Graz/Steiermark (Österreich)

http://karten.plz-suche.org/at/72ca/Karte_Graz.png Lage von Graz innerhalb Österreichs

Ein erster urkundlicher Beleg für eine jüdische Ansiedlung in Graz stammt aus dem Jahre 1260; doch vermutlich lebten Juden bereits im 12.Jahrhundert in der Stadt. Ob es eine Verbindung mit den Bewohnern von Judendorf - nördlich von Graz gelegen - gegeben hat, ist fraglich; eine Erwähnung fand Judendorf („villa ad judeos”) bereits 1147. Gegen Mitte des 13.Jahrhunderts schienen dort aber keine Juden mehr gelebt zu haben. Mit dem aufstrebenden Handel wuchs Graz und ebenfalls die Zahl der jüdischen Familien, die in einem bestimmten Stadtviertel, in der Verlängerung der südlichen Herrengasse, wohnten; es waren kaum mehr als 150 Personen. Zentrum des mittelalterlichen Judenviertels war die Synagoge („Templerhaus“); die kleine jüdische Gemeinschaft verfügte auch über einen eigenen Friedhof (im Bereich des heutigen Jakominiplatzes) - erstmals 1304 sicher belegt. Der Unmut gegenüber den Juden in Graz erreichte gegen Ende des 14.Jahrhunderts einen vorläufigen Höhepunkt: Als Geldverleiher waren sie zu Reichtum gelangt und bedrohten die Existenz mancher Bürger, die ihre Stadthäuser an die jüdischen Gläubiger verpfänden mussten. Dies führte zu antijüdischen Ausschreitungen und 1339 auch zu vorübergehenden Vertreibungen.

1437/1438 verwies der Tiroler Herzog Friedrich V. auf Betreiben der Stände die Grazer Juden aus der Stadt; daraufhin riss die Bevölkerung einen Teil der „Judenstadt“ nieder; auf der Freifläche wurde eine Kapelle errichtet, später das Dominikanerkloster. Der Landesherr zog einen Teil des jüdischen Besitzes ein und verpfändete auch ehemalige Judenhäuser.

Doch bereits ein Jahrzehnt später durften sich wieder Juden in Graz niederlassen, da der Kaiser die Einkünfte aus der Judensteuer nicht missen wollte; sein Nachfolger hingegen kam erneut den Wünschen des Grazer Stadtrates nach, die Juden auszuweisen; als Begründung gab Maximilian I. an, dass „die Jüdischheit dem heiligen Sakrament zu vielen Malen schwere Unehre gezeigt, und dass sie auch junge christliche Kinder gemartert, getötet, vertilgt, ihr Blut genommen und zu ihrem verstockten verderblichen Wesen gebraucht ... Damit fortan solch Übel nicht mehr geschehe, (haben Wir) unsere Jüdischkeit aus unserem Lande Steyr in ewige Zeit beurlaubt” . 1496 unterzeichnete Kaiser Maximilian I. die Judenausweisung; damit war für viele Generationen die Steiermark „judenfrei“; wenn sich ein Jude dennoch, z.B. als Hausierer, in der Region aushielt, wurde er in den Kerker geworfen. In der Folgezeit wehrten sich die steirischen Stände erfolgreich gegen jegliche neue jüdische Zuwanderung. Erst nach 1680 wurden das Aufenthaltsverbot etwas gelockert; der Kaiser setzte eine Liberalisierung für wenige privilegierte „Hofjuden“ durch; unter der Herrschaft Maria Theresias kamen einige „Münzjuden“, aber auch Lieferanten für die kaiserliche Armee nach Graz.


 Graz – Stahlstich von Georg Matthäus Fischer, um 1670 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Ihr Nachfolger, Joseph II., ging noch einen Schritt weiter: Gemäß seinem Hofdekret von 1783 durften sich Juden für 24 Stunden zu den Jahrmärkten in Graz aufhalten; dies missfiel jedoch zunehmend den Ständen der Steiermark, doch konnten sich aber nicht mit ihren Forderungen durchsetzen.

