Schwerin/Warthe (Posen/Westpreußen)

  Schwerin wurde um 1300 gegründet und fiel in Folge der 2.Teilung Polens (1793) an Preußen. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte die Stadt bis 1938 zur Grenzmark Posen-Westpreußen. 1945 kam die teilweise zerstörte Stadt unter polnische Verwaltung; heute gehört die Kleinstadt Skwierzyna mit derzeit knapp 10.000 Einwohnern zur polnischen Woiwodschaft Zielona Góra.

Im wichtigen Handelsort Schwerin a. d. Warthe wohnten Juden vermutlich bereits seit dem 14.Jahrhundert; nach der Vertreibung jüdischer Familien aus Brandenburg 1510 vergrößerte sich ihre Zahl noch, was zu zunehmenden Spannungen zwischen den christlichen Kaufleuten und Handwerkern und der jüdischen Bevölkerung führte. Ein Versuch von 1520, die Juden aus der Stadt zu vertreiben, scheiterte aber. Detaillierte Vorschriften des Rates beschränkten daraufhin ihre Wirtschaftsaktivitäten innerhalb Schwerins. Gegen Ende des 18.Jahrhunderts waren mehr als 30% der Gesamtbevölkerung von Schwerin Juden; die Gemeinde zählte damals zu den größten und einflussreichsten in Posen. Die Judenschaft Schwerins konzentrierte sich im Westteil der Stadt.

Nach der Vernichtung der Synagoge durch einen Brand (1784) errichtete die Gemeinde wenig später einen Neubau am gleichen Standort (Krumme Straße). Mit der sich zu Beginn des 19.Jahrhunderts noch deutlich gesteigerten Zahl der Gemeindeangehörigen wurde ein größerer Synagogenbau notwendig; dieser wurde 1839 (oder 1841) eingeweiht.

                                   Synagoge in Schwerin/Warthe (hist. Aufn.)

In den 1830er Jahren rief man eine jüdische Elementarschule ins Leben.

In der Schweriner Gemeinde wirkten anerkannte Rabbiner, so u.a. Mordechai ben Meir-ha Kohen (um 1710), Ibi Hirsch aus Prag (um 1765), Joshua Spira aus Frankfurt a.d.Oder (um 1770) und Hirsch Aaron London (1777–1790). Aus Schwerin stammten der später in Amsterdam tätige Rabbiner Gassel Simon ben Israel (gest. 1712) und Eliakim ha-Kohen Schwerin Goetz (geb. 1760), der später als einer der hervorragendsten ungarischen Rabbiner des 19. Jahrhunderts bekannt wurde und damit der berühmteste Vertreter der Schweriner Jüdischen Gemeinde war.

Die Nähe zu Berlin, dem Zentrum der Haskala, und die Verbindungen zur dortigen Gemeinde bewirkten, dass die Aufklärungsideen in der Schweriner Gemeinde verstärkt aufgenommen wurden. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts galt die Schweriner Gemeinde neben der Wollsteiner (Wolsztyn) als eine der reformfreudigsten jüdischen Gemeinden in Westpreußen. Deren Angehörigen assimilierten sich auch fast vollständig mit der deutschen Kultur.

Die ältesten Grabsteine des großflächigen jüdischen Friedhofs auf dem „Judenberg“ datieren aus der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts; doch dürfte das im Süden der Stadt befindliche Begräbnisgelände wesentlich früher angelegt worden sein. Mehrere hundert erhaltengebliebene Grabmäler aus Sandstein tragen zumeist hebräische und deutsche Inschriften.

Juden in Schwerin/Warthe:

        --- um 1790 ..................... ca.   720 Juden (ca. 30% d. Bevölk.),

--- um 1800 ..................... ca.   900   “  ,

    --- 1838 ............................ 1.543   “  ,

    --- 1849 ............................ 1.198   “  ,

    --- 1871 ............................   640   “  ,

    --- 1880 ............................   473   “  ,

    --- 1901 ............................   188   “  ,

    --- 1913 ............................   115   “  ,

    --- 1933 ............................    85   “  ,

    --- 1936 ............................    44   “  .

