Bad Königshofen i. Grabfeld (Unterfranken/Bayern)

Datei:Bad Königshofen im Grabfeld in NES.svg Bad Königshofen i. Grabfeld an der Fränkischen Saale ist eine Kleinstadt mit derzeit ca. 6.000 Einwohnern im unterfränkischen Landkreis Rhön-Grabfeld - ca. 45 Kilometer westlich von Coburg gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Erstmals sind Juden in der derzeit noch jungen Stadt Königshofen gegen Ende des 13.Jahrhunderts erwähnt. Danach lassen sich erst wieder im 17.Jahrhundert urkundliche Belege für die Anwesenheit jüdischer Familien erbringen. Bei der Erstellung der Matrikellisten (1817) sind für Königshofen fünf Familienvorstände aufgeführt. Die Gründung einer eigenständigen jüdischen Gemeinde erfolgte zu Beginn des 19.Jahrhunderts. In der 1.Etage eines Gebäudes in der Rathausstraße besaß die Gemeinde eine Religionsschule und im 2.Stockwerk einen Betsaal. Im Untergeschoss befand sich die Wohnung des christlichen Synagogendieners. Ende Juli 1904 weihte die jüdische Gemeinde - unter Leitung des Distriktrabbiners Kohn aus Burgpreppach - ihre neue, im neogotischen Stil errichtete Synagoge in der Bamberger Straße ein. Über die Einweihung berichtete die Zeitschrift "Der Israelit" in ihrer Ausgabe vom 1.Sept. 1904:

Königshofen im Grabfeld (Einweihung der Synagoge). Als ein Ehren- und Freudenfest für die israelitische wie auch für die Stadtgemeinde Königshofen konnte mit Recht die jüngst stattgehabte Feier der Synagogen-Einweihung genannt werden, .... . Das Fest wurde eingeleitet durch eine Abschiedsfeier in der alten bisherigen Synagoge. Nach vollendetem Nachmittagsgebete sprach Herr Distrikts-Rabbiner Dr. Kohn - Burgpreppach von Herzen kommenden und zu Herzen gehende Abschiedsworte. Der kgl. Herr Bezirksamtmann, begleitet von zwei Gemeindeältesten, sowie die Vertreter der königlichen Behörden hatten sich vollzählig eingefunden und begleiteten den Festzug, ebenso die hochw. Geistlichkeit, die Stadtverwaltung mit Herren Bürgermeister und Beigeordnete. Daran schlossen sich der Herr Baumeister Val. Trott und die beim Bau beschäftigt gewesenen Meister. Vor dem Portale richtete Herr Bezirks-Amtmann Thomas an die Festversammlung eine herzliche Ansprache, welche weit über den Rahmen einer offiziellen Rede hinausging und die bewies, wie sehr man seitens der kgl. Behörden die Bestrebungen der Israeliten Königshofens zu würdigen weiß. Er pries den Opfersinn der Kultusgemeinde, welche trotz der geringen ihr zur Verfügung stehenden Mittel ein Gotteshaus errichtete, das in gleicher Weise der Gemeinde und der Stadt zur Zierde gereiche, betonte mit Recht das schöne Einvernehmen zwischen den Konfessionen unserer Stadt und schloß mit einem begeistert aufgenommen Hoch auf unserem vielgeliebten Prinzregenten, dem Hort des Friedens und der Humanität. Herr Distrikts-Rabbiner Dr. Kohn hielt eine einstündige Weiherede. Redner verbreitete sich über die Bedeutung des Gotteshauses und über die Wirkung, welch von demselben ausgehen soll, wies darauf hin, daß die Gesetzestafeln, die innen angebracht seien und weithin sichtbar auch am Giebel der Synagoge ragen, mahnen sollen, das Leben im Gotteshaus mit dem Leben außerhalb desselben in Einklang zu bringen, führte aus, daß im Gotteshause die Nächstenliebe gelehrt und die Vaterlandsliebe gepflegt wird und schloß mit den Worten, daß nicht Prunk und Reden ein Gotteshaus weihen können, sondern nur wahre Gottesfurcht und Tugend. Die der Form und dem Inhalte nach meisterhafte Rede ergriff sichtlich alle Herzen und übte einen nachhaltigen Eindruck aus. ...

