Rostock (Mecklenburg-Vorpommern)

Bildergebnis für rostock ortsdienst karte Die derzeit mehr als 200.000 Einwohner zählende Hansestadt Rostock liegt im Landesteil Mecklenburg des norddeutschen Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern (Karte aus: ortsdienst.de/mecklenburg-vorpommern/rostock).

Rostock wurde um 1200 von deutschen Kaufleuten gegründet. Bereits ein halbes Jahrhundert später sollen sich Juden in der schnell entwickelnden Handelsstadt an der Warnow aufgehalten haben. Der erste jüdische Friedhof wurde bereits 1279 (oder 1282) angelegt; dieser befand sich nordwestlich vor der Stadt, am heutigen Vögenteichplatz in der Nähe des Kröpeliner Tores. Demnach müssen in dieser Zeit bereits Juden in nennenswerter Zahl in Rostock ansässig gewesen sein; sie befassten sich fast ausnahmslos mit Geldhandel und -verleih. So ist aus dem Jahr 1274 ein gewisser Jude namens Salathiel quellenmäßig überliefert, der als wohlhabender Bankier der Stadt Rostock mehrfach Kredite zur Verfügung gestellt hatte.

Mit den Pestjahren 1348/1349 endete die Geschichte der ersten jüdischen Gemeinde Rostocks.

Vertreibungen der Juden aus Mecklenburg und ein Niederlassungsverbot - dieses galt mehrere Jahrhunderte - waren verantwortlich dafür, dass jüdisches Leben fast völlig verbannt wurde; nur als ambulante Händler durften Juden zur Zeit des Pfingstmarktes in Rostock ihre Waren anbieten.

Datei:Rostock 1841.jpg Rostock um 1840 - Stahlstich (Abb. aus: genwiki.genealogy.net)

Eine neuzeitliche jüdischen Gemeinde gründete sich in Rostock 1868/1870; erst zu dieser Zeit war ihnen der Zuzug in die Stadt gewährt worden. Der erste Jude, der sich in Rostock ansässig machte, war der Zigarrenmacher Gustav Israel. Die sich hier nun niederlassenden jüdischen Familien kamen zumeist aus mecklenburgischen Kleinstädten und verdienten hier ihren Lebensunterhalt vor allem im Textil- und im Handel mit Altmaterialien.

Gottesdienste wurden jahrzehntelang in Privatwohnungen von Gemeindemitgliedern abgehalten; so ab etwa 1880 wurden Räume im Hause des Kaufmanns Grampp am Burgwall angemietet; zehn Jahre später versammelte sich die Rostocker Judenschaft dann im Tivoli-Bierkeller in der Alexandrinenstraße. Durch die Hinterlassenschaft eines vermögenden Rostocker Juden (Meyer Gimpel) konnte die Gemeinde im Jahre 1899 ein Grundstück in der Augustenstraße erwerben, auf dem bereits im September 1902 ein Synagogenneubau - konzipiert vom Karlsruher Architekten Prof. Ludwig Levy - eingeweiht werden konnte. Dieses jüdische Gotteshaus bot etwa 350 Personen Platz und war damit die größte Synagoge im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin. Die feierliche Einweihung nahm der Landesrabbiner Dr. Fabian Feilchenfeld vor.

         

                       Modell der Rostocker Synagoge (W. Böhler)                          Innenansicht der Synagoge (Aufn. 1902, aus: wikipedia.org, CCO)                        

Elementarunterricht erhielten die jüdischen Kinder in den städtischen Schulen; Religionsunterricht erteilte ein von der Gemeinde besoldeter Lehrer. Manche begüterte Eltern schickten ihre Kinder auf die Thora-Schulen nach Hamburg und Frankfurt/Main.

1870 erhielt die jüdische Gemeinde am Lindenpark, in einer Ecke des städtischen Friedhofs eine eigene Begräbnisstätte zugewiesen. Diese wurde später vergrößert und von der Kultusgemeinde käuflich erworben.

In Nachfolge von Schwerin wurde Rostock dann Sitz des Landesrabbinats Mecklenburg. Ihm stand Dr. Siegfried Silberstein (geb. 1866 im Krs. Lublinitz/Oberschlesien) vor. der zunächst in Schwerin seinen Amtssitz hatte.

