Görlitz/Neiße (Sachsen)

  Das in der Oberlausitz liegende Görlitz mit derzeit ca. 56.000 Einwohnern - heute die östlichste Stadt Deutschlands – liegt an der Neiße, die dort seit 1945 die Grenze zu Polen bildet. Der östlich der Neiße gelegene Stadtteil wurde durch die neue Grenzziehung von der Altstadt abgetrennt und bildet seitdem die eigenständige polnische Stadt Zgorzelec (Abb. Ausschnitt aus hist. Karte von 1905).

Görlitz war ein Haupthandelsplatz der gesamten Oberlausitz im ausgehenden Mittelalter und vermutlich bereits zu Beginn des 13.Jahrhunderts Siedlungsort für jüdische Familien. Eine „Judengasse“ wurde erstmalig Anfang des 14.Jahrhunderts urkundlich erwähnt; auch eine „Judenbadestube“ (Mikwe) und einen „Judenkirchhof“ - vor der Stadtmauer an der Neiße gelegen - soll es damals gegeben haben. Unter König Johann von Böhmen erlangten die hier ansässigen Juden 1329 Schutz; seit 1344 ist eine „Judenschule“ (Betraum) in Görlitz urkundlich nachweisbar. Wie in vielen deutschen Städten vertrieb man zur „Pest-Zeit“ auch die in Görlitz lebenden Juden aus der Stadt; doch Jahre später kehrten sie wieder zurück. 1389 erteilte der regierende Herzog dem Görlitzer Rat das Privileg, die Stadt „judenfrei“ zu halten; damit war ihre erneute Vertreibung und wirtschaftliche Ausplünderung verbunden; der jüdische Grundbesitz – Synagoge und Friedhof – wurde konfisziert und ging ins Eigentum der Stadt über. 1390 wurde die Synagoge abgerissen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/ae/Goerlitz_1575.jpg

Görlitz - Colorierter Kupferstich von Georgius Bruin, um 1575 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Nun sollte es mehr als 400 Jahren dauern, ehe sich Juden in Görlitz wieder niederlassen konnten; nur für einige wenige privilegierte Schutzjuden machte man eine Ausnahme. Erst gegen Mitte des 18.Jahrhunderts hielten sich Juden aus Dresden in der Stadt Görlitz auf, um hier Silber für die Münzbehörde einzukaufen. Ihnen wurde ein zeitlich begrenzter Aufenthalt gestattet, aber jeglicher Erwerb von Grundstücken bzw. Aufbau geschäftlicher Unternehmen untersagt. Erst Mitte des 19.Jahrhunderts wurden die Beschränkungen durch die preußische Gesetzgebung aufgehoben, und so konnten sich nach 1847 - trotz Widerstand des Görlitzer Magistrates - wieder jüdische Familien in Görlitz ansiedeln. Im Jahre 1850 wurde die neuzeitliche Görlitzer Synagogengemeinde gegründet; ihr gehörten auch die Oberlausitzer Kreise Rothenburg, Lauban und Hoyerswerda an.

Anfangs fanden die Gottesdienste in einem Raum des Gebäudes Nicolaistraße 10 statt; 1853 weihte die junge Gemeinde ihre erste Synagoge zwischen Obermarkt und Langenstraße (auf dem Gelände des Hinterhofes des Hotels „Weißes Roß“) ein. Wegen des raschen Wachstums der jüdischen Gemeinde wurde die Synagoge bereits Ende der 1860er Jahre erweitert. Wenige Jahrzehnte später liefen die Planungen für ein größeres Synagogengebäude; schließlich konnte 1909 mit dem Bau in der Otto-Müller-Straße am Stadtpark begonnen werden. Das Bauvorhaben vorangetrieben hatte Emanuel Alexander-Katz, der damalige Gemeindevorsteher, der 1907 mit hohen finanziellen Eigenmitteln den Bauplatz erworben hatte. Das neue Gotteshaus - ein monumentaler Jugendstil-Bau mit insgesamt mehr als 500 Plätzen - wurde am 8.März 1911 eingeweiht. Verantwortliche Architekten waren William Lossow und Max Hans Kühne aus Dresden gewesen.