Angaben aus: Heppner/J.Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gemeinden ..., S. 971

und                 The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), S. 1154

Ihren zahlenmäßigen Höchststand erreichte die Judenschaft Schwerins um 1830/1840 mit mehr als 1.500 Angehörigen. Die Verleihung der Bürgerrechte an den jüdischen Bevölkerungsteil führte einerseits zur Migration in die größeren Zentren - vor allem nach Berlin und Posen - und damit zur steten Verringerung der jüdischen Bevölkerung, andererseits zur verstärkten wirtschaftlichen Aktivität derer, die sich für einen Verbleib in Schwerin entschieden hatten. Zu den größten Steuerzahlern Schwerins gehörten die Familien Boas, Cohn und Stargard.

Brücke über die Warthe (hist. Postkarte, um 1910/1915) Schwerin a. Warthe, Posen: Warthebrücke

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges zählte Schwerins Judengemeinde gerade einmal noch 100 Angehörige; der wirtschaftliche Zusammenbruch nach 1918 beschleunigte nun die Emigration der noch verbliebenen Schweriner Juden; zwei Jahrzehnte später hatte sich ihre Zahl abermals halbiert.

http://static3.akpool.de/images/cards/3/38729.jpg Ehem. Adolf-Hitler-Straße in Schwerin/W. (Aufn. um 1935/1940)

Während der „Kristallnacht“ im November 1938 brannten Nationalsozialisten die Synagoge nieder; die Ruine wurde gegen Kriegsende abgerissen. Die wenigen jüdischen Bewohner, die in Schwerin zurückgeblieben waren, wurden Opfer der Shoa. Im März 1940 waren sie in ein Internierungslager nahe Schneidemühl abtransportiert, von hier aus in ein Vernichtungslager deportiert worden.

 

Teilansicht des jüdischen Friedhofs Schwerin/W. (Aufn. Sh., 2015, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

   Sandglass on gravestone Skwierzyna.JPG Macewa na cmentarzu żydowskim Skwierzyna 20.08.15 31pl.jpg Kirkut Skwierzyna 8331.JPG

Grabsteine aus dem 19.Jahrhundert (Aufn. Sh. + Pl., 2010/2013, aus: commons.wikimedia, CC BY-SA 4.0)

Der jüdische Friedhof Schwerins - mit immerhin noch ca. 250 Grabsteinen - gehört heute zu den am besten erhaltenen jüdischen Begräbnisstätten im gesamten Oder- u. Wartheland. In einem Projekt namens „Die Vergangenheit wieder finden – nur noch Steine sprechen hebräisch“ haben hiesige Schüler mit denen der Partnerschule aus Büren/Westfalen Grabsteine des alten Friedhofs wieder aufgespürt, die als Uferbefestigung von Entwässerungsgräben zweckentfremdet waren.

 

Im Dorf Blesen (poln. Bledzew) – ca. zehn Kilometer südwestlich von Schwerin gelegen – gab es eine winzige jüdische Gemeinde, an die heute noch einige Dutzend Grabsteine bzw. -relikte eines kleinen Friedhofs erinnern; dieses Begräbnisgelände westlich des Dorfes soll im 19.Jahrhundert angelegt worden sein. Aus Dokumenten aus den 1880er Jahren ist auch die Existenz eines Bethauses bestätigt

Cmentarz Żydowski w Bledzewie / Blesen - YouTubeBledzew - cmentarz żydowski Jewish cemetery in BledzewAufn. aus: cmentrarze.zydowskie.pl .

 

Weitere Informationen:

A.Heppner/J.Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gemeinden in den Posener Landen, Koschmin - Bromberg 1909, S. 966 - 971

Erich Klemt, Mein Schwerin - Warthe. Ein Heimatbuch des Kreises Schwerin-Warthe, 2. Heft/ 1951

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 1154

Anderzej Kirmiel, Skwierzyna - die Grenzstadt: Geschichte der Stadt bis 1945, Bydgoszcz 2004

Andrzej Kirmiel, Jüdische Gemeinde und jüdischer Friedhof Schwerin a.d.Warthe, in: "Transodra Online", 2007

Skwierzyna, in: sztetl.org.pl

Michael Rembas, Skwierzyna, in: kirkuty,xip.pl

Der jüdische Friedhof in Schwerin/Warthe - Dokumentation der einzelnen Grabsteine, online abrufbar unter: commons.wikimedia.org/wiki/Category:Jewish_cemetery_Skwierzynwikipedia.org