Oberwaldbehrungen (Unterfranken/Bayern)

Datei:Ostheim vor der Rhön in NES.svg Oberwaldbehrungen gehört heute zur Verwaltungsgemeinschaft Ostheim v.d.Rhön im unterfränkischen Landkreis Rhön-Grabfeld (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Die Ansiedlung der ersten Juden im Dorfe Oberwaldbehrungen wurde vor 1800 von den Herren von Thann gefördert. Als die napoleonische Zeit endete und Oberwaldbehrungen an Bayern fiel, siedelten sich im Dorf zahlreiche Juden an; viele von ihnen waren mittellos.

Laut der Matrikellisten von 1817 waren für Oberwaldbehrungen 27 jüdische Familienvorstände genannt, die vorwiegend vom Klein- und Schnittwarenhandel ihren kargen Lebenserwerb bestritten; einige betrieben eine kleine Landwirtschaft. Im Laufe der Jahrzehnte soll sich die Sozialstruktur der jüdischen Gemeinde deutlich geändert haben; verantwortlich dafür war der zunehmend gewinnbringende Handel mit Vieh und Landesprodukten wie Getreide, Felle und Leder.

Seit ca. 1830 soll die Judenschaft Oberwaldbehrungens auch über eine eigene Synagoge verfügt haben. Seit 1837 bestand am Ort eine jüdische Elementarschule, die bis ins beginnende 20.Jahrhundert existierte.

   

Stellenanzeigen aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 27.Aug. 1900 und vom 6.Juni 1907

Nordöstlich des Dorfes stand den jüdischen Bewohnern ab den 1840er Jahren ein Begräbnisgelände zur Verfügung; zuvor waren Verstorbene auf dem Friedhof in Willmars, manche auch in Kleinbardorf bzw. in Neustädtles beerdigt worden.

Die kleine Gemeinde gehörte zum Distriktrabbinat Bad Kissingen.

Juden in Oberwaldbehrungen:

        --- um 1815 .................... 197 Juden (in 32 Familien),*   *andere Angabe: ca. 100 Pers.

    --- 1837 ....................... 130   “   (ca. 39% d. Bevölk.),

    --- 1873 .......................  73   “  ,*      *andere Angabe: 85 Pers.

    --- 1890 .......................  64   “  ,

    --- 1900 .......................  50   “   (ca. 20% d. Bevölk.),

    --- 1910 .......................  28   “  ,

    --- 1920 .......................   6 jüdische Familien,

    --- 1925 .......................  11 Juden,

    --- 1933 .......................   8   "  ,

    --- 1938 .......................   keine.

Angaben aus: Dorfchronik von Oberwaldbehrungen

Nachdem durch Ab- und Auswanderung die Zahl der jüdischen Familien stark gesunken war und sich fast nur noch alte Menschen im Dorf aufhielten, löste sich 1934/1935 - gegen den Willen der noch verbliebenen Juden - die Gemeinde auf.

aus: "Bayerische Israelitische Gemeindezeitung" vom 1.Januar 1935

Die wenigen Juden Oberwaldbehrungens wurden der Kultusgemeinde Mellrichstadt angeschlossen. Die letzte jüdische Bewohnerin wanderte 1938 in die Schweiz aus. Bereits in den 1920er Jahren war das Synagogengebäude kaum mehr benutzt worden; 1935 wurde das Grundstück verkauft und das Gebäude teilweise abgerissen; den Thoraschrein und die Ritualien hatte man zuvor nach Mellrichstadt gebracht, wo diese während des Novemberpogroms von 1938 vernichtet wurden.

Nachweislich wurden neun aus Oberwaldbehrungen stammende Juden Opfer der Shoa.

Am einstigen Standort des Synagogengebäudes - auf seinen Grundmauern steht heute ein Wohnhaus - ist eine Tafel mit den Worten angebracht:

Dieses Gebäude diente der jüdischen Kultusgemeinde Oberwaldbehrungen bis 1935 als Synagoge.

Zur Erinnerung und Mahnung

Das von einer Steinmauer umfriedete Begräbnisareal der ehemaligen jüdischen Gemeinde von Oberwaldbehrungen liegt auf einer bewaldeten Anhöhe nordöstlich des Ortes; dort haben mehr als 100 Grabsteine aus dem 18. bis 20.Jahrhundert die Zeiten überdauert.

Jüdischer Friedhof (Aufn. S., 2013, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Die ersten sog. „Stolpersteine“ in Unterfranken wurden 2003 in Ostheim verlegt; sie erinnern an das jüdische Ehepaar Neimaier, die bis 1938 als einzige jüdische Familie im Ort gelebt hatte. Nach dem Novemberpogrom war sie nach Marktbreit übergesiedelt; vor dort erfolgte ihre Deportation nach Theresienstadt.

 

Weitere Informationen:

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 111

Michael Trüger, Der jüdische Friedhof in Oberwaldbehrungen, in: Der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, 11. Jg., No. 69/1996, S. 18

Angaben aus der Dorfchronik

Oberwaldbehrungen mit Ostheim vor der Rhön, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Dirk Rosenstock (Bearb.), Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle, in: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13, Würzburg 2008, S. 117/118

Lothar Mayer, Jüdische Friedhöfe in Unterfranken. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2010, S. 142 − 145

Reinhold Albert, Jüdische Friedhöfe im Landkreis Rhön-Grabfeld, in: Schriftenreihe der Kulturagentur des Landkreises Rhön-Grabfeld, Heft 1/2015