                           Synagoge in Görlitz (hist. Postkarte, 1912)

Einer der prominentesten jüdischen Einwohner von Görlitz war der 1829 geborene Dr. Siegfried Freund; mehr als 50 Jahre übte er in Görlitz die Funktion des Rabbiners aus. Obwohl er bereits im Ruhestand war, leitete er 1911 die Feierlichkeiten zur Einweihung der neuen Synagoge. Der allseits geachtete Dr. Siegfried Freund verstarb 1915 im Alter von 86 Jahren.

In den Folgejahrzehnten beklagte die Gemeindeführung in Görlitz eine deutliche Religionsmüdigkeit ihrer Angehörigen; so bestanden meist nur noch sehr lose religiöse Bindungen, die manchmal wegen Fehlen eines Minjans sogar einen Gottesdienst unmöglich machte. Bereits seit 1850 gab es in Görlitz eine Religionsschule, wo die Kinder ein bis zwei Stunden täglich Unterricht erhielten. Dabei war es für alle jüdischen Jungen ab sieben Jahre und alle Mädchen ab acht Jahre Pflicht, am Unterricht teilzunehmen.

Der neue jüdische Friedhof in Görlitz an der Biesnitzer Straße datiert aus dem Jahre 1849; bereits ein Jahrzehnt später wurde das Areal erweitert. Um 1900 wurde eine Feierhalle errichtet. Dieses Begräbnisgelände unterscheidet sich von anderen jüdischen Friedhöfen in Sachsen durch seine imposanten Grabmale.

Juden in Görlitz:

J A H R            Gesamteinwohner                    jüdische Einwohner                                  in %

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------

1849                18.952                                    111                                         0,6

1852                20.986                                    149                                         0,7

1855                23.154                                    187                                         0,8

1861                27.983                                    259                                         0,9

1867                38.689                                    373                                         1,0

1871                42.200                                    395                                         0,9

1880                50.147                                    643                                         1,2

1885                56.122                                    691                                         1,2

1895                70.175                                    653                                         0,9

1900                80.931                                    627                                         0,8

1905                83.766                                    676                                         0,8

1910                85.812                                    649                                         0,7

1925                85.920                                    567                                         0,6

1933                94.182                                    376                                         0,4

1934                                                               285

1937                                                               241

1938 (Okt)              ?                                       207                                          ?

Angaben aus: “Auftrag für die Zukunft” - Juden und Synagoge in Görlitz, S. 32

Im Jahre 1880 gründete Louis Friedländer sein Posamentier-, Knopf- und Strumpfwarengeschäft am Obermarkt. 1887 erwarb er die Häuser an der Frauenkirche und baute sie zu einem Kaufhaus um.

Mit einer großformatigen Anzeige im „Neuen Görlitzer Anzeiger" am 25. März 1898 warb er die künftige Kundschaft: Louis Friedländer. An der Frauenkirche. Die Eröffnung meines neuen Warenhauses findet Sonn­abend, den 26. März, nachmittags 5 Uhr statt, und ist die Besichtigung sämtlicher Räume ohne Kaufzwang gern gestattet." Bei der Eröffnungsfeier lobte der Handelskammerpräsident Wilhelmy den Besit­zer mit den Worten: „Aus kleinen Uranfängen hat er sich zur Höhe emporgehoben. Ausdauer, Fleiß, Reellität und eifriges Streben waren die Leitsterne des Herrn Louis Friedländer. Er habe, ohne nach rechts und links zu sehen, sein Ziel verfolgt, ein Wohlwollen auch der Konkurrenz gegenüber stets gezeigt, niemals alles seinen Geschäftsfreunden weggenommen“            

Ihren Lebensunterhalt verdienten Görlitzer Juden im Handel, in der Textilbranche und Eisenindustrie; daneben gab es eine Reihe Juristen und Ärzte. Als Folge der Weltwirtschaftskrise gingen auch einige größere jüdische Unternehmen von Görlitz in Konkurs; dies mag auch der Grund dafür sein, dass die jüdische Einwohnerzahl Ende der 1920er/Anfang der 1930er Jahre stark rückläufig war. Zu Beginn der NS-Herrschaft gab es aber noch etwa 60 (meist kleinere) Betriebe bzw. Unternehmen jüdischer Eigentümer.

