Zirndorf (Mittelfranken/Bayern)

Datei:Zirndorf in FÜ detailed.svg Zirndorf ist eine Kommune mit derzeit ca. 26.000 Einwohnern im mittelfränkischen Landkreis Fürth – im Westen an die Großstadt Nürnberg angrenzend (Kartenskizze Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Erstmals wird die Existenz von jüdische Familien in Zirndorf bei Fürth um 1530 erwähnt; vermutlich waren sie 1498 aus Nürnberg vertrieben worden; vom Markgraf von Ansbach war den Flüchtlingen gestattet worden, sich in bestimmten Ortschaften seines Fürstentums niederzulassen; dazu gehörte auch Zirndorf. Ein 1558 ausgestellter Schutzbrief des Markgrafen Georg Friedrich von Brandenburg-Ansbach ließ die Ansiedlung zweier jüdischer Familien in Zirndorf zu. Am Ort wohnten die Familien am damaligen Ortsrand im „Judenviertel“, in der heutigen Schul- und Kleinstraße.

Welcher Hass von christlicher Seite den Zirndorfer entgegenschlug, kann den folgenden Zeilen aus der Pfarrchronik des Jahres 1538 entnommen werden:

„ ... Die letzte und gar teuffelische Beschwerung ist, daß der leidige Teuffel nicht allein seinen Saamen, die gottlosen Juden biß anhero hier erhalten, sondern sich daselbige Geschmeis immer täglich sich mehret und zunimmt, und ob wohl vor Jahren die Juden des Orts durch offenen Fürstl. Befehl abgeschaffet, dennoch ... hier und dar sich eindringen. ... sind der Diebe und Räuber Gesellen, saugen die armen Christen ... bis aufs Mark aus und mästen sich in der armen Christen sauren Schweiß und Blut, richten sehr und großes Aergerniß an, denn so die armen elenden Christen, so sich mit schwerer Handarbeit müssen nähren, und doch daraneben offt großen Mangel leiden, sehen, wie die Juden, die da gar nichts arbeiten, dennoch wie Edelleute und Grafen vor ihren Augen in allerley Wollust und Reichtum daher prangen, ...”

Die Zirndorfer Juden besuchten seit 1617 die in Fürth erbaute Hauptsynagoge; ein eigenes Gotteshaus konnte 1685 in der Kleinstraße mit markgräflicher Erlaubnis „gegen jährliche Reichung eines Talers zu Unserem Katasteramt“ eingerichtet werden; um 1770 ersetzte dieses ein Nachfolgebau.

                                                          Schnodsertafel aus der Synagoge Zirndorf

Zur Besorgung der religiösen Aufgaben war seitens der Gemeinde ein Religionslehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet fungierte. Kurzzeitig hatte in Zirndorf eine jüdische Elementarschule – aufgelöst 1841 - bestanden.

                                                     aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 6.April 1877

Nach dem Tod des Lehrers Heß, der durch einen Blitzschlag im Sommer 1884 ums Leben gekommen war, wurde die freie Religionslehrerstelle neu besetzt. Die Ausschreibung erfolgte etwa ein Jahr später:

                  Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit“ vom 9. Juli 1885

                              Anzeige aus: "Frankfurter Israelitisches Familienblatt" vom 24. Dez. 1920 http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20194/Zirndorf%20FrfIsrFambl%2024121920.jpg

Ab Anfang des 17.Jahrhunderts wurden verstorbene Gemeindeangehörige auf dem israelitischen Friedhof in Fürth beerdigt; zuvor standen die Begräbnisstätten von Schnaittach und Baiersdorf zur Verfügung.

Zu Beginn des 19.Jahrhunderts gehörte Zirndorf zum Rabbinatsbezirk Schwabach; um 1900 war es offiziell dem Fürther Bezirksrabbinat angeschlossen.

Juden in Zirndorf:

        --- um 1710 .....................  44 jüdische Familien,*         * andere Angabe: 30 Familien

    --- 1810 ....................... 105 Juden (ca. 7% d. Bevölk.),

    --- 1837 .................... ca. 100   “   (ca. 6% d. Bevölk.),

    --- 1871 ........................  65   “   (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1880 ........................  54   "   (ca. 2% d. Bevölk.)

