Steinheim (Nordrhein-Westfalen)

  Datei:Steinheim in HX.svg Das westfälische Steinheim ist eine Kleinstadt im Landkreis Höxter mit derzeit ca. 13.000 Einwohnern – zwischen Detmold (im NW) und Höxter (SO) gelegen (Ausschnitt aus hist. Karte, aus: wikipedia.org, gemeinfrei und Kartenskizze 'Kreis Höxter', TUBS 2008, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0).

Amt Steinheim – historische Bildkarte um 1650/60 (Abb. aus: wiki-de.genealogy.net/Amt_Steinheim)

Bereits in der ersten Hälfte des 17.Jahrhunderts sollen in Steinheim - im östlichen Westfalen gelegen - wenige Juden gelebt haben – vermutlich allerdings nicht dauerhaft. Ihre Zahl stieg dann im 18.Jahrhundert langsam an; gefördert wurde ihre Ansiedlung durch die judenfreundliche Politik der Fürstbischöfe von Paderborn, die den Handel in ihren Landen stärken und sich durch die Schutzgeldzahlungen regelmäßige Einkünfte sichern wollten.

Nach Benutzung eines in einem Privathause gelegenen Betraums wurde um 1750 ein neuer in einem schlichten Fachwerkhaus in der Rochusstraße 90 eingerichtet, zu dem auch ein Schulraum gehörte.

  Alte Synagoge/Schule, Rochusstraße (Zeichnung Victor Schmitt, 1984)

Zunächst gab es am Ort eine jüdische Religionsschule; etwa ab 1870 war im gleichen Gebäude eine staatlich anerkannte jüdische Elementarschule untergebracht.

                  Eine Beschreibung der jüdischen Bewohner Steinheims ist aus dem Jahre 1817 überliefert; darin hieß es u.a.:

„ ... In hiesiger Stadt lassen sich gar keine besonderen Veränderungen seit der bemerckten Zeit an den Juden bemercken, sondern dieselben nähren sich vor wie nach von dem Schweiße der Bauern, und ob zwarn mehrere Familien darin sind die zu arm oder unvermögend sind Geld- oder Handelsgeschäfte zu treiben, so sieht man doch kein anderes Gewerbe als Mäkelen und Bettelen zu ihrer Unterhaltung ergreifen. Nur muß ich noch bemercken, daß sich dadurch, daß sie die verfassungsmäßigen staatsbürgerlichen Rechte genommen und von Bezahlung der Schutzgelder frei sind, die unvermögenden und oft nichtsnutzigen Juden aus dem benachbarten Auslande hierher niedergelaßen, ohne Mittel zu haben, sich auf eine rechtliche Art ernähren zu können und somit dem Staate oder den Unterthanen zur Last sind.

Steinheim, den 25.Januar 1817 “

(aus: Johannes Waldhoff, Die Geschichte der Juden in Steinheim, S. 105/106)

                 Aus dem Jahre 1836 liegt der folgende Bericht des Steinheimer Bürgermeisters vor:

„ ... Da sich die hiesigen Einwohner fast sämtlich durch den Ackerbau ernähren müssen, die Getreidepreise aber so niedrig stehen, ... so kann der Wohlstand nicht anders als im Abnehmen sein. Die Verarmungen einzelner Einwohner nehmen immer mehr zu. ... Je mehr indeß christliche Familien verarmen, desto wohlhabender werden die am hiesigen Ort wohnenden Juden. Fast alle Juden, welche sonst bettelten, treiben nunmehr große Geschäfte. ...”

Je mehr der Wohlstand der hier lebenden Juden zunahm, desto mehr wuchsen auch Neid und Missgunst der ansässigen Landbevölkerung, was sich in wachsenden Spannungen und antijüdischer Stimmung ausdrückte. Aber auch innerhalb der Steinheimer Judenschaft kam es zwischen traditionell-orthodox und liberal-aufgeklärten Anhängern zu Auseinandersetzungen; so wurde die Synagogenordnung nicht von allen akzeptiert; auch Zahlungen an die Gemeinde wurden verweigert.