Nach Besuch der jüdischen Volksschule in Guttentag u. des Gymnasiums in Beuthen hatte Siegfried Silberstein ein Studium am Jüdisch-Theologischen Seminar und der Universität Breslau absolviert. Seine Promotion erfolgte 1892 an der Universität Tübingen. Nach dem Rabbinerexamen wirkte er zunächst in Elbing, ehe er 1910 seine Berufung als Landesrabbiner von Mecklenburg-Schwerin erhielt und bis zum Eintritt in den Ruhestand (1934) amtierte. Dr. Siegfried Silberstein publizierte diverse Forschungen zur Geschichte der Juden in Mecklenburg. Er starb 1935 in Rostock.

Juden in Rostock:

        --- 1868/69 ...................... ca.   25 jüdische Familien,

    --- 1871 .............................  118 Juden,

    --- um 1880 ..........................  221   “  ,

    --- um 1905 ...................... ca.  310   “  ,

    --- 1910 .............................  317   “  ,

    --- 1925 .............................  280   “  ,*    * incl. Warnemünde

    --- 1932/33 ...................... ca.  360   “   (0,4% d. Bevölk.),

    --- 1938 (Apr.) ......................  175   “  ,

    --- 1939 .............................   99   “  ,

    --- 1941 ......................... ca.   50   “  ,

    --- 1943 ......................... ca.   15   “  .

Angaben aus: Irene Dieckmann (Hrg.), Wegweiser durch das jüdische Mecklenburg-Vorpommern, S. 195 ff.

und                 Helmut Eschwege, Geschichte der Juden im Territorium der ehemaligen DDR, Band III, S. 1079 f.  

Der Neue Markt von Rostock um 1900, hist. Postkarte (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Jüdische Unternehmen spielten im Wirtschaftsleben Rostocks eine nicht geringe Rolle. Zu den erfolgreichen größeren Firmen zählten: das Warenhaus Wertheim, die EMSA-Werke, die Bürsten- und Bürstenhölzerfabrik B. J. Bernhard, die Getreidegroßhandlung H. Josephy, die Produktgroßhandlung M. Gimpel und die Korkwarenfabrik M. Klein.

Um die Jahrhundertwende war die Rostocker Jüdische Gemeinde zur mitgliederstärksten in Mecklenburg geworden; dies blieb sie auch bis 1941. So war 1926 auch das Landesrabbinat von Schwerin nach Rostock verlegt worden. (Dr. Siegfried Silberstein betreute seit 1911 als Landesrabbiner alle jüdischen Gemeinden Mecklenburg-Schwerins.)

Innerhalb der jüdischen Gemeinde Rostocks kam es zu starken Differenzen zwischen konservativ und liberal eingestellten Mitgliedern, die fast zu einer Abspaltung der strenggläubigen Gruppierung geführt hätte. Dass es nicht dazu kam, hatte die Gemeinde dem Landesrabbiner Dr. Siegfried Silberstein (ab 1910 Nachfolger von Dr. Fabian Feilchenfeld) zu verdanken, der durch sein Wirken die starken Spannungen zwischen „Ost- und Westjuden“ innerhalb der Gemeinde etwas abbauen konnte.

Zur Jahreswende 1932/1933 zählte die Jüdische Gemeinde Rostock etwa knapp 360 Mitglieder; dazu kamen noch ca. 50 Personen, die aus jüdischen Familien entstammten, aber nicht mehr der israelitischen Religionsgemeinschaft angehörten. Danach machte der jüdische Bevölkerungsanteil nur 0,4 % der Gesamtbevölkerung aus; Rostock hatte seinerzeit insgesamt knapp 90.000 Einwohner. Am Ende der Weimarer Republik lebte jeder dritte Jude Mecklenburgs in der Stadt Rostock.

Erste antisemitische Töne hörte man in Rostock bei der 500-Jahrfeier der Universität. Auf einer Studentendemonstration wurden die Juden für den verlorenen Krieg verantwortlich gemacht; auch sog. „Ostjuden“ sollten künftig nicht mehr an der Universität Rostock studieren dürfen.