    --- 1890 ........................  86   “  ,

    --- 1900 ........................  95   “   (ca. 2% d. Bevölk.),

    --- 1910 ........................  68   “   (ca. 1% d. Bevölk.),

    --- 1925 ........................  63   “  ,

    --- 1933 ........................  64   “  ,

    --- 1936 (Jan.) .................  54   “  ,

    --- 1938 (Jan.) .................  44   “  ,

--- 1939 (Dez.) .................  keine.

Angaben aus: Baruch Z.Ophir/F.Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945, S. 244

Das durch den Dreißigjährigen Krieg schwer verwüstete und fast entvölkerte Dorf konnte sich erst ab Ende des 17.Jahrhunderts wieder erholen und wirtschaftlich entwickeln; dazu trugen auch die jüdischen Familien bei, die in der Folgezeit bis zu 15% der Bevölkerung ausmachten. Um 1710 lebten hier etwa 120 Juden; ihren Lebensunterhalt verdienten sie im 19.Jahrhundert vor allem im Vieh- und Textilhandel. Später eröffneten sie im Ort einige Geschäfte und Gewerbebetriebe.

Eine bereits vor dem Ersten Weltkrieg geplante Renovierung der Synagoge – durch eine Spende der in die USA ausgewanderten Gebrüder Schwabacher unterstützt – erfolgte aber erst im Jahre 1929.

Die "Bayerische Israelitische Gemeindezeitung" berichtete in ihrer Ausgabe vom 15. Oktober 1929:  

„Zirndorf, Sonntag, der 29. September, war für unsere Gemeinde ein Tag von festlicher Bedeutung. Nach wochenlangen Restaurierungsarbeiten unter der künstlerischen Leitung des Herrn Architekten Stamm aus Nürnberg wurde unser Gotteshaus mit einem feierlichen Weihegottesdienste seiner Bestimmung wieder übergeben. ... Anknüpfend an die beiden Schriftverse, welche die Wände der Synagoge schmücken, 'Wisse, vor wem du stehst' und 'Wie ehrfurchtgebietend ist dieser Ort, dies ist nichts anderes als ein Gotteshaus und hier ist die Pforte des Himmels', zeichnete Herr Dr. Behrens (Anm.: Rabbiner aus Fürth) seinen andächtigen Zuhörern ein Bild von dem Wesen und der Bedeutung des Gotteshauses und des Gebetes, und ließ seinen Zuhörern die tiefen Zusammenhänge erkennen, die seit urdenklichen Zeiten im Judentum zwischen Gotteshaus und Gebet bestehen. 
... Der 1. Bürgermeister unserer Stadt, Herr Dr. Beer, sowie Herr Stadtpfarrer Dörfler von der katholischen Gemeinde waren ebenfalls erschienen. Das evangelische Stadtpfarramt hatte in einem herzlich gehaltenen Schreiben sein Bedauern ausgesprochen, nicht durch einen persönlichen Vertreter anwesend sein zu können, ...  Sowohl die Ansprache des Bürgermeisters der Stadt als auch des katholischen Stadtpfarrers waren von einer sympathischen Wärme für das Judentum als im besonderen für die jüdische Gemeinde Zirndorf getragen, ...

Die Synagoge selbst weist eine wundervoll abgetönte Farbenstimmung auf, sowohl in der Bemalung der Wände und insbesondere der Decke; Silbergrau in Verbindung mit einem zarten Rot und Blau verleiht dem Hause trotz aller Einfachheit einen würdigen stimmungsvollen Charakter. Als einzige Ausschmückung der Wände dienen die in Blau gehaltenen Embleme, welche an der Ostwand Bundeslade und Bundestafeln, an den übrigen Wänden den Sabbat und die Festtage des Jahres symbolisieren. ...“

Unter der judenfeindlichen Haltung des Gros der Zirndorfer Bevölkerung hatte die jüdischen Familien bereits in den Jahren der Weimarer Republik zu leiden; diese Tendenz verstärkte sich noch mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus. Die wirtschaftliche wie auch gesellschaftliche Situation der jüdischen Bevölkerung Zirndorfs verschlechterte sich zusehends; angesichts der Repressalien verließen etliche Familien ihren Heimatort.

Jüdischer Viehhändlerjudenfeindliche Ortstafel im nahen Oberasbach (Abb. Stadtarchiv Nürnberg)

Am 10.November 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge mitsamt der Ritualien vernichtet; das Gebäude selbst blieb unzerstört.