1884 weihte die inzwischen größer gewordene jüdische Gemeinde Steinheim einen neuen repräsentativen Synagogenbau an der Markt-/Schulstraße ein. Mit diesem aus gelben Klinkern erstellten Neubau wurde die alte Fachwerk-Synagoge in der Rochusstraße abgelöst. Das für Steinheim sehr auffällige Bauwerk wurde von einer achteckigen Kuppel, die mit dem Davidstern besetzt war, überragt. Einige Jahre nach der Einweihung ließ die Gemeinde in der Synagoge eine Orgel installieren.

  Neue Synagoge in der Marktstraße (hist. Aufn.)

Das alte Synagogengebäude an der Rochusstraße diente der Kultusgemeinde nach der Fertigstellung des neuen Gotteshauses noch bis zum Verkauf im Jahr 1930 als Schule und Wohnung für den Kantor. Seit 1936 wurde die Synagoge nicht mehr zu Gottesdiensten genutzt.

Zur Synagogengemeinde Steinheim gehörten auch die wenigen jüdischen Familien aus den umliegenden Ortschaften Ottenhausen, Sandebeck, Sommersell und Vinsebeck, später auch die aus Belle und Wöbbel.

Anfang des 17. Jahrhunderts wurde am „Judenberg“ - vor der Stadtmauer - eine Begräbnisstätte angelegt, die im Besitz der Stadt war und von der Judenschaft gegen eine jährliche Abgabe von zwei Talern angepachtet wurde.

Juden in Steinheim:

         --- 1646 ........................... eine jüdische Familie,  

    --- 1704 ............................   6 jüdische Familien (ca. 40 Pers.),

    --- 1788 ............................  11     “       “     (ca. 55 Pers.),

    --- 1803 ............................  51 Juden,

    --- 1831 ............................  77   “  ,

    --- 1843 ............................  92   “  ,

             ............................ 123   “  ,*       * incl. umliegender Ortschaften

    --- 1855 ............................ 131   “   (ca. 6% d. Bevölk.),

    --- 1871 ............................ 144   "  ,

    --- 1885 ............................ 160   “  ,

    --- 1905 ............................ 108   “  ,

    --- 1925 ............................  69   “  ,

    --- 1932 ............................  61   “  ,

    --- 1933 ............................  59   “  ,

    --- 1939 ............................  27   “  ,**      ** incl. Vinsebeck und Bergheim

    --- 1942 (Dez.) .....................   2   “  .

Angaben aus: Johannes Waldhoff, Die Geschichte der Juden in Steinheim

Noch bis um 1800 zählten die Juden Steinheims zu den wirtschaftlich Ärmeren der Kleinstadt; erst danach gelang vielen der ökonomische und damit verbundene gesellschaftliche Aufstieg, was sich in ihrem Immobilienbesitz im Stadtzentrum dokumentierte. Neben dem Einzelhandel waren die Juden Steinheims besonders im Getreide- und Viehhandel tätig. In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts reichten die Geschäftsbeziehungen der hiesigen Getreidehändler sogar bis ins Baltikum und nach Skandinavien. Diese Dominanz im Vieh- u. Getreidehandel kulminierte gegen Ende des Jahrhunderts; danach gaben die meisten jüdischen Viehhändler in Steinheim ihre Geschäfte auf.

Bis zum Ersten Weltkrieg waren die jüdischen Familien weitestgehend in die kleinstädtische Gesellschaft integriert. Doch gleichzeitig war ab 1900 ein starker Rückgang der jüdischen Bevölkerung Steinheims zu verzeichnen.

   Steinheim. Marktstraße mit brunnen Marktstraße in Steinheim (Abb. aus: de.nailizakon.com)

In Steinheim - einer Hochburg der Zentrumspartei - begann mit den Reichstagswahlen von 1932 der Aufstieg der NSDAP. Der reichsweit durchgeführte Boykott jüdischer Geschäfte am 1.4.1933 betraf in Steinheim die beiden Ladengeschäfte der jüdischen Familien Löwenstein und Herzfeld; doch schienen die antijüdischen Maßnahmen nicht den gewünschten Erfolg erzielt zu haben; die Bevölkerung kaufte weiterhin in jüdischen Geschäften ein. Auch die sich ab 1935 verstärkende NS-Propaganda änderte daran zunächst nur wenig. Nachdem 1936 der letzte Lehrer/Kantor den Ort verlassen hatte, fanden in der Synagoge keine Gottesdienste mehr statt. Doch schon Jahre zuvor konnten diese nur gelegentlich abgehalten werden, da bereits kein Minjan mehr erreicht wurde.

