt, die von ca. 80 uniformierten Nationalsozialisten begangen wurden, ohne dass diese dafür strafrechtlich belangt wurden.

Zwischen 1933 und 1939 verließen mehr als 100 Illinger Juden ihren Heimatort; teils verzogen sie in andere größere Städte, teils emigrierten sie - vor allem nach Frankreich. Zurück blieb eine kleine Restgemeinde, die von Adolf Israel Kahn geführt wurde. Ende 1936 versuchten die Juden Illingens, zusammen mit denen von Neunkirchen und Merzig, eine Verbandsgemeinde zu gründen, da die jeweiligen Einzelgemeinden kaum mehr lebensfähig waren; doch diese Pläne zerschlugen sich auf Grund der weiteren politischen Entwicklung.

Während des Novemberpogroms von 1938 wurde die Synagoge von SA-Angehörigen geplündert und anschließend angezündet; das Gebäude brannte bis auf die Grundmauern nieder. Das Synagogengrundstück wurde 1940 von der Kommune Illingen übernommen, die Ruine 1949 niedergelegt. Auch der 1747 angelegte jüdische Friedhof wurde zerstört, die Grabsteine abgeräumt.

               Synagogenruine (Aufn. 1949, aus: E. Tigmann, Was geschah ...)

Jüdische Männer wurden teils auf LKWs abtransportiert, teils zunächst in die Arrestzellen des Rathauses eingesperrt und später verschleppt. Im Oktober 1940 wurden die letzten ca. 20 in Illingen verbliebenen Juden ins südfranzösische Internierungslager Gurs deportiert; damit endete die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Illingen

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des „Gedenkbuches – Opfer der Verfolgung der Juden ...“ wurden nachweislich 80 gebürtige bzw. längere Zeit hier ansässig gewesene jüdische Bürger Illingens Opfer der NS-Gewaltherrschaft (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: .alemannia-judaica.de/illingen_saar_synagoge.htm).

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2049/Illingen%20Friedhof%20102.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2049/Illingen%20Friedhof%20104.jpg

                                                                  Teilansicht des jüdischen Friedhofs Illingen und Mahnmal (beide Aufn. J. Hahn, 2004)
Auf dem jüdischen Friedhof - wenige Jahre nach Kriegsende weitgehend wieder hergerichtet - wurde ein Mahnmal (siehe Aufn. oben) mit der folgenden Inschrift aufgestellt:

Der Synagogengemeinde Illingen, ihrem zerstörten Gotteshaus,

ihren Toten und Opfern der Gewalt zur ehrenden Erinnerung !

Errichtet von der Zivilgemeinde Illingen

Synagogengemeinde Saar 1949

Der von einer Mauer umgebene Friedhof verfügt über ca. 180 erhaltengebliebene Grabsteine. 

Als einzige Gemeinde des Saarlandes besitzt Illingen noch heute eine „Judengasse

Torbogen der Synagoge Illingen (2018) 01.jpg Torbogen der Synagoge Illingen - Hinweistafel (2016).jpg Am erhaltenen und im Rahmen eines Gedenkprojektes wiederaufgerichteten Torbogen der ehemaligen Synagoge Illingens - er befindet sich auf einer Freifläche in Sichtweite der katholischen Pfarrkirche - ist eine Informationstafel angebracht (Aufn. Simon Mannweiler, 2018/2016, aus: commons.wikimedia, org, CC BY-SA 4.0).

Seit 2007 erinnern sog. "Stolpersteine" an das jüdische Ehepaar Albert u. Rosa Herzog, an die dreiköpfige Familie Levy und an Adolf Israel Kahn, den ehem. Vorsitzenden der Kultusgemeinde. Weitere Steine kamen 2010 bzw. 2014 hinzu. Bei der jüngsten Verlegung (2019) wurden an mehreren Standorten nochmals 19 Stolpersteine in das Gehwegpflaster eingefügt.

Illingen - Albert Herzog (1).jpgIllingen - Rosa Herzog (1).jpg  Illingen - Moritz Levy (1).jpgIllingen - Lina Levy (1).jpgIllingen - Olga Levy (1).jpg

verlegt in der Judengasse und Hauptstraße (alle Aufn. Simon Mannweiler, 2016, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

                                         Illingen - Lazar Ludwig (2019-01).jpgIllingen - Lazar Bertha (2019-01).jpgIllingen - Lazar Günther (2019-01).jpgIllingen - Lazar Ruth (2019-01).jpgIllingen - Lazar Kurt (2019-01).jpgIllingen - Lazar Francine (2019-01).jpg Sechs Steine für Angehörige der Fam. Lazar in der Hauptstraße

 

In Sulzbach/Saar - etwa zehn Kilometer nordöstlich Saarbrückens - lebten nur wenige jüdische Familien; um 1895 waren es ca. 30 Personen, Ende der 1920er Jahre fast 50; sie gehörten der Kultusgemeinde Illingen an. In den 1930er Jahren hielten sich hier vorübergehend etwa 100 jüdische Personen auf, die über die Grenze nach Frankreich flüchten wollten.

 

Weitere Informationen:

Otto Nauhauser, Die Jüdische Gemeinde zu Illingen, Hrg. Gemeinde Illingen, 1980

Robert Kirsch, Die Juden in der Herrschaft Illingen (Die Kerpische Judengemeinde im 18. Jahrhundert), Wemmetsweiler 1981

Juden in Illingen. Eine Dokumentation über Entstehung, Entwicklung und Zerstörung der Illinger Judengemeinde. Katalog zur Ausstellung am Illtal-Gymnasium, Illingen 1989

Albert Marx, Die Geschichte der Juden im Saarland, Verlag “Die Mitte”, Saarbrücken 1992, S. 30 f. u.a.

H.Jochum/J.P.Lüth (Hrg.), Jüdische Friedhöfe im Saarland - Informationen zu Orten jüdischer Kultur. Ausstellungsführer, Saarbrücken 1992, S. 15/16

Robert Kirsch, Die Juden in der Herrschaft Illingen. Die kerpische Judengemeinde im 18.Jahrhundert, Hrg. Gemeinde Illingen, o.J. (Anm.: sehr detaillierte historische Angaben)

Eva Tigmann, Was geschah am 9.November 1938 ? - Eine Dokumentation über die Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung im Saarland im November 1938, hrg. vom Adolf-Bender-Zentrum St. Wendel, St. Wendel 1998

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), „ ... und dies ist die Pforte des Himmels“. Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 463/464 

Illingen mit Merchweiler, Gennweiler, Quierschied und Sulzbach/Saar, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Gemeindehistorie)

Edgar Schwer, „Damit sie einen Namen haben“ - Spurensuche , in: "Unsere Heimat. Mitteilungsblatt des Landkreises Saarölouis für Kultur und Landschaft", Heft2/2010, S. 92/93

Auflistung der in Illingen verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Illingen_(Saar)

Andreas Engel (Red.), Kleine Hürden gegen das Vergessen, in: „Saarbrücker Zeitung“ vom 16.4.2019

N.N. (Red.), Für in Bad Kreuznach geborenen Juden Stolperstein verlegt, in: "Allgemeine Zeitung“ vom 4.7.2019

SR-Fernsehen (Red.), Erinnnerung an die jüdische Gemeinde Illingen, Video (vom 19.2.2020)