Zu ersten Boykottmaßnahmen jüdischer Geschäfte wurde in mehreren mecklenburgischen Städten, so auch in Rostock, bereits im Dezember 1932 aufgerufen. Nach der NS-Machtübernahme 1933 verstärkte sich dieser antijüdische Kurs; so kam es am 11.März 1933 zu der ersten größeren, von der NSDAP gesteuerte „Aktion“, wobei jüdische Geschäftsleute ihre Unternehmen zeitweise schließen mussten. Am 8. März 1933 hatte das NS-Organ „Niederdeutscher Beobachter” seine Leser auf die Kampagne wie folgt vorbereitet:

Volksgenossen ! Wie schon gestern bringen wir im Anzeigenteil laufend Sammel-Anzeigen deutscher Geschäfte, um energisch Front gegen jüdische Unternehmungen, Warenhäuser und Einheitspreisgeschäfte zu machen. Jeder Parteigenosse und jeder Deutsche sollte im Interesse des gewerblichen Mittelstandes und seiner Gesinnung ganz besonders darauf achten, nur die Geschäftsleute zu unterstützen, die als Deutsche am Wiederaufbau unseres Vaterlandes arbeiten.

Der reichsweite Boykott jüdischer Geschäfte begann in Rostock bereits am 30.März 1933: SA-Männer wurden vor den jüdischen Geschäften postiert und warnten mit Hetzparolen vor dem Einkauf. Am Vorabend des 1.April wurde eine großangelegte Kundgebung abgehalten, die die ‚deutsche’ Bevölkerung auf den Boykott einstimmen sollte. Die meisten der betroffenen 57 Geschäfte, Praxen und Kanzleien mussten schließen, Inhaber und Angestellte wurden bedroht und auch tätlich angegriffen. An diesem und an den folgenden Tagen wurden prominente Juden der Stadt „in Schutzhaft“ genommen; auch an der Rostocker Universität wurden nun Professoren jüdischen Glaubens entlassen.

In Folge emigrierten die ersten Rostocker Juden, vor allem junge Menschen und Angehörige der Intelligenz; andere versuchten in der Anonymität einer deutschen Großstadt unterzutauchen. Gleichzeitig war aber auch ein Zuzug jüdischer Bewohner aus dem ländlichen Umland nach Rostock zu verzeichnen; viele dieser Menschen fanden Arbeit in dem größten hiesigen jüdischen Unternehmen, den „Emsa-Werken“, einer Fabrik für orthopädische Schuhe. Der Inhaber war auch der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Rostock. Die „Emsa-Werke” wurden wenige Jahre später „arisiert“ und unter dem neuen Namen „Voß-Werke” weiter betrieben. Ab 1938 wurden auch zahlreiche andere jüdische Geschäfte in Rostock „arisiert“. Im Frühjahr 1938 lebten nur noch 175 Juden in Rostock. Ende Oktober 1938 wurden ca. 40 Juden polnischer Staatsangehörigkeit in Rostock festgenommen und zur polnischen Grenze abgeschoben.

               

                           Brennende Rostocker Synagoge (Stadtarchiv)                                           Synagogenruine (Aufn. Winter 1938/1939)

Am frühen Morgen des 10.November 1938 wurde die Synagoge in der Augustenstraße von Rostocker SS-Trupps angezündet; sie brannte völlig nieder. Wohnungen und Geschäfte wurden durchwühlt und verwüstet, etwa 60 bis 70 erwachsene Männer von SA-Trupps und Schutzpolizei im Polizeigefängnis am Neuen Markt festgesetzt; die Inhaftierten wurden anschließend ins Landeszuchthaus nach Altstrelitz gebracht. Sie mussten mit anderen mecklenburgischen Juden wochenlang Zwangsarbeit im Moor leisten. Bis Kriegsbeginn wanderten noch weitere jüdische Bürger Rostocks ab; Anfang September sollen hier nur noch etwa 70 Personen - vor allem alte Menschen - gelebt haben.

Aus Rostock sind zwei Deportationstransporte dokumentiert. Über Ludwigslust ging Mitte Juli 1942 der erste ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau; der zweite Transport am 11.November 1942 hatte Theresienstadt zum Ziel. Über das weitere Schicksal der Deportierten ist kaum etwas bekannt. Nach den beiden Deportationstransporten lebten nur noch etwa 25 Juden in Rostock, die meisten waren „in Mischehe“ verheiratete Juden. Einige von ihnen wurden zur Zwangsarbeit in Frankreich oder auf dem Reichsgebiet rekrutiert. Mehr als 120 Rostocker Juden wurden Opfer der „Endlösung“. Nur 14 jüdische Bewohner überlebten die NS-Zeit in Rostock; zwei Jüdinnen kehrten aus Theresienstadt hierher zurück.