Graz - Aquarell C. Kreutzer, um 1840 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Erst um 1850/1855 durfte sich der erste Jude in Graz dauerhaft niederlassen; etwa ein Jahrzehnt später erhielten weitere 20 bis 30 jüdische Familien ein dauerhaftes Wohnrecht eingeräumt. In den folgenden zwei Jahrzehnten machten sich mehr als 1.200 Juden - vor allem aus westungarischen, später burgenländischen Gebieten - in Graz ansässig; ursächlich dafür war vor allem der rasante industrielle Aufschwung der Stadt. Bevorzugte Wohngebiete waren die Stadtteile Gries und Lend, die von der sozialen Unterschicht bewohnt wurden.

Im Jahre 1863 konstituierte sich die „Israelitische Korporation“, die die notwendigen gemeindlichen Einrichtungen wie Friedhof und Betsaal organisieren sollte. 1865 wurde ein provisorischer Betraum im „Whithalms Coliseum“ in der Zimmerplatzgasse eingeweiht, in der nahen Gemeinde Eggenberg (nun Bezirk Wetzelsdorf) eine Begräbnisstätte angelegt. In den Jahren 1909/1910 ließ die Kultusgemeinde durch den Grazer Stadtbaumeister dort eine Zeremonienhalle im neoklassizistischen Stile errichten.

Die offizielle Gründung der Grazer Synagogengemeinde war im Jahre 1869 erfolgt. 1890 wurde am Grieskai mit dem Bau einer großen Synagoge im neoromanisch-byzantinischen Stil begonnen. Sie war nach dem Dresdener Vorbild vom Wiener Architekten Maximilian Katscher entworfen worden. Finanziert wurde sie maßgeblich durch eine „Lotterie zu Gunsten des israelitischen Tempels in Graz“ erbrachte dann die noch fehlenden Mittel.

Am Vortag des jüdischen Neujahrsfestes - am 14.September 1892 - wurde der Synagogenbau unter Teilnahme der politischen Prominenz feierlich eingeweiht. Während die evangelische Kirche Vertreter gesandt hatte, waren Abgesandte der katholischen Kirche nicht erschienen. Die Festpredigt hielt Dr. Samuel Mühsam, der erste Rabbiner der neuzeitlichen Grazer Gemeinde.

Nahe der Synagoge wurde später das Schul- und Amtshaus der Kultusgemeinde errichtet, das im Parterre den „Winterbetsaal“ beherbergte.

 

 Synagoge am Grieskai (hist. Aufn. um 1900, aus: wikipedia.org, CCO und Archiv Karl-Albrecht Kubinzky, aus: austria-forum.org )

 Im Oktober 1907 wurde Dr. David Herzog (geb. 1869) vom Rat der Israelitischen Kultusgemeinde Graz zum neuen Rabbiner für Steiermark, Kärnten und - bis 1918 - für Krain gewählt. Während seiner Amtszeit erreichte die Gemeinde ihren Zenit.

Juden in Graz:

    --- um 1400 ...................... ca.   200 Juden,

--- um 1860 ...................... ca. 20 - 30 jüdische Familien,

    --- 1869/70 ...................... ca.   250 Juden,

    --- 1880 ......................... ca. 1.200   “  ,

    --- 1910 ............................  1.971   “  (1,3% d. Bevölk.),

    --- 1923 ............................  2.456   “  ,

    --- 1934 ............................  1.720   “  ,*         * Grazer Kultusgemeinde

    --- 1938 (März) .................. ca. 2.400   “  ,**       ** gesamte Steiermark

    --- 1939 ......................... ca.   300   “  ,

    --- 1940 (Mai) .......................   keine,

    --- 2000 ......................... ca.   100   “  .

Angaben aus: Wolfgang Sotill, Es gibt nur einen Gott und eine Menschheit - Graz und seine jüdischen Bürger ...

Die meisten Angehörigen der Grazer Kultusgemeinde gehörten um 1900 der sozialen Unterschicht an; nur relativ wenige lebten im Wohlstand.

Gegen Ende des Ersten Weltkrieges machte sich in Graz - massiv geschürt durch die Lokalpresse - eine antisemitische Stimmung breit; das lag auch daran, dass kurz nach Kriegsbeginn knapp 2.000 jüdische Flüchtlinge in die Stadt geströmt waren; sie hatten ihre Heimat (Galizien und die Bukowina) wegen der Kriegswirren und dem in Russland herrschenden Antisemitismus verlassen. In Graz richteten diese orthodoxen Juden damals eine provisorische Synagoge aus Holz in der Gabelsberger Straße ein, da ihnen die vorhandene Synagoge zu wenig traditionell war. Überalterung, Geburtenrückgang und Auswanderung, aber auch Austritte aus der Kultusgemeinde ließen alsbald die Zahl der Gemeindemitglieder deutlich schrumpfen.

