Sensburg (Ostpreußen)

Bildergebnis für Sensburg ostpreußen   In Sensburg (poln. Mrągowo, bis 1947 Ządźbork) - ca. 20 Kilometer südlich von Rastenburg und 60 Kilometer östlich von Allenstein gelegen - gab es eine israelitische Gemeinde, die um 1870 mit etwa 170 Angehörigen ihren personellen Höchststand erreichte. Die Wurzeln der Sensburger Gemeinde reichen bis ins beginnende 19.Jahrhundert zurück; vor 1812 lebten im Ort nur zwei (oder drei) jüdische Familien. Die offizielle Gemeindegründung erfolgte aber erst unmittelbar nach der behördlichen Genehmigung zur Einrichtung von Synagogengemeinden im Jahre 1847; neben den Juden aus der Stadt Sensburg gehörten auch die jüdischen Familien des gleichnamigen Kreises dazu.

Die jüdischen Kinder besuchten die Stadtschule; ihre religiöse Unterweisung erhielten sie durch einen Privatlehrer.

Ein Friedhof wurde um 1860 angelegt; in den Jahren zuvor waren verstorbene in Rhein (Ryn) oder in Mühlental (Mlynowo) beerdigt worden. - Ein eingeschossiger Synagogenbau, der seitens der staatlichen Behörden 1869 genehmigt worden war, brannte im Jahre 1893 völlig nieder und wurde bereits 1895/1896 durch ein neues Gebäude in der Gartenstraße ersetzt.

        Ehem. Synagogengebäude (Aufn. TBS 2007, aus: wikipedia.org, CC BY 2.5)

Juden in Sensburg:

--- 1830 ......................... ca.  45 Juden,

--- um 1840 ...................... ca.  80   “  ,

--- 1849 .............................  47   “  ,

--- 1888 ............................. 148   “  ,

--- 1895 ............................. 117   “  ,

--- 1900 ......................... ca. 100   “  ,

--- 1925 ......................... ca. 175   “  ,*   * im Kreisgebiet

--- 1933 ............................. 125   “  ,*

--- 1939 (Dez.) ......................  keine.

Angaben aus: Mragowo, in: sztetl.org.pl

Markt in Sensburg - Gemälde Albrecht Adam, 1812

Im 19.Jahrhundert bestritten die meisten jüdischen Familienoberhäupter den Lebensunterhalt ihrer Familie als Kaufleute und Bier- bzw. Branntweinhändler.

In der Zwischenkriegszeit machte sich auch in Sensburg immer mehr eine antijüdische Stimmung breit, die schließlich nach der NS-Machtübernahme staatlich sanktioniert wurde.

Anfang der 1930er Jahre gehörten der israelitischen Gemeinde etwa 125 Angehörige an; sechs Jahre später waren es nur noch etwa 65 Personen (Angaben aus dem Kreisgebiet). Kurz vor Kriegsbeginn lebten in der Stadt und wenig später auch im Kreis keine Juden mehr; die meisten waren in die Anonymität größerer Städte – vor allem nach Berlin – geflüchtet, da die Lebensbedingungen hier zunehmend bedrohlicher wurden.

1938 wurde der Innenraum der Synagoge demoliert; das Gebäude blieb aber äußerlich von Zerstörungen verschont. 1939 verkündeten die NS-Behörden, dass Stadt und Kreis Sensburg „judenfrei“ seien. Mindestens 50 gebürtige Sensburger Juden wurden Opfer der „Endlösung“.

 

Der bereits während der NS-Zeit teilzerstörte Friedhof wurde kurz nach dem Krieg vollständig eingeebnet und das Gelände neu überbaut. Ein in jüngster Vergangenheit aufgefundenes Fragment eines Grabsteins befindet sich heute im Museum von Mrągowo. Auf dem ehemaligen Begräbnisgelände erinnert seit 2018 ein Gedenkstein mit in vier Sprachen abgefassten Inschriften an die Sensburger Juden und ihren einstigen Friedhof. Die deutsch-sprachige Inschrift lautet: „‘Im Gedenken an die Sensburger Juden. Mögen ihre Seelen in den Knoten des Lebens verstrickt sein‘. GEDENKSTÄTTE Jüdischer Friedhof in Sensburg - angelegt 1859 … Die Bewohner von Mragowo 2018“

Das ehemalige Synagogengebäude in Mrągowo wird heute von der orthodoxen Kirche ("Kirche der Verklärung des Herrn") genutzt (Abb. siehe oben).

 

Weitere Informationen:

M.Brocke/M.Heitmann/H.Lordick (Hrg.), Zur Geschichte und Kultur der Juden in Ost- und Westpreußen, Georg Olms Verlag, Hildesheim/u.a. 2000

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), New York University Press, Washington Square, New York 2001, Vol. 2, S. 1162

Otto Wank, Die Stadt Sensburg und ihr Umfeld im Spiegel staatlicher und kommunaler Archive. Ein Beitrag zur wechselvollen Geschichte der Grenzregion Masuren, Bielefeld 2001

Mragowo, in: sztetl.org.pl

Jews in East Prussia - History and Culture Society (Hrg.), Friedhof Mrągowo – Sensburg, online abrufbar unter: jewsineastprussia.de/de/cemetery-mragowo-sensburg/