Steyr (Österreich)

Datei:Karte A Ooe SR.svg Steyr ist mit derzeit ca. 39.000 Einwohnern heute die drittgrößte Stadt Oberösterreichs (Karte von Oberösterreich mit Steyr, A., 2010, aus: commons.wikimedia.org CC BY-SA 3.0)

Vermutlich haben sich jüdische Familien bereits im 13.Jahrhundert im oberösterreichischen Steyr angesiedelt; erstmals werden Juden allerdings erst 1345 urkundlich erwähnt. Ihre Rechte wurden ihnen in einer Urkunde des österreichischen Herzogs Albrecht III. (1365-1395) erteilt; hierin hieß es:

„ Wir Albrecht ... entbieten unsern Juden gemeiniglich zu Steyer unsere Gnad. Uns haben fürgebracht Unsere getreuen, die Burger daselbst zu Steyer, daß Ihr alle Arbeit und Kauffmannschafft daselbsten treiben wollet, mit Wein, Getraidt, und meinet auch in solchen Sachen alle die Rechte zu haben, die andere Unsere Burger daselbt habendt. Das dunckt uns unbillich, darum empfehlen wir Euch, und wollen gar ernstlich daß ihr davon lasset, und fürbaß kein andere Arbeit treibet noch thut, in keinen Weg, dann allein mit euren Gewerbe. Auch wollen wir, daß Ihr kein Hauß in der nur genandten Stadt Steyer bestellet und darinnen wohnet, denn allein das Haus, da Ihr vor innen gewesen seyd. ...”

1420 wurden die Juden wegen einer angeblichen „Hostienschändung“ aus allen herzoglichen Ortschaften und Städten Österreichs vertrieben, auch aus Steyr. Ob es vor ihrer Vertreibung eine Synagoge in Steyr gab, kann nicht belegt werden. In den folgenden Jahrhunderten lassen sich nur vereinzelt Juden in Steyr nachweisen.

Stadtansicht von Steyr von 1554 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Erst nach 1849 konnten sich die ersten Familien hier wieder ansiedeln; in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts zogen dann nach und nach Juden aus dem südböhmischen Raume zu; doch stießen sie dabei auf Vorbehalte in der einheimischen Bevölkerung. Die ersten Zugezogenen lebten hauptsächlich vom Hausier- und Tauschhandel mit Rohprodukten und Waren in und um Steyr.

Ende des Jahres 1870 wurde ein israelitischer Kultusverein behördlich genehmigt; laut den Statuten waren seine Ziele: die Abhaltung mosaischer Gottesdienste und die Unterrichtung der jüdischen Kinder in der Religionslehre. Die Bildung einer autonomen Kultusgemeinde wurde noch lange Jahre verwehrt - mit der Begründung, dass die finanziellen Grundlagen dafür nicht gegeben wären; zudem wäre eine zweite Kultusgemeinde in Ober-Österreich „unnötig und zumindestens verfrüht”. Erst 1894 erlangte die Steyrsche Judenschaft den Status einer autonomen Gemeinde; diese umfasste das Gebiet der politischen Bezirke Kirchdorf und Steyr. Im gleichen Jahre kaufte die neue Kultusgemeinde ein ehemaliges Restaurationsgebäude einer Brauerei an und baute es zu ihrem Bethaus aus.

  Israelitisches Bethaus Bahnhofstraße, hist. Postkarte (Abb. aus: mkoe-steyr.net)

Heinrich Schön war von 1896 bis 1926 Rabbiner in Steyr; sein Nachfolger bis 1938 war Chaim Nürnberger.

1873 wurden der jüdische Friedhof angelegt und ein Krankenpflege- und Beerdigungsverein gegründet.

Juden in Steyr:

    --- 1855 ......................   7 jüdische Familien,

    --- 1857 ......................  16     “       “   (ca. 50 Pers.),

    --- 1890 .................. ca. 190 Juden,

    --- 1900 .................. ca. 200   “  ,

    --- 1897 ...................... 188   “  ,

    --- 1934 ......................  82   “  ,

            --- 1938 ......................  62   “  ,

    --- 1939 ...................... keine

    --- 1941 ......................  12 ‘Halbjuden’.

Angaben aus: W.Neuhauser-Pfeiffer/K.Ramsmaier, Vergessene Spuren - Die Geschichte der Juden in Steyr

Die Steyrischen Juden, die sich durch große Loyalität zum Kaiser und zur Monarchie auszeichneten, waren um 1900 in das gesellschaftliche Leben der Stadt integriert und zumeist geachtet.