               

                Unteressfelder Straße mit Synagoge rechts im Bild                              Synagoge von Bad Königshofen, hist. Aufn. (Stadtarchiv)

Im Jahre 1929 wurde die Synagoge grundlegend renoviert. Die jüdische Schule war gegen Mitte des 19. Jahrhunderts in dem der Gemeinde gehörenden Haus in der Rathausstraße eingerichtet worden. Nach 1850 stand die Religionsschule in enger Beziehung zu der von Trappstadt; denn beide Gemeinden teilten sich den Religionslehrer.

Kleinanzeige aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4.Dez. 1878 http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20106/Koenigshofen%20Israelit%2004121878.jpg

  aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 2.Nov. 1922

Seit 1920/1921 besaß die jüdische Gemeinde auch einen eigenen Friedhof im Ortsteil Ipthausen; zuvor mussten verstorbene Gemeindeangehörige - unter Mühen - auf den „Judenhügel“ in Kleinbardorf gebracht werden.

Seit ca. 1930 gehörten auch die wenigen Juden aus Trappstadt zur Königshofener Gemeinde.

Die Gemeinde war dem Distriktsrabbinat Burgpreppach zugeteilt.

Juden in (Bad) Königshofen:

        --- um 1640 ........................   3 jüdische Familien,

    --- um 1795 ........................   6     “       “    ,

    --- 1810 ...........................  22 Juden,

    --- 1839 ...........................  25   “  ,

    --- 1848 ...........................  38   “  ,

    --- 1871 ...........................  64   “  ,                                     

    --- 1890 ...........................  81   “  ,

    --- 1910 ........................... 101   “  ,

    --- 1925 ........................... 108   “  ,

    --- 1933 ...........................  94   “  ,

    --- 1935 ...........................  81   “  ,

    --- 1936 (Okt.) ....................  62   “  ,

    --- 1940 (Jan.) ....................  16   “  ,

    --- 1941 (Aug.) ....................  ein  “ ().

Angaben aus: Reinhold Albert, Geschichte der Juden im Grabfeld, S. 118

und                 Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945, S. 344

Die Juden in Königshofen lebten um 1850 vorwiegend vom Handel, etwa mit Schnittwaren und Hopfen, und nach 1900 waren die meisten Geschäfte des Ortes in jüdischem Besitz. Durch Zuzug aus umliegenden Landgemeinden wurde die Höchstzahl jüdischer Einwohner um 1925 erreicht. Auf Grund der wirtschaftlichen Stellung der Juden - sie gehörten der kleinstädtischen Oberschicht an - bestanden nur wenige Kontakte zur christlichen Bevölkerungsmehrheit.

                   Aus einem Schreiben der NSDAP-Kreisleitung an den Stadtrat von Königshofen vom 21.8.1935:

„ ... Das in letzter Zeit herausfordernde Auftreten der Juden in Königshofen hat vielfach im anständigen Teil der Bevölkerung Empörung hervorgerufen. Wie überall im Reiche, so auch hier, haben die Juden unser Abwarten und unsere Anständigkeit missverstanden und als Schwäche ausgelegt; sie haben sich dann auch dementsprechend benommen. Es ist dies ein großer Missbrauch, des vom Staate den Juden gewährten Gastrechts. Juden sind in Deutschland geduldete Gäste und haben sich danach aufzuführen. Um dem Treiben der Juden ein Ende zu machen, ersuche ich die Stadtverwaltung Königshofen ... “

Anm.: Nun folgen Forderungen, die hier lebenden Juden endgültig aus dem Wirtschaftsleben und der Öffentlichkeit zu verbannen.

