Birnbaum (Posen)

    Birnbaum, das polnische Międzychód - ca. 60 Kilometer westlich von Posen bzw. Poznan an der Wartheschleife – gehörte nach der 3. Teilung Polens zum preußischen Staatsgebiet; die Bevölkerung setzte sich aus einem katholisch-polnischen und einem protestantisch-deutschen Bevölkerungsteil zusammen. Międzychód ist heute eine Kreisstadt in der Woiwodschaft Poznan mit derzeit ca. 11.000 Einwohnern.

Anfänge jüdischer Besiedlung in Birnbaum scheinen bereits zu Beginn des 16.Jahrhunderts gelegen zu haben. Die hier lebenden Juden besaßen besondere Privilegien, die sie von den Grundherren, der Adelsfamilie von Unruh, erhalten hatten. Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde, die in engen Beziehungen zu ihren Glaubensgenossen in Posen standen, hatten im 18.Jahrhundert eine ansehnliche Gemeinde aufgebaut. Aus ihren Reihen gingen bedeutende Gelehrte hervor.

Um 1850 ließ die hiesige Judenschaft einen Synagogenneubau, der orientalische Elemente trug, erstellen. Die jüdischen Kinder besuchten in Birnbaum gemeinsam mit den christlichen die örtliche Schule; hier wurden sie auch von einem jüdischen Lehrer unterrichtet.

Seit dem späten 18.Jahrhundert verfügten die Juden Birnbaums über einen Friedhof, der weit außerhalb der Stadt lag.

ManuelJoel.jpgAus Birnbaum stammte der jüdische Gelehrte und Rabbiner Manuel (Sacharja Menachem) Joel (geb. 1826). Nach Schulbesuchen in Posen und Berlin begann er 1849 an der Universität Berlin ein Studium in klassischer Philologie und Philosophie sowie jüdische Wissenschaften. Nach der Promotion kam er 1854 an das neu geschaffene Jüdisch-Theologische Seminar nach Breslau und wurde 1863 - als Nachfolger von Abrraham Geiger – zum Rabbiner der dortigen liberalen Gemeinde gewählt. Er trat als religiös-gemäßigter Reformer für eine Symbiose althergebrachter historischer Gottesdienstformen mit den neuen seiner Zeit ein. Manuel Joel starb 1890 in Breslau.

Juden in Birnbaum:

         --- 1793 ........................... 482 Juden,

    --- 1816 ........................... 348   “  ,

    --- 1827 ........................... 650   “  ,

    --- 1840 ........................... 790   “   (ca. 25% d. Bevölk.),

    --- um 1860 .................... ca. 700   "  ,

    --- 1871 ........................... 586   “  ,

    --- 1885 ........................... 294   “  ,

    --- 1895 ........................... 218   “  ,

    --- 1905 ........................... 142   “  ,

    --- 1930 ...........................  ?  

Angaben aus: Heppner/J.Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gemeinden in den Posener Landen, S. 307

In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts setzte eine Abwanderung jüdischer Familien ein, die die große Gemeinde innerhalb weniger Jahrzehnte stark verkleinerte. Nachdem die Kleinstadt 1920 wieder zum polnischen Staatsgebiet gehörte, wanderte der Großteil der verbliebenen jüdischen Bevölkerung in größere deutsche Städte ab - vor allem nach Berlin.

              http://polishpoland.com/wp-content/uploads/2009/12/birnbaum-miedzychod3.jpg File:Birnbaum Schwerinerstrasse.jpeg

Marktplatz (hist. Ansichtskarte, um 1900, aus: PolishPoland.com) und Schweriner Straße (Karte um 1910, aus: commons.wikimedia.org, CCO)

Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Synagogengebäude teilzerstört; die noch hier lebenden Juden mussten „aussiedeln“ und den „Reichsgau Wartheland“ verlassen.

Das wiederhergestellte ehemalige Synagogengebäude dient nach einem Totalumbau als Verwaltungs- und Geschäftshaus.

                      Ehem. Synagogengebäude (Aufn. aus: sztetl.org.pl)

In Birnbaum (Międzychód) wurde der jüdische Friedhof in den 1950er Jahren beseitigt; wenige Grabsteine wurden jüngst aber wieder aufgefunden.

