Schivelbein (Hinterpommern)

 Schivelbein war eine Kleinstadt im Kreis Belgard; sie ist die heutige polnische Kreisstadt Świdwin mit derzeit ca. 15.000 Einwohnern.

Kurz nach 1700 ließ sich die erste privilegierte jüdische Familie im damals kleinen Ort Schivelbein nieder; in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts lebten hier dauerhaft fünf Juden mit ihren Familien. Nach 1820 stieg die Zahl der hier ansässigen Juden deutlich an und erreichte gegen Ende des Jahrhunderts mit nahezu 400 Gemeindeangehörigen ihren Höchststand. 1821 errichtete die anwachsende Gemeinde eine Synagoge; etwa 60 Jahre später wurde diese durch einen repräsentativen Neubau in der Neuen Straße/Dramburger Straße ersetzt.

   

Synagoge Schivelbein (historische Postkarten, um 1900/1905, aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Seit den 1890er Jahren besaß die Gemeinde weit außerhalb des Ortes - an der Chaussee nach Dramburg - ein eigenes Beerdigungsgelände, das auch von den Juden aus Stolzenberg (poln. Slawoborze) genutzt wurde.

Juden in Schivelbein:

    --- um 1790 ........................   5 jüdische Familien (ca. 25 Pers.),

    --- um 1805 ........................   8     “       “    ,

    --- 1816 ...........................  78 Juden (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- um 1820 .................... ca. 100   “  ,

    --- 1831 ....................... ca. 120   “  ,

    --- 1843 ........................... 160   “  ,

    --- 1861 ........................... 253   “  ,

    --- 1871 ........................... 315   “  ,

    --- 1880 ....................... ca. 330   “  ,

    --- um 1895 .................... ca. 400   “  (ca. 6% d. Bevölk.),

    --- 1909 ....................... ca. 250   “  ,

    --- 1920 ....................... ca. 150   “  ,

    --- 1933 ........................... 148   “  ,

    --- 1939 ...........................  20   “  .

Angaben aus: M.Heitmann/J.H.Schoeps (Hrg.), “Halte fern dem ganzen Land jedes Verderben ...”, S. 64

und                 Wolfgang Wilhelmus, Geschichte der Juden in Pommern, Statistik S. 252

        Schivelbein um 1860 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Ausgehend von Neustettin kam es im Sommer 1881 auch in Schivelbein zu antijüdischen Krawallen; jüdische Geschäfte wurden vom Pöbel angegriffen und geplündert. Der örtlichen Polizei gelang es erst mit Unterstützung des lokalen Kriegervereins, die Ausschreitungen zu beenden und die Rädelsführer dingfest zu machen.

                  In einem Zeitungsbericht vom 9.Aug. 1881 hieß es:

„ ... versammelte sich wie gewöhnlich, der Pöbel von Schivelstein auf den Straßen und wartete auf den Moment, wo ihm die Gelegenheit geboten werden sollte, Skandal zu machen. Gegen 9 Uhr mußte ein Individuum wegen ungebührlichen Betragens verhaftet werden; dies gab nun Anlaß zum Skandal ... Vom Rathaus wandte sich der johlende Pöbel dem Markte zu, warf und schlug bei S.E.Jacobus Senf, Uhrmacher Bernstein ... die Scheiben ein; bei Jacobus wurde der Laden vollständig demoliert, bei L. Mannheim ebenfalls. Die Ware wurde auf die Straße geworfen und von den Pöbelweibern als günstige Beute betrachtet. Es wurde massenhaft gestohlen ... Nachdem auf dem Markt das Zerstörungswerk vollendet war, wandte sich der Pöbel nach der Querstraße, wo die Gebrüder Itzig wohnen. In deren Haus wurde alles demoliert ... Nachdem Samuel Itzig noch verschiedene Mißhandlungen und Schläge erhalten hatte, zog der Pöbel immer johlend nach der Langen Straße ... Während sich der Pöbel durch die Kirchenstraße dem Markte wieder näherte, hatte sich der hiesige Kriegerverein gesammelt. Der Oberst des Vereins hatte nämlich zum Antreten blasen lassen. Der Kriegerverein ging nun mit aufgepflanzten Bajonett in verschiedenen Abteilungen gegen die Tumultanten vor und säuberte die Straßen.”

