Urberach (Hessen)

Datei:Rödermark in OF.svg Urberach mit derzeit ca. 12.000 Einwohnern ist heute ein Stadtteil von Rödermark im südhessischen Landkreis Offenbach (Karte der Region südlich von Frankfurt/M, aus: wikiwand.com/simple/Rodgau  und  Kartenskizze  'Landkreis Offenbach', Hagar 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0). Im Rahmen der Gebietsreform hatten sich 1977 die bis dato selbstständigen Kommunen Urberach und Ober-Roden zusammengeschlossen; drei Jahre später erfolgte die Eingliederung in die Stadt Rödermark.

 

In Urberach lebten bereits unter der Ysenburgischen Herrschaft vereinzelt jüdische Familien; als der Ort 1815 hessisch wurde, soll sich eine winzige Gemeinde gebildet haben, die Zeit ihres Bestehens kaum jemals mehr als 40 Personen zählte.

Ihren bescheidenen Lebensunterhalt bestritten die Familien mit kleinen Läden m Dorf, anfänglich waren sie auch im Hausiergewerbe tätig, das sie in der unmittelbaren Region betrieben. Als einzig größeres Unternehmen existierte in Urberach seit den 1890er Jahren ein Filialbetrieb der Offenbacher Firma Bloch & Hirsch; die dortige Fabrikation von Hutstoffen gab bis zu etwa 300 Personen Lohn und Brot, Um 1930 stellte die Fabrik ihre Arbeit ein.

Um den religiös-rituellen Pflichten nachzukommen, vereinbarten die wenigen jüdischen Familien aus Urberach, Ober-Roden, Nieder-Roden, Dietzenbach, Eppertshausen und Dudenhofen, gemeinsam Gottesdienste abzuhalten (im Haus des ‚Juden Abraham' in Ober-Roden); doch dieser um 1740 entstandene gemeindliche Verbund blieb nur wenige Jahrzehnte intakt, da nun in den einzelnen Ortschaften eigene Beträume geschaffen wurden. So hatte Urberach ab 1795 einen eigenen Betraum im Hause der Familie Strauss (Bachgasse).

Im Jahre 1882 weihte die Urberacher Gemeinde ihr Synagogengebäude in der Viehweidgeasse (später Hindenburgstr., heute Bahnhofstr.) ein, das den bislang ca. 90 Jahre genutzten Betraum in der Bachgasse ersetzte. Die Festpredigt zur Synagogeneinweihung hielt der Darmstädter Bezirksrabbiner Dr. Marx. Vor der eigentlichen Einweihung des neuen Gotteshauses wurden die Thorarollen aus dem bislang genutzten Betraum in einer festlichen Prozession durch den Ort zur neuen Synagoge gebracht. In dem Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7.Sept. 1882 wird wie folgt berichtet:

"Urberach. Am 18. und 19. August, ... feierte die hiesige israel. Gemeinde die Einweihung ihrer neuen Synagoge. Die ungeheure Menschenmenge, die von allen Seiten aus der Umgegend herbeigeströmt war, das herrliche Wetter, das diese religiöse Weihe begünstigte und die Kräfte, welche bei der Feier mitwirkten, das Alles trug dazu bei, dem Ganzen einen glänzenden Verlauf zu geben.
Nachdem Freitag Nachmittag in der seitherigen Synagoge der Schlußgottesdienst ... abgehalten worden war, sprach Herr Rabbiner Dr. Marx aus Darmstadt einige Abschiedsworte in so rührender Weise, daß sich die Anwesenden der Thränen nicht enthalten konnten. Mit der Aufmunterung, mit demselben frommen Geiste wie seither auch fernerhin das neue Gotteshaus zu betreten und in ebenso innige Weise das Gebet zu Gott zu senden, schloß der Herr Rabbiner seine Rede, worauf bei Herausnahme der heiligen Gesetzesrollen aus dem Aron HaKodesch der Chorverein der israel. Religionsgesellschaft aus Darmstadt das "Wajehi..." anstimmte. Gerührt verließ man das Gotteshaus und nun begann der wohlgeordnete Zug von der alten Synagoge durch die beflaggten Straßen unseres Dorfes nach dem neuen Gotteshause unter Begleitung der Musik. Der Zug bot einen prächtigen und zugleich ergreifenden Anblick, der dadurch, daß auch die christliche Gemeinde an demselben sich betheiligte, ein allgemeiner Festzug wurde. Nach den üblichen Umzügen in der neuen Synagoge hielt Herr Dr. Marx die Festpredigt. Er suchte in einstündiger Rede unter Zugrundelegung des Verses "Öffnet mir die Tore der Gerechtigkeit..." den Zweck des jüdischen Gotteshauses darzulegen. Er wußte die Gefühle aller Anwesenden zu erregen, die in lautloser Stille mit Begeisterung dem Vortrage lauschten. Am Schabbat-Morgen ward uns nochmals das Vergnügen zu Theil, eine tiefernste Predigt ... von Herrn Dr. Marx zu vernehmen, in welcher er die Aufgabe der jüdischen Gemeinde auseinander setzte. Belehrt und ermahnt wurde die zahlreiche Zuhörerschaft, festzustehen und in der Zeit religiösen Zerfalls mit besonderer Innigkeit dem Gottesgesetz anzuhängen und zu wachen, daß nicht das Wort der falschen Propheten Eingang finde.
Möge unser Gotteshaus stets solch eine andächtige Schaar begeisterter Gottesverehrer in sich fassen, wie es an diesen Tagen der Fall war. - Eine gemüthliche, gesellige Vereinigung hielt die Festgenossen ... bis zur früheren Stunde in heiterster, ungetrübtester Stimmung beisammen."
 