Im Vorfeld des Novemberpogroms von 1938 kam es in Steinheim zu ersten Gewaltakten, die sich gegen einzelne jüdische Einwohner und gegen das Synagogengebäude richteten. Während der „Kristallnacht“ vom November 1938 versuchten SA-Angehörige - zunächst allerdings vergeblich - die damals schon nicht mehr genutzte Synagoge aufzubrechen; am nächsten Tage zerstörten sie die Inneneinrichtung. Eine Sprengung und Niederlegung des Gebäudes durch die SA scheiterte dagegen; der Sprengversuch hatte allerdings die Bausubstanz in ihrer Statik beeinträchtigt, sodass Wochen später Wehrmachtsangehörige die Synagogenmauern niederlegten; danach wurden die Trümmer restlos beseitigt. Das Synagogengrundstück ging unmittelbar danach in den Besitz der Stadt Steinheim über. Während des Pogroms nahm die SA jüdische Männer Steinheims fest und sperrte sie im Gefängnis unter dem Rathaus ein; ein Teil von ihnen wurde - über Bielefeld - ins KZ Buchenwald abtransportiert. 1940 wurde der jüdische Friedhof stark verwüstet. Bis Ende 1942 waren alle jüdischen Einwohner Steinheims - bis auf zwei „in Mischehe“ lebende Juden - deportiert worden. 32 Juden Steinheims fielen der „Endlösung“ zum Opfer.

 

Ein noch heute sichtbares Mahnmal der jüdischen Gemeinde zu Steinheim ist der israelitische Friedhof an der Detmolder Straße; auf dem nahezu 2.500 m² großen Areal sind ca. 170 Grabstätten erkennbar; der älteste noch vorhandene Grabstein datiert aus dem Jahr 1846.

Steinheim - 074 - Jüdischer Friedhof (5).jpg

Teilansichten des jüdischen Friedhofs (Aufn. Ts., 2013, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

Eine Gedenktafel - mit der reliefartigen Darstellung der Steinheimer Synagoge - erinnert seit 1988 in der Marktstraße an das ehemalige jüdische Gotteshaus.

2014 wurden im Auftrag der Stadt Steinheim die ersten sieben sog. „Stolpersteine“ in der Detmolder Straße und Marktstraße verlegt; geplant sind noch weitere Steine - davon 21 in Steinheim, sieben im Ortsteil Bergheim, zwei in Vinsebeck und ein Stein in Ottenhausen.

Stolperstein Elise Loewendorf, 1, Detmolder Strasse 4, Steinheim, Landkreis Hoexter.jpgStolperstein Fanny Loewendorf, 1, Detmolder Strasse 4, Steinheim, Landkreis Hoexter.jpg in der Detmolder Straßew (Aufn. G., 2022, aus: commons.wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

... und in der Marktstraße  Stolperstein Kurt Herzfeld, 1, Marktstrasse 13, Steinheim, Landkreis Hoexter.jpg Stolperstein Martha Herzfeld, 1, Marktstrasse 13, Steinheim, Landkreis Hoexter.jpg

Stolperstein für Paula EisensteinStolperstein für Johanna NeuhausStolperstein für Fritz EisensteinStolperstein für Heinz Neuhausin der Sebastianusstraße (Ortsteil Bergheim)

 

 1900 wurde in Steinheim Albert Hochheimer geboren, der sich unter dem Pseudonym Bert Jorat durch die Veröffentlichung zahlreicher Kinder- und Jugendbücher einen Namen machte. Nach seiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg arbeitete er zunächst im Einzelhandel, ehe er ein Volkswirtschaftsstudium absolvierte. 1938 emigrierte er mit seiner nichtjüdischen Frau in die Niederlande bzw. nach Frankreich. Bei Kriegsausbruch meldete er sich freiwillig zum Dienst in der Fremdenlegion, um einer Internierung zu entgehen. Zwei Jahre später floh er aus der Legion und machte sich in der Schweiz ansässig. Nach 1945 war er als freier Schriftsteller tätig und lebte bis zu seinem Tode 1976 im Tessin. Er verfasste fast 50 Bücher, darunter auch historische Romane; Zeitungsartikel und Hörspiele komplettierten sein Lebenswerk.