(aus: „Königlich privilegierte Berlinische Zeitung - Vossische Zeitung” vom 9.8.1881)

          Marktplatz Schivelbein (hist. Postkarte, um 1920)

Um die Jahrhundertwende wanderte die jüdischen Bevölkerung Schivelbeins verstärkt ab. Bis Mitte der 1930er Jahre hatten auch die anderen Synagogengemeinden in Pommern bereits viele Mitglieder verloren - es existierten jetzt nur noch sechs Gemeinden mit jeweils mehr als 100 Angehörigen. Um die verbliebenen jüdischen Familien in den ‚Rest-Gemeinden’ zu betreuen, wurde 1934/1935 in Schivelbein ein Bezirksrabbinat eingerichtet, dem ca. 20 Gemeinden angeschlossen waren; dazu zählten u.a. die Gemeinden Belgard, Kolberg, Labes, Neustettin, Polzin. Zum Pessachfest 1935 trat Dr. Karl Richter die Stelle des Bezirksrabbiners an. Er bezeichnete sich als „ersten motorisierten Rabbiner Deutschlands“, da er vom Landesverband ein Kraftfahrzeug zur Verfügung gestellt bekommen hatte, um das große Einzugsgebiet seines Rabbinats zu versorgen. Schon Mitte der 1930er Jahre hatten die allermeisten jüdischen Geschäftsleute wegen Boykott und zunehmender Repression aufgegeben; Emigrationsziele waren vor allem Palästina und Südamerika.

Während des Novemberpogroms von 1938 wurde die Schivelbeiner Synagoge in Brand gesetzt und völlig zerstört. Auch der jüdische Friedhof wurde geschändet; zwei Jahre später wurde dieser geschlossen. - In den Städten und Gemeinden Pommerns begann ab Mitte Februar 1940 die „Zwangsverschickung” der Juden aus Deutschland. Fast 1.200 jüdische Bewohner aus Stettin und anderen Ortschaften des Regierungsbezirks wurden in der Nacht vom 12. auf den 13.Februar 1940 verhaftet und per Bahntransport nach Lublin verfrachtet. Dort mussten sie bei klirrender Kälte nach Piaski, Glusk und Belzyce marschieren. Auch einige jüdische Bewohner aus Schivelbein gehörten diesem großen Deportationstransport an.

Der jüdische Friedhof in Schivelbein ist einer der wenigen hinterpommerschen Begräbnisstätten, die heute – wenn auch nur teilweise – noch erhalten sind. Der seit Jahrzehnten in Vergessenheit geratene Friedhof wurde - auf Initiative einer Kirchengemeinde - wieder ins Bewusstsein der Menschen gerückt.

Ein Gedenkstein wurde im Jahre 2001 auf dem Areal, auf dem noch ca. 70 Grabsteine zu finden sind, aufgestellt.

 

Reste des ehemaligen jüdischen Friedhofs von Schivelbein (Aufn. Wieslaw Wieczorek, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

 

In Repzin (poln. Rzepczyno), einem Dorf etwa acht Kilometer südlich Schivelbeins, existierte ab 1901 eine Fürsorge- und Erziehungsanstalt für straffällig gewordene jüdische Jugendliche; die Zöglinge stammten aus allen Teilen Deutschlands. Ende der 1920er Jahre wurde die Anstalt geschlossen und der Trägerverein, der Deutsch-Israelitische Gemeindebund, verlegte die Einrichtung in einen Vorort von Berlin.

Weitere Informationen:

Gerhard Salinger, Jüdische Gemeinden in Hinterpommern, in: M.Heitmann/J.H.Schoeps (Hrg.), “Halte fern dem ganzen Land jedes Verderben ...” Geschichte und Kultur der Juden in Pommern, Georg Olms Verlag, Hildesheim/Zürich 1995, S. 64/65

M.Heitmann/Julius H. Schoeps (Hrg.), “Halte fern dem Lande jedes Verderben ...”. Geschichte und Kultur der Juden in Pommern, Georg Olms Verlag, Hildesheim 1995

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 1147

Wolfgang Wilhelmus, Geschichte der Juden in Pommern, Ingo Koch Verlag, Rostock 2004

Gerhard Salinger, Die einstigen jüdischen Gemeinden Pommerns. Zur Erinnerung und zum Gedenken, New York 2006, Teilband 3, Teil III, S. 702 – 718

Świdwin, in: sztetl.org.pl

K. Bielawski (Red.), Świdwin, in: kirkuty.xip.pl