Viernheim (Hessen)

Datei:Municipalities in HP.svg Viernheim ist heute eine von Industrie geprägte Stadt mit derzeit ca. 33.000 Einwohnern am nordöstlichen Stadtrand von Mannheim gelegen; sie ist die zweitgrößte Kommune des südhessischen Kreises Bergstraße (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

In dem bis 1803 zum Erzbistum Mainz gehörenden Viernheim war gegen Ende des 17.Jahrhunderts eine kleine jüdische Gemeinde beheimatet; der erste urkundliche Nachweis eines Juden in Viernheim stammt bereits aus dem Jahre 1609; nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges zogen weitere Juden zu, so vermutlich auch jüdische Flüchtlinge aus Wien.

Nachdem Gottesdienste lange Jahrzehnte in einem Privathause abgehalten worden waren, weihte die jüdische Gemeinde Ende August 1827 ihr neu erbautes Synagogengebäude in der Hügelstraße ein.

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Synagoge in Viernheim (Skizze K. Fischer) und Blick in den Innenraum (hist. Aufn.)

Zum 100jährigen Synagogenjubiläum - das Gebäude war grundlegend renoviert worden - erschien am 8. September 1927 folgender Bericht in der jüdischen Zeitschrift „Der Israelit”:

Viernheim, 22. August. Am Sonntag beging die israelitische Gemeinde Viernheim das hundertjährige Bestehen ihrer Synagoge mit einem Festgottesdienst. Nach einer Begrüßungsrede des Lehrers Loew hielt Rabbiner Dr. Italiener - Darmstadt die Festpredigt. Kraft, Stolz und Geduld erfülle den Juden, der der Väter, die dieses Gotteshaus errichteten, gedenkt. Von ihrer Tat ging um so größeres Licht aus, als bis damals die Juden von außen unterdrückt und im Ghetto innerlich verkümmert waren. ... Im Namen der Gemeinde Viernheim erklärte Bürgermeister Lamberth, daß er eigens seinen Urlaub unterbrochen habe, um an dieser bedeutungsvollen Feier teilzunehmen. Es sei ihm ein Bedürfnis, den vorbildlichen Beziehungen aller Konfessionen in der Gemeinde Vierheim Ausdruck zu geben. Kaplan Oestreicher überbrachte die Glückwünsche zugleich im Namen des Herrn geistlichen Rat Wolf, der gesamten Pfarrgeistlichkeit, des Kirchenvorstands und der katholischen Gemeinde. Er begann in hebräischer Sprache mit dem Psalmwort: „Wenn der Herr nicht wacht, wacht der Wächter umsonst."  Direktor Benjamin - Darmstadt überbrachte die Glückwünsche des Landesverbands der Israelitischen Religionsgemeinden Hessens, ... , Rektor Mayer - Vierheim überbrachte die Glückwünsche der Schule. Prachtvolle Chöre des Klaussynagogenchors, Mannheim, mit Solis des Oberkantors Eppstein umrahmten weihevoll die Ansprachen.
Zu dieser Feier wurde eine Festschrift, verfaßt von Herrn Lehrer Loew - Viernheim, herausgegeben, die interessantes geschichtliches Material enthält.

Der Vorsatz, in den 1920er Jahren einen Neubau zu errichten, wurde nicht mehr realisiert.

Seit Ende der 1830er Jahre verfügte die Gemeinde über eine neue Mikwe. Eine Religionsschule sorgte für die Unterweisung der jüdischen Kinder.

                    Stellenangebote von 1876 bzw. 1878  

Als geprüfter Mohel (Beschneider) empfiehlt sich ..." (aus: „Der Israelit“ vom 14.2. 1924)

Ihre Verstorbenen begruben die Viernheimer Juden auf dem jüdischen Verbandsfriedhof in Hemsbach; der Antrag auf die Anlage eines eigenen Friedhofs war mehrfach abgelehnt worden. - Die Gemeinde zählte zum liberalen Rabbinat Darmstadt.

Juden in Viernheim:

        --- um 1700 ........................   3 jüdische Familien,

    --- 1795 ...........................  10     “       “    ,

    --- 1806 ...........................  29 Juden,

    --- 1828/30 ........................  57   “  (in 12 Familien),

    --- 1855 ........................... 100   “  (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1870 ........................... 133   “  ,

    --- 1880 ........................... 128   “  ,

    --- 1890 ........................... 140   “  ,

    --- 1900 ........................... 143   “  ,

    --- 1927 ....................... ca. 100   “  (in 27 Familien),

    --- 1933 ...........................  69   “  ,

    --- 1939 ...........................  30   “  ,

    --- 1940 ...........................  22   “  ,

    --- 1942 ...........................  keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 2, S. 321

und                 Magistrat der Stadt Viernheim (Hrg.), Viernheim zwischen Weimar und Bonn, S. 89

Bis ins 18.Jahrhundert betrieben fast alle Juden Viernheims Viehhandel in der Region; erst im folgenden Jahrhundert änderte sich die Berufsstruktur; nun waren sie vor allem als Kaufleute und Handelsunternehmer tätig.

