Beelitz (Brandenburg)

Potsdam-Mittelmark KarteBeelitz mit derzeit ca. 12.000 Einwohnern ist eine Kleinstadt im brandenburgischen Landkreis Potsdam-Mittelmark - südwestlich von Berlin und Potsdam gelegen (Karte aus: ortsdienst.de/brandenburg/postdam-mittelmark).

Ein erster Hinweis auf möglicherweise sich in Beelitz aufhaltende Juden stammt aus der Mitte des 13.Jahrhunderts und steht im Zusammenhang mit der Legende des „Wunderblutes von Beelitz“. Demnach sollen sich - nach Berichten der mittelalterlichen Chronisten Angelus und Creusing - Juden von einer christlichen Magd eine Hostie haben beschaffen lassen. Als die Juden die Hostie mit Messern zerteilten, soll diese zu bluten angefangen haben. Die Magd und die Juden sollen nach Bekanntwerden des ‚Wunders’ vor der Stadt hingerichtet worden sein.

Erst etwa 500 Jahre später - zu Beginn des 18.Jahrhunderts - sind wieder vereinzelt Juden in Beelitz schriftlich erwähnt; nur allmählich entwickelte sich eine kleine jüdische Gemeinde. Aus der Mitte des 18.Jahrhunderts stammt der kleine jüdische Friedhof „Am Großen Anger“, der vor den Toren der Kleinstadt angelegt wurde und auf dem auch Verstorbene aus Potsdam und Berlin beerdigt wurden. Auf dem ältesten lesbaren Grabstein ist als Sterbejahr „1752“ angegeben. Da die Urkunde über den Erwerb des Begräbnisgeländes der jüdischen Gemeinde abhandengekommen war, stellte der Beelitzer Magistrat im Jahre 1775 eine neue Besitz-Urkunde aus, in der es hieß:

Wir Bürgermeister und Rath der Königlich Churmärkischen Immediatstadt Beelitz urkunden und bekennen hiermit: Nachdem die hiesige Judenschaft mit Zuziehung der zu Trebbin, Luckenwalde und Jüterbok schon vor geraumer Zeit einen hierselbst vor dem Berliner Thorr, hinter den Scheunen, belegenen Platz zu Beerdigung ihrer Todten von der Stadt käuflich an sich gebracht, solchen auch in der Folge durch Ankaufung noch eines Fleck Landes vergrößert, und diesen Kirchhof auf eigene Kosten mit einer Mauer umziehen, auch auf selbigem ein Hauß Behufs der bei Beerdigung ihrer Todten zu beobachtenden Gebräuche erbauen lassen; worüber sie damahls zwar eine Gerichtliche Erb-Verschreibung von dem Magistrat erhalten, solche Ihnen aber abhänden gekommen, und dann um nochmalige Ausfertigung derselben zu ihrer Sicherheit geziemend nachgesuchet: So haben wir deren Gesuch zu deferiren, die Wahrheit des Vorangeführten, Unseren Gerichts-Actis gemäß, gegen Jedermänniglich, dem daran gelegen, hiermit vergewisseren, anbai auch in dessen Gefolge, der hiesigen und mitinteressirenden Judenschaften und deren Nachkommen, für Uns und Unsere Nachfolger im Amte, Krafft dieses versichern wollen, daß sie bei dem Erb- und Eigenthümlichen auch gänzlich Abgabenfreien Besitz dieses ihres Kirchhofes und Pertinentzien, sowie solcher gegenwärtig in seinen Grentzen und Maalen befindlich, zu jederzeit Obrigkeitlich geschützet werden sollen; Wes-Endes diese Versicherung in gegenwärtiger beglaubter Form ausgefertiget und Unsern Actis publicis gehörig einverleibet worden. Urkundlich unter hiesigen Gerichts-Insiegel. Gegeben Beelitz den 21. August 1775. Magistrat hierselbst. Gravius. Ch. Raddatz. Glaser.“

(aus: Chronik der Stadt Beelitz und der dazu gehörigen Kolonien Krosshof und Friedrichshof sowie des früheren Vorwerks Rummelsborn; bearbeitet unter Anschluß der vorhandenen Urkunden von Carl Schneider Beelitz, 1888, S. 52)

Da Beelitz seit Mitte der 1850er Jahre Zentrum eines ausgedehnten Synagogenbezirkes war, zu dem auch Belzig, Caputh, Jüterbog, Luckenwalde, Trebbin, Werder u.a. gehörten, fanden auch verstorbene Juden aus diesen Orten auf dem Beelitzer Friedhof ihre letzte Ruhe. Im Jahre 1939 wurde der Friedhof von den Behörden geschlossen; die letzten Begräbnisse hatten hier in den 1920er Jahre stattgefunden.

