Rheingönheim (Rheinland-Pfalz)

Bildergebnis für metropolregion rhein neckar karte LU-Rheingoenheim.png Rheingönheim mit seinen derzeit ca. 8.000 Einwohnern ist der südlichste Stadtteil von Ludwigshafen (Karte der Metropolregion Rhein-Neckar aus: rhein-neckar-index.de  und  Stadtteilkarte, I.Giel, 2013, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Gegen Ende des 17./Anfang des 18.Jahrhunderts lebte Lemle Moses als Hoffaktor in der Kurpfalz. Er führte neben seinem Vornamen häufig den Beinamen „Reinganum“- nach seinem Geburtsort Rheingönheim. Im Auftrag des Kurfürsten tätigte er eine Reihe größerer Geldgeschäfte, die sein Ansehen und seinen Wohlstand steigerten; Moses Reinganum starb 1724 in Mannheim. In Rheingönheim sind nachweislich 1787 erstmals wenige jüdische Familien aufgenommen worden. Etwa 20 Jahre später bildete sich hier eine Gemeinde, der auch die Juden aus dem nahen Neuhofen angehörten; diese trug die Bezeichnung „Kultusgemeinde Rheingönheim-Neuhofen“.

Anfang der 1870er Jahre richtete die Gemeinde in einem angekauften Hause in der Hauptstraße ihren Betsaal ein; rein äußerlich waren Bethaus und jüdische Schule nicht von den umliegenden Gebäuden zu unterscheiden.

  Ausschreibungen für eine Lehrerstelle von 1899 und 1909

Ende der 1920er Jahre wurde der Unterricht in der jüdischen Schule eingestellt; Schule und Betsaal wurden an Privatleute vermietet.

Bis 1910 wurden die verstorbenen Gemeindeangehörigen aus Rheingönheim und Neuhofen auf dem jüdischen Friedhof in Otterstadt begraben, der Anfang der 1820er Jahre angelegt worden ist; danach gab es in Neuhofen ein eigenes Begräbnisareal, das an der Gemarkungsgrenze nach Waldsee lag.

Die Gemeinde gehörte zum Bezirksrabbinat Frankenthal.

Juden in Rheingönheim:

        --- 1806 ..........................   8 Juden,

    --- 1823 ..........................  31   “  ,

    --- 1852 ..........................  44   “   (in 12 Familien),

    --- 1875 ..........................  48   “  ,

    --- um 1880 ................... ca. 100   "  ,*     * gesamte Gemeinde mit Neuhofen

    --- 1884 ..........................  57   “  ,

    --- 1900 ..........................  37   “  ,

    --- 1912 ..........................  14 jüdische Familien,*    

    --- 1928 ..........................  44 Juden,

    --- 1933 ..........................  36   “   (in 10 Familien),

    --- 1936 ..........................  27   “  ,

    --- 1938 ..........................  25   “  .

Angaben aus: K. Fücks/M. Jäger, Synagogen der Pfälzer Juden. Vom Untergang ihrer Gotteshäuser ..., S. 187

und                 Frank-Matthias Hofmann, “Ich bleibe bei meiner Gemeinde!” - Würdigung von Leben und Werk des Rheingönheimer und Ludwigshafener jüdischen Kantors Josef Jacob

Vor der NS-Zeit waren die hiesigen jüdischen Familien weitgehend ins dörfliche Leben integriert, obwohl sie auch einen eigenen, in sich gefestigten Sozialverband bildeten. Infolge der sich verstärkenden Abwanderung musste das Gemeindeleben erheblich eingeschränkt werden; auch der Kantor konnte bald nicht mehr bezahlt werden, worauf er ins nahe Ludwigshafen abwanderte. Schließlich löste sich die jüdische Gemeinde völlig auf. Da auch das gemeindliche Anwesen nicht mehr unterhalten werden konnte, wurde es im Frühjahr 1938 an die Kommune verkauft; vermutlich deswegen wurde das ehemalige Bethaus während der „Kristallnacht“ im November 1938 nicht zerstört.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20388/Rheingoenheim%20KK%20MZ%20Marx%20Hannchen.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20388/Rheingoenheim%20KK%20MZ%20Marx%20Hugo.jpg 

Zwei J-Kennkarten gebürtiger Juden aus Rheingönheim – ausgestellt 1939 in Mainz

Etwa zehn Juden aus Rheingönheim wurden Ende Oktober 1940 ins südfranzösische Gurs deportiert; nur ein einziger überlebte den Holocaust.

Der jüdische Friedhof in Neuhofen (in der Flur "Speyerer Wingert"), der von 1910 bis in die 1930er Jahre in Nutzung war, weist auf einer Fläche von ca. 300 m² sechs Grabsteine auf.