Ab 1930 nahm in der Grazer Bevölkerung der Antisemitismus deutlich zu; Grund war die sich verschärfende wirtschaftliche Situation und die Agitation nationalsozialistischer Kreise, die bei weiten Kreisen der Bevölkerung Fuß fasste. Schon Wochen vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden jüdische Geschäfte demoliert.

Nach dem sog. „Anschluss“ an das Deutsche Reich begannen umgehend Verfolgungen. In der „März-Aktion” am 13./14. März 1938 sollten auf Anordnung höchster Staats- bzw. Parteidienststellen mobile Vermögenswerte österreichischer Juden „sichergestellt“ werden; auch Grazer Juden waren betroffen. Der Vorstand der Kultusgemeinde, Oberrabbiner David Herzog und wohlhabende jüdische Geschäftsleute wurden festgenommen und im Grazer Gefängnis brutalen Verhören unterworfen; zahlreiche von ihnen wurde ins KZ Dachau bzw. Buchenwald verschleppt. Am 20.Mai 1938 wurden die „Nürnberger Gesetze“ offiziell auch auf die „Ostmark“ ausgedehnt. Die „Entjudung“ der Stadt Graz - „Hauptstadt der nationalsozialistischen Volkserhebung“ - begann in der zweiten Hälfte des Jahres 1938; federführend war hier die Gestapo(leit)stelle in Graz.

  „Jüdisches Geschäft“ in Graz 1938 (Aufn. DÖW)

                                               „Arisierung“ in Graz (Anzeige „Tagespost“, 1938)

Mit Zunahme der NS-Repressalien stieg die Zahl der Emigrationswilligen stark an; bis November 1938 waren schon mehrere hundert Grazer Juden nach Palästina ausgewandert. Zu erwähnen ist der Grazer Johann Schleich, der angeblich „einigen zehntausend Juden“ (?) den illegalen Grenzübertritt nach Slowenien ermöglichte. Vom sog. „Lisl-Transport“ ist bekannt, dass dieser mehr als 200 Personen die Emigration nach Palästina ermöglichte; so wurden unter Aufsicht der Gestapo im Frühjahr 1939 steierische Juden per Bahn von Graz nach Wien transportiert, ehe sie mittels Schiff über die Donau emigrieren konnten.

Während des Novemberpogroms erreichte der NS-Terror einen weiteren Höhepunkt: In Graz und Umgebung wurden etwa 350 Juden inhaftiert und am folgenden Tage ins KZ Dachau abtransportiert. In der Nacht zuvor waren jüdische Familien unter Gewaltandrohung aus ihren Wohnungen geholt und gezwungen worden, in die umliegenden Dörfer „auszuweichen“; zuvor war die Synagoge von SA-Angehörigen in Brand gesteckt worden. Die Feierhalle auf dem jüdischen Friedhof in Wetzelsdorf wurde gesprengt und zahlreiche Grabsteine zertrümmert.  

Die bis Mai 1940 noch in Graz lebenden Juden wurden schließlich nach Wien „umgesiedelt“. Als erste Großstadt der „Ostmark“ wurde Graz im Frühjahr 1940 als „judenrein” erklärt.

1944/1945 gehörte auch Graz zu den Städten, durch die Kolonnen vieler tausender ungarischer Juden getrieben wurden; auf diesen Todesmärschen kamen Tausende ums Leben. Auch auf dem jüdischen Friedhof in Graz liegen Opfer dieser Märsche.

 

Ende 1945 fand in Graz der erste jüdische Gottesdienst nach Kriegsende statt; ein britischer Militärrabbiner hielt diesen für die jüdischen Besatzungssoldaten und die ca. 2.500 aus Osteuropa stammenden jüdischen Flüchtlinge, die sich in und um Graz in Auffanglagern aufhielten. Von den ehemals steirischen Juden kehrten nur wenige in ihre Heimat zurück.

Die im Januar 1946 gegründete Kultusgemeinde Graz umfasst heute die gesamte Steiermark, Kärnten und die politischen Bezirke des Burgenlandes Oberwart, Güssing und Jennersdorf. Ein provisorisch eingerichteter Betsaal wurde im Gemeindehaus am Grieskai untergebracht; 1969 wurde das gesamte Gebäude umgebaut und „ein moderner Betsaal ... in würdiger, attraktiver Form errichtet“.