http://www.schwiebert.lima-city.de/wp-content/uploads/2012/10/image26.png Schuhhaus Rauch (hist. Aufn. aus: schwiebert.lima-city.de)

 http://www.schwiebert.lima-city.de/wp-content/uploads/2012/10/image22.png  http://www.schwiebert.lima-city.de/wp-content/uploads/2012/10/image32.png

Textilhaus Totschek in der Steinstraße u. Modehaus Frankenstein/Marcus in der Berliner Str. (hist. Aufn. aus: schwiebert.lima-city.de

Auch in Görlitz fand am 1.April 1933 der Boykott jüdischer Geschäfte, Arzt- und Rechtsanwaltspraxen statt; in diesem Zusammenhang wurden auch etwa 40 Juden verhaftet. Infolge der sich laufend verschlechternden Lebensbedingungen flüchteten jüdische Bürger verstärkt aus Görlitz; auch der Rabbiner Dr. Krakauer emigrierte im Jahre 1936 nach Palästina.

Jüdische Emigranten aus Görlitz:

       --- 1933 ..........................  376 Personen,

    --- Aug. 1934 ..................... 285   “     ,

    --- Aug. 1938 ..................... 231   “     ,

    --- Okt. 1938 ..................... 207   “     ,

    --- März 1939 ..................... 172   “     ,

    --- Mai 1939 ...................... 136   “     .

Angaben aus: Roland Otto, Die Verfolgung der Juden in Görlitz unter der faschistischen Diktatur 1933 - 1945

In der Reichspogromnacht wurden - wie in vielen deutschen Städten - auch in Görlitz Geschäfte, Betriebe und Wohnungen jüdischer Bürger demoliert. Der Versuch, die Synagoge in Brand zu setzen und zu zerstören, misslang allerdings; doch das Inventar brannte teilweise aus. 32 jüdische Männer wurden festgenommen; die meisten von ihnen anschließend ins KZ Sachsenhausen verschleppt. Aus der „Oberlausitzer Tagespost” vom 10.11.1938:

... In einigen Judenläden der Stadt übernahmen einige Görlitzer freiwillige ‘Aufräumungsarbeiten’, um dadurch ihren Abscheu ... Ausdruck zu verleihen. So in dem jüdischen Ramschbasar Horn, Steinstraße, wo in den Auslagen ... das oberste zu unterst gedreht wurde. Außerdem wurden weitere Judenläden in der Bismarckstraße und am Grünen Graben in Mitleidenschaft gezogen. ... Wie wir weiter erfahren, haben ferner in den Wohnungen einiger Hebräer spontane ‘zivile Haussuchungen’ stattgefunden, ...

Gegen Kriegsbeginn wurden die noch in Görlitz lebenden Juden in sog. „Ghettohäuser“ im Mühlweg und in der Steinstraße eingewiesen. Die wenigen noch in Görlitz verbliebenen Juden wurden Ende 1941 in ein Arbeitslager nach Tormersdorf (Kreis Rothenburg) gebracht, wohin auch mehrere hundert schlesische Juden verfrachtet worden waren. Die Lagerinsassen mussten in Betrieben der Umgebung und beim Straßenbau arbeiten. Um die Jahreswende 1942/1943 wurde das jüdische Zwangsarbeiterlager Tormersdorf aufgelöst und die Lagerinsassen abtransportiert. Im Mai 1944 wurden alle männlichen, als „Halbjuden“ eingestuften Görlitzer Bürger zum Arbeitseinsatz bei der "Organisation Todt (OT)" eingezogen und zur Zwangsarbeit nach Frankreich verschleppt. Bei Kriegsende lebten in der Stadt Görlitz noch zwei Juden.

