Reinheim/Odenwald (Hessen)

Datei:Municipalities in DA (district).svg   Reinheim mit seinen derzeit ca. 17.000 Einwohnern ist eine Kommune im südhessischen Landkreis Darmstadt-Dieburg – knapp 20 Kilometer südöstlich von Darmstadt gelegen (Karten Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0  und  Domjtri, 2017, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0).

Bereits seit dem 14.Jahrhundert sollen Juden in Reinheim ansässig gewesen sein, doch finden sich gesicherte Belege erst nach 1606.

Während des Dreißigjährigen Krieges gewährte das befestigte Reinheim jüdischen Familien des dörflichen Umlandes Unterschlupf - gegen entsprechende Zahlungen; von der Eroberung und Plünderung der Stadt 1631 und 1635 waren auch die jüdischen Bewohner betroffen. In der Reinheimer Pfarrchronik wird über die Ereignisse wie folgt berichtet:„ ... Auf Freitag vor Pfingsten sind die Kroaten eingefallen und haben geplündert und elendiglich gehaust ... soll das große Sterben angefangen haben ... Auf dem Rathaus sollen so viele gestorben ... sein, daß sie nicht zu zählen waren. Obwohl die Juden nicht ins Kirchenbuch gehören, so will ich doch zum Gedächtnis des großen Sterbens nicht vergessen, daß erzählt wird, wie über 60 gestorben sind und sollen davon 36 nur von Schlägen, Knebeln, schwedischen Tränken und anderen Martern umgekommen sein.” (aus: W.Schroeter, Stadt Reinheim im Odenwald, Reinheim 1950, S. 20 f.)

Etwa ein Jahrhundert lang sind keine Quellen über jüdisches Leben in Reinheim überliefert. Erst Ende des 18.Jahrhunderts setzen wieder diesbezüglich Belege ein; es bildete sich eine Gemeinde. Ein in den 1830er Jahren „Am Biet“ erbauter, zweigeschossiger massiver Sandsteinbau diente den jüdischen Bewohnern als neue Synagoge; der Betraum im Vorderteil des Gebäudes besaß 50 Männer- und 32 Frauenplätze, letztere auf der Empore. In der hinteren Hälfte befand sich im Erdgeschoss eine Mikwe, im Obergeschoss der Schulraum und die Lehrerwohnung.

 

aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 16.Febr. 1876 und vom 4.Mai 1891

Die kleine Religionsschule existierte bis in die 1930er Jahre.

Bis Anfang des 19.Jahrhunderts fanden die verstorbenen Angehörigen der Kultusgemeinde Reinheim ihre letzte Ruhe auf dem jüdischen Friedhof in Dieburg; danach stand ein eigenes Bestattungsgelände an der Straße zwischen Reinheim und Groß-Bieberau zur Verfügung.

Der jüdischen Gemeinde Reinheim waren auch die wenigen Familien aus Georgenhausen, Spachbrücken und Ueberau angeschlossen. Georgenhausen besaß in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts mit mehr als 50 Angehörigen eine eigene Kultusgemeinde.

Juden in Reinheim:

    --- 1626/27 ..........................  7 jüdische Familien,

    --- um 1770 ..........................  2     “       “    ,

    --- um 1790 ..........................  3     “       “    ,

    --- 1805 ............................. 30 Juden (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1828/29 .......................... 59   “   (ca. 5% d. Bevölk.),

    --- 1871 ............................. 47   “  ,

    --- 1900 ............................. 86   “   (ca. 25 Familien),

    --- 1920 ............................. 78   “  ,

    --- 1925 ............................. 64   “  ,

    --- 1930 ......................... ca. 50   “  ,

    --- 1939 (Mai) .......................  keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 2, S. 217

und                 Fritz Volz (Bearb.), Die Reinheimer Juden - Die jüdischen Gemeinden von Reinheim ...

Mitte des 19.Jahrhunderts verdienten die Reinheimer Juden gegen ihren Lebensunterhalt mehrheitlich im Metzgerberuf, daneben auch als Kleinhändler. Bis zur Jahrhundertwende hatten sich die meisten gesicherte wirtschaftliche Verhältnisse geschaffen; einigen war es gelungen, größere Handelsgeschäfte aufzubauen.