Am 50.Jahrestag des Novemberpogroms wurde am Standort der ehemaligen Synagoge eine große, schwarze Gedenkstele aufgestellt; diese trägt unter einem Davidstern die folgende Inschrift:

Zu Gedenken an die einst blühende Jüdische Gemeinde Graz und ihre 2200 Mitglieder,

die in der NS-Zeit gedemütigt, beraubt und vertrieben wurden.

Viele von ihnen wurden ermordet.

Wir gedenken ihrer Leiden und Opfer

Israelitische Kultusgemeinde Graz – 10.November 1988

Um die Erinnerung an unsere jüdischen Mitbürger und ihr Gotteshaus zu bewahren, wurde dieser Gedenkstein im November 1988 als Mahnmal gegen Gewaltherrschaft, Rassenhass und Unmenschlichkeit errichtet.

Die Stadt Graz

Eine Schlüsselstellung der jüdischen Gemeinde in der Steiermark der letzten Jahrzehnte nahm der Textilhändler und britische Konsul Kurt Brühl ein, der über zwei Jahrzehnte hinweg die IKG leitete. Nachdem im Oktober 1998 ein einstimmiger Beschluss des Stadtparlaments sich für den Neubau einer Synagoge ausgesprochen hatte, konnte dieser im November 2000 in einem feierlichen Festakt eingeweiht und der IKG Graz übergeben werden.

             Synagoge in Graz (Aufn. W., 2006, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0 at)

Thoraschrein mit Türen in Form der Gesetzestafeln (Aufn. D., 2003, in: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Der Grundidee „Die neue Synagoge erhebt sich aus den Ruinen der alten” konnte dadurch Rechnung getragen werden, dass fast 10.000 Ziegel der 1938 zerstörten alten Synagoge beim Neubau wiederverwendet wurden. Gleichzeitig wurde der Platz vor der wiedererrichteten Synagoge in „David-Herzog-Platz” umbenannt. Im Inneren der Synagoge wurde 2005 eine Gedenktafel mit den Namen der über 500 steirischen Opfer der Shoa angebracht.

Datei:Grazer Synagoge - Gedenktafel 2.JPGTafel am Gebäude (Aufn. D., 2003, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

Gegenüber der Synagoge hat im Gebäude der ehem. jüdischen Volksschule das „Jüdische Kulturzentrum Graz“ sein Domizil gefunden. Bereits neun Jahre zuvor war eine neue Zeremonienhalle auf dem jüdischen Friedhof erbaut worden. Das großflächige Friedhofsareal ist mit fast 1.500 Grabstellen belegt; es dient auch heute noch der kleinen Gemeinde als Begräbnisstätte.

                Neue Zeremonienhalle (Aufn. Moschitz, 2009, aus: wikipedia.org, CC BY 3.0)

2006 zählte die jüdische Gemeinde in Graz ca. 120 Angehörige.

Die erste sog. „Stolperstein“-Verlegung zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus fand in Graz 2013 statt; mittlerweile sind ca. 100 Gedenktäfelchen verlegt (Stand: 2019), die nicht nur jüdischen Opfern gewidmet sind.

          http://oekastatic.orf.at/static/images/site/oeka/20130418/stolper-2.5142677.jpg (Aufn. Tilmann Vogler, aus: steiermark.orf.at)

Stolperstein für Irene Ransburg.jpg Stolperstein für Hans Spielmann.JPG Stolperstein für Klara Gertler.JPG Stolperstein für Ludwig Kohn.jpg Stolperstein für Odilie Borges.JPG

 alle Aufn. Chr. Michelides, 2016, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0

2015 wurde in Graz das erste Holocaust-Zentrum Österreichs eröffnet; es ist als Museum im Untergeschoss der Synagoge eingerichtet.

 

Im ca. 20 Kilometer westlich von Graz gelegenen Voitsberg lebten nachweislich ab 1358 jüdische Familien, deren Zahl in der ersten Hälfte des 15.Jahrhunderts insgesamt etwa 20 erreichte. Die einzig bekannte Erwerbsquelle dieser Familien war der zumeist kleine Geldhandel mit Bürgern und Bauern der Region. Soweit 1496 noch Juden im Ort lebten, waren auch sie vom Vertreibungsbefehl für alle Juden der Steiermark betroffen.

