Göding (Mähren)

Die in Grenznähe zur Slowakei liegende, etwa 50 Kilometer südöstlich von Brünn entfernte südmährische Kleinstadt Göding heißt heute Hodonín und hat derzeit ca. 25.000 Einwohner. Die Stadt hatte über Jahrhunderte hinweg bis zum Ersten Weltkrieg einen hohen deutschen Bevölkerungsanteil besessen; mit dem Entstehen der Tschechoslowakei war eine Abwanderung der deutsch-sprachigen Einwohnerschaft zu verzeichnen.

     MAS Moravský kras o.s. MAS Stará Čierna voda MAS Dudváh Im Rahmen ... Ausschnitt aus hist. Bildkarte (Abb. aus: docplayer.org)

Eine jüdische Gemeinde existierte in Göding spätestens seit der ersten Hälfte des 17.Jahrhunderts; die ersten Familien sollen sich bereits seit 1580 im Ort aufgehalten haben. Die Juden lebten von den anderen Stadtbewohnern getrennt in mehr als 30 Häusern, die auf einer Flussinsel der March nördlich der Stadt lagen: Die Ansiedlung jüdischer Bewohner in Göding war besonders von der Adelsherrschaft derer von Oppersdorf betrieben worden, die den durch den Dreißigjährigen Krieg schwer geschädigten Ort wirtschaftlich wiederbeleben sollten. Das sog. „Oppersdorfische Privileg“ aus dem Jahre 1690 regelte das Zusammenleben von Christen und Juden in der Herrschaft Göding, listete aber auch die Abgaben unterschiedlichster Art an die Grundherrschaft auf. Großbrände äscherten die „Judenstadt“ 1693 und 1754 völlig ein; immer wieder erbaute man an gleicher Stelle neue Häuser.

Die allermeisten Familien der relativ großen Gemeinde in Göding wurden um 1775 aus der Stadt vertrieben, die Gemeinde aufgelöst; treibende Kraft war die Kaiserin Maria Theresia, an die 1774 die Herrschaft Göding übergegangen war. Die Flüchtlinge fanden in benachbarten ungarischen Orten und in anderen mährischen Gemeinden eine Bleibe. Auch nach ihrer Vertreibung suchten sie noch die Gödinger Märkte auf und versuchten dabei, ihre noch ausstehenden Gelder einzutreiben. Etwa zehn Jahre später erhielten 13 ausgewiesene Familien seitens Joseph II. erneut ein Aufenthaltsrecht zugesprochen. Ab Mitte des 19.Jahrhunderts nahm dann der jüdische Bevölkerungsteil Gödings stark zu.

Ihre erste Synagoge befand sich Ende des 17.Jahrhunderts im Ghettobezirk; sie wurde 1688 erstmals erwähnt. Mit dem steten jüdischen Zuzug - besonders im Laufe der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts - wurde der aufgelassene Bau wieder hergestellt und 1863 feierlich eingeweiht; seit 1899 besaß Göding auch wieder einen eigenen Rabbiner.

                                  

Synagoge in Göding (hist. Aufn. um 1910, Stadtarchiv und Aufn. 1939, aus: zanikleobce.cz)

Göding verfügte im Laufe seiner Geschichte über zwei jüdische Begräbnisplätze, die an der Straße nach Luschitz lagen; der ältere Friedhof soll um 1620 angelegt worden sein, der jüngere um 1920. Eine Beerdigungsbruderschaft bestand bereits in frühester Zeit, deren Satzungen aus dem Jahre 1682 erhalten sind.

Juden in Göding:

         --- 1592 ...........................   16 jüdische Familien,

    --- 1673 ...........................  136 Juden,

    --- um 1745 ..................... ca. 550   “   (in ca. 130 Familien),

    --- um 1775 ..................... ca. 400   “   (in ca. 90 Familien),

    --- um 1790 .........................  13 jüdische Familien,

    --- 1830 ............................  80 Juden, (andere Angabe: ca. 100 Pers.)

    --- 1848 ............................ 109   “  ,

    --- 1857 ............................ 205   “  ,

    --- 1869 ............................ 380   “  , (andere Angabe: 433 Pers.)

    --- 1880 ............................ 567   “  ,

    --- 1890 ............................ 728   “  ,

    --- 1900 ............................ 976   “  ,

    --- 1910 ............................ 983   “  ,

    --- 1921 ............................ 797   “  ,

    --- 1930 ............................ 670   “   (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1940 ............................  ?    “  .