Unmittelbar nach dem Novemberpogrom wurden die etwa 25 noch in Zirndorf lebenden Juden aus ihren Häusern geholt und mit einem Lastwagen aus dem Ort abtransportiert. Nach ihrer Rückkehr nach Zirndorf wurde ihnen von der Stadtverwaltung nahegelegt, ihre „Angelegenheiten zu regeln” und danach für immer den Ort zu verlassen. Ende Dezember 1938 lebten in Zirndorf keine Juden mehr. So konnte der Regierungspräsident von Ober- und Mittelfranken in seinem zusammenfassenden Bericht über die „Protestaktion gegen das jüdische Mordgesindel” vermelden, dass Zirndorf „judenfrei” sei.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." wurden 27 gebürtige bzw. längere Zeit in Zirndorf ansässig gewesene jüdische Bürger Opfer der "Endlösung" (namentliche Nennnung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/zirndorf_synagoge.htm).

 

Das seit 1660 geführte Memorbuch der jüdischen Gemeinde von Zirndorf befindet sich heute im Besitz des Hebrew Union College von Cincinatti.

Am Gebäude der einstigen Synagoge in der Kleinstraße - nach 1945 vom Roten Kreuz und seit Ende der 1990er Jahren zu Wohnzwecken genutzt - hängt eine Gedenktafel mit folgender Inschrift:

Ehemalige Synagoge

(Relief des Synagogengebäudes)

1685 errichtet und bis zur Reichskristallnacht am 9.11.1938 als Synagoge genutzt.

Zum 60.Jahrestag 9.11.1998

 Tafel mit Relief der ehem. Synagoge (Aufn. J. Hahn, 2007)

 Vom 1873 geborenen jüdischen Schriftsteller Jakob Wassermann stammt u.a. der Roman „Die Juden von Zirndorf” von 1897, in dem er seine Kindheits- und Jugenderinnerungen aufarbeitete und sich mit den gängigen Stereotypen seiner Zeit auseinander setzte. In seinem Roman wird der Beginn jüdischer Ansässigkeit in Zirndorf mit einer Gruppe jüdischer Familien, die 1666 von Fürth nach Jerusalem aufbrachen und in Zirndorf strandeten, in Zusammenhang gebracht.

 

 

Weitere Informationen:

Jakob Wassermann, Die Juden von Zirndorf (Roman), München 1897

Roland Kühn, Die Geschichte der Zirndorfer Schulen, in: "Fürther Heimatblätter", No.26/1976, S. 29 – 40 und S. 104 - 112

Baruch Z.Ophir/F.Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München 1979, S. 244/245

Helmut Mahr, Die Renovierung der Synagoge in Zirndorf. Eine Bestandsaufnahme, in: "Nachrichten für den jüdischen Bürger Fürths", Sept. 1991

Helmut Mahr, Es geschah in der Kleinstadt Zirndorf im Jahre 1938, in: "Nachrichten für den jüdischen Bürger Fürths", Sept. 1991

Israel Schwierz, Steinerne Zeugen jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation, Hrg. Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Bayern, München 1992, S. 200

Helmut Mahr, Die erste statistische Erfassung der jüdischen Gemeinde Zirndorf im Jahre 1811, in: "Nachrichten für den jüdischen Bürger Fürths", Sept. 1993, S. 15 f.

Ursula Mandel, Die Synagoge in Zirndorf, in: M. Petzet (Hrg.), Denkmäler jüdischer Kultur in Bayern. Arbeitshefte des Bayr. Landesamtes für Denkmalpflege 43, München 1994, S. 55

75 Jahre Stadt Zirndorf (Festschrift)

Alexandra Voigt, Frühere Zirndorfer Synagoge wird zum Wohnhaus umgebaut. Das Ende besiegelt. Gemischte Gefühle bei jüdischen Überlebenden, in: „Nürnberger Zeitung“ vom 24.3.1997

B. Eberhardt/H.-Chr. Haas, Zirndorf, in: Mehr als Steine ... Synagogengedenkband Bayern, Band 2, Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2010, S. 771 – 785

Zirndorf, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Peter Budig (Red.), Zirndorf gibt den Opfern einen Namen, in: „Fürther Nachrichten“ vom 19.11.2017