Bad Laasphe (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Bad Laasphe in SI.svg Bad Laasphe ist eine Kleinstadt mit derzeit knapp 15.000 Einwohnern im Kreis Siegen-Wittgenstein – ca. 35 Kilometer östlich von Siegen gelegen (Karte TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Ansicht von Laasphe um 1655, Stich M. Merian in Topographie Hassiae (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges haben vermutlich erstmals Juden in Laasphe gelebt. Als erster im Ort ansässiger und Schutzgeld entrichtender Jude wird 1635 ein gewisser Nathan genannt. Um 1700 bildete sich dann eine kleine Gemeinde.

Die Anwesenheit von Juden im Ort - gewährt von den Wittgensteiner Grafen und durch gräfliche Schutzbriefe garantiert - stieß jedoch immer wieder auf den Missmut der Laaspher Stadtbewohner. Ihren Lebensunterhalt verdienten die hiesigen Juden als ‚Handelsmänner’ bzw. umherziehende Kramhändler und als Händler mit Vieh und Textilien. Im Jahre 1752 gab sich die jüdische Gemeinde eine detaillierte Ordnung. Etwa zeitgleich richtete man in einem Haus in der Mauerstraße eine Synagoge ein, nachdem es um 1720 vermutlich schon eine Vorgängersynagoge gegeben hatte. Ende der 1860er Jahre erfuhr das Synagogengebäude dann eine Erweiterung, bei der u.a. eine Mikwe eingebaut wurde. Die Unterrichtsräume der jüdischen Schule, die ab 1869 als öffentliche Elementarschule anerkannt war, befanden sich zunächst in der Synagoge, ab 1904 wurde dann ein Raum im alten Rathaus zu Unterrichtszwecken zur Verfügung gestellt.

           Betsaal mit den Rundbogenfenstern (hist. Aufn.)

Über ein eigenes Bestattungsgelände am Puderbacher Weg verfügte die Laaspher Judenschaft seit den 1760er Jahren. Dieses war ihr als gräflich Wittgenstein’sche Schenkung übereignet worden. Das Begräbnisareal diente allen Juden aus dem südlichen Teil der Grafschaft Wittgenstein (mit Erndtebrück und Feudingen) als letzte Ruhestätte. Seit 1768 musste „jemand von fremdem Ort“ acht Reichstaler für ein Doppelgrab entrichten.

Laut Statut von 1855 umfasste der Synagogenbezirk Laasphe auch die Ämter Banfe und Erndtebrück.

Juden in (Bad) Laasphe:

        --- 1682 .............................  3 jüdische Familien (ca. 20 Pers.),

    --- 1740 .............................  10     “       “    ,

    --- 1752 .............................  12     "       "    ,

    --- 1786 .............................  12     "       "    ,

    --- 1800 .............................  30     “       “    ,

    --- 1843 ............................. 110 Juden,

    --- 1853 ............................. 126   “  ,

    --- 1871 ............................. 139   “  ,

    --- 1880 ............................. 151   “  ,

    --- 1890 ............................. 146   “  ,

    --- 1900 ............................. 144   “  ,

    --- 1910 ............................. 112   “  ,

    --- 1925 ............................. 121   “  ,

    --- 1930 ............................. 121   “  ,

    --- 1934/35 .......................... 127   “  ,

    --- 1938 .............................  92   “  ,

    --- 1940 .......................... ca. 65   “  ,

    --- 1941 (Mai) .................... ca. 20   “  ,

    --- 1942 (Aug.) ................... ca.  5   “  ,

    --- 1943 (Aug.) .......................  keine.

Angaben aus: Reinhard Schmidt, Aus der Geschichte von Juden und Christen in Laasphe, S. 47

und                 Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938, S. 634 (Anhang)

Über die wirtschaftliche Situation der jüdischen Bevölkerung äußerte sich der Laaspher Bürgermeister im Jahre 1867: „Von den israelitischen Hausvätern sind sechszehn wohlhabend, dagegen verfügen zehn über kein Kapital.

Anfang der 1890er Jahre fand Stöckers „Antisemiten-Partei“ in Laasphe Eingang, und es kam hier zur Gründung eines „Reformvereins“. Begünstigt wurde die Verbreitung antisemitischen Gedankengutes nicht zuletzt auch durch die schlechte wirtschaftliche Lage der Landwirte, die mehrere Missernten erlebt hatten. Ihre Notlage wurde damit begründet, dass der „rechtschaffene christliche Bauer” in die Fänge des „gerissenen jüdischen Geschäftsmanns” geraten sei. Bei den Wahlen von 1898 stimmten dann ca. 50% (!) der Wähler für Stöcker.