Ein schlichtes Bethaus besaß die kleine Gemeinde, die durch den Potsdamer Rabbiner betreut wurde, ab ca. 1855 auf einem Hinterhofgelände an der Edelstraße. Vor Ort beschäftigte die kleine Gemeinde einen Lehrer, der neben der religiösen Bildung der Kinder auch die Funktion des Kantors und Schächters versah.

Wegen Baufälligkeit musste das Synagogengebäude 1910 aufgegeben werden; seitdem diente eine Räumlichkeit in der 1908 gegründeten "Israelitischen Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene Kinder" gottesdienstlichen Zwecken.

Juden in Beelitz:

         --- um 1710 .......................... eine jüdische Familie,

    --- 1777 .............................   3      "        "  n,

    --- 1801 .............................  29 Juden,

    --- 1885 .............................  19   “  ,

    --- 1910 .............................  92   “  ,

    --- 1926 .............................  96   “  ,

    --- 1933 ............................. 109   “  ,*   * andere Angabe: 79 Pers.

    --- 1940 .............................   ?       

Angaben aus: Lutz Partenheimer, Beelitzer Religionsgemeinschaften

Seit 1908 befand sich in einem Waldgelände nahe Beelitz ein neues jüdisches Kinderheim, dessen Träger der Jüdische Gemeindebund Berlin war. Hier waren bis zu 70 bildungsfähige Kinder und Jugendliche mit geistigen Entwicklungsrückständen untergebracht.

Zu Beginn der NS-Zeit sollen knapp 110 jüdische Bürger in der Kleinstadt gelebt haben. Die Beelitzer Juden waren zum Großteil Besitzer von Handelsgeschäften. Das größte jüdische Unternehmen in Beelitz war die „Lederwarenfabrik Fabian & Meyer”, die den Markennamen „Fame“ führte; sie wurde 1935 von den NS-Behörden enteignet. Der seit 1935 amtierende Bürgermeister Jordan betrieb seitdem das Ziel, Beelitz von „Juden zu befreien”; sein erster „Erfolg“ war die baupolizeilich verordnete Schließung des Synagogengebäudes, das seit Ende der 1920er Jahre nicht mehr für gottesdienstliche Zwecke genutzt worden war. Auch der jüdische Friedhof wurde im Jahre 1939 auf behördliche Weisung geschlossen und sollte danach eingeebnet werden.

Das jüdische Kinderheim war den städtischen NS-Behörden schon lange ein Dorn im Auge. Erst nach dem Abtransport und der Deportation der Kinder in die Vernichtungslager Osteuropas im Frühjahr 1942 ging das Heimgelände in NS-Besitz über; dann wurde hier eine BdM-Haushaltsschule untergebracht.

 

Das stark verwahrloste, etwa 900 m² große Friedhofsgelände wurde Ende der 1980er Jahre wieder in einen Zustand gebracht, der es als jüdische Begräbnisstätte erkennbar macht. Etwa 45 Grabsteine bzw. -relikte  haben die Zeiten überdauert. Im Jahre 1988 wurde hier eine Gedenktafel angebracht.

  Uedischer Friedhof Beelitz 2.JPG

Jüdischer Friedhof in Beelitz (Aufn. J. Rzadkowski, 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

An das ehemalige jüdische Kinderheim erinnert eine Gedenktafel; unter einem Davidstern steht der kurze Satz:

Zum Gedenken an die jüdischen Kinder und Lehrer,

die vom Nazi-Regime ermordet wurden.

