Veldhausen - Neuenhaus (Niedersachsen)

Datei:Neuenhaus in NOH.svg Das Dorf und Kirchspiel Veldhausen ist seit 1970 ein Stadtteil von Neuenhaus - ca. 25 Kilometer westlich von Lingen/Ems gelegen (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die jüdische Gemeinde Neuenhaus mit ihrer Synagoge zum religiösen Zentrum für alle jüdischen Niedergrafschafter.

Ansicht von Neuenhaus in der Topographia Westphaliae - Stich Merian 1647 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei

Im nahe der holländischen Grenze gelegenen Dorfe Veldhausen ist die erstmalige Ansässigkeit eines Juden aus dem Jahre 1723 dokumentiert; im benachbarten Neuenhaus hatten sich bereits einige Jahrzehnte zuvor Juden angesiedelt. Gegen Zahlung von Schutzgeldern garantierten die Grafen zu Bentheim den jüdischen Familien Wohn- und begrenztes Handelsrecht.

Da in den Ortschaften der für einen Gottesdienst vorgeschriebene Minjan kaum zustande kam, konkurrierten Neuenhaus, Veldhausen und Uelsen um die Einrichtung eines Bethauses. Da in Veldhausen um 1840/1850 die meisten jüdische Familien in der Grafschaft Bentheim lebten, wurde - nach langjährigen Querelen - die Konstituierung einer Synagogengemeinde mit Sitz in Veldhausen beschlossen. Doch bereits wenige Jahre später brachen erneut Konflikte offen aus: So wurde Anfang der 1850er Jahre eine eigene Synagoge in Neuenhaus gebaut. Der Betraum in Veldhausen verfiel bis 1870 zusehends, weil die meisten jüdischen Bewohner inzwischen den Ort verlassen hatten; so übernahm Neuenhaus immer mehr die Funktion des Gemeindesitzes; dieser wurde 1884 auch offiziell anerkannt.

 Synagoge der ehemaligen Gemeinde Neuenhaus (Skizze Elisabeth Drees)

Vor 1840/1850 wurden die Kinder der wohlhabenderen Familien von Privatlehrern unterrichtet; eine eigene Schule existierte nur wenige Jahre, da die Gemeindeangehörigen den Lehrer nicht auf die Dauer finanzieren konnten.

Im Dorfe Hilten bei Neuenhaus bestand schon Ende des 17.Jahrhunderts ein jüdischer Friedhof, der Verstorbenen der Niedergrafschaft als Ruhestätte diente. 

Der dem Landrabbinat Emden zugehörigen Synagogengemeinde Veldhausen waren die Ortschaften Emlichheim, Lage, Neuenhaus und Uelsen angeschlossen.

Juden in Veldhausen - Neuenhaus:

         --- um 1770/1800 .................   3 jüdische Familien,*      *  in Neuenhaus

    --- um 1790/1800 .................   3     “       “   ,**       ** in Veldhausen

    --- 1812 .........................  37 Juden,*

    --- 1844 .........................  22 jüdische Familien,***

    --- 1861 .........................  43 Juden,*

    --- 1871 ..................... ca. 100   “  ,***                 *** Synagogengemeinde

    --- 1885 ..................... ca.  65   “  ,***

    --- 1905 ..................... ca.  50   “  ,***

    --- 1925 ..................... ca.  40   “  ,***

    --- 1933 ..................... ca.  25   “  .***

Angaben aus: Uwe Hager (Bearb.), Veldhausen/Neuenhaus, in: H.Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen ..., Bd. 2, S. 1511

Die Juden der Region lebten viele Jahren vor allem von der Schlachterei, dem Hausierhandel und dem Handel mit Fellen/Häuten; nach 1850 boten auch wenige kleinere jüdische Textil-Einzelhandelsgeschäfte ihre Waren an. Zu Beginn der 1930er Jahre lebten in Neuenhaus noch sechs jüdische Familien, die hier bis 1938 nahezu unbehelligt lebten.

Während des Novemberpogroms von 1938 kam es aber auch hier offen zu Gewaltakten: Wohnungen und Geschäfte der jüdischen Familien wurden zerstört und geplündert und die Synagoge in der Klinkhamerstraße verwüstet; eine Brandlegung unterblieb nur wegen der Gefährdung angrenzender Gebäude. Einige jüdische Männer wurden „in Schutzhaft“ genommen und anschließend ins KZ Sachsenhausen verschleppt. Einige jüdische Familien brachten sich im nahen Holland vorübergehend in Sicherheit. Die noch in Neuenhaus verbliebenen Juden wurden im „Judenhaus“ der Familie van der Reis zusammengelegt; von hier aus wurden sie 1942 deportiert, vermutlich nach Theresienstadt. Nur ein einziger der 1933 in Neuenhaus lebenden Juden soll den Holocaust überlebt haben.

Der gegen Ende des 17.Jahrhunderts angelegte jüdische Friedhof am Wittenkamp - mit einer Fläche von mehr als 3.000m² der größte auf dem Gebiet der ehem. Grafschaft Bentheim - weist heute 57 Grabsteine auf; der älteste Stein stammt aus dem Jahre 1764. Die Inschriften sind in deutscher, niederländischer und hebräischer Sprache abgefasst. Die letzte hier vollzogene Beerdigung war im Juli 1942, als die hochbetagte Sophie van der Reis begraben wurde. 