In Görlitz wurde im Laufe des Jahres 1943 das AK Biesnitzer Grund (Außenlager des KZ Groß Rosen,bestand aus einem Männer- und einem Frauenlager) errichtet; hier mussten mehr als 1.000 jüdische Männer und Frauen, die aus den KZ Auschwitz und Groß-Rosen herangeschafft wurden, Zwangsarbeit leisten, vor allem in der Waggon- und Maschinenbau AG Görlitz. Mitte Febr. 1945 wurde das Lager evakuiert und die Häftlinge auf den Todesmarsch geschickt, der wieder in Görlitz endete.Im Frühjahr 1948 entdeckte man in zwei auf dem jüdischen Friedhof geöffneten Massengräbern mehr als 170 Leichen. Im Jahre 1951 wurde auf dem jüdischen Friedhof ein Mahnmal für die meist jüdischen Opfer des AK Biesnitzer Grund errichtet. Die Gedenktafel trägt die Inschrift:

Hier auf diesem Friedhof befindet sich die letzte Ruhestätte

von 323 Insassen des Konzentrationslagers “Biesnitzer Grund” Görlitz

Diese wurden in den Jahren 1943 - 1945 von der SS ermordet.

Seit 2015 erinnert ein neugeschaffenes Mahnmal - „Stelen der Erinnerung“ - an die ums Leben gekommenen KZ-Häftlinge. Auf sieben Stelen sind namentlich 148 Opfer des KZ Biesnitzer Grund aufgeführt, die im Görlitzer Krematorium eingeäschert worden sind; von den übrigen der insgesamt 323 Toten weiß man kaum etwas.

 Sieben eiserne Stehlen, Jüdischer Friedhof Görlitz.jpg "Stelen der Erinnerung" (Aufn. 2016, aus: commons.wikimedia.org, CCO)

 

Der jüdische Friedhof von Görlitz befindet sich an der Biesnitzer Straße. Die aus der Zeit um 1900 stammende Friedhofshalle ist erhalten; sie wurde um 1990 restauriert. Über dem Eingang ist die Inschrift Ich der Herr, bin euer Tröster“ angebracht.

  Jüdischer Friedhof (Görlitz) (2).jpg Jüdischer Friedhof (Görlitz).jpg

Impressionen vom jüdischen Friedhof Görlitz (Aufn. 2016, aus: commons.wikimedia.org, CCO)

Erst fast 40 Jahre nach Kriegsende begann man in Görlitz, Geschichte und Schicksal seiner einstigen jüdischen Bürger zu erforschen. Anteil daran hatten u.a. die lokale Evang. Kirchenleitung, die Gesellschaft für Heimatgeschichte und das Stadtarchiv.

Das Gedenken an den 50.Jahrestag der Reichspogromnacht wurde unter das Motto „Geschichte und Kultur der Juden in Görlitz” gestellt. Ein Jahr später kam die kommunale Ratsversammlung überein, mehrere Straßen nach Persönlichkeiten jüdischen Glaubens zu benennen, u.a. auch die „Paul-Mühsam-Straße“. 1992 erfolgte in Görlitz die Gründung einer Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.

Eine Gedenktafel an der ehemaligen Synagoge erinnerte seit 1988 an die Juden von Görlitz:

Ehre dem Andenken unserer jüdischen Mitbürger

verfolgt - vertrieben - vernichtet durch die Faschisten 1933 - 1945

Görlitzer Synagoge

7.3.1911 geweiht                       geschändet 9.11.1938

Das in der DDR-Zeit immer mehr verfallene Synagogengebäude - der heute einzig erhaltengebliebene jüdische Sakralbau im Freistaat Sachsen - war seit 1963 im Besitz der Stadt Görlitz und diente zuletzt als Kulissenlager des Städtischen Theaters. Durch finanzielle Förderung der „Deutschen Stiftung Denkmalschutz“ und anderer Organisationen wurden ab Anfang der 1990er Jahre aufwändige Restaurierungsmaßnahmen durchgeführt; im Sommer 1997 konnte das Gebäude als Bildungs- und Informationszentrum wieder zugänglich gemacht werden.

  Görlitz, Synagoge 

Fassade der Görlitzer Synagoge (Aufn. Hans Peter Schaeer, 2006, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Ein neu gegründeter „Förderkreis Synagoge e.V.“ war 2005 angetreten, den Erhalt des Bauwerkes sichern.

