Östringen (Baden-Württemberg)

Bildergebnis für Östringen baden-württemberg plz Östringen ist eine von derzeit ca. 13.000 Menschen bewohnte Kleinstadt im Kraichgau (Landkreis Karlsruhe) – ca. 25 Kilometer südlich von Heidelberg gelegen (Kartenskizze F. Paul, 2009, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0).

Spätestens um 1700 lebten wenige jüdische Familien in dem zum Hochstift Speyer gehörenden Dorfe Östringen. Mit den christlichen Ortsbewohnern kam es im Laufe der Zeit ständig zu Konflikten, wobei diese hauptsächlich wirtschaftliche Hintergründe hatten. Erst im 19.Jahrhundert besserte sich das Zusammenleben zwischen den Ortsbewohnern.

Ihre erste Synagoge erbaute die Judenschaft Östringens 1794 in der Saarlandstraße; im Gebäude befand sich zudem ein Schulraum und die Wohnung des jüdischen Lehrers, im Keller das Ritualbad. Vier Jahrzehnte später wurde daneben ein neues Synagogengebäude errichtet.

                   Synagogengebäude rechts im Bild (Skizze F. Essenpreis)

Im 19.Jahrhundert beschäftigte die Gemeinde einen Lehrer, der auch – wie es in kleineren Gemeinden allgemein üblich war – auch als Vorbeter und Schächter tätig war.

 

aus: „Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 3. Aug. 1875 und aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 10. Okt. 1907

Die verstorbenen Gemeindeangehörigen wurden bis Ende der 1870er Jahre auf dem jüdischen Verbandsfriedhof Obergrombach beerdigt, danach diente der Friedhof in Mingolsheim als Beerdigungsstätte.

Ab 1827 gehörte die Gemeinde dem Rabbinatsbezirk Bruchsal an.

Juden in Östringen:

        --- um 1725 .......................   6 jüdische Familien,

    --- um 1740 .......................   5     “        “   ,

    --- 1785 ..........................   7     “        “   ,

    --- 1811 ..........................   9     “        “   ,

    --- 1825 ..........................  54 Juden (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1864 .......................... 110   “  ,

    --- 1875 ...................... ca.  90   “   (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1900 ..........................  67   “  ,

    --- 1910 ..........................  33   "  ,

    --- 1925 ..........................  20   “  ,

    --- 1933 ..........................  10   “  ,

    --- 1940 (Sept.) ..................   2   “  ,

             (Nov.) ...................   keine.

Angaben aus: Jürgen Stude, Geschichte der Juden im Landkreis Karlsruhe, Karlsruhe 1997, S. 374

Über die wirtschaftliche Situation der neun jüdischen Familien Östringens liegt ein 1811 verfasster Bericht vor, in dem es u.a. hieß: „ ... Keiner der dort wohnenden Juden ist arm. Jeder hat sein ehrliches Auskommen, und der größte Teil verdient reich oder recht vermöglich genannt zu werden.” Im 19.Jahrhundert verdienten die meisten Östringer Juden ihren Lebensunterhalt im Viehhandel. Ab den 1890er Jahren spielte die Zigarrenfabrikation im Ort eine wichtige Rolle; so befanden sich um 1925 vier derartige Fabriken in jüdischem Besitz; nur eine davon existierte noch bis in die 1930er Jahre.

Zu Beginn der NS-Zeit lebten nur noch zehn Einwohner mosaischen Glaubens in Östringen. Das einzige jüdische Geschäft am Ort, das Schuhgeschäft Strauß, wurde am 1.4.1933 durch SA-Angehörige boykottiert.

Während des Novemberpogroms von 1938 kam es am Ort zu keinen „Aktionen“, da sich zu diesem Zeitpunkt nur noch drei Juden in Östringen aufhielten und zudem der überwiegende Teil der Bevölkerung nicht den NS-Parolen folgte.

Vermutlich hatten bereits in den 1920er Jahren keine regelmäßigen Gottesdienste mehr in der Synagoge stattgefunden; 1936 wurde auf behördliche Anordnung das einsturzgefährdete neue Synagogengebäude abgebrochen. Die offizielle Auflösung der Gemeinde Östringen erfolgte im Jahr darauf.