Angaben aus: Theodor Haas, Juden in Mähren - Darstellung der Rechtsgeschichte und Statistik ..., S. 59

und                 Hugo Gold, Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden Mährens, S. 54/55

                          Bildergebnis für Göding mährenAnsicht von Göding (historische Postkarte (um 1915)

Mit dem Beginn des 20.Jahrhunderts wanderten jüdische Familien aus Göding (Hodonin) ab; Ziel waren vor allem größere Städte.

Während der NS-Besatzungszeit wurde das Synagogengebäude schwer beschädigt (und nach 1945 abgerissen). Auf behördliche Anweisung wurden zahlreiche Ritualgegenstände ins zentrale Jüdische Museum nach Prag geschafft.

Mehr als 220 Juden Hodonins kamen während der NS-Besatzungszeit ums Leben; über Kyjov (Gaya), dem Sammelpunkt für Juden aus Südmähren, wurden auch die jüdischen Familien Hodonins ins Ghetto Theresienstadt und von hier - innerhalb weniger Wochen - in die Vernichtungslager verschleppt, wo sie der "Endlösung" zum Opfer fielen.

 

Nach Kriegsende bildete sich wieder eine kleine jüdische Gemeinschaft, die aber nicht lange Bestand hatte.

Der alte Friedhof in Göding (Hodonín) wurde in den 1970er Jahren in eine Parkanlage umgewandelt; die meisten historischen Grabsteine wurden auf den um 1920 angelegten neuen Friedhof umgesetzt, nur einige wurden im Park belassen.

Blick auf das ältere und jüngere Friedhofsgelände (Aufn. Fet'our, 2012, aus: wikipedia.org, CCO)

 

Ein in Hodonín von der deutschen Besatzungsbehörden etabliertes Lager diente der Internierung von insgesamt mehr als 1.300 Sinti und Roma aus Mähren. Fast 200 von ihnen starben bereits im Lager, 950 Personen wurden nach Auschwitz deportiert. Die hier Inhaftierten - Männer, Frauen und Jugendliche - mussten unentgeltlich Zwangsarbeit leisten; im begrenzten Maße wurden auch Kinder herangezogen. Ihnen wurde verboten, ihre eigene Sprache zu benutzen; den Männern wurden die Haare kahl geschoren, und sie mussten eine der Sträflingskleidung ähnliche 'Lageruniform' tragen. Die für etwa 300 Personen ausgelegte Lagerkapazität wurde mit ca. 1.300 Personen weit überschritten. Das Wachpersonal dieser Arbeitsstraflager wurde aus bewaffneten tschechischen Polizeikorps rekrutiert.

Ein weiteres ‘Zigeuner-Lager befand sich in Lety. Im Laufe des Jahres 1943/1944 wurden die Lager Lety und Hodonin aufgelöst; zwei Drittel der hier Inhaftierten waren entweder gestorben oder nach Auschwitz-Birkenau deportiert worden.

 

Der 1868 in Göding geborene Friedrich (Fritz) Redlich war ein einflussreicher Großindustrieller, der nach einem Studium der Landwirtschaft die Leitung der väterlichen Zuckerfabriken, Mühlen, Ziegeleien u.a. übernahm; die Zuckerfabriken waren damals die größten der österreich-ungarischen Monarchie. Auf Grund seines Engagements wurden weitere Fabrikationsanlagen in Ungarn und Slowenien gegründet. Kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges wurde Redlich Bürgermeister von Göding. 1921 verstarb er in seinem Geburtsort.

 

Weitere Informationen:

Theodor Haas, Juden in Mähren - Darstellung der Rechtsgeschichte und Statistik unter besonderer Berücksichtigung des 19.Jahrhunderts, Brünn 1908

Gustav Treixler, Die Gödinger Judengemeinde, in: "Zeitschrift des Deutschen Vereins für die Geschichte Mährens und Schlesiens", XXI. Jg, 1914

Gustav Treixler, Geschichte der Juden in Göding, in: Hugo Gold (Hrg.), Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart, Jüdischer Buch- und Kunstverlag Brünn 1929, S. 211 - 224

Hugo Gold, Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden Mährens, Olamenu-Verlag, Tel Aviv 1974, S. 54 - 56

Ferdinand Seibt (Hrg.), Die Juden in den böhmischen Ländern - Vorträge der Tagung des Collegiums Carolinum in Bad Wiessee (November 1981), Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1983

Jaroslav Klenovsky, Jüdische Gemeinde von Hodonin, aus: http://www.jewishgen.org/BohMor/

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 517/518

The Jewish Community of Hodonin (Göding), Hrg. Beit Hatfutsot – The Museum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/hodonin