Im gleichen Jahr konstituierte sich in Görlitz eine kleine jüdische Gemeinde; seit 2007 gab es Bestrebungen, die Synagoge neu zu weihen und wieder zu Gottesdiensten zu nutzen. Am 70.Jahrestag des Novemberpogroms wurde mit einem ökumenischen Gottesdienst die Görlitzer Synagoge als Kultur- und Begegnungszentrum eingeweiht; eine ausschließliche gottesdienstliche Nutzung des Hauses durch die jüdische Gemeinde wird es aber nicht geben. Mit einer Festveranstaltung feierte die Stadt Görlitz im März 2011 die Weihe der Synagoge vor 100 Jahren. 2019 soll die Restaurierung des Gebäudes endgültig abgeschlossen sein.

Auf Initiative von Angehörigen der Opfer sind seit 2007 in Görlitz sog. „Stolpersteine“ verlegt worden; inzwischen sind im Stadtgebiet ca. 30 dieser Gedenktäfelchen zu finden (Stand: 2020).

Datei:Steine 4.jpg Datei:Steine 8.jpg Datei:Steine 6.jpg

sog. „Stolpersteine“ verlegt am Demianiplatz, in der Jakobstraße und am Vogtshof (Aufn. aus: stadtwiki-goerlitz.de)

Stolperstein für Martin Ephraim verlegt in der Zitauer Straße (Aufn. T., 2016, aus: wikipedia.org, CCO)

  Der Philosoph und Pädagoge Jonas Cohn wurde 1869 in Görlitz geboren. Nach einem Studium an den Universitäten Leipzig, Heidelberg und Berlin habilitierte er 1897. Bis zu seiner Zwangsbeurlaubung (1933) lehrte Cohn am Psychologischen und Pädagogischen Institut der Universität Freiburg i.Brsg. 1939 emigrierte er nach Großbritannien; 1947 verstarb er in Birmingham. Sein schriftlicher Nachlass befindet sich im Salomon-Steinheim-Institut in Essen.

 

In Weißwasser – dem um die Wende zum 20.Jahrhundert aufgestiegenen europäischen Zentrum der Glasindustrie (mit elf Glashütten und fünf Glasraffinerien) – gab es wegen der geringen Zahl jüdischer Bewohner keine autonome israelitische Gemeinde. Mit maximal ca. 50 in Weißwasser lebenden jüdischen Bewohnern (um 1900) war der israelitische Bevölkerungsanteil äußerst gering (weniger als ein Prozent); die für diese Personen zuständige Gemeinde war die von Görlitz.

Die bedeutendste Persönlichkeit, die im ausgehenden 19.Jahrhundert die Entwicklung Weißwassers maßgeblich bestimmte, war Joseph Schweig (geb. 1850 in Bretzenheim/Nahe, gest. 1923 in Weißwasser). Als Sohn wohlhabender jüdischer Eltern hatte er eine kaufmännische Ausbildung durchlaufen und war 1881 nach Weißwasser gekommen. Acht Jahre später gründete er hier mit seinem Schwager die „Oberlausitzer Glaswerke J. Schweig & Co.“ und produzierte zunächst Medizin- und Bonbongläser; ab 1891 wurde die Produktion auf Glasröhren und Glühlampen ausgedehnt. In den Folgejahren wurden weitere Werke eröffnet. Neben seiner unternehmerischen Tätigkeit war Joseph Schweig auch politisch tätig; neben seinem kommunalpolitischen Engagement gehörte er zu den Mitbegründern der Deutschen Demokratischen Partei (DDP).

Als einziger jüdischer Bewohner hat Adolf Schwarzwald die NS-Zeit in Weißwasser überlebt.

Das Anfang der 1980er Jahre völlig eingeebnete jüdische Friedhofsgelände wurde ca. drei Jahrzehnte später rekonstruiert und damit als solches kenntlich gemacht; 2010 wurde es durch den Landesrabbiner offiziell wieder als Grabstätte geweiht.