Anfang der 1890er Jahre hatte auch in Reinheim die „Boeckel-Bewegung“ Einfluss gewonnen; bei den Reichstagswahlen 1893 wurden für die Antisemiten-Partei mehr als 40% der Stimmen abgegeben. Gegen Ende der 1920er Jahre lebte in Reinheim der Antisemitismus mit dem Erstarken der NSDAP wieder auf; es kam zu Umzügen und Demonstrationen, die manchmal in Gewalt ausarteten. Bald nach der NS-Machtübernahme 1933 kam es in Reinheim zu erstem brutalen Vorgehen gegen jüdische Bewohner. Ob hier am 1.April 1933 organisierte Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte durchgeführt wurden, ist aber nicht sicher. Bis 1937 veräußerte bereits ein Teil der jüdischen Familien auf Grund des stark gefallenen Umsatzes ihre Gewerbebetriebe und verließ seinen Heimatort; 20 Personen emigrierten, zumeist in die USA; andere verzogen in größere deutsche Städte.

In der Nacht vom 9./10.November 1938 demolierte eine aufgeputschte Horde nahezu alle Häuser, die noch von jüdischen Familien bewohnt waren; ihre Bewohner wurden verprügelt. Auch die Inneneinrichtung der Synagoge wurde verwüstet und anschließend auf dem Wall verbrannt. Das Gebäude ging danach in „arischen“ Besitz über und diente fortan als landwirtschaftliches Betriebsgebäude. Nach dem Novemberpogrom von 1938 verließen alle noch verbliebenen Juden den Ort, sodass Reinheim im Mai 1939 keine jüdischen Bewohner mehr aufwies.

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J-Kennkarten von gebürtigen Reinheimer Juden: Julius Frohmann und Germaine Oppenheimer

Mitte der 1980er Jahre ließ der Magistrat der Stadt Reinheim an der Fassade des einstigen Synagogengebäudes eine Gedenktafel anbringen, die an die Zerstörung der Synagoge, an die Deportation und Ermordung der Reinheimer Juden erinnert (Aufn. J. Hahn, 2008).

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1990 erstellten Studenten der FH Darmstadt Rekonstruktionspläne des ehemaligen Synagogengebäudes von Reinheim. Die letzten baulichen Überreste der einstigen Synagoge wurden danach durch Umbaumaßnahmen des jetzigen Hausbesitzers vernichtet. 

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Synagogengebäude vor und nach der Renovierung (aus: Th. Altaras, 1988 und J. Hahn, 2008)

Seit 2011 erinnern einige sog. „Stolpersteine“ an ehemalige jüdische Bewohner Reinheims.

 

In der Bachgasse in Spachbrücken wurden für die letzten beiden ehemaligen jüdischen Bewohner (Rosa und Simon Schack) zwei sog. „Stolpersteine“ verlegt (Stand 2019).

Weitere Informationen:

W. Hotz, Aus der Reinheimer Pfarrchronik, in: Werner E.Schroeder, Stadt Reinheim im Odenwald, Reinheim 1950

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 2, S. 217 - 219

Rekonstruktionsskizzen der Reinheimer Synagoge, Am Biet 11, Fachhochschule Darmstadt (unter Leitung von Dipl.Ing. F.Oppermann), November 1990

Thomas Lange, “L’chajim” - Die Geschichte der Juden im Landkreis Darmstadt-Dieburg, Hrg. Landkreis Darmstadt-Dieburg, 1997, S. 12,  S. 55 f. und S. 74 f.

Fritz Volz (Bearb.), Die Reinheimer Juden - Die jüdischen Gemeinden von Reinheim und seinen heutigen Stadtteilen - Spuren ihrer Geschichte, in: Beiträge zur Reinheimer Stadtgeschichte, Schriftenreihe des Stadtarchivs, Heft 3, hrg. vom Magistrat der Stadt Reinheim, Reinheim 1988

Studienkreis Deutscher Widerstand (Hrg.), Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945. Hessen I/Reg.bezirk Darmstadt, 1995 S. 46/47  

Heinz Reitz, 700 Jahre Stadt Reinheim: 1300 bis 2000, in: "Reinheimer Beiträge 8"

Reinheim mit Georgenhausen, Spachbrücken, Ueberau und Zeilhard, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Dokumenten zur jüdischen Gemeindehistorie)

N.N. (Red.), „Stolpersteine“ für NS-Opfer in Reinheim, in: „süwo" – Anzeigenblatt für Südhessen vom 27.3.2011

Melanie Schweinfurth (Red.), Zwei „Stolpersteine“ erinnern in Spachbrücken an Rosa und Simon Schack, in: echo-online.de vom 12.4.2019