 Aufn. Oliver Orschiedt, 2018, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Seit 1983 erinnert eine Gedenktafel an dem Hause Hauptstraße 246 an dessen einstige Nutzung.

Hier befand sich die ehemalige Judenschule mit Bethaus.

Die Schließung erfolgte 1938.

Das ursprüngliche Gebäude wurde 1949 umgebaut.

Im Gedenken an das Wirken des letzten Lehrers und Kantors der jüdischen Kultusgemeinde Rheingönheim-Neuhofen, Josef Jacob, ließ die Kommune 2001 den zentralen Dorfplatz in „Kantor-Josef-Jacob-Platz“ umbenennen. 

  Der 1875 in Büdingen geborene Josef Jacob war im elsässischen Colmar zum Kantor und Religionslehrer ausgebildet worden, Er übte zwischen 1911 und 1925 die Funktionen eines Lehrers, Kantors und Schächters in Rheingönheim aus. Anschließend war er Lehrer und Oberkantor der israelitischen Gemeinde Ludwigshafen, danach lebte er in Mannheim. Während seine Familie 1940 ins ferne Shanghai emigrierte, blieb Josef Jacob in Deutschland zurück. Im Sommer 1942 wurde er nach Theresienstadt deportiert, wenige Wochen später im Vernichtungslager Maly Trostinec ermordet.

Einige sog. „Stolpersteine“ erinnern an Angehörige ehemals hier lebender jüdischer Familien.

Heinrich Weil 1.jpg  Eugenie Weil.jpg  Manfred Weil.jpg

"Stolpersteine" für Familie Weil, Eisenbahnstraße (Aufn. G. Kaufmann, 2009, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

[vgl. Ludwigshafen und Otterstadt (Rheinland-Pfalz)]

 

Weitere Informationen:

Kral Kreuter, Lemle Moses aus Rheingönheim ein bedeutender Geldmann, in: Heimatblätter für Ludwigshafen und Umgebung No. 10/1920

Leopold Göller, Lemle Moses, in: Kurpfälzer Jahrbuch 1927, S. 103 ff.

Carl J. Brinkmann, Vom Ghetto an den Fürstenhof: Die Juden der Kurpfalz. Moses Lämmle aus Rheingönheim, Stadtanzeiger Ludwigshafen/Rhein 8/1941

Walter Schäfer, Eine jüdische Odyssee, Rheingönheim o.J. (1985) (Anm.: Darstellung der Lebensgeschichte der Familie Jacob)

Hermann Arnold, Juden in der Pfalz. Vom Leben pfälzischer Juden, Landau 1988

Karl Fücks/Michael Jäger, Synagogen der Pfälzer Juden. Vom Untergang ihrer Gotteshäuser und Gemeinden, Hrg. Jüdische Kultusgemeinde der Rheinpfalz, Neustadt/Weinstraße 1988, S. 186/187

Ulrike Minor/Peter Ruf, Juden in Ludwigshafen, in: Stadtarchiv Ludwigshafen (Hrg.), Veröffentlichungen des Stadtarchivs 15, Ludwigshafen 1992

Zukunft braucht Versöhnung durch Erinnerung - „Der Weg des Gedenkens“ am 8.Mai 1995 in Ludwigshafen. Eine Dokumentation, S. 32 ff. (Broschüre)

Rheingönheim, in: alemannia-judaica.de (mit Text- und Bilddokumenten zur jüdischen Gemeindehistorie)

Frank-Matthias Hofmann, “Ich bleibe bei meiner Gemeinde!” - Würdigung von Leben und Werk des Rheingönheimer und Ludwigshafener jüdischen Kantors Josef Jacob, in: Pfälzer Pfarrblatt, Dezember 2001

Frank-Matthias Hofmann, Letzte Zeitzeugin jüdischen Lebens in Rheingönheim gestorben, o.O. 2002

Otmar Weber, Die Synagogen in der Pfalz von 1800 bis heute. Unter besonderer Berücksichtigung der Synagogen in der Südwestpfalz, Hrg. Gesellschaft für Christlich-jüdische Zusammenarbeit Pfalz (Landau), Dahn 2005, S. 135

Auflistung aller in Ludwigshafen und seinen Stadtteilen verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Ludwigshafen_am_Rhein

Ludwigshafen setzt Stolpersteine, online abrufbar unter: ludwigshafen-setzt-stolpersteine.de/gedenkbuch/?tx_gedenkbuch (Auflistung der verlegten Steine – nach Stadtteilen geordnet)

Bernhard Kukatzki, Geschichte zur jüdischen Gemeinde Rheingönheim (in Vorbereitung)