Tessin (Mecklenburg-Vorpommern)
Tessin (Mecklenburg-Vorpommern)
Tessin mit derzeit ca. 4.200 Einwohnern ist eine Kleinstadt im Landkreis Rostock und Sitz des gleichnamigen Amtes, dem weitere acht Gemeinden angehören (Kartenskizze ‚Landkreis Rostock‘ mit Amt Tessin rot markiert, Hagar 2011, aus: wikipeida.org CC BY-SA 3.0).
In Tessin existierte eine jüdische Gemeinde, die in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts maximal 80 – 100 Angehörige zählte. Ihre Wurzeln wurden um 1750/1760 gelegt, als ein Schutzjude - namens Arend Moses aus Krakow am See kommend - sich hier niederließ. Weitere Schutzjuden folgten ihm nach.
Ihren Broterwerb bestritten die jüdischen Familien mit kleinen Handels- und Handwerksunternehmen; Überlandfahrten sicherten zudem ihre schmale Lebensgrundlage.
Nach dem Generalverzeichnis aller im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin privilegierten Schutzjuden lebten im Jahre 1825 in Tessin insgesamt 14 Schutzjuden. Nun war auch die Gemeinde finanziell in der Lage, sich ein Synagogengebäude zu erbauen; das 1826 errichtete Bethaus befand sich auf einem Hinterhofgelände in der Mühlenstraße.
1833 gab sich die kleine Gemeinde dann eigene Statuten, die u.a. die Beiträge in die gemeindliche Kasse regelte, Regularien bei der Wahl des Vorsängers/Lehrers und den Kauf der Sitzplätze im Bethaus festlegte. Mehr als zehn Jahre waren diese Gemeindestatuten in Kraft, ehe 1846 - wie in fast allen Mecklenburger Landstädten - eine landesherrlich verordnete Gemeindeordnung in Kraft trat.
Um 1820 wurde ein eigener Friedhof am südlichen Hang des Prangenberges - etwa zwei Kilometer außerhalb der Stadt in Richtung Cammin - angelegt; zuvor mussten Verstorbene auf den jüdischen Begräbnisplatz ins weit entfernte Neubukow gebracht werden.
Die Tessiner Gemeinde war eng mit der Kultusgemeinde von Krakow am See verbunden.
Juden in Tessin:
--- 1813 ...................... 7 jüdische Familien,
--- 1825 ...................... 14 Schutzjuden,
--- um 1835 ............... ca. 100 Juden,
--- um 1850 ............... ca. 75 " ,
--- um 1885 ............... ca. 50 " ,
--- um 1900 ............... ca. 30 " ,
--- um 1925 ............... ca. 10 " ,
--- 1942 ...................... 2 Jüdinnen.
Angaben aus: juden-in-mecklenburg.de
Markt von Tessin, Aufn. 1902 (aus: ortschroniken-mv.de)
Kirchenstraße in Tessin, um 1910 (Abb. aus: zvab.com)
Durch Abwanderung in größere Städte – beginnend ab Mitte des 19.Jahrhunderts – ging die jüdische Bevölkerung kontinuierlich zurück. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Niedergang der Tessiner Gemeinde nicht mehr aufzuhalten; kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges bezifferte sich die Anzahl der jüdischen Haushalte auf acht. Auf Grund der misslichen finanziellen Situation löste sich die verschuldete jüdische Gemeinde in den 1920er Jahren faktisch auf, bestand aber offiziell noch bis Ende der 1930er Jahre.
Das letzte jüdische Geschäft in Tessin, das Textilgeschäft Levy, wurde im Nov. 1938 von ortsansässigen Nationalsozialisten demoliert und dessen Besitzer in „Schutzhaft“ genommen.
Ende der 1930er Jahre erfolgte der Verkauf des Synagogengebäudes.
1942 wohnten noch zwei Jüdinnen in Tessin, die in „privilegierter Mischehe“ lebten.
Mindestens 18 gebürtige bzw. längere Zeit in der Kleinstadt wohnhaft gewesene Personen mosaischen Glaubens wurden Opfer der NS-Gewaltherrschaft.
In der NS-Zeit war die Begräbnisstätte verwüstet worden; die Reste noch vorhandener Grabsteine wurden in den 1980er Jahren abgeräumt und zum jüdischen Friedhof Rostock gebracht; ein dort aufgestellter Gedenkstein erinnerte an die Juden Tessins.
Der jüdische Friedhof in Tessin wurde im Jahre 1992 rekonstruiert mitsamt der das Gelände umgebenden Ziegelsteinmauer. Der zuvor in Rostock befindliche Gedenkstein wurde nun wieder auf den Tessiner Friedhof transferiert; Grabsteine sucht man jedoch auf dem Begräbnisgelände vergebens.
Auf dem Schulhof der „Anne-Frank-Schule“ wurde eine vom Bildhauer Gerhard Rommel geschaffene Gedenkstele eingeweiht, die an die Namensgeberin der Schule erinnert.
Weitere Informationen:
M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum, Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 363/364 und S. 636/637
Die jüdische Gemeinde von Tessin (Recherchen von 1815 bis 2004) - Auszug aus Stadtchronik von Tessin
Jürgen Gramenz/Sylvia Ulmer, Ehemaliges jüdisches Leben in Tessin, in: Geschichte der Juden in Mecklenburg, Aufsatz vom 2.9.2016, in: juden-in-mecklenburg.de/Orte/Tessin
Michael Buddrus/Sigrid Fritzlar (Bearb.), Juden in Mecklenburg 1845-1945. Lebenswege und Schicksale. Ein Gedenkbuch, Schwerin 2019, S. 273/274