 

Nach Kriegsende kam es in Rostock zu keiner Neugründung einer jüdischen Gemeinde; vielmehr schlossen sich die wenigen Juden der 1948 geschaffenen Jüdischen Landesgemeinde Mecklenburg-Vorpommern an.

Gedenkstele mit -tafel (Aufn. Robert Kreibig)

Am einstigen Standort der Rostocker Synagoge in der Augustenstraße wurde 1988 eine schlichte Gedenkstele eingeweiht; neben dem Relief einer Menora ist folgender Text zu lesen:

Hier befand sich der Eingang der am 14.September 1902 geweihten jüdischen Synagoge zu Rostock

Diese wurde in der Pogromnacht am 10.November 1938 durch Faschisten niedergebrannt

11.November 1988

Seit 1963 erinnert ein Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof an jüdischen NS-Opfer aus Rostock.

           Jüdisches Mahnmal (Aufn. Sch., 2008, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Aber erst 1988 wurden die Grabsteine wieder aufgerichtet und der Friedhof in seine ursprüngliche Gestalt gebracht.

Nach Arnold Bernhard (1886-1944), dem letzten Gemeindevorsteher, ist eine Straße in der Rostocker Innenstadt benannt.

Zahlreiche sog. „Stolpersteine“ - kleine rechteckige steinerne Gedenkplatten – erinnern in den Gehwegen Rostocks an Opfer der NS-Gewaltherrschaft (Anm.: Diese Gedenksteine stehen nicht im Zusammenhang mit dem von Gunter Demnig initiierten Projekt).

Stolperstein Meta Hirsch.jpg Stolperstein Willy Hirsch.jpg Stolperstein Inge Hirsch.jpg Stolperstein Hans Hirsch.jpg

verlegt für Familie Hirsch in der Stephanstraße (Aufn. N., 2013, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Das Max-Samuel-Haus am Schillerplatz dient heute als Begegnungsstätte für jüdische Geschichte und Kultur; in seinen Räumen sind bereits zahlreiche Ausstellungen gezeigt und Projekte durchgeführt worden. Max Samuel (geb. 1883 in Argenau, gest. 1942 in Blackburn) war der letzte Vorsteher der jüdischen Gemeinde von Rostock, gleichzeitig ab 1930 auch Vorsitzender des Israelitischen Oberrates von Mecklenburg-Schwerin und hatte mit seiner Familie in dieser Villa gelebt. Sein in Großbritannien lebender Sohn stellte 1991 das Haus für eine Stiftung zur Verfügung, die sich der jüdischen Geschichte Rostocks verpflichtet fühlt.

Schüler der Europaschule in Rövershagen haben die Anbringung einer Gedenktafel am Hauptbahnhof Rostock initiiert, die sich seit 2015 dort (am Südeingang des Bahnhofs) befindet und folgenden Inschriftentext trägt: „1942 – 1944   ZUR ERINNERUNG an jene jüdischen Frauen, Männer und Kinder aus Rostock, die von den Nationalsozialisten aus ihren Wohnungen zum Hauptbahnhof getrieben und mit Sammeltransporten der Deutschen Reichsbahn in das Vernichtungslager Auschwitz und das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurden.“

Mit der Ankunft von jüdischen Familien aus den GUS-Staaten begann sich im Herbst 1990 wieder eine Gemeinde in Rostock zu bilden; diese wurde offiziell 1994 gegründet. Im Laufe der folgenden Jahre erreichten weitere Familien aus der ehemaligen Sowjetunion Rostock; 2008 setzte sich die Gemeinde aus etwa 700 Personen zusammen. Das Gemeindezentrum am Wilhelm-Külz-Platz wurde durch eine neue Synagoge in der Rostocker Augustenstraße ersetzt. Diese wurde im September 2004 feierlich eingeweiht - in Anwesenheit des Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, des Landesrabbiners William Wolff und des Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern, Harald Ringsdorff. In seiner Ansprache sagte Ringsdorff u.a.: „Wir begehen die erste Einweihung einer Synagoge in unserem Land seit über einhundert Jahren. ... Dass heute wieder eine große jüdische Gemeinde in Mecklenburg-Vorpommern existiert, ist ein glücklicher historischer Umstand nach der Katastrophe der Nazi-Barbarei und der Vernachlässigung jüdischen Lebens während der DDR-Zeit. Denn jüdisches Leben, die Existenz jüdischer Gemeinden gehören untrennbar zur Geschichte des Landes.