Hermann Tietz Als einer der bekanntesten Söhne der Stadt gilt Hermann Tietz (1837-1907), der einer jüdischen Kaufmannsfamilie entstammte und mit der Gründung von „Hertie“ die Idee des Warenhauses umsetzte. Das Stammhaus befand sich in Gera, das er mit seinem Neffen Oskar (geb. 1858 in Birnbaum) gegründet hatte. In der Folgezeit eröffnete Tietz weitere Warenhäuser in verschiedenen deutschen Städten, so auch in Berlin (1900). In dem großen Familienunternehmen waren in den 1920er Jahren Tausende Menschen beschäftigt. 30 Jahre nach seinem Tod wurde die Warenhauskette von den Nationalsozialisten „arisiert“.

Die Grabstätte der Familie Tietz sich auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee. An seinem Geburtsort erinnern ein Gedenkstein und ein Straßenname an Oscar Tietz.

Die Gebrüder Moritz und Julius Ury stammen wie viele andere „Kaufhauskönige“ aus Birnbaum. Das Warenhaus Ury war das erste Leipziger Warenhaus; es wurde am 24. März 1896 von den Gebrüdern am Königsplatz 15 gegründet. 1913/1914 verwandelte ein umfassender Umbau durch den Architekten Emil Franz Hänsel das Geschäft in einen sechsstöckigen Prachtbau mit Lichthof. Im Jahr 1901 wurde in Zwickau das „Warenhaus Ury Gebrüder, Zwickau/Leipzig“ durch die beiden Brüder gegründet. Leiter des Warenhauses war Simon Schocken, der in die Familie Ury eingeheiratet hatte.  Im Zuge der „Arisierung“ wurde 1938 das Leipziger Messeamt neuer „Eigentümer“. Die Begründer Moritz und Julius Ury waren schon 1937 gezwungen worden, aus dem Unternehmen auszuscheiden.

Mitglieder der ebenfalls aus Birnbaum stammenden jüdischen Kaufmannsfamilie Knopf gründeten ab Ende des 19.Jahrhunderts bedeutende Waren- und Kaufhäuser, die besonders im Südwesten Deutschlands und in der Schweiz zu einer Kette ausgebaut wurden.

Aus einem Dorf in der Nähe Birnbaums stammte Hermann Wronker (geb. 1867), ein Neffe der Gebrüder Tietz, dem Gründer der nach ihm benannten Warenhäuser. Flaggschiff seines Unternehmens war das Haus an der Zeil in Frankfurt/Main. Weitere Filialen unterhielt Wronker im Badischen, im Rhein-Main-Gebiet und in Nürnberg.

Lesser Ury (Abb. Selbstbildnis) wurde im Jahre 1861 in Birnbaum als Sohn eines jüdischen Bäckermeisters  geboren. Er war einer der ersten deutschen Impressionisten. Zu den berühmtesten seiner Bilder zählten die von Berliner Straßen und Pariser Kaffeehäusern. Ury beschäftigte sich aber auch mit biblischen Themen. Der seit 1887 in Berlin lebende Maler starb 1931. Sein Grab liegt auf dem jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee.

 

Weitere Informationen:

A.Heppner/J.Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gemeinden in den Posener Landen, Koschmin - Bromberg 1909, S. 303 - 308

Georg Tietz, Hermann Tietz. Geschichte einer Familie und ihrer Warenhäuser, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1965

Joachim Seyppel, Lesser Ury. Der Maler der alten City - Leben - Kunst - Wirkung. Eine Monographie, Gebr. Mann, Berlin 1987

Sophia Kemlein, Die Posener Juden 1815 – 1848. Entwicklungsprozesse einer polnischen Judenheit unter preußischer Herrschaft, Hamburg 1997, S. 141 - 167

Nils Busch-Petersen, Oscar Tietz. Von Birnbaum (Provinz Posen) zum Warenhauskönig von Berlin, Berlin 2004 (3.Aufl., 2013)

Andrea Puppe (Red.), Die Wiege der Kaufhäuser steht in Birnbaum, in: „Berliner Morgenpost“ vom 30.4.2004

Torsten Lorenz, Von Birnbaum nach Miedzychód. Bürgergesellschaft und Nationalitätenkampf in Groß-Polen bis zum Zweiten Weltkrieg (Dissertation), in: "Frankfurter Studien zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Osteuropas", Berliner Wissenschaftsverlag 2005

Stefan Appelius, Arisierungen: Lili und die Kaufhauskönige, in: spiegel.de vom 25.10.2007 (Anm. betr. Hermann Wronker)

Die jüdische Gemeinde in Międzychód, in: sztetl.org.pl