Wallerfangen (Saarland)

Datei:Wallerfangen in SLS.svg Der Ort Wallerfangen liegt zwischen den Städten Dillingen und Saarlouis ca. 25 Kilometer nordwestlich von Saarbrücken - unmittelbar an der deutsch-französischen Grenze (Karte TUBS, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-A 3.0).

Auf Befehl des französischen Königs Ludwig XIV. mussten alle Einwohner Wallerfangens nach 1687/1688 ins neugegründete Saarlouis umsiedeln. Dabei mussten alle Gebäude abgetragen werden, um Baumaterial für die neue Stadt Saarlouis zu haben.


 Rekonstruktion der spätmittelalterlichen Stadtanlage (Heimatmuseum Wallerfangen, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)  


Nach Ende des Dreißigjährigen Krieges sind einzelne jüdische Familien in Wallerfangen und Umgebung nachgewiesen; sie verdienten ihren Lebensunterhalt zumeist als Viehhändler und Metzger.

Vermutlich gab es hier seit Ende des 18.Jahrhunderts eine kleine Gemeinde, die auch über eine eigene Synagoge verfügte; zu gottesdienstlichen Zusammenkünften kamen auch Glaubensgenossen aus Beaumarais, Felsberg und Niederlimberg, die sich der Gemeinde zeitweilig angeschlossen hatten. 1817 kam es zu einem Streit zwischen den jüdischen Familien von Wallerfangen und Beaumarais; dabei dürfte es um den Standort der Synagoge gegangen sein. Nach kurzzeitiger Trennung beider Orte konnte der Oberrabbiner von Trier den Konflikt lösen; die in Beaumarais lebenden Juden suchten fortan wieder den Betsaal in Wallerfangen auf.

Ein älterer Betraum wurde 1838 durch einen neuen ersetzt, der auf dem Gartengrundstück eines Gemeindeangehörigen in der Herzengass - der heutigen Villeroystraße - eingerichtet wurde. Anfang der 1890er Jahre erhielt die kleine jüdische Gemeinschaft einen schlichten Synagogenneubau in der Gartenstraße, der von der Firma Villeroy & Boch bezahlt wurde. Die Firma hatte das Gelände, auf dem der alte Betsaal lag, aufgekauft. Mit einem Festakt wurde 1893 der kleine Neubau eingeweiht.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20374/Wallerfangen%20Synagoge%201893.jpgSynagoge in Wallerfangen (hist. Aufn., 1893, aus: Sammlg. Neuapost. Kirchengemeinde)

                  Die Zeitschrift „Der Israelit” berichtete am 2.März 1893 folgendermaßen darüber:

Merzig, 27.Februar 1893. ... daß am verflossenen Schabbat Paraschat Sachor die Synagoge im benachbarten Wallerfangen eingeweiht wurde. Ein gewiß höchst seltener Umstand, daß eine Synagoge von Christen erbaut wurde, war hier der Fall, das bekannte Welthaus Villeroy und Boch, dessen Porzellanfabrik in Wallerfangen ihren Sitz hat, mußte, um ein nöthiges Terrain zu gewinnen, die alte Synagoge, die an sich schon baufällig war, erwerben und erbot sich, der Gemeinde ein neues Gotteshaus an anderer Stelle zu errichten. der Bau wurde verflossenen Sommer in Angriff genommen ... Ein imposanter Festzug ... brachte ... die Thorarollen aus der alten Synagoge in die neue; nachdem hier der Merziger Synagogen Chor unter Mitwirkung einer Regiments-Kapelle, einen Fest-Hymnus zur Aufführung gebracht, ein Vorstandsmitglied die Synagoge unter den Schutz Seiner Majestät des deutschen Kaisers gestellt, öffnete der Bürgermeister die Synagoge ... Die erhebende Weihepredigt hielt Herr Oberrabbiner Dr. Baßfreund aus Trier ... Es muß rühmend hervorgehoben werden, daß die meisten christlichen Häuser des ca. 4.000 Einwohner zählenden Ortes zu der Feier Flaggenschmuck angelegt hatten, während des Festzuges Böllerschüsse ertönten und am Freitag Abend ... die Umgebung der Synagoge in bengalischem Lichte und Feuerwerk erstrahlte. Alles arrangirt von den christlichen Mitbürgern. - Verschiedene christliche Vereine ließen es sich nicht nehmen ihren jüdischen Mitbürgern des Abends durch einen Fackelzug ihr Scherflein zur Verherrlichung der Feier beizutragen und Zeugnis davon abzulegen, wie in Wallerfangen ein schönes Einvernehmen zwischen den Konfessionen herrscht.