Synagoge Urberach (Abb. aus: stolpersteine-in-roedermark.de/synagoge-urberach/)

Verstorbene Juden aus Urberach wurden auf dem Friedhof in Dieburg begraben.

Die kleine Gemeinde war zunächst dem orthodoxen Bezirksrabbinat Darmstadt II zugehörig; im Jahre 1928 erfolgte der Anschluss an das liberale Rabbinat Darmstadt I. 

Nach 1910/1920 gehörten auch die wenigen Familien aus Ober-Roden zur Gemeinde; die Anzahl der dortigen jüdischen Bewohner erreichte zu keiner Zeit mehr als 25 Personen..

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Juden in Urberach:

--- 1828 ............................. 40 Juden,

--- 1861 ............................. 43   “  (ca. 3% d. Bevölk.),

--- 1880 ............................. 40   “  ,

--- 1895 ............................. 40   “  ,

--- 1905 ............................. 28   “  ,

--- 1924 .............................  4 jüdische Familien.

Angaben aus: Urberach, in: alemannia-judaica.de 

und                Tilmann Gempp-Friedrich (Bearb.), Urberach (Stadt Rödermark) mit Ober-Rosen in: Zerbrechliche Nachbarschaft …, S. 608

 

Schon vor 1938 hatte sich Gemeinde aufgelöst. Noch vor dem Novemberpogrom 1938 war das sanierungsbedürftige Synagogengebäude verkauft worden; vermutlich hatten hier noch bis 1935 gottesdienstliche Zusammenkünfte stattgefunden. Nach Umbauten wurde es dann später zu Wohnzwecken genutzt.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20388/Urberach%20KK%20MZ%20Adler%20Julius.jpg

zwei J-Kennkarten von in Urberach gebürtigen jüdischen Bewohnern     Anm. weitere Abb. siehe: alemannia-judaica.de

Während des Pogroms in Urberach wurden Läden und Pri­vathäuser der wenigen noch hier lebenden Juden geplündert und verwüstet sowie einzelne Bewohnerauch ‚in Schutzhaft‘ genommen worden. Die Geschäfte der Fami­lien Strauß und Adler in der Hindenburgstraße (früher Vieh­weidgasse und heutige Bahnhofstraße) wurden von einem organisierten Mob zerstört bzw. deren Waren geplündert.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des „Gedenkbuches – Opfer der Verfolgung der Juden ...“ sind elf aus Urberach stammende jüdische Bewohner Opfer der NS-Gewaltherrschaft geworden; aus Ober-Roden fielen vier jüdische Personen der "Endlösung" zum Opfer (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/urberach_synagoge.htm).

 

Im 1949/50 durchgeführten Spruchkammerverfahren bzw. im späteren Gerichtsprozess gegen aktiv beteiligte Personen wurden einige wegen der Ausschreitungen im November 1938 zu geringen Haftstrafen verurteilt, andere wurden freigesprochen oder die Verfahren ganz eingestellt.