Gegen die jüdische Minderheit in Viernheim war es "nur" in den Jahren 1822 und 1830 zu kleineren „Vorfällen“ gekommen; dies lag sicher auch daran, dass die hier lebenden Juden weitestgehend integriert und akzeptiert waren. Allerdings war die Gewährung des Ortsbürgerrechts für Juden ab 1851 unter der Bewohnerschaft von Viernheim nicht unumstritten gewesen. Auch innerhalb der Judenschaft gab es zeitweise heftige Streitigkeiten, sodass der Landrat 1880 anordnete, dass der lokale Polizeidiener bei der Abhaltung des Gottesdienstes anwesend zu sein habe.

Seit Ende des 19.Jahrhunderts zählten die Viernheimer Juden zu den wohlhabenden Bürgern des Ortes und die jüdische Gemeinde zu einer der reichsten im Kreise Heppenheim. Großen Anteil an ihrer guten ökonomischen Lage hatten der gewinnträchtige Tabakhandel und die Zigarrenproduktion, die sich zum Großteil in jüdischen Händen befanden. Allein die beiden Zigarrenfabriken der Gebrüder Sternheimer und Weißmann beschäftigten zeitweise mehr als 300 Arbeitskräfte.

                 Geschäftsanzeigen Viernheimer Juden:

                    http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20111/Viernheim%20Israelit%2029071904.jpg       

Zu Beginn der NS-Zeit lebten noch etwa 70 Juden in Viernheim; ihre Zahl nahm in den Folgejahren durch Emigration und Abwanderung stark ab. Die mit dem Boykott vom 1.4.1933 von den Nationalsozialisten begonnene Ausgrenzungspolitik schien in Viernheim nicht die gewünschten Erfolge erzielt zu haben; so hieß es noch am 7.3.1938 in einem Artikel der „Viernheimer Volkszeitung”:

Volksfeinde - Volksverräter kaufen und makeln Vieh beim Juden!

... Es ist eine bodenlose Gemeinheit, die sich deutsche Bauern und Landwirte nennen ... diese Bauern kaufen noch im 5.Jahr des neuen Deutschlands beim Juden ... zu dieser Sorte Leute, die man ja nicht Volksgenossen nennen kann, kommen noch solche hinzu, die bei den sonstigen Geschäftsjuden kaufen. ...

In den Morgenstunden des 10.November 1938 begannen auch in Viernheim die antijüdischen Ausschreitungen. Nachdem ein erster Brandstiftungsversuch fehlgeschlagen war, wurde die Viernheimer Synagoge wenige Stunden später von SS-Männern aufgebrochen und durch die Inbrandsetzung der demolierten Inneneinrichtung völlig zerstört; die Feuerwehr durfte nur die angrenzenden Anwesen schützen. Die Synagogenruine wurde später abgetragen. Anschließend begannen SA- und SS-Trupps mit den Zerstörungen und Plünderungen privater Geschäfte und Wohnungen; an den Plünderungen soll sich - auf Anweisung ihres Lehrers - auch eine Schulklasse beteiligt haben. Dies alles geschah unter den Augen vieler Viernheimer Einwohner; einige nahmen auch aktiv am Zerstörungswerk teil. Ein Teil der geplünderten Warenbestände wurde der NSV überstellt, die es teilweise an Privatpersonen verkaufte. Die verhafteten und in die Arrestzelle des Rathauses gesperrten jüdischen Männer wurden am nächsten Tage nach Heppenheim gebracht und von hier vermutlich dem KZ Dachau überstellt.

                   Aus einem Artikel der „Viernheimer Volkszeitung” vom 22.12.1938:

Legende um anständige Viernheimer Juden”

... Allen Judenfreunden und Schwätzern sei hier entgegengetreten mit Dokumenten aus dem Gemeindearchiv, welche erkennen lassen, daß die Judenfrage in Viernheim bereits vor mehr als hundert Jahren nicht allein akut war, sondern auch ihrer Lösung harrte. ... Der Brand des Judentempels war ein Fanal; die Schleifung seiner Mauern aber sagt jedem einzelnen mit aller Deutlichkeit, daß das letzte Stündlein nicht allein dem Juden, sondern auch seinen Helfern und Helfershelfern geschlagen hat. ...