Eine 1977 am ehemaligen Standort der Synagoge angebrachte Gedenktafel erinnert an die frühere jüdische Gemeinschaft im Ort; deren Inschrift lautet:

Zum Gedenken an unsere jüdischen Mitbürger der Stadt Neuenhaus und an die Synagoge,

die hier in der Klinkhamerstraße gestanden hat und am 9.November 1938 mutwillig zerstört wurde,

hat die Stadt Neuenhaus diese Tafel gestiftet.

(hebr. Inschrift)

Mit meiner Stimme zum Ewigen schreie ich, mit meiner Stimme zum Ewigen flehe ich.

                     Gedenktafel an der Klinkhamerstraße (Aufn. aus: gbiu.de)

Jüngst hat sich in Neuenhaus ein Förderverein gegründet, der mit der Einrichtung eines Begegnungszentrums die Erinnerung an die Vertreibung und Ermordung der früheren jüdischen Bewohner wachhalten will; zudem soll es auch Lernort für das Zusammenleben verschiedener Kulturen sein.

In den Gehwegen von Neuenhaus befinden sich seit 2011 sog. „Stolpersteine“, die an ehemalige jüdische Bewohner erinnern, die Opfer der NS-Verfolgung geworden sind. Neben diesen 18 Steinen wurden im jahre 2017 weitere sieben in der Veldhausener Straße verlegt, die Angehörigen der Familie Süskind gewidmet sind.

Eine bereits seit den 1960er Jahren vorhandene Gedenktafel nennt namentlich alle Opfer der NS-Herrschaft.

  Carl van der Linde, der als Mundartdichter einen Beitrag zur niederdeutschen Literatur der 1920er Jahre leistete, wurde 1861 als Sohn einer jüdischen Familie in Veldhausen geboren. Nach einer Buchdrucker/Schriftsetzerlehre und Wanderschaftsjahren war er seit 1884 beim „Hamburger Fremdenblatt“ tätig. Wenige Jahre vor Beginn des Ersten Weltkrieges kehrte er in seine Heimatstadt zurück und widmete sich dem Verfassen von Gedichten und Geschichten in plattdeutscher Sprache. Durch seine Veröffentlichungen wertete Carl van der Linde das Grafschafter Platt als Schriftsprache auf. 1930 verstarb er in Neuenhaus und wurde auf dem dortigen jüdischen Friedhof begraben. Der Grafschafter Heimatverein widmete ihm 1971 einen Gedenkstein. Seit 2004 trägt die Grund- und Hauptschule in Veldhausen seinen Namen.

Weitere Informationen:

Ludwig Edel/Karl Naber, Die Judenschaft im Dorfe Veldhausen, in: Der Grafschafter. Heimatbeilage der ‘Grafschafter Nachrichten’ 56/1957

Ernst Kühle, Veldhausen. Die Geschichte eines Kirch- und Gerichtsortes in der Grafschaft Bentheim, in: Das Bentheimer Land 81, Nordhorn 1973

Karl-Heinz Meyer (Hrg.), Reichskristallnacht 1938 - Die Juden in der Niedergrafschaft, Kooperative Gesamtschule Neuenhaus 1980

Arno Piechorowski (Hrg.), Beiträge zur Geschichte der Juden in der Grafschaft Bentheim, in: Das Bentheimer Land 101, Bentheim 1982

Uwe Hager (Bearb.), Veldhausen/Neuenhaus, in: Herbert Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, Band 2, S. 1511 – 1518

Samtgemeinde Neuenhaus, in: Die Grafschaft Bentheim im Unterricht (GBiU), online abrufbar unter: gbiu.de

Der jüdische Friedhof in Neuenhaus heute, in: Die Grafschaft Bentheim in der Geschichte, online abrufbar unter: grafschafter-geschichte.de/08/1938-Juden (mit mehreren aktuellen Aufn.)

Stadt Neuenhaus (Hrg.), Der jüdische Friedhof Neuenhaus – 42 seitige sehr informative Broschüre (mit Abb. der einzelnen Grabmale), online abrufbar unter: neuenhaus.de/pics/medien

Wilhelm Sager, Das Schicksal der jüdischen Bürger von Neuenhaus 1933 – 1945, online abrufbar unter: grafschafter-geschichte.de

Andre Berends (Red.), Sechs Stolpersteine für Familie Coevorden, in: „Grafschafter Nachrichten“ vom 4.6.2016

Sebastian Hamel (Red.), Bürger in Neuenhaus gedenken Opfer der Deportation, in: „Grafschafter Nachrichten“ vom 1.8.2016

N.N. (Red.), Sieben Stolpersteine gegen das Vergessen, in: „Grafschafter Nachrichten“ vom 8.2.2017

Andre Stephan-Park (Red.), Neue Stolpersteine in Neuenhaus vertlegt, in: „Grafschafter Nachrichten“ vom 17.2.2017

Auflistung der in Neuenhaus verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Neuenhaus

Andre Berens (Red.), Löwenkopfsteine erinnern an Veldhauser Synagoge, in: „Garfschafter Nachrichten“ vom 10.5.2017

N.N. (Red.), Jüdischer Friedhof: Stumme Zeugen vergangener Zeit, in: „Grafschafter Nachrichten“ vom 10.10.2018