Die in Steyr seit 1882 erscheinende Zeitung „Die Judenfrage”, die extrem antisemitisch ausgerichtet war, machte aber auch deutlich, dass antijüdisches Gedankengut hier auf Resonanz stieß. Mit dem Tode des Verlegers (1896) wurde das Presseorgan aber eingestellt.

Um die Jahrhundertwende stellte sich die berufliche Struktur der Angehörigen der Kultusgemeinde wie folgt dar: 25 Handel- und Gewerbetreibende, darunter fünf Rohproduktenhändler, zwei Fabrikanten und vier Hausierer; mehrere Beamte und Fabrikarbeiter und zwei Freiberufler.

Während des Ersten Weltkrieges hielten sich in Steyr und Umland auch jüdische Flüchtlinge aus Osteuropa auf. Anfang der 1930er Jahre nahmen die Anfeindungen gegenüber der jüdischen Bevölkerungsminderheit deutlich zu. Bereits 1931 legte der spätere Gauleiter Eigruber den Grundstein für eine NS-Ortsgruppe in Steyr; auch im „Klub der Reichsdeutschen“ fanden sich Nationalsozialisten zu gemeinsamen Treffen. - Unmittelbar nach dem sog. „Anschluss” 1938 setzte offiziell die Entrechtung des jüdischen Bevölkerungsteiles ein; in Steyr begannen die „Arisierungen“ und die Abwanderung der Betroffenen.

Aus der „Steyrer Volksstimme” vom 2.9.1938:

Der Auszug Israels aus der alten Eisenstadt

... Es dürfte der Tag nicht mehr allzu ferne sein, an welchem alle Söhne Israels, einerlei ob getauft oder ungetauft, restlos aus unserer Stadt verschwunden sein werden. Ein Teil derselben hat sich übrigens bereits ein anderes Betätigungsfeld gesucht. Tränen dürften diesen artfremden Schmarotzern wohl kaum nachgeweint werden, außer von jenen rührseligen, weichherzigen Humanitätsaposteln, die behaupten: ‘Ja, aber die Juden sind doch auch Menschen !’ Dies stimmt vollkommen, doch sei diesen entgegnet, daß auch die Wanzen Tiere sind und trotzdem ... ihre Gattung äußerst unerwünscht ist, nirgends gelitten, sondern solidarisch von allen Kulturvölkern der Erde äußerst verfolgt werden. Unsere uralte, kerndeutsche Stadt der Arbeit zählte bei der Heimkehr der deutschen Ostmark ins Reich ein Dutzend Judenfamilien mit insgesamt 62 Personen. ... Es ist mit voller Sicherheit damit zu rechnen, daß in Kürze und in diesem Jahre noch alle dem Stamme Israel angehörenden Mitbewohner aus unserer Stadt verschwunden sein werden; wo sie hin verschwinden, ist vollkommen belanglos, die Hauptsache ist, daß die alte Eisenstadt bald vollkommen judenfrei sein wird.

Am 1.Oktober 1938 wurde die Jüdische Kultusgemeinde Steyr von der Gestapo Linz aufgelöst. Während der Pogromnacht im November 1938 blieb die Synagoge in Steyr von Zerstörungen verschont, weil das Gebäude bereits im Sommer 1938 veräußert worden war.

                  Über die Vorgänge des 9.November 1938 in Steyr berichteten die „Steyrer Nachrichten”:

... Auch in Steyr wurde die SS alarmiert und die Juden wurden von den schwarzen Männern aus den Betten geholt. Wieder einmal zeigte sich die Feinmaschigkeit der jüdischen Organisation. Denn merkwürdigerweise waren fast alle männlichen Juden ‘geschäftlich’ verreist. Die in ihren Wohnungen angetroffen wurden, wurden in die Polizeikaserne gebracht und dort angehalten, um berechtigte Ausschreitungen der erbitterten Bevölkerung zu verhindern. Sie wurden diesmal noch höflich behandelt. Aber bei einer Wiederholung könnten wir keine Gewähr mehr dafür übernehmen.

 Zu Beginn des Jahres 1939 hielten sich bereits keine Juden mehr in Steyr auf.

In Steyr-Münichholz bestand von 1941 bis Anfang 1942 ein Arbeitslager für Juden; vermutlich war es ausgegliederter Teil des Umschulungslagers „Gut Sandhof“ (unweit von Waidhofen/Ybbs). Ab März 1942 war in Steyr-Münichholz ein Außenkommando des KZ Mauthausen, in dem auch jüdische Häftlinge zur Zwangsarbeit bei der Steyr-Daimler-Puch AG herangezogen wurden. Am 5.Mai 1945 wurde das Lager von US-Truppen befreit. In den letzten Kriegstagen wurden ungarische jüdische Häftlinge durch das Ennstal in Richtung KZ Mauthausen getrieben; auf diesem „Todesmarsch“ fanden viele den Tod; mehr als 100 Menschen wurden in einem Massengrab auf dem jüdischen Friedhof in Steyr begraben.