                                                            Vor der Synagoge (hist. Aufn. von 1893)

Auf Grund der zurückgegangenen Zahl der Gemeindeglieder konnten zu Beginn des 20.Jahrhunderts dann kaum noch Gottesdienste abgehalten werden.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20125/Wallerfangen%20Israelit%2028081878.jpg  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20125/Wallerfangen%20Israelit%2011071892.jpg

zwei Stellenausschreibungen in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28.August 1878 und 11.Juli 1892

Verstorbene wurden auf dem jüdischen Friedhof in Dillingen, ab 1905 auch auf dem Friedhof in Saarlouis beerdigt.

Juden in Wallerfangen:

        --- um 1680 ...................... eine jüdische Familie,

    --- 1783 .........................   12     “       “  n,*    * mit Beaumarais

    --- 1824 .........................   22 Juden,

    --- 1895 .........................   39   “  ,

    --- 1924 .........................   11   “  ,   

--- 1935 .........................    9   “  .

Angaben aus: Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels “, S. 463

Blick auf Wallerfangen (hist. Aufn. aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Nach 1900 nahm die Zahl der in Wallerfangen ansässigen jüdischen Familien ab; um weiterhin an Gottesdiensten teilnehmen zu können, suchten die Wallerfangener Juden zu Beginn des 20.Jahrhunderts den Betraum in Beaumarais auf. In den 1930er Jahren hat es vermutlich wieder eine Kultusgemeinschaft in Wallerfangen gegeben; allerdings setzte sie sich nur aus sehr wenigen Kleinfamilien zusammen.

Nach der Eingliederung des Saargebietes in das Deutsche Reich 1935 gingen einige in die Emigration; diejenigen, die blieben, wurden später deportiert; nachweislich wurden neun gebürtige Juden Wallerfangens Opfer des Holocaust.

 

Das ehemalige Synagogengebäude in Wallerfangen (Ecke Garten-/Saarstraße) ist inzwischen restauriert worden und steht seit 1990 unter Denkmalschutz. In seinen Räumen befand sich seit 1950 das Gotteshaus der Neuapostolischen Gemeinde, ehe es dann 2016 aufgegeben wurde; seitdem steht das Gebäude für kulturelle Veranstaltungen zur Verfügung.

Ehem. Synagoge (Aufn. Lokilech, 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2086/Wallerfangen%20Mahnmal%2001.jpg Im November 2006 wurde eine Mahnmal-Skulptur für die ermordeten Wallerfanger Juden aufgestellt - geschaffen von der sog. Künstlerinnengruppe 11F.

Die Skulptur besitzt eine reiche Symbolik: die Eisenplatte steht für die Züge, der Balken für die Lkw, die Juden in die Vernichtungslager brachten, ein rostiger Zirkel dafür, dass am Schreibtisch alles beschlossen wurde, der aufragende schwarze Hintergrund für die Schornsteine der Krematorien, verschobene Sitze ohne Sitzflächen stehen dafür, dass für diese Menschen während des Nationalsozialismus kein Platz in der Gesellschaft war.

Seit 2015 erinnert eine Gedenktafel namentlich an die ehemaligen jüdischen Gemeindemitglieder, die Opfer der NS-Gewaltherrschaft geworden sind.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20381/Wallerfangen%20Gedenktafel%20010.jpgGedenktafel mit Namen der jüdischen Opfer (Aufn. Pascal Strobel, aus: alemannia-judaica.d)e

 

Weitere Informationen:

Theodor Liebertz, Wallerfangen und seine Geschichte, Wallerfangen 1953

Hans Neis, Die letzten Juden in Wallerfangen, in: ‘Unsere Heimat’, 11.Jg., No. 3/4 (1988), S. 88 - 90

Werner Müller, Die jüdische Minderheit im Kreis Saarlouis: politische, sozialökonomische und kulturelle Aspekte ihrer Lebenssituation vom Ancien Régime bis zum Nationalsozialismus, in: Schriften des Kreises Saarlouis, Band 1, St. Ingbert 1993

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels “. Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 463/464

Pascal Strobel, Die Historie der ‚Alten Synagoge’ Wallerfangen, in: Mitteilungsblatt der Gemeinde Wallerfangen, No. 22/2006, S. 16/17

Wallerfangen, in: alemannia-judaica.de (Anm: mit zahlreichem Bildmaterial)

Hans Peter Klauck, Jüdisches Leben in der Stadt und im Landkreis Saarlouis 1680 – 1940, Saarlouis 2016

N.N. (Red.), Gedenken an die Synagoge: Blick auf die Zerbrechlichkeit unserer Kultur, in: „Saarbrücker Zeitung“ vom 27.2.2018