        Synagogenraum (Aufn. aus: Jüdische Allgemeine)

                                                                        Einbringen der Thorarolle in die Synagoge

Im Rahmen der 2. Rostocker Jüdischen Kulturtage (Juni 2017) wurde dem Landesrabbiner Mecklenburg-Vorpommerns, William Wolff*, die Ehrenbürgerwürde der Hansestadt Rostock verliehen.

 * https://img.nwzonline.de/w800/rf/image_online/NWZ_CMS/NWZ/2017-2020/Produktion/2018/07/24/KULTUR/FERNSEHEN/Bilder/KULTUR_FERNSEHEN_49e67443-57b2-4363-943a-6c6304326482--297x337.jpg  W. Wolff wurde als Sohn jüdischer Eltern 1927 in Berlin geboren. Bereits 1933 verließen seine Eltern mit ihren drei Kindern ihren Wohnort Berlin und gingen nach Amsterdam, von dort 1939 nach London. Nach seiner Ausbildung wandte sich Wolff dem Journalismus zu und machte beim "Daily Mirror" Karriere. 1979 begann eine Wende in seinem Leben. Nach einer fünfjährigen Ausbildung am "Leo Baeck College" wurde er als Rabbiner ordiniert. Danach übte er dieses Amt an verschiedenen Synagogen im Londoner Großraum aus. Im Jahre 2002 erhielt er den Ruf, als Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern (Sitz in Schwerin) zu wirken; dem kam er nach. Drei Jahre später wurde er zum stellvertretenden Vorsitzenden der Allgemeinen Deutschen Rabbinerkonferenz gewählt. 2014 bzw. 2017 erhielt William Wolff für seine Verdienste als "Brückenbauer zwischen den Religionen" die Ehrenbürgerwürden der Stadt Schwerin und der Stadt Rostock. Obwohl sein Vertrag als Landesrabbiner 2015 endete, behielt er den Titel Landesrabbiner und setzte seine Tätigkeit nur ehrenamtlich fort.

 

In der Stadt Wismar siedelten sich nachweislich bereits 1266 Juden an - die älteste urkundlich nachgewiesene Ansiedlung von Juden in Mecklenburg. In diesem Jahr verlieh Heinrich I. - als Fürst zu Mecklenburg von ca. 1265 bis 1302 regierend - der Stadt Wismar das lübische Recht und stattete die in den Mauern der Stadt lebenden Juden mit besonderen Rechten aus – gegen Entrichtung eines nicht unerheblichen Schutzgeldes. Die wenigen hier lebenden, zeitweilig von Ausweisung bedrohten Familien bestritten ihren Lebensunterhalt vom Geldverleih und vom Handel. 1350 wurden die Juden vom Magistrat der Stadt aus Wismar schließlich vertrieben. Erst im letzten Viertel des 19.Jahrhunderts wurden wieder einige jüdische Familien in Wismar ansässig; ihre Zahl war aber so gering, dass keine selbstständige Gemeinde gegründet werden konnte. Verstorbene Wismarer Juden wurden auf umliegenden Friedhöfen beerdigt, so vor allem in Neubukow.

Der 1994 gegründeten Schweriner Gemeinde gehören gegenwärtig auch mehr als 140 Wismarer Bürger mosaischen Glaubens an (Stand 2016). 

In den Straßen Wismars wurden 2008 auf Initiative von Schülern des Gerhart-Hauptmann-Gymnasiums die ersten sog. „Stolpersteine“ verlegt; wenig später folgten weitere, die vor allem an "Euthanasie"-Opfer erinnern.

