Tauroggen (Litauen)

 Tauroggen (lit. Tauragé/jidd. Tavrik) – etwa 30 Kilometer von der Grenze zu Ostpreußen entfernt - war im Gefolge der 3. Teilung Polens (1795) an Russland gefallen und dort bis 1918 verblieben. Derzeit hat die Industriestadt Tauragé etwa 23.000 Einwohner.

Anm.: Durch die Ende Dezember 1812 zwischen dem preußischen General v. Yorck und dem russischen General v. Diebitsch geschlossene „Konvention von Tauroggen“ ging der Ort in die Geschichtsbücher ein; denn dieser Vertrag leitete die Befreiung von der napoleonischen Herrschaft ein.

Vermutlich ließen sich die ersten jüdischen Familien gegen Ende des 16.Jahrhunderts in Tauroggen – von den Juden Tavrik genannt - nieder. Ab dem 18.Jahrhundert vergrößerte sich die Zahl der Familien deutlich; ihren Lebenserwerb bestritten sie erfolgreich im Handel bzw. Gewerbe und kontrollierten den Warenverkehr über die nahe preußische Grenze bei Laugszargen; neben dem Getreidehandel lag besonders der Handel mit Holz in den Händen jüdischer Kaufleute; aber auch zahlreiche Handwerker lebten in der Stadt. - Gegen Ende des 19.Jahrhunderts bestritten zahlreiche Juden vom Warenschmuggel über die nahe Grenze ihren Lebensunterhalt; in diesem Kontext wurden auch auswanderungswillige russische Juden nach Ostpreußen geschleust, die von hier aus ihre Emigration nach Nordamerika realisierten. Das religiöse Leben der Juden Tauroggens konzentrierte sich auf vier in der Stadt bestehende Synagogen, von denen die Synagoge am Markt die größte war.

        Synagoge am Marktplatz (hist. Aufn., um 1935, aus: wiki-de.genealogy.net)

Neben der großen Synagoge gab es die „Tifereth-Bakhurim“-Synagoge, die „Beth-David“-Synagoge und die Synagoge von Baikovitz. In der Altstadt existierten zudem zwei Betstuben (Kloizim). Zu Beginn des 20.Jahrhunderts gründete der hiesige Rabbiner Abraham Aaron Burstein eine Jeschiwa, die bis Ende des Ersten Weltkrieges bestand.

Juden in Tauroggen:

--- 1847 ........................   410 Juden,

--- 1897 ........................ 3.630   “   (ca. 55% d. Bevölk.),

--- 1923 .................... ca. 1.800   “   (ca. 32% d. Bevölk.),

--- 1940 .................... ca. 2.000   "   (ca. 20% d. Bevölk.).

Angaben aus: Yosef Rosin, Tavrig (Taurage), English edited by Sarah and Mordechai Kopfstein

Im zweiten Kriegsjahr des Ersten Weltkrieges wurden viele Tauroggener Juden von der abrückenden russischen Armee ins Hinterland verschleppt; Stadt und Region wurden durch deutsche Truppen fast völlig zerstört. Nach Kriegsende kehrte ein Teil der Flüchtlinge in die Stadt zurück und baute die Stadt wieder auf. Als das Memelland 1923 von Litauen annektiert wurde, war Tauroggen keine Grenzstadt mehr.

 Jüdische Läden am Markt Tauroggens (hist. Aufn. um 1925)

Nach einer amtlichen Statistik von 1931 gab es in Tauroggen insgesamt 124 Geschäfte; von diesen waren 101 in jüdischem Besitz (ca. 80%).

In den 1920/1930er Jahren bekannten sich zahlreiche Jugendliche in Tauroggen zu zionistischen Organisationen; viele von ihnen emigrierten in den 1930er Jahren nach Palästina, nachdem sie zuvor in Ausbildungslagern sich für ihr neues Leben vorbereiteten.

Im Jahre 1935 kam es in Tauroggen zu religiös motivierten Gewalttätigkeiten gegen Juden und deren Eigentum; ausgelöst wurden die Übergriffe wegen eines angeblich von Juden getöteten Kindes.

Nach dem Überfall Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion im Juni 1941 zog sich die Rote Armee aus dem 1939 besetzten litauischen Gebiet zurück; Tauroggen wurde noch am ersten Kriegstag von der deutschen Wehrmacht besetzt. In der Folgezeit wurden mehr als 4.000 Juden in Tauroggen und den umliegenden Orten von der deutschen Besatzungsmacht ("Einsatzkommando Tilsit") und ihren litauischen Helfern ermordet; sie wurden in Massengräbern verscharrt, so in Visbutai, Antsunijai und Batakiai.

 

Heute erinnern in und in der Nähe von Tauragé vier Gedenkorte an die zahlreichen Opfer der Massaker.

             Mahnmal für die ermordeten Juden in Antsunijai 

und in Visbutai (Aufn. aus: gedenkorte-europa.eu)

Wenige Kilometer südöstlich von Tauroggen gab es in Jurbarkas (dt. Georgenburg) einst eine größere jüdische Gemeinde.  vgl. Georgenburg/Memel (Litauen)

 

Weitere Informationen:

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust, New York University Press, Washington Square, New York 2001, Vol. 3, S. 1299

Yosef Rosin, Tavrig (Taurage), English edited by Sarah and Mordechai Kopfstein

Gedenkorte Eurpa 1939 – 1945 (Hrg.), Stadt Tauragé, online abrufbar unter: gedenkorte-europa.eu/de_de/taurag-stadt.html