Zwischen 1938 und 1940 emigrierte die Mehrheit der Viernheimer Juden nach Übersee; soweit es ihnen möglich war, verkauften sie ihre Häuser und Äcker. Die letzten etwa 20 in Viernheim verbliebenen Juden wurden im Laufe des Jahres 1942 deportiert. „Am 24.September 1942 war unsere Gemeinde judenfrei”, heißt es 1944 in der Ortschronik.

Insgesamt 31 Viernheimer Juden fielen der NS-Diktatur zum Opfer.

In mehreren Prozessen mussten sich aktiv Beteiligte des Novemberpogroms nach dem Krieg vor dem Landgericht in Darmstadt verantworten; nur ein einziger Angeklagter wurde zu einer Haftstrafe verurteilt.

                   Colorierte Zeichnung (Harry Siegert)

Auf dem ehemaligen Synagogengelände steht heute ein Privathaus; ein hoch aufragender Stein mit einer Gedenkplatte - mit einem Relief der Synagoge versehen - erinnert an das einstige jüdische Gotteshaus und seine Gemeinde.

                                                        Relief der Synagoge (Aufn. Harry Siegert)

In dieser Strasse stand von 1828 - 1938 die Synagoge der ehemaligen jüdischen Gemeinde Viernheim.

Sie wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 zerstört.

Am Gebäude der Stadtbibliothek erinnert eine Gedenktafel wie folgt:

Viernheims jüdische Familien in den 1930er-Jahren.

Mit der Diktatur der Nationalsozialisten (1933-1945) gab Deutschland die Menschenrecht auf. Viernheim verlor seine jüdischen Mitbürger

und mit ihnen einen Teil seiner Tradition und Kultur. 
Es folgen die Namen der jüdischen Familien

Beginnend in den Jahren 2013/2014 wurden in den Gehwegen Viernheims zahlreiche sog. "Stolpersteine" verlegt.

* 1859 gründete Heimann Sternheimer in Viernheim eine Zigarrenfabrik, die etwa zehn Jahre später etwa 150 Arbeitskräfte beschäftigte. Dessen Söhne lebten dann in Mannheim, wo sie mehrere Fabriken betrieben.

Weitere Informationen:

Heinrich Loew, Die israelitische Religions-Gemeinde Viernheim (Hessen), Festschrift zur Jahrhundertfeier des Synagogenbaues im August 1927, Viernheim 1927

Hans Mayr, Ortschronik Viernheim, Viernheim 1944

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 2, S. 321 - 324

Franz Haas, Die Juden in Viernheim, in: Zwölfhundert Jahre Viernheim - Historie und Dokumentation, Hrg. Magistrat der Stadt, Viernheim 1977, S. 99 - 108

Leo Oppenheimer, Flucht vor Angst, Teil I, in: Wider die Vergeßlichkeit, Viernheim 1985

Heimgard Roos, 300 Jahre jüdische Gemeinde in Viernheim, in: Wider die Vergesslichkeit, Viernheim 1985

Heimgard Roos, Dokumentation über die jüdische Gemeinde im Viernheimer hrg. vom Heimatmuseum Viernheim, o.J.

Brigitte Perker, Viernheim zwischen Weimar und Bonn. Demokratie und Diktatur in einer deutschen Kleinstadt, Hrg. Magistrat der Stadt Viernheim, Viernheim 19 (ab S. 89 ff. ‘Die jüdische Gemeinde’)

Max Liebster, Hoffnungsstrahl im Nazisturm. Eine Geschichte über das Überleben des Nazi-Terrors, Karben o.J.

Studienkreis Deutscher Widerstand (Hrg.), Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt, 1995, S. 27 f.

Magistrat der Stadt Lampertheim (Hrg.), Lampertheim - Ein Blick in die Stadtgeschichte, Band 2: Beiträge aus der Geschichte der ehemaligen jüdischen Gemeinde, Lampertheim 1998, S. 66 f.

Harry Maximilian Siegert, Im Jahre 1827 erhielten die Viernheimer Juden eine Synagoge, Aufsatz 2007

Viernheim, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

N.N. (Red.), Erneut „Stolpersteine“ zum Gedenken an die Verfolgten des Nazi-Regimes verlegt, in: „Viernheimer Nachrichten“, Juni 2014

N.N. (Red.), Dritte Stolpersteinverlegung zum Gedenken an die Verfolgten des NS-Regimes, in: „Viernheimer Nachrichten“ vom ? 2015

Stadt Viernheim (Hrg.), Stolpersteine sollen an Nazi-Verbrechen erinnern: Zwölf weitere „Gedenksteine“ verlegt, in: viernheim.de /en/aktuelles/pressespiegel/bericht/archiv vom 30.6.2017

Schüler zeigen Schicksale auf – Geschichte-Arbeitsgemeinschaft der AVH verlegt „Stolpersteine“ in der Innenstadt, in: „Mannheimer Morgen“ vom 30.6.2017