 

In Bruck a.d. Mur – ca. 35 Kilometer nördlich von Graz – ist jüdische Ansiedlung erstmals 1352 urkundlich nachgewiesen; allerdings handelte es sich um nur sehr wenige Familien, die bis ca. 1480 hier lebten; ob sie damals aus der Stadt vertrieben wurden, ist nicht bekannt.

 

In Wolfsberg – zwischen Graz und Klagenfurt gelegen – sollen bis 1338 Juden gelebt haben; sie wurden unter dem Vorwurf einer angeblichen Hostienschändung von hier vertrieben oder getötet. Ob in den folgenden Jahrhunderten erneut jüdische Familien in der Stadt ansässig waren, ist unbekannt. Vermutlich ließen sich wenige Juden erst gegen Ende des 19. bzw. zu Beginn des 20.Jahrhunderts in Wolfsberg nieder. Ende 1938 wurden sie aus Wolfsberg vertrieben, ihr Eigentum von den NS-Behörden wurde „arisiert“. - Im Jahre 2001 (!) wurde neben dem Rathaus eine Gedenktafel „Zur Erinnerung an die von den Nationalsozialisten ermordeten und vertriebenen Wolfsberger Juden“ enthüllt.

 

In Judenburg, in einer der ältesten urkundlich belegten Städte der Steiermark, siedelten Juden bereits vor 1350 in einem für sie abgeschlossenen Bereich, der „Judengasse“. Der erste namentlich bekannte Jude war Süßmann, der in einer Schuldurkunde von 1305 genannt wurde. Lebenserwerb der hiesigen Juden war der Geld- und Pfandhandel; zu ihren Schuldnern gehörten neben den Bamberger Bischöfen auch zahlreiche Adlige. In den 1350er Jahren war Häslein von Friesach einer der bekanntesten Geldverleiher in Judenburg, der nach Ablauf des herzoglichen Privilegs den Ort wieder verließ. Die Judenburger verfügten über eine Synagoge unweit der Liechtenstein-/Kirchgasse und einen eigenen Friedhof, der südlich der Stadt nahe dem Schlosse Weyer lag. Wurden bereits 1467 die armen, nicht Steuer zahlenden Juden auf Gesuch der Stadtoberen ausgewiesen, traf dieses gleiche Los im Jahre 1496 alle, die in steiermärkischen Städten lebten.

Erst im 19.Jahrhundert durften sich Juden wieder hier ansässig machen. Bis in die 1930er Jahre lebten hier jüdische Familie, deren Zahl aber überschaubar war.

Anm.: Während der NS-Zeit gab es Bestrebungen, den Namen der Stadt, der wegen des Worts „Jude“ bzw. „Juden“ als untragbar angesehen wurde, in „Zirbenstadt“ zu ändern.

In der Messerschmiedgasse soll künftig auf Initiative von Schüler/innen ein Denkmal errichtet werden, dass „den jüdischen Opfern einen Namen geben“ will. Es soll an die 40 Menschen erinnern mosaischen Glaubens, die 1938 aus der Stadt vertrieben wurden. Zwei Ringe im Strom der Zeit“ heißt das 2019 seiner Bestimmung übergebene Mahnmal an der Messerschmiedgasse. In beide Ringe sind Stahlplatten eingelassen, in welche die Namen der urkundlich aus dem Mittelalter überlieferten und der von den Nationalsozialisten vertriebenen und ermordeten Juden eingefräst sind.

                          Mahnmal (aus: derstandard vom 27.12.2019)

 

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Bildergebnis für maribor landkarte  Maribor, südöstlich von Graz gelegen, zählte früher zur Steiermark. Es ist heute mit derzeit ca. 110.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Sloweniens. Die Stadt wurde zum ersten Mal im 13.Jahrhundert erwähnt. Obwohl sie zweimal von den Türken belagert wurde, blieb Maribor (bzw. Marburg) bis zum Ende des Ersten Weltkrieges unter der Herrschaft der Habsburger Teil des Herzogtums Steiermark. Die deutsche Bevölkerungsgruppe stellte hier bis 1918 die Mehrheit und dominierte das öffentliche Leben.