Unter dem wachsenden Druck des NSDAP-Ortsvereins verließen ab Mitte der 1930er Jahre die meisten wohlhabenden Juden Königshofen. 38 Personen verzogen in größere Städte und 32 gingen in die Emigration, zumeist in die USA. Im letzten Eintrag des Protokollbuchs der jüdischen Kultusgemeinde Königshofen – es wurde von 1865 bis 1938 geführt - schrieb Lehrer Justin Bernheimer einen Tag vor seiner Emigration nach New York im September 1938: „Woran wir nie im entferntesten dachten, was unsere Phantasie nie zu wähnen gelang, das ist in den letzten vier Jahren zur Tatsache geworden. Diese Worte können es nicht wiedergeben. Nur der Zeitgenosse, den es betraf, mag einst ermessen, was diese kurze geschichtliche Periode an unsäglichem Leid, höchster seelischer Not und Vereinsamung uns brachte.“ Während des Novemberpogroms veranlasste ein auswärtiges SA-Rollkommando die Zerstörung der Inneneinrichtung der Synagoge: Jüdischen Männern war befohlen worden, das Mobiliar zu zerstören. Anschließend warf man die Ritualien nach draußen, das Gebäude selbst blieb unzerstört. Nach anderen Angaben soll das Synagogengebäude allerdings in Brand gesetzt worden sein (?). Anschließend zogen die Randalierer zu den Wohnungen der im Stadtzentrum lebenden jüdischen Familien. Hier wurden vielfach die Eingangstüren eingetreten und Einrichtungsgegenstände zerstört. Die männlichen Juden blieben einige Tage in Haft, acht von ihnen verschleppte man ins KZ Dachau.Die zwei in Königshofen zurückgebliebenen jüdischen Familien mussten auf behördliche Anweisung zunächst ins benachbarte Kleineibstadt umziehen. Von dort wurden sie im April 1942 nach Izbica (bei Lublin) deportiert.

Anm.: Während des Krieges diente das Synagogengebäude als Unterkunft für australische Kriegsgefangene. Wenige Jahre nach Kriegsende erwarb ein Gewerbebetrieb das Gelände, ließ das einstige Synagogengebäude abreißen (1952) und errichtete dort eine Autoreparaturwerkstatt.

 Ein im Jahre 1991 in der Nähe der ehemaligen Synagoge errichteter Gedenkstein mit –tafel (Abb. J. Hahn, 2007) trägt - unter der Abbildung einer stilisierten Synagoge - die folgende Inschrift:

Unweit von hier Bamberger Straße Nr. 1 stand von 1904 - 1951 die Synagoge der Jüdischen Kultusgemeinde Königshofen im Grabfeld,

sie wurde beim Pogrom am 10.November 1938 im Innern zerstört.

Die Stadt Bad Königshofen i. Grabf. erinnert mit diesem Gedenkstein an die Verfolgung und die Leiden ihrer jüdischen Bürger.

 1974 ließen ehemalige jüdische Bewohner Königshofens auf dem jüdischen Friedhof im Ortsteil Ipthausen einen Gedenkstein (Aufn. D. Krieger, 2012) aufstellen:

1920 - 1942 den Toten zur Ehre und Ewigen Erinnerung

an die hier bestatteten jüdischen Bürger aus Königshofen und Umgebung

und zum Gedenken der in den Vernichtungslagern 1933 - 1945 grausam dahingemordeten.

Uns Lebenden zur Mahnung, den kommenden Geschlechtern zur eindringlichen Lehre. Errichtet im Jahre 1974 vom Landesverband der israelitischen Kultusgemeinden in Bayern und auf Anregung der ehemaligen jüdischen Bürger von Königshofen im Grabfeld und Umgebung.

Auf dem Friedhofsareal sind nur noch sehr wenige Grabsteine vorhanden, die meisten wurden in der NS-Zeit zweckentfremdet. Aus hier noch aufgefundenen Grabsteinrelikten erstellte man 1997 ein pyramidenförmiges Mahnmal.

 

Wüstes Friedhofsgelände und Mahnmal (Aufn. Dietrich Krieger, 2012, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

 

Im ca. zehn Kilometer nordwestlich von Königshofen gelegenen Waltershausen (heute Kommune Saal a.d.Saale) gab es vermutlich bereits um 1600 eine jüdische Gemeinde, die bis in die zweite Hälfte des 19.Jahrhunderts bestanden hat. Bei der Erstellung der Matrikel (1817) waren für Waltershausen zehn Familienvorstände aufgelistet. Um 1840 gehörten der Gemeinde ca. 50 Mitglieder an. Zu den gemeindlichen Einrichtungen zählten eine 1731 errichtete Synagoge und eine Mikwe. Verstorbene wurden auf dem israelitischen Friedhof in Kleinbardorf begraben.

Juden in Waltershausen:

--- 1810 ...................... 38 Juden,

--- 1830 ...................... 39   “  ,

--- 1839 ...................... 54   “  ,

--- 1848 ...................... 46   “  ,

--- 1871 ...................... 14   “  ,

--- 1880 ......................  8   “  ,

--- 1890 ......................  3   “  .