Zu Ehren von Dr. Leopold Liebenthal, der seit 1894 in Wismar praktizierte, wurde eine Gedenktafel in der Altwismarstraße 10 angebracht, dort befand sich seine Wohnung und seine Praxis. Außerdem ist eine Straße nach ihm benannt.  vgl. Wismar (Mecklenburg-Vorpommern)

 

Südöstlich von Wismar liegt das Städtchen Warin; die am Ort bestehende winzige jüdische Gemeinde legte im 18.Jahrhundert westlich der Ortschaft ihren Friedhof an, auf dem bis ca. 1900 etwa 80 Begräbnisse vorgenommen wurden. Während der NS-Zeit wurde das ca. 1.600 m² große Friedhofsgelände geschändet und nach 1945 dann völlig eingeebnet. Die kleine Gemeinde in Warin hatte sich schon um 1900 aufgelöst; das Bethaus war bereits um 1880 aufgegeben worden; seitdem dient es bis auf den heutigen Tag Wohnzwecken. - Seit 1961 erinnert nur ein Gedenkstein an den ehemaligen jüdischen Friedhof.

vgl. dazu: Sternberg bzw. Schwerin (Mecklenburg-Vorpommern)

 

Die Anfänge jüdischer Ansiedlung in Grevesmühlen reichen bis ins 18.Jahrhundert zurück. In den 1850er Jahren zählte die kleine Gemeinschaft etwa 60 Angehörige. 1873 erbauten die hiesigen Juden ihre Synagoge am Kleinen Vogelsang; wenige Jahre später wurde am Vielbecker Weg ein eigener Friedhof angelegt; zuvor waren Begräbnisse in Rehna erfolgt. Mit der alsbaldigen Abwanderung der jüdischen Familien löste sich die kleine Gemeinde auf; das Synagogengebäude wurde nach nur kurzzeitiger Nutzung (1884) aufgegeben und verkauft. Auch der Friedhof wurde nach 1900 nicht mehr genutzt. Der letzte jüdische Einwohner, der Kaufmann Max Salomon, verließ 1933 seinen Heimatort und emigrierte in die Niederlande.

Einziger Hinweis auf den jüdischen Friedhof von Grevesmühlen ist ein Gedenkstein.  vgl. Grevesmühlen (Mecklenburg-Vorpommern)

 

In (Bad) Sülze - einer kleinen Landstadt im heutigen Amt Recknitz-Trebeltal zwischen Rostock (W) und Stralsund (O) gelegen - existierte bis ins ausgehende 19./beginnende 20.Jahrhundert eine kleine israelitische Gemeinde, die im Laufe ihres Bestehens aber nie mehr als zehn Familien zählte. Erste urkundliche Hinweise auf ein jüdisches Gotteshaus stammen aus dem Jahr 1819. Die kleine Sülzer Gemeinde besaß während ihres Bestehens zahlreiche, oft wechselnde Religionslehrer, die zumeist auch gleichzeitig Kantoren und Schächter waren.

Der jüdische Friedhof in Sülze soll bereits vor 1765 am Schindanger angelegt worden sein.

Juden in (Bad) Sülze:

--- 1780 ..........................  6 jüdische Familien,

--- um 1800 .......................  7     “        “   ,

--- um 1825 .......................  9     “        “   ,

--- um 1845 ................... ca.  70 Juden,

--- um 1860 ................... ca.  30   “  ,

--- 1912 ..........................   2 jüdische Familien.

Angaben aus: Jürgen Gramenz/Sylvia Ulmer, Ehemaliges jüdisches Leben in Bad Sülze

Die nur noch aus zwei Familien bestehende jüdische Gemeinde wurde – die Synagoge war bereits wegen Baufälligkeit abgerissen - offiziell im Jahre 1914 aufgelöst.  vgl.Sülze (Mecklenburg-Vorpommern)

 

Weitere Informationen:

Leopold Donath, Geschichte der Juden in Mecklenburg von den ältesten Zeiten (1266) bis auf die Gegenwart (1874), Leipzig 1874, S. 5-24

Carl August Endler, Die Juden in Mecklenburg, in: Mecklenburg, Werden und Wachsen eines Gaues, Leipzig 1938, S. 257 ff. (Anm.: stark antisemitisch gefärbt)

Germania Judaica, Band II/2, Tübingen 1968, S. 704 – 706 (Rostock ) und S. 911 – 915 (Wismar)

Jürgen Tack, Die “Endlösung der Judenfrage" in Mecklenburg von 1933 - 1945 (unter besonderer Berücksichtigung Rostocks), Staatsexamensarbeit Universität Rostock , Rostock 1969

Holger Dehmelt, Antisemitismus und Judenverfolgung in Mecklenburg von 1933 bis 1938, Diplomarbeit Universität Rostock, Rostock 1986

Frank Schröder/Ingrid Ehlers, Zwischen Emanzipation und Vernichtung - Zur Geschichte der Juden in Rostock, in: Schriftenreihe des Stadtarchivs Rostock, Heft 9, Hrg. Stadtarchiv Rostock, Rostock 1988

Helmut Eschwege, Geschichte der Juden im Territorium der ehemaligen DDR, Dresden 1990, Band III, S. 1079 f.