                     Stolnica MB - 1681.jpg Maribor um 1680 (Abb. Matevž Višer, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0)

Erste Nachweise von jüdischer Ansässigkeit in Maribor lassen sich ab den 1270er Jahren finden. Die sich bildende Judengemeinde besaß in der 1429 erstmals erwähnten Synagoge ihr religiöses und kulturelles Zentrum. Mit Sicherheit gab es den „Tempel“ bereits im ausgehenden 14.Jahrhundert, denn der erste bekannte Rabbi Maribors, Abraham, war bereits Jahre vor seinem Tode (1379) hier tätig. Bei der Synagoge handelte sich um ein schlichtes Gebäude; es war auch zeitweilig Sitz des hohen Rabbinats für Steiermark, Kärnten und Krain. Neben der Synagoge stand das Haus des Rabbiners; an der östlichen Seite befand sich ein Garten mit Friedhof; am Brunnen unterhalb der Synagoge fanden die rituellen Waschungen statt. Um 1475/1480 wurde in Maribor auch eine Talmudschule gegründet.

Die große jüdische Gemeinde trug dazu bei, dass Maribor sich zu einem Handels- und Finanzzentrum entwickelte; den jüdischen Kaufleuten war es zu verdanken, dass die Stadt über weitreichende Wirtschafts- und Handelsbeziehungen, u.a. nach Venedig, Dubrovnik, verfügte. Das mittelalterliche jüdische Viertel lag an der Südostecke der ummauerten Stadt. Die Angehörigen der Gemeinde waren ökonomisch gut situiert; eine jährlich anfallende ‚allgemeine Judensteuer’ in Höhe von 4.000 Golddinar war seit der Regierungszeit von Friedrich II. fällig. In der Regierungszeit Maximilians I. wurde der Druck auf die Juden immer größer; nach ihrer gesetzlich befohlenen Vertreibung aus Kärnten mussten 1497 auch die jüdischen Familien aus der Steiermark ihre Wohngebiete verlassen, was ein schwerer Schlag für die Wirtschaftskraft der Stadt Maribor war.

Die einstige Synagoge wurde im Jahre 1501 zur Kirche „Allerheiligen“ umfunktioniert. Als Folge der Reformen von Josef II. wurde die Kirche der Armee übergeben und bis 1811 als Lager verwendet. Mehrfache Umbauten veränderten das gotische Gewölbe fast vollständig.

Erst im 19. Jahrhundert siedelten sich wieder jüdische Familien in der Stadt an. Einige Juden verließen die Stadt noch vor dem Zweiten Weltkrieg; fast alle, die blieben, fielen der deutschen Besatzungsmacht zum Opfer, wurden deportiert und ermordet.

Das heute im Besitz der Stadt befindliche Bauwerk - eines der ältesten baulich erhaltenen Synagogengebäude Europas - dient seit 2001 als Ort verschiedenster Kulturveranstaltungen, nachdem es seit Beginn der 1990er Jahre einer Restaurierung unterworfen worden war. Eine besondere Sehenswürdigkeit der Stadt ist heute das alte Judenviertel am sog. Judenturm.


Ehem. Synagoge (Aufn. Stadt Maribor, 2000 und Tony Bowden, 2009, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

         Ehem. Synagoge mit Schmierereien (Aufn. Slovenian Press Agency, 2009)

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in Slowenien ca. 2.000 Juden, nur 150 von ihnen überlebten den Holocaust. Nach Schätzungen gibt es heute in Slowenien noch ca. 200 Juden, von denen die meisten in Ljubljana leben und hier die einzige jüdische Gemeinde des Landes bilden.

 

Weitere Informationen:

Emanuel Baumgarten, Die Juden in der Steiermark. Eine historische Skizze, Wien 1903

Moshe Karl Schwarz, The Jews of Styria, in: The Jews of Austria: Essays on their Life, History and Destruction, London 1967

Germania Judaica, Band II/1, Tübingen 1968, S. 300 – 302 (Graz), Band III/1, S. 175 – 177 (Bruck a.d.Mur), S. 461 – 469 (Graz), S. 592 – 596 (Judenburg) und Band III/2, S. 832 – 846 (Maribor) und S. 1545/1546 (Voitsberg), Tübingen 1987 bzw. 1995

G.W. Salzer-Eibenstein, Geschichte der Juden in Graz, in: Hugo Gold (Hrg.), Geschichte der Juden in Österreich. Ein Gedenkbuch, Olemanu-Verlag, Tel Aviv 1971, S. 9 - 20