 

In Trebbin - etwa 30 Kilometer südlich von Berlin gelegen – gab es zu keiner Zeit eine eigenständige jüdische Gemeinde. Die hier lebenden Familien, die sich vornehmlich als Geschäftsleute betätigten, waren im 19. Jahrhundert der Synagogengemeinde Beelitz angeschlossen. Verstorbene wurden zunächst auf den jüdischen Friedhöfen in Beelitz oder Luckenwalde begraben, ehe dann ein eigenes Gelände am Ort zur Verfügung stand; die Initiative zur Anlage dieser örtlichen Begräbnisstätte war auf Betreiben der Familien Jakobsohn und Eschen zu Beginn des 19. Jahrhunderts ausgegangen.

Gewisse Bedeutung besaß Treppin wegen seiner Nähe zum Haschara-Lager „Landwerk Ahrensdorf“ - ab 1936 eingerichtet in dem kleinen Jagdschloss Berdotaris. Hier erhielten jüdische Jugendliche eine gärtnerisch-landwirtschaftliche Ausbildung, die sie für ein künftiges Leben in Palästina befähigen sollte. Bis zur Auflösung des Lagers (1941) gelang mehr als 100 Jugendlichen eine Emigration; die zurückgebliebenen wurden deportiert, einige konnten überleben.

 

Weitere Informationen:

Chronik der Stadt Beelitz und der dazu gehörigen Kolonien Krosshof und Friedrichshof sowie des früheren Vorwerks Rummelsborn; bearbeitet unter Anschluß der vorhandenen Urkunden von Carl Schneider Beelitz, 1888, S. 52

Joseph Freudenthal, Chronik der Synagogengemeinde zu Luckenwalde und deren Vorgeschichte, Leipzig 1919 (geschrieben aus Anlaß des 50.Gründungsjahres der Synagogengemeinde, Reprint im Jahre 1997 erschienen, S. 45 ff.)

Werner Heise, Die Juden in der Mark Brandenburg bis zum Jahre 1571, in: "Historische Studien", Heft 220, Berlin 1932, S. 12 - 14

Georg Philipp Ilg, Dokumentation des jüdischen Friedhofs in Beelitz - Seminararbeit am Institut für Judaistik der der FU Berlin, 1990  (Anm. 2017 in die Datenbank „Jüdische Friedhöfe in Brandenburg“ aufgenommen)

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: "Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum", Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 245 - 247

Wolfgang Stamnitz, Beelitz, in: I.Diekmann/J.H.Schoeps (Hrg.), Wegweiser durch das jüdische Brandenburg, Edition Hentrich, Berlin 1995, S. 22 ff.

Holger Schenk, Das jüdische Kinderheim in Beelitz - Geschichte eines Hauses und seiner Bewohner, in: I.Diekmann/J.H.Schoeps (Hrg.), Wegweiser durch das jüdische Brandenburg. Edition Hentrich, Berlin 1995, S. 22 - 30 und S. 398 ff.

Die Wunderblutlegende, in: Beelitz, Stadtpfarrkirche St. Marien - St. Nikolai, Passau 2000, S. 4/5

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 97

Wolfgang Weißleder, Der Gute Ort - Jüdische Friedhöfe im Land Brandenburg, Hrg. Verein zur Förderung antimilitaristischer Traditionen in der Stadt Potsdam e.V., Potsdam 2002, S. 79

Lutz Partenheimer, Beelitzer Religionsgemeinschaften, aus: "Brandenburgisches Städtebuch"

Wolfgang Stamnitz (Bearb.), Beelitz, in: Irene A. Diekmann (Hrg.), Jüdisches Brandenburg. Geschichte und Gegenwart, Beiträge zur Geschichte und Kultur der Juden in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen, Band 5, Berlin 2008, S. 12 - 21

Anke Geißer-Grünberg (Bearb.), Geschichte der jüdischen Gemeinde und des jüdischen Friedhofs in Beelitz, in: Universität Potsdam - Institut für jüdische Studien und Religionswisschaft (Hrg.), Jüdische Friedhöfe in Brandenburg, online abrufbar unter: uni-potsdam.de

Nicole Schmitz (Bearb.), Geschichte der Juden in Treppin und ihres Friedhofs, in: Universität Potsdam – Institut für jüdische Studien und Religionswissenschaft (Hrg.), Jüdische Friedhöfe in Brandenburg, online abrufbar unter: uni-potsdam.de

Bärbel Krämer (Red.), Erinnerung: Stolperstein für Ida und Rudi Sachs, in: „MOZ - Märkische Oder-Zeitung“ vom 14.3.2019 (betr. Stolpersteine in Bad Belzig)