Werbau/Vrbové (Slowakei)

Die westslowakische Kleinstadt Vrbové liegt nordöstlich von Preßburg/Bratislava und hat derzeit ca. 6.000 Einwohner.

Bereits im späten Mittelalter sollen Juden als Kaufleute und Geldverleiher sich in der Gegend von Werbau/Vrbové aufgehalten haben und hier ihren Geschäften nachgegangen sein.

Im ausgehenden 17.Jahrhundert erreichten jüdische Flüchtlinge aus Mähren die Stadt (sie hatten vor gewalttätigen Unruhen ihre Wohnorte verlassen), fanden hier Aufnahme und ließen sich nieder; bereits einige Jahre zuvor waren Flüchtlinge aus Wien hier gestrandet.

Die Gründung einer organisierten Gemeinde in Werbau erfolgte wohl erst in den 1730er Jahren; diese sollte sich alsbald zu eine der größten Gemeinden im Raume von Neutra/Nitra entwickeln.

Die orthodox ausgerichtete Gemeinde – sie besaß seit Anbeginn ihres Bestehens – über eine Talmud-Thora-Schule; im 19.Jahrhundert öffnete eine jüdische Elementarschule ihre Pforten.

Eine im maurischen Stile errichtete Synagoge stammte aus dem Jahre 1883.

Aufn. aus: jewishgen.org/yizkor/pinkas_slovakia

Während des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts stand die berühmte ‚Rabbinerdynastie’ Koppel an der Spitze des geistigen Gemeindelebens; einer war Harav Yaakov Koppel, der Gründer der Jeschiwa von Vrobove (1838–1929), Rabbiner und orthodoxe Führungspersönlichkeit.

Seit Mitte des 18.Jahrhundert verfügte die Gemeinde über einen Friedhof; eine Chewra Kadischa sorgte für die Begräbnisse.

Juden in Werbau/Vrbové:

--- 1736 .........................    35 jüdische Familien,

--- 1773 .........................    70     “        “   ,

--- um 1785 ................... ca.  560 Juden,

--- 1869 ......................... 1.360   “  ,

--- 1880 ......................... 1.303   “  (ca. 28% d. Bevölk.),

--- 1919 .........................   717   “  ,

--- 1922 .........................   987   “  (ca. 20% d. Bevölk.),

--- 1940 .........................   559   “  ,

--- 1941 ..................... ca.   780   “  ,

--- 1942 (Dez.) .............. ca.    20 jüdische Familien.

Angaben aus:The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 3), S. 1415/1416

und                 Vrbove, aus: dbs.bh.org.il/place/vrbove

Die jüdischen Familien bestritten im 19./20. Jahrhundert ihren Lebensunterhalt als Kaufleute, Handwerker und in freien Berufen (Ärzte, Juristen). Dass ihre Integration in die kleinstädtische Gesellschaft weitgehend erfolgt war, beweist die Tatsache, dass bei antijüdischen Ausschreitungen (1848) die christliche Bevölkerung für den Schutz ihrer jüdischen Mitbewohner sorgte.

Mit Beginn des 20.Jahrhunderts fanden zionistische Ideen Eingang in die hiesige Gemeinde.

Erste antisemitische Manifestationen wurden in Vrbove gegen Ende 1938 evident; sie verstärkten sich noch deutlich, als der faschistische slowakische Staat – als Verbündeter Nazi-Deutschlands – die antijüdische Gesetzgebung übernahm: jüdische Kinder wurden von öffentlichen Schulen verwiesen, Geschäfte jüdischer Eigentümer geschlossen bzw. „arisiert“ und Juden aus dem öffentlichen Leben gedrängt. Nun setzte die Abwanderung ein; einige Familien emigrierten nach Palästina, andere in europäische Länder.

Im Herbst 1941 wuchs die hiesige jüdische Bevölkerung um mehr als 200 Personen (mehr als 30 Familien) an, als vertriebene Juden aus Pressburg/Bratislava hier vorübergehend lebten. Während des Zweiten Weltkriegs diente die gesamte Stadt Vrbové als ein Ghetto für die jüdische Bevölkerung der Provinz Piešťany; dieses wurde von den als Hlinka-Garde benannten slowakischen Nazis und der deutschen SS liquidiert. Die wenigen noch hier verbliebenen Juden wurden schließlich im Herbst 1944 nach Auschwitz-Birkenau verschleppt. Vrbovés berühmtester Rabbiner war Rabbi Yitschack Weiss, Autor vieler wichtiger Werke; auch er wurde Opfer des Holocaust.

Die wenigen überlebenden Rückkehrer mussten nun erleben, dass ihnen eine in weiten Teilen feindlich gesonnene Bevölkerung eine Wiedereingliederung in das Stadtleben sehr erschwerte: Fensterscheiben wurden eingeworfen, antisemitische Parolen an die Wände geschmiert und der jüdische Friedhof geschändet und Grabsteine zerschlagen. Als Konsequenz verließen die meisten Juden die Kleinstadt und emigrierten in den neuen Staat Israel und andere, meist überseeische Länder. Auch der Oberrabbiner von Vrbové, Rabbi Samuel Reich, Sohn des berühmten Rabbi Koppel Reichs, überlebte die Shoa, emigrierte dann nach Jerusalem, wo er später starb.

Gegen Ende der 1980er Jahre veranlasste die Kommune die Restaurierung des Synagogengebäudes, das nun kulturellen Zwecken zur Verfügung steht. Es gehört - was die Ausgestaltung des Innenraumes angeht - heute zu den schönsten Bauwerken seiner Art in der Slowakei.

Synagogen in Vrbové (Aufn. St. Doronenko, 2008, aus: wikipedia.org, CC BY 3.0)

Bis auf den heutigen Tag ist auch der jüdische Friedhof erhalten geblieben.

File:Vrbové židovský cintorín.JPG Teilansicht des Friedhofs (Aufn. K., 2014, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0)

Weitere Informationen:

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 3), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 1415/1416

The Jewish Community of Vrbove, Hrg. Beit Hatfutsot – The Muzeum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/vrbove

Maros Borský, Synagogue Architecture in Slovakia towards creating a memorial landscape of lost community, Dissertation (Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg), 2005, S. 140