 

Zum 70.Jahrestag des Novemberpogroms wurde in der Bahnhofstraße ein Gedenkort für die ermordeten jüdischen Bewohner Rödermarks eingeweiht: Auf dem ehemaligen Grundstück der Familie Strauß (Betreiber einer Metzgerei) wurde in die Pflasterung ein Bodenrelief in Form eines Davidsterns eingefügt; zwei Stelen mit ergänzenden Informationen zur Historie der Urberacher Judenschaft befinden sich daneben.

Anlässlich des 135. Jahrestages der Einweihung der Urberacher Synagoge wurde am ehemaligen Standort (Bahnhofstraße) eine Gedenkplakette in den Gehweg eingelassen.

Am letzten Wohnort der jüdischen Familien Hecht / Kahn in Ober-Roden erinnern seit 2013 sechs sog. „Stolpersteine“.  Zwei Jahre später sind dann weitere 17 Steine in Urberach verlegt worden, so in der Bahnhof- und Darmstädter Straße; sie erinnern an Angehörige der Familien Adler, Katz, Rothschild und Strauss.

THEATER & nedelmann - Home Abb. aus: stolpersteine-in-roedermark.de

 

 

 

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 2, S. 316/317

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder - Dokumente, Eduard Roether Verlag, Darmstadt 1973, S. 48

Gerhard W.D. Mühlingshaus, Synagogen in Hessen, in: Alfred Höck (Hrg.), Judaica Hassiaca, Band 9, Hessische Blätter für Volks- und Kulturforschung, Neue Folge, Gießen 1979, S. 21 – 31

Gerhard Wilhelm Daniel Mühlinghaus, Der Synagogenbau des 17. u. 18.Jahrhunderts im aschkenasischen Raum, Dissertation, Philosophische Fakultät Marburg/Lahn, 1986, Band 2, S. 114

Thomas Lange (Hrg.), ‘L’chajim’ - Die Geschichte der Juden im Landkreis Darmstadt-Dieburg, Hrg. Landkreis Darmstadt-Dieburg, Reinheim 1997, S. 220 

Norbert Cobabus, Juden in Ober-Roden und Urberach von den Anfängen bis heute, Rödermark 2008

N. Cubabus/H.-P. Knapp/E. Lotz-Frank, Die „verlorenen Nachbarn“: jüdisches Leben und jüdische Schicksale in Ober-Roden und Urberach bis 1940. Aus der Ortsgeschichte von Rödermark, 2. korr. Aufl., 2009

Urberach mit Ober-Roden, in: alemannia-judaica.de (mit Aufnahmen von der Verlegung von Stolpersteinen/Pressestelle Rödermark)

Thomas Meier (Red.), Verlegung erster Stolpersteine. Erinnerndes Pflastern, in: „Offenbacher Post“ vom 22.6.2013

Michael Löw (Red.), Mahnmale auf dem Gehweg in Urberach - „Stolpersteine“ halten Erinnerung an jüdische Familien wach, in: „Offenbacher Post“ vom 20.10.2015

Thomas Meier (Red.), Initiative erinnert an das Leid jüdischer Mitbürger, in: op-online.de vom 18.5.2017

Michael Löw (Red.), Urberacher Juden weihten vor 135 Jahren neue Synagoge ein, in: op-online.de vom 26.7.2017

Lara Feder (Red.), Erinnerung an Synagoge. Gedenkplakette wird am Tag der deutschen Einheit enthüllt, in: „Frankfurter Rundschau“ vom 23.9.2017

Stadt Rödermark (Hrg.) Erinnerung an die ehemalige Urberacher Synagoge, online abrufbar unter: roedermark.de (kurzer Aufsatz vom 27.9.2017)

Christine Ziesecke (Red.), Gedenktafel im Bürgersteig an der Bahnhofstraße. Erinnerung an ehemalige Synagoge wird nun greifbar, in: op-online.de vom 4.10.2017

THEATER & nedelemann / Oliver Nedelmann (Hrg.), Stolpersteine in Rödermark – Urberach, online abrufbar unter: stolpersteine-in-roedermark.de/urberach (Anm. mit gesprochenen Textbeiträgen zu den einzelnen Stolpersteinen)