 

 

Weitere Informationen:

Johannes Waldhoff, Die Geschichte der Juden in Steinheim, in: "Heimatgeschichtliche und volkskundliche Schriften der Stadt Steinheim", Band 2, hrg. vom Heimatverein Steinheim, Steinheim 1980

Johannes Waldhoff, Steinheim 1939 - 1945 . Die Juden - Die ermordeten jüdischen Bürger der Stadt Steinheim, in: "Gedenkbuch der Stadt Steinheim 1980"

Johannes Waldhoff, Sabbatlampe und Sederteller, in: "Steinheimer Kalender 1989", S. 46 - 48

Josef Menze, Judenschule und Synagoge in der Stadt Steinheim während der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts, in: "Mitteilungen des Kultusausschusses der Stadt Steinheim", No. 50/1992

Johannes Waldhoff, Jüdische Bürger in Steinheimer Vereinen, in: "Mitteilungen des Kultusausschusses der Stadt Steinheim", No. 53/1994

Arno Herzig (Bearb.), Landjuden – Stadtjuden. Die Entwicklung in den preußischen Provinzen Westfalen und Schlesien im 18. u. 19.Jahrhundert, in: M.Richarz/R.Rürup (Hrg.), Jüdisches Leben auf dem Lande, in Studien zur deutsch-jüdischen Geschichte, Tübingen 1997, S. 97 f.

Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil III: Regierungsbezirk Detmold, J.P.Bachem Verlag, Köln 1998, S. 211 - 217

G. Birkmann/H. Stratmann, Bedenke vor wem du stehst - 300 Synagogen und ihre Geschichte in Westfalen und Lippe, Klartext Verlag, Essen 1998, S. 158 - 161

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 513/514

Margit Naaamann, Ende und Neuanfang. Zum Schicksal der ländlichen Juden im Hochstift Paderborn 1933 - 1945, in: Stefan Baumeier/Heinrich Stiewe (Hrg.), Die vergessenen Nachbarn. Juden auf dem Lande im östlichen Westfalen, Schriften des Westfälischen Freilichtmuseums Detmold, Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2006, S. 237 ff.

Johannes Waldhoff (Bearb.), Steinheim, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Detmold, Ardey-Verlag, Münster 2013, S. 707 - 716

N.N. (Red.), Endstation Auschwitz – Bergheimer erforschte die Geschichte der Juden in seinem Heimatort, in: “NW – Neue Westfälische” vom 25.10.2013

Madita Peine (Red.), Stolpersteine gegen Barrieren im Kopf – Künstler Gunter Deming erinnert an ermordete Juden Steinheims, in: “NW - Neue Westfälische” vom 9.3.2014

Johannes Waldhoff, Bürger – Nachbarn – Freunde. Jüdisches Leben in Steinheim, 2016

nf (Red.), Appell gegen das Vergessen – Erstmalig werden in einer Steinheimer Ortschaft „Stolpersteine“ verlegt, in: „Westfalen-Blatt“ vom 14.11.2018

Josef Köhne (Red.), Neue Stolpersteine sollen an Steinheimer Nazi-Opfer erinnern, in: „NW – Neue Westfälische“ vom 10.12.2018

Ralf Brakemeier (Red.), Stolpersteine in Bergheim verlegt. Menschen ihre Namen wiedergeben, in: „Westfalen-Blatt“ vom 13.12.2018

Auflistung der in Steinheim verlegten Stolpersteine (Westfalen), in: commons.wikimedia.org/wiki/Category:Stolpersteine_in_Steinheim_(Westfalen)

Madita Schellenberg (Red.), Was von Steinheims Synagoge bleibt, in: „NW - Neue Westfälische“ vom 10.7.2022