Angaben aus: Waltershausen, in: alemannia-judaica.de

In den 1890er Jahren wurde das Synagogengebäude auf Abbruch verkauft. Um 1900 wies der Ort dann keine jüdischen Bewohner mehr auf.

Anm.: In Waltershausen/Thüringen (Landkreis Gotha) gab es auch eine kleine jüdische Gemeinschaft. (vgl. Gotha/Thüringen)

 

In Eichenhausen, heute ein Ortsteil von Wülfershausen a.d. Saale, bestand eine jüdische Gemeinde bis ins Jahr 1938. Ihren zahlenmäßigen Zenit erreichte sie zu Beginn des 19.Jahrhunderts mit ca. 70 Personen, die etwa ein Viertel der Dorfbevölkerung ausmachten; um 1900 waren es nur noch ca. 30 jüdische Bewohner und zu Beginn der 1930er Jahre waren es nur noch fünf. Das Synagogengebäude von 1865 ging ein Jahr vor dem Novemberpogrom in kommunale Hand über; Gottesdienste hatten hier schon seit Jahren nicht mehr stattgefunden. In den Folgejahrzehnten verfiel das Gebäude zusehends und wurde schließlich in den 1970er Jahren bis auf die Grundmauern abgerissen. Seit 1987 erinnert eine am Kriegerdenkmal des Ortes angebrachte Inschrift an die jüdischen Bewohner des Ortes:

In EICHENHAUSEN bestand bis 1938 eine Jüdische Kultusgemeinde.

Die Gemeinde gedenkt ihrer ehemaligen jüdischen Mitbürger.

[vgl. Eichenhausen (Bayern)]

[vgl. Trappstadt (Bayern)]

Weitere Informationen:

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1979, S. 344/345

Herbert Schultheis, Juden in Mainfranken 1933 - 1945 unter besonderer Berücksichtigung der Deportationen Würzburger Juden, in: Bad Neustädter Beiträge zur Geschichte und Heimatkunde Frankens, Band 1, Verlag Max Rötter, Bad Neustadt a.d.Saale 1980, S. 389 ff.

Sonja Fiederling, Die Juden in Königshofen i.Gr., Facharbeit in Geschichte, Gymnasium Bad Königshofen, 1983

Klaus Bossinger, Das Leben und die Geschichte der Juden in Bad Königshofen unter Miteinbeziehung des Judenfriedhofes in Kleinbardorf - Facharbeit, Bad Königshofen 1983

Ela Eggerath, Der Novemberpogrom von 1938 im Grabfeld, in: ‘Bote von Grabfeld’ vom 9.11.1988

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern - Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, 2. Aufl., München 1992, S. 43, S. 54/55 und S. 132

Michael Trüger, Der jüdische Friedhof in Bad Königshofen, in: Der Landesverband der Israelit. Kultusgemeinden in Bayern,10. Jg. Nr. 68 Dez. 1995, S. 17

Reinhold Albert, Geschichte der Juden im Grabfeld, in: Schriftenreihe des Vereins für Heimatgeschichte im Grabfeld e.V., Heft 2, Kleineibstadt 1996,S. 78 f.

Dirk Rosenstock (Bearb.), Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle, in: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13, Würzburg 2008, S. 184 (Königshofen) und S. 188 (Waltershausen)  

Bad Königshofen i. Grabfeld, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Textdokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Waltershausen, in: alemannia-judaica.de

Hanns Friedrich (Red.), Bad Königshofen: Synagoge vor 110 Jahren eingeweiht. Gotteshaus war prägend im Stadtbild, in: „Main-Post“ vom 18.8.2014

Reinhold Albert, Jüdische Friedhöfe im Landkreis Rhön-Grabfeld, in: Schriftenreihe der Kulturagentur des Landkreises Rhön-Grabfeld, Heft 1/2015

Hanns Friedrich (Red.), Bad Königshofen: Ein originalgetreues Modell der Synagoge, in: „Main-Post“ vom 13.8.2016 

Michael Petzold (Red.), Bad Königshofen. Stolpersteine: Warum es in Bad Königshofen keine gibt, in: „Main-Post“ vom 11.2.2019