Neben einer Informationstafel wurde am Jüdischen Friedhof auch ein Stein gesetzt; er trägt 13 Namen, darunter auch den von Weißwassers Ehrenbürger Joseph Schweig, der das Gelände für die Begräbnisstätte 1903 gekauft hatte.

 

Weitere Informationen:

Richard Jecht, Juden in Görlitz, aus: R. Jecht, Geschichte der Stadt Görlitz, 1923, S. 106 - 116

Fritz Letsch, Die Verhältnisse der Juden in Görlitz von 1762 - 1933, Görlitz 1939

Germania Judaica, Band II/1, Tübingen 1968, S. 282/283 und Band III/1, Tübingen 1987, S. 444/445

Helmut Eschwege, Die Synagoge in der deutschen Geschichte - Eine Dokumentation, VEB Verlag der Kunst, Dresden 1980, S. 138/139

Roland Otto, Görlitz 1933 - 1945, gezeichnet durch den gelben Stern. Die Verfolgung der Görlitzer Juden durch die Faschisten, Görlitz 1988

Roland Otto, Die Verfolgung jüdischer Menschen in Görlitz von der Errichtung der faschistischen Diktatur bis zur Deportation (1933 - 1945), in: "Görlitzer Magazin" 2/1988, S. 3 ff.

Roland Otto, Die Verfolgung der Juden in Görlitz unter der faschistischen Diktatur 1933 - 1945, in: "Schriftenreihe des Ratsarchivs der Stadt Görlitz", No.14, Görlitz 1990

Helmut Eschwege, Geschichte der Juden im Territorium der ehemaligen DDR, Dresden 1990, Band II, S. 618 ff.

Zeugnisse jüdischer Kultur - Erinnerungsstätten in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen, Tourist Verlag GmbH, Berlin 1992, S. 230 f.

Juden in Sachsen - Ihr Leben und Leiden, Hrg. Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Dresden e.V., Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 1994

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: "Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum", Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 364 - 372

Auftrag für die Zukunft” - Juden und Synagoge in Görlitz, Hrg. Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden 1995

Helmut Eschwege/Roland Otto, Zur Geschichte der Görlitzer Juden, in: Sächsische Landeszentrale für politische Bildung (Hrg.), „Auftrag für die Zukunft“ - Juden in Synagoge in Görlitz, Dresden 1995, S. 27 - 100

Thomas Backhaus, Die neue Synagoge zu Görlitz, in: Denkmalpflege in Görlitz 5/1996, S. 21 – 25 , 6/1997, S. 30 f. und 9/1999, S. 43 - 49

Roland Otto, Im Zentrum der Oberlausitzer Juden – Görlitz. Der Anteil jüdischen Bürger am wirtschaftlichen, politischen und kulturellen leben in Görlitz, in: Juden in der Oberlausitz, Lusatia Historie, Lusatia-Verlag, Bautzen 1998, S. 104 - 133

Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus - Eine Dokumentation II, Hrg. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1999, S. 669 f.

Bernd Bloß, Geschichte und Gegenwart des Görlitzer jüdischen Friedhofs, in: Friedrich-Ebert-Stiftung, Büro Dresden (Hrg.), Tagung zu Geschichte der Juden in der Östlichen Oberlausitz am 10. Oktober 1999 in Görlitz, Dresden 1999

Roland Otto, Verbindung der Görlitzer Juden zum Osten, in: U.Marquardt/N.Faust (Hrg.), Görlitz. Von der mittelalterlichen Handelsstadt zur Grenzstadt an der Neiße, Görlitz 2000, S. 129 - 140

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 437/438

Ingrid Scheurmann/Katja Hoffmann, Sakralbauten - Kulturerbe bewahren, Förderprojekte der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Bonn 2001, S. 206 - 213

Aliza Cohen-Mushlin/Harmen Thies, Synagogenarchitektur in Deutschland vom Barock zum ‘Neuen Bauen’. Dokumentation zur Ausstellung, Selbstverlag TU Braunschweig, Fachgebiet Baugeschichte, 2002, S. 94/95