In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg bestand zwischen christlichen und jüdischen Einwohnern ein insgesamt einvernehmliches Verhältnis, und die Laaspher Juden waren weitgehend in die kleinstädtische Gesellschaft integriert. Mit Beginn der NS-Herrschaft wurde das antijüdische Gedankengut jedoch wieder ‚aktiviert’. Die erste sichtbare Maßnahme war auch hier der Boykott jüdischer Geschäfte sowie der Ausschluss jüdischer Händler von den Viehmärkten. In den Jahren 1934/1935 verstärkte sich der wirtschaftliche und gesellschaftliche Druck auf die Juden: Jüdische Schüler wurden ausgegrenzt und später ganz vom Unterricht ausgeschlossen. Erwachsene Juden wurden in einzelnen Fällen öffentlich ‚zur Schau gestellt’ und mussten Plakate mit antisemitischen Parolen um den Hals tragen. Bei Beerdigungen wurden die Angehörigen der Trauergesellschaft verhöhnt.

Vorläufiger Höhepunkt der NS-Verfolgungspolitik war auch hier der Novemberpogrom von 1938. In der Nacht vom 9./10. November wurde die Synagoge aufgebrochen und die Inneneinrichtung mitsamt den Kultgegenständen zerstört und z. T. auch entwendet. Vor dem Gebäude häufte man das zerschlagene Mobiliar zu einem Scheiterhaufen auf und setzte diesen dann in Brand. Das Gebäude selbst blieb äußerlich unzerstört, wenige Tage später wurde dort eine Schlosserei untergebracht. Darüber hinaus wurden alle noch bestehenden jüdischen Geschäfte in Laasphe verwüstet, und auch die Wohnungen blieben nicht verschont. Die jüdischen Männer aus dem Ort und dem Amt Laasphe wurden zunächst zu Aufräumungsarbeiten eingesetzt und anschließend festgenommen; über das Gefängnis Siegen wurden sie dann ins KZ Sachsenhausen "überstellt".

Die „Wittgensteiner Zeitung” nahm am 10. und 14.11.1938 auf die Ereignisse während des Pogroms Bezug:

* Laasphe. Gesandtschaftsrath vom Rath tot - diese Meldung von dem Ableben des deutschen Diplomaten in Paris, den Alljuda in feiger Weise dahingemeuchelt, die erschütternde Nachricht hin bemächtigte sich in begreiflicher Weise der Einwohnerschaft große Erregung, die sich im Laufe der Nacht in spontanen Demonstrationen gegen die ansässigen Juden Luft machte.

und

* Laasphe. Abtransport der Juden. Im Zuge der Vergeltungsmaßnahmen wegen des feigen Pariser Meuchelmords wurden bereits am Freitag 14 jüngere, arbeitsfähige Juden von hier über Siegen abtransportiert. Heute folgen ihnen nochmal 8, sodaß hier nur noch ältere oder arbeitsunfähige Juden männlichen Geschlechts verblieben sind. - Aus den übrigen Kreisorten sind die arbeitsfähigen männlichen Juden ebenfalls fortgeschafft worden.

Anm.: Gegen sieben am Pogrom beteiligte Männer wurde Ende 1938 Anklage erhoben, das Verfahren aber alsbald eingestellt.

Ende April 1942 wurden 47 jüdische Bewohner Laasphes nach Ostpolen (Zamosc) deportiert - in den Akten heißt es: „ ... nach unbekannt verzogen”; keiner von ihnen kehrte zurück. Einige Tage nach den Deportationen wurde auf Anweisung des Landrates die bewegliche Habe der Verschleppten verteilt, Wohnungen und Grundbesitz übernahm das Finanzamt in Siegen.

Die letzten 19, überwiegend ältere jüdische Bewohner, wurden im Sommer 1942 nach Theresienstadt abtransportiert, nur eine einzige Familie - die des Viehhändlers und ehem. Synagogenvorstehers Max Präger - verblieb noch bis Mai 1943 im Ort.

Die letzten Opfer der Verschleppung gehörten der Familie Präger an; dessen Sohn Herbert war neben seiner Schwester das einige Familienmitglied, das Auschwitz überlebte. Anlässlich seines 80. Geburtstages verlieh ihm die Stadt Bad Laasphe den Ehrenbrief. Schon Jahre zuvor war in Laasphe ein Weg nach seinem Vater, Max Präger, benannt worden.

Im Jahr 2004 wurde der mehr als 2.000 m² große jüdische Friedhof - unmittelbar an den kommunalen angrenzend - in die Denkmalliste der Stadt aufgenommen; auf dem Areal findet man noch ca. 75 Grabsteine.

Auf Initiative des Freundeskreises für christlich-jüdische Zusammenarbeit wurden im Stadtgebiet von Bad Laasphe ca. 85 sog. „Stolpersteine“ verlegt (Stand: 2019).