            

Nach Kriegsende waren in Steyr etwa 2.000 jüdische DPs – meist aus Polen und Ungarn stammend - untergebracht, die auf ihre Auswanderung nach Amerika bzw. Palästina/Israel warteten. Im Camp gab es auch eine Kultusgemeinde, die allerdings nur wenige Jahre bestand.

Auf dem jüdischen Friedhof in Steyr zeugen heute noch ca. 140 Gräber von der ehemaligen jüdischen Gemeinde. 1945 sollte der Friedhof zerstört werden, doch das Kriegsende verhinderte es. 

Jüdischer Friedhof in Steyr (Aufn. aus: wikipedia.org, 2012)

Ende der 1980er Jahre wurde an der Außenmauer des jüdischen Friedhofs eine Gedenktafel - es handelte sich dabei um das erste öffentliche Erinnerungszeichen an die jüdische Bevölkerung - mit folgender Inschrift angebracht:

Hier befindet sich der Friedhof unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger.

Er erinnert an ihre jahrhundertelange Ansiedlung in Steyr bis zur Vertreibung und Ermordung in Konzentrationslagern durch das menschenverachtende NS-Regime.

Ein Massengrab von ungarischen Juden, die auf dem Weg nach Mauthausen 1945 ermordet wurden, mahnt uns, die unsagbare Leidensgeschichte der jüdischen Bevölkerung nie zu vergessen.

Anm. Mehrere Denkmale erinnern auf dem Gelände an die ca. 100 Opfer des Todesmarsches ungarischer JüdInnen im Frühjahr 1945.

Seit November 2008 erinnert auf dem jüdischen Friedhof in Steyr ein Denkmal namentlich an die hiesigen jüdischen 86 Opfer der NS-Zeit.

Holocaust Denkmal Steyr mit den Namen der Ermordeten einige Namen der Opfer (Abb. aus: tagdesdenkmals.at/)

1992 enthüllte man am ehemaligen Synagogengebäude Ecke Bahnhofstraße/Pachergasse eine Gedenkstele, die folgenden Text trägt:

                                                      In diesem Haus befand sich von 1894 bis 1938 die Synagoge unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger.

Sie wurden von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gedemütigt und aus ihrer Heimat vertrieben,

viele von ihnen in Konzentrationslagern ermordet.

Gegen Ende 2008 wurde das Gebäude - es ist das einzig erhalten gebliebene Synagogengebäude Oberösterreichs - unter Denkmalschutz gestellt.

Nach dem letzten Steyrer Juden, Friedrich Uprimny (1921-1992), wurde eine Straße benannt - stellvertretend für alle ehemaligen jüdischen Bewohner der Stadt.

 

Weitere Informationen:

W. Neuhauser-Pfeiffer/K.Ramsmaier, Vergessene Spuren - Die Geschichte der Juden in Steyr, edition sandkorn, Linz 1993

Waltraud Neuhauser-Pfeiffer/Karl Ramsmaier, Vergessene Spuren. Die Geschichte der Juden in Steyr, Grünbach 1998

Karl Ramsmaier, Vergessene Spuren - Neueste Forschungsergebnisse zur Geschichte der Juden in Steyr, in: "Zeitschrift des Zeitgeschichtemuseums Ebensee", No. 43/1999

Karl Ramsmaier, Hannas Familie, in: Erich Hackl/Till Mairhofer (Hrg.), Das Y im Namen dieser Stadt - Ein Steyr Lesebuch, Steyr 2005

N.N. (Red.), Holocaust-Denkmal im Judenfriedhof enthüllt, in: „OÖ-Nachrichten“ vom 12.11.2008

Karl Ramsmaier, Jüdische Gedenkstätten in Steyr. 20 Jahre Mauthausen Komitee in Steyr, in: "DAVID – Jüdische Kulturzeitschrift", No. 83/2009

Karl Ramsmaier, Jüdische Häftlinge im KZ-Nebenlager Steyr-Münichholz, in: "DAVID – Jüdische Kulturzeitschrift", No. 87/2010

Die Geschichte der Juden in Steyr, online abrufbar unter: mkoe-steyr.net/informationen/juedisches-steyr

Steyrer Denkmal, Gedenkstele für Friedrich Uprimny, online abrufbar unter: steyrerdenkmal.wordpress.com (vom 26.9.2013)

Annemarie Löv-Steiner, Auf Spurensuche – Jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger in Steyr (Unterrichtsbausteine). Abschlussarbeit, PH Oberösterreich 2014/2015