Studia Judaica Austriaca - Band V, Der gelbe Stern in Österreich - Katalog und Einführung zu einer Dokumentation, Bearb. Kurt Schubert/Jonny Moser, Eisenstadt 1977

Herbert Rosenkranz, Verfolgung und Selbstbehauptung. Die Juden in Österreich 1938 - 1945, Herold-Verlag, Wien 1978

Widerstand und Verfolgung in Oberösterreich 1934 - 1945 - Eine Dokumentation, Bd. 2, Hrg. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien/München/Linz 1982

Wilhelm Wadl, Die israelitischen Kultusgemeinden Graz und Klagenfurt, in: Klaus Lohrmann (Hrg.), 1000 Jahre österreichisches Judentum (Ausstellungskatalog), Edition Roetzer, Eisenstadt 1982, S. 133 ff.

Wolfgang Rettl, Antisemitismus in der Steiermark am Beginn der Ersten Republik, Diplomarbeit Geschichtswissenschaften, Graz 1987

Israelitische Kultusgemeinde Graz (Hrg.), Geschichte der Juden in Südost-Österreich, Gedenkschrift, Graz 1988 (verschiedene Aufsätze)

Dieter A. Binder, Das Schicksal der Grazer Juden 1938, in: "Historisches Jahrbuch der Stadt Graz", Band 18/19, Graz 1987/1988

Eduard Staudinger, Die Pogromnacht vom 9./10.November 1938 in Graz, in: K.Schmidt/R.Streibel (Hrg.), Der Pogrom 1938 in Österreich und Deutschland, Wien 1990, S. 42 f.

Die Zeremonienhalle der Israelitischen Kultusgemeinde in Graz, hrg. vom Kuratorium zur Wiedererrichtung der Zeremonienhalle, Graz 1991

Pierre Genée, Synagogen in Österreich, Löcker Verlag, Wien 1992, S. 34/35, S. 100 - 103 und S. 115 f.

Erika Weinzierl, Zu wenig Gerechte, Styria-Verlag, Neuauflage 1997

Ludwig Biró, Die erste Hälfte meines Lebens. Erinnerungen eines Grazer jüdischen Rechtsanwaltes 1900 - 1940, hrg. von Christian Fleck, Graz/Wien 1998

Bernd Beutl, Antisemitismus und Judenverfolgung in Graz. Die Zerstörung der Israelitischen Kultusgemeinde 1938-1940, in: Stefan Karner (Hrg.), Graz in der NS-Zeit 1938 - 1945, Graz 1998, S. 25 - 40

Karl A. Kubinzky, Übergabe der Synagoge 9.November 2000, in: www.graz.at/synagoge/neue

Wolfgang Sotill, Es gibt nur einen Gott und eine Menschheit. Graz und seine jüdischen Bürger, Styria-Verlag, Graz/Wien/Köln 2001

Joachim Hainzl, Die Geschichte der Juden in der Steiermark (Teil I), in: transversal 2 (2001) 1, S. 47 – 59

Heimo Halbrainer, Die Geschichte der Juden in der Steiermark (Teil II), in: transversal 2 (2001) 2, S. 52 – 63

Andrea Lauritsch, Die Geschichte der Wolfsberger Juden in nationalsozialistischer Zeit, in: "DAVID - Jüdische Kulturzeitschrift", Heft 50/Sept. 2001

Dieter A. Binder, Jüdische Steiermark - Steirisches Judentum, in: Eleonore Lappin (Hrg.), Jüdische Gemeinden. Kontinuitäten und Brüche, Philo-Verlagsgesellschaft, Berlin/Wien, 2002, S. 211 - 242

Gerald Lamprecht (Hrg.), Jüdisches Leben in der Steiermark: Marginalisierung, Auslöschung, Annäherung, in: "Schriften des Centrums für Jüdisches Studien", No. 5, Studien-Verlag, Innsbruck 2004

Alois Kölbl/Wiltraud Resch, Wege zu Gott. Die Kirchen und die Synagoge von Graz, Styria Verlag, Graz/Wien 2004, S. 170 f.