          Kleinanzeige in der "CV-Zeitung" vom 1.April 1937

Die beiden noch hier lebenden Geschwister Wolf wurden im Oktober 1940 nach Gurs/Südfrankreich deportiert.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." wurden 18 aus Östringen stammende jüdische Personen Opfer der Shoa (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/oestringen_synagoge.htm).

 

Das alte Synagogengebäude wurde im Rahmen der Ortssanierung (um 1980) abgebrochen. Im Östringer Heimatmuseum werden verschiedene Dokumente aus der jüdischen Geschichte des Ortes gezeigt.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2057/Oestringen%20Synagoge%20452.jpg  Seit 2005 erinnert eine Tafel an die einstige jüdische Gemeinde (Aufn. J. Hahn, 2005).

Zum 75. Jahrestag der Deportationen badischer Juden nach Gurs (2015) wurde in Östringen ein Mahnmal der Öffentlichkeit übergeben; es steht an der Gustav-Wolf-Galerie am Leiberg. Eine Doublette des Mahnmals befindet sich in der zentralen Gedenkstätte für die Deportationen der badischen Juden in Neckarzimmern. Die Idee zum Östringer Memorialstein stammt von einem Schüler des Östringer Leibniz-Gymnasiums: Ein am Abgrund stehender Viehwaggon markiert symbolhaft die Verbringung der Insassen des Lager Gurs nach Auschwitz (1942/1943).

Memorialstein aus Östringen (Aufn. aus: mahnmal-neckarzimmern.de)  

 Ein bedeutender Sohn von Östringen ist der Maler, Graphiker und Lithograph Gustav Wolf, der 1887 als jüngstes Kind eines jüdischen Kaufmanns geboren wurde. Bis in die 1930er Jahre war er als Dozent an der Badischen Landeskunstschule in Karlsruhe tätig, ehe er 1938 emigrieren musste. Im Alter von 60 Jahren verstarb Gustav Wolf in Northfield/Massachusetts, wo er in seinen letzten Lebensjahren in einer Künstlerkolonie zugebracht hatte. - In Östringen wurde 1994 in einem sanierten Fachwerkgebäude eine Kunstgalerie eingerichtet, die die bedeutendsten Werke Wolfs zeigt. Er benutzte vor allem die Druckgraphik als Stilmittel. Tief religiös geprägt, war die göttliche Schöpfung aus dem Chaos sowie der ewige Dreiklang von Werden, Sein und Vergehen zentrales Thema seiner Werke.

 

Im Östringer Ortsteil Odenheim existierte ebenfalls eine jüdische Gemeinde, die um 1860 immerhin mehr als 150 Angehörige zählte.

[vgl. Odenheim (Baden-Württemberg)]

 

 

Weitere Informationen:

Leopold Rothermel, Ortsgeschichte der Pfarrgemeinde Östringen, Östringen 1959

F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden - Denkmale, Geschichte, Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Kohlhammer Verlag Stuttgart 1968, S. 223/224

Theodor Brauch, Östringen, Geschichte einer Stadt, Hrg. Stadt Östringen, Östringen 1982, S. 327/328

Willy Messmer, Juden unserer Heimat. Die Geschichte der Juden aus den Orten Mingolsheim, Langenbrücken und Malsch, Bad Schönborn 1986, S. 200 - 206

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 296

Jürgen Stude, Geschichte der Juden im Landkreis Karlsruhe, Hrg. Landsratsamt Karlsruhe, Karlsruhe 1997, S. 374 – 376

Östringen, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Barbara Brähler, Gustav Wolf (1887-1947) - eine Weltanschauung in Bildern. Werkverzeichnis des künstlerischen Nachlasses in Östringen, Dissertation, Heidelberg 2000

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 371 - 373

br (Red.), Vor 75 Jahren geschah das Unfassliche. Gedenken am Mahnmal der nach Gurs deportierten jüdischen Bürger, Kommune Östringen, online-abrufbar unter: oestringen.de (2015)

br (Red.), Terror und Tod kamen per Verwaltungsakt. Östringer Gymnasiasten gestalten Mahnmal zur Judendeportation, Kommune Östringen, online abrufbar unter: oestringen.de (Mai 2015)

Das Mahnmal in Neckarzimmern für die deportierten Jüdinnen und Juden Badens, online abrufbar unter: mahnmal-neckarzimmern.de