Karl Heinz Jahnke, Die Vernichtung der Juden in Mecklenburg, in: A.Herzig/I.Lorenz (Hrg.), Verdrängung und Vernichtung der Juden unter dem Nationalsozialismus, Verlag Christians, Hamburg, 1992, S. 291 - 307

Zeugnisse jüdischer Kultur - Erinnerungsstätten in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen, Tourist Verlag GmbH, Berlin 1992, S. 49 f.

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum, Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 380 und S. 581 - 584

Jürgen Borchert/Detlef Klose, Was blieb .... Jüdische Spuren in Mecklenburg, Verlag Haude & Spener, Berlin 1994, S. 79 - 84

Irene Dieckmann (Hrg.), Wegweiser durch das jüdische Mecklenburg-Vorpommern, Verlag für Berlin Brandenburg, Potsdam 1998, S. 195 - 223

Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus - Eine Dokumentation II, Hrg. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1999, S. 463 ff.

Klaus Hesse/Philipp Springer, Vor aller Augen - Fotodokumente des nationalsozialistischen Terrors in der Provinz, Klartext Verlag, Essen 2002, S. 99 (Abb. 131)

Arkady Tsfasman, Juden in Rostock, hrg. von der Jüdischen Gemeinde Rostock, 2005

Heinz Hirsch, Spuren jüdischen Lebens in Mecklenburg, in: Reihe Geschichte Mecklenburg-Vorpommern Heft 4, Hrg. Friedrich-Ebert-Stiftung Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin 2006

Bernd Kasten, Verfolgung und Deportation der Juden in Mecklenburg 1938 – 1945, Hrg. Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin 2008, S. 56 – 65

Gerhard Fouquet, Juden in den Ostseestädten Wismar und Rostock im Mittelalter - ein Vergleich, in: Jahrbuch für Regionalgeschichte, Bd. 30 (2012), S.17 – 36

Frank Schröder/Steffi Katschke, Die Synagoge und ihre Rabbiner: Rostock 1902 – 1938. Beiheft zur gleichnamigen Ausstellung, hrg. von Stiftung Begegnungsstätte für jüdische Geschichte und Kultur in Rostock, 2013

Nele Reiber (Red.), Gedenktafel für deportierte Juden enthüllt, in: „OZ – Ostseezeitung“ vom 26.11.2015

Auflistung der in Rostock verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Rostock

Stolpersteine in Wismar (mit den Biografien der betroffenen Personen), online abrufbar unter: wismar.de

Jürgen Gramenz/Sylvia Ulmer, Rostock: Ehemaliges jüdisches Leben in Rostock, in: Geschichte der Juden in Mecklenburg, Aufsatz vom 8.8.2016, in: http://www.juden-in-mecklenburg.de/Orte/Rostock

Jürgen Gramenz/Sylvia Ulmer, Synagoge Rostock, in: Geschichte der Juden in Mecklenburg, Aufsatz vom 8.8.2016, in: http://www.juden-in-mecklenburg.de/Synagogen/Synagoge_Rostock

Jürgen Gramenz/Sylvia Ulmer, Ehemaliges jüdisches Leben in Wismar, in: Geschichte der Juden in Mecklenburg, Aufsatz vom 18.11.2016, in: http://www.juden-in-mecklenburg.de/Orte/Wismar

Jürgen Gramenz/Sylvia Ulmer, Ehemaliges Leben in Bad Sülze, in: Die Geschichte der Juden in Mecklenburg, Aufsatz vom 15.2.2017, in: http://www.juden-in-mecklenburg.de/Orte/Bad Suelze

Michael Buddrus/Sigrid Fritzlar, Juden in Mecklenburg 1845 – 1945, Hrg. Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin 2019