Letzte Adresse vor Deportation und Ermordung "Stolpersteine", Wallstraße (Aufn. aus: derwesten.de, 2010)

File:Bad laasphe bahnhofstr 23 josef bettelheiser.jpg File:Bad laasphe bahnhofstr 23 emma rosenberg.jpg File:Bad laasphe königstr 23 hulda marburger.jpg File:Bad laasphe königstr 23 lothar brill.jpg File:Bad laasphe ditzroder weg 12 richard freiwald.jpg

weitere "Stolpersteine" in der Bahnhofstraße – Königstraße – Ditzroder Weg (Aufn. aus: commons.wikimedia.org)

Die Schaffung einer ständigen Begegnungs- und Erinnerungsstätte, die im Gebäude der ehemaligen Synagoge in der Mauerstraße untergebracht werden soll, konnte bislang nicht realisiert werden. Doch seit dem 2018 erfolgten Erwerb der "Alten Synagoge" durch den Freundeskreis für christlich-jüdische Zusammenarbeit könnte das Projekt alsbald in die Tat umgesetzt werden.

 

In Erndtebrück – wenige Kilometer nordwestlich von Bad Laasphe – wurden 2013 zehn sog. „Stolpersteine“ verlegt, die an vier Standorten an Angehörige jüdischer Familien verlegt wurden, die während der NS-Zeit deportiert und ermordet wurden.

                                                          drei Stolpersteine (aus: kirchenkreis-wittgenstein.de)  Bildergebnis für erndtebrück stolpersteine

 

Weitere Informationen:

Christoph Zacharias, Die Geschichte der Lasspher Juden, o.O. 1985 (Maschinenmanuskript)

Johanna Morgenstern-Wulff, Jüdische Begräbnisplätze und Grabmale in Wittgenstein, in: Wittgenstein Heft 4/1988, S. 117 ff.

W.Schuppener/G.Warratz, Schatten über Laasphe - Das andere Laasphe - Ein Stadtrundgang. Eine Projektarbeit der 10.Klasse der HS Bad Laasphe 1990/91

Klaus Dietermann/Johanna Morgenstern-Wulff/Ruth Röcher (Bearb.), Die jüdischen Friedhöfe im Kreis Siegen-Wittgenstein, Verlag der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e.V. Siegen, 1991

Reinhard Schmidt, Aus der Geschichte von Juden und Christen in Laasphe, Hrg. Bad Laaspher Freundeskreis für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Bad Laasphe 1991

G. Birkmann/H. Stratmann, Bedenke vor wem du stehst - 300 Synagogen und ihre Geschichte in Westfalen u. Lippe, Klartext Verlag, Essen 1998, S. 107 - 109

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 in Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 322/323

Ulrich Friedrich Opfermann, Die Ausschreitungen vom 9. und 10. November 1938 in einer ländlichen Kleinstadt und ihre Wahrnehmung und Rezeption nach 1945. Das Beispiel Laasphe, in: Siegener Beiträge. Jahrbuch für regionale Geschichte 8/2003, S. 179 f.

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen - Regierungsbezirk Arnsberg, J.P.Bachem Verlag, Köln 2005, S. 490 - 495

Jüdischer Friedhof in Bad Laasphe, in: alemannia-judaica.de

Auflistung der in Bad Laasphe verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Bad_Laasphe

Auflistung der in Erndtebrück verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Erndtebrück

N.N. (Red.), Die Deportation der letzten Laaspher Juden, in: „Der Westen“ vom 17.5.2013

Johannes Burkardt (Bearb.), Bad Laasphe, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe – Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Arnsberg, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, Ardey-Verlag Münster 2016, S. 179 – 189

Wolfgang Thiel (Red.), Auf den Spuren jüdischen Lebens in Laasphe, in: „ Westdeutsche Allgemeine Zeitung - WAZ“ vom 28.5.2016

Rainer Becker (Bearb.),Schicksale jüdischer Familien in der NS-Zeit, hrg. vom Kirchenkreis Wittgenstein, online abrufbar unter: kirchenkreis-wittgenstein.de/fileadmin/uploads/kk-wittgenstein/gesellschaft-und-soziales/christlich-juedisch

Freudenskreis kauft „Alte Synagoge“ in Bad Laasphe, in: WDR vom 9.11.2018

Jens Gesper (Red.), Freundeskreis kauft ehemalige Synagoge in Bad Laasphe, in: „Westfalenpost“ vom 19.3.2019

Heike Braun (Bearb.), Jüdisches Leben - Als die Synagoge nicht mehr Synagoge sein durfte, aus: WDR3 vom 19.4.2019

N.N. (Red.), Bad Laashper erwecken alte Synagoge zu neuem Leben, in: „Westfalenpost“ vom 27.8.2019