Heimo Halbrainer, Bet Hachajim - Der jüdische Friedhof in Graz, in: "DAVID - Jüdische Kulturzeitschrift", Heft 62/Sept. 2004, S. 5 - 8

Karen Engel, Jüdisches Leben in Graz heute - zwischen Assimilation, Multikulturität und Religion, in: "DAVID - Jüdische Kulturzeitschrift", Heft 67/Dez. 2005

Evi Fuks, Minhag Styria: jüdisches Leben in der Steiermark, hrg. anlässlich der Ausstellung ‘Minhag Styria - Jüdisches Leben in der Steiermark’, Jüdisches Kulturzentrum Graz 2005/2006

Gerald Lamprecht, Fremd in der eigenen Stadt: die moderne jüdische Gemeinde von Graz vor dem Ersten Weltkrieg, in: "Schriftenreihe des Zentrums für jüdische Studien", Band 8, Studien-Verlag, Innsbruck/Wien/Bozen 2007

Andreas Schweiger, Entwurzelt und enteignet – Den Arisierungen in der Steiermark auf der Spur (online abrufbar unter: uni-graz.at)

A.Senarclens de Grancy/G.Grossegger, Bruchstücke - Jüdische Friedhöfe in der Steiermark, Leykam Verlag, Graz 2010

Alexander Verdnik, Erforschen – Bewahren – Erinnern. Aufarbeitung und Dokumentation der Geschichte des Grazer jüdischen Friedhofs, in: "DAVID - Jüdische Kulturzeitschrift", Heft 91/Dez. 2011

Karl Albrecht Kubinzky, Das jüdische Graz, in: austria-forum.org, 2012

E.Brugger/M.Keil/A.Lichtblau/Chr.Lind/B.Staudinger, Geschichte der Juden in Österreich, Verlag Carl Ueberreuter, Wien 2013, S. 180 f. u. S. 225 f.

Victoria Kumar, In Graz und andersorts. Lebenswege und Erinnerungen vertriebener Jüdinnen und Juden, Clio Verlag, Graz 2013

Verein für Gedenkkultur in Graz (Hrg.), Stolpersteine in Graz, online abrufbar unter: stolpersteine-graz.at 

Colette M. Schmidt, Graz – Goldene Steine als späte Würdigung von NS-Opfern, online abrufbar unter: derStandard.at vom 28.7.2013

Slovenia: Maribor synagogue given national landmark status, in: jewish-heritage-europe.eu (vom 30.6.2015)

Eva Doppler, Virtuelle Rekonstruktion der zerstörten Synagoge in Graz, Diplomarbeit TU Wien, 2015

Ursula Prokop, Maximilian Katscher (1858-1917), der Architekt der alten Grazer Synagoge, in: "DAVID - Jüdische Kulturzeitschrift", Heft 106/Sept. 2015

Erstes Holocaust-Gedenkzentrum wird in Graz eröffnet, in: „Kleine Zeitung“ Kärnten-Ausgabe vom 6.11.2015

Stolpersteine. 29 neue Erinnerungen für Graz, in: Radio Steiermark - orf.de vom 16.8.2016

Auflistung der in Graz verlegten Stolpersteine (mit Aufn.), online abrufbar unter: commons.wikimedia.org/wiki/Category:Stolpersteine_in_Graz

Gerald Lamprecht (Red.), „Der Jud muss weg, sein Gerstl bleibt da“, in: „Kleine Zeitung“ vom 13.3.2018

Eva Doppler (Red.), Virtuelle Rekonstruktion der zerstörten Synagoge von Graz, in: "DAVID- Jüdische Kulturzeitschrift", Heft 117/Juli 2018

Maximilian Schnenner (Red.), „Da kollabieren Menschen“ - Grazer Synagoge wird saniert, in: „Annenpost – Geschichten aus dem Annenviertel“ vom 7.7.2019

Tina Walzer, Der jüdische Friedhof Graz in Bildern, in: „David – Jüdische Kutlurzeitschrift“, Heft 121/Juli 2019

Katja Heiden (Bearb.), Mahnmal von Judenburg – Anliegen des Projekts, online abrufbar unter. mahnmaljudenburg.wixsite.com/mahnmal-judenburg/das-anliegen-des-projekts

Michael Schiestl (Red.), Enthüllung. Welche Symbolik hinter dem neuen Juden-Mahnmal in Judenburg steht, in: „Kleine Zeitung“ vom 13.10.2019

Ulla Steinwidder (Bearb.), Einweihung des Mahnmals zur Erinnerung an die zwei jüdischen Gemeinden in Judenburg, online abrufbar unter: brg-judenburg.ac.at/node/1531