Antje Coburger, Die alte Synagoge in Görlitz, in: "Denkmalpflege in Görlitz. Eine Schriftenreihe", 12 (2003), S. 27 - 32

Xenos-Projekt: Dem Fremden begegnen .... Jüdisches Leben in der Lausitz, Görlitz 2003/2004

Der jüdische Friedhof Görlitz, hrg. vom Caritasverband der Diözese Görlitz e.V., Görlitz 2005  

Ole Harck, Eine mittelalterliche Mikwe in Görlitz?, in: "Görlitzer Magazin - Geschichte und Gegenwart der Stadt Görlitz und ihrer Umgebung", 19 (2006), S. 65 - 75

Norbert Haase, Die Synagoge zu Görlitz: ein vergessenes Gedenkzeichen, Verlag Hentrich & Hentrich, Teetz 2005 (2.Aufl. 2010)

Werner Schubert, Joseph Schweig (1850-1923) – Jüdischer Unternehmer, demokratischer Politiker und deutscher Patriot. Begründer der Stadt Weißwasser, in: "Jüdische Miniaturen. Spektrum jüdischen Lebens", hrg. von der Stiftung Neue Synagoge Berlin (2006?)

Markus Bauer, Die Vertreibung der Görlitzer Juden 1933 bis 1945. Das Schicksal jüdischer Bürger bleibt eine Forschungsaufgabe, in: Martina Pietsch (Hrg.), Heimat und Fremde. Migration und Stadtentwicklung in Görlitz und Zgorzelec seit 1933, Schlesisches Museum Görlitz 2010, S. 25 – 30

Jüdische Görlitzer Familien, online abrufbar unter: hospi30.de/zeitenspruenge/

Martina Albert, Jüdischer Friedhof (in Weißwasser) wird am 1.September eingeweiht, in: „Lausitzer Rundschau“ vom 28.8.2010

Karin Schuld-Vogelsberg (Red.), Görlitz. Die Perle der Lausitz, in: "Jüdische Allgemeine" vom 17.3.2011

Görlitzer Juden. Ihre vergessenen und verfallenen Spuren, in: "DeichSPIEGEL – das Online-Magazin aus Bremerhaven" vom 28.10.2012

Förderkreis Görlitzer Synagoge (Hrg.), Synagoge. Juden in Görlitz, Görlitz 2012 (online abrufbar unter: synagoge-goerlitz.de)

Markus Bauer/Siegfried Hoche,Die Juden von Görlitz – Beiträge zur jüdischen Geschichte der Stadt Görlitz (Aufsatzsammlung), Verlag Gunter Oettel, Görlitz 2013

Werner Schubert, Beiträge zur Geschichte der Juden in Weißwasser. Eine bedeutsame Episode zwischen 1881 und 1945, Hrg. Große Kreisstadt Weißwasser/O.L., Weißwasser 2014 (Anm.: Auflistung der jüdischen Bürger, siehe S. 229 - 248)

Auflistung der in Görlitz verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Görlitz

Förderkreis Görlitzer Synagoge (Hrg.), Stolpersteine in Görlitz, online abrufbar unter: synagoge-goerlitz.de/stolpersteine-in-goerlitz/  (Anm. mit Kurzbiografien der Opfer)

Daniela Pfeiffer (Red.), Drei neue Stolpersteine in Görlitz, in: „Sächsische Zeitung“ vom 9.3.2017

Sebastian Beutler (Red.), Görlitz: Rückkehr in die Synagoge, in: „Sächsische Zeitung“ vom 17.4.2018

Nicolai Schmidt (Red.), Spurensuche nach jüdischem Leben, in: „Sächsische Zeitung“ vom 8.11.2019

Susanne Sodan (Red.), Geschafft: Görlitz plant Eröffnung der Synagoge, in: „Sächsische Zeitung“ vom 23.1.2020

rw (Red.), Multimediale Spurensuc he. In Görlitzer Synagoge wird Geschichte lebendig, in: „Lausitzer Rundschau“  vom 15.4.2020

Susanne Sodan (Red.), Elf neue Stolpersteine für Görlitz, in: "Sächsische Zeitung“ vom 25.6.2020