Obernbreit (Unterfranken/Bayern)

Datei:Obernbreit in KT.svg Obernbreit ist heute ein Markt mit derzeit ca. 1.700 Einwohnern im unterfränkischen Landkreis Kitzingen und Mitglied der Verwaltungsgemeinschaft Marktbreit - ca. 25 Kilometer südlich von Würzburg gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Ansiedlungen von Juden in Obernbreit gab es vermutlich seit der ersten Hälfte des 16.Jahrhunderts; darauf deuten von der Ortsherrschaft ausgestellte Schutzbriefe aus den 1530er Jahren hin. Nach zwischenzeitlicher Vertreibung konnte sich der erste Jude hier 1688 wieder ansässig machen; weitere Familien folgten bald nach; sie waren mit Schutzbriefen des Markgrafen von Brandenburg-Ansbach ausgestattet. Bereits in der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts bildete sich eine Gemeinde, deren Angehörigenzahl bis ins 19.Jahrhunderts hinein langsam, aber stetig anwuchs.

Neben einem Schulhaus gehörte eine 1748 erbaute schlichte Synagoge in der früheren Judengasse, der heutigen Kirchgasse, zu den gemeindlichen Einrichtungen; zudem eine Mikwe, die sich etwa zehn Meter unterhalb des Gebäudes befand.

  Ehem. Synagoge (älteste bekannte Abb. aus dem Jahre 1927)

Verstorbene Juden aus Obernbreit wurden auf dem großen jüdischen Verbandsfriedhof in Rödelsee bzw. in Allersheim beerdigt, der auch von zahlreichen anderen Ortschaften genutzt wurde. [vgl. Allersheim (Bayern)]

Die Gemeinde Obernbreit gehörte zum Distriktrabbinat Kitzingen.

Juden in Obernbreit:

        --- um 1690 .................... eine jüdische Familie,

    --- 1714 .......................   6     “        “   n,

    --- 1796 .......................   6     “        “    ,

    --- 1813 ....................... 122 Juden (ca. 11% d. Bevölk.)

    --- 1832 ....................... 157   “   (ca. 12% d. Bevölk.),

    --- 1867 ....................... 126   “   (ca. 9% d. Bevölk.),

    --- 1875 .......................  98   “   (ca. 7% d. Bevölk.),

    --- 1890 .......................  52   “  ,

    --- 1900 .......................  28   “  ,

    --- 1910 .......................  20   “  ,

    --- 1925 .......................  12   “  ,

--- 1933 .......................   9   “  ,

--- 1942 (Mai) .................   4   “  .

Angaben aus: Werner Steinhauser, Juden in und um Prichsenstadt, Selbstverlag, Prichsenstadt 2002, S. 12

Bei der Erstellung der Matrikel (1817) sind für Obernbreit insgesamt 27 jüdische Familienvorstände genannt. Viehhandel bzw. „Viehschmusen“ und Ellenwarenhandel waren damals die Haupterwerbsquellen der Obernbreiter Juden. In den ersten Jahrzehnten des 19.Jahrhunderts erreichte die israelitische Gemeinde in Obernbreit ihren zahlenmäßig personellen Höchststand. Mit der Abwanderung in verkehrsmäßig günstiger gelegene Orte, die bessere ökonomische Möglichkeiten boten, begann ab den 1860er Jahren der allmähliche Niedergang der Gemeinde.

Religiös-rituelle Aufgaben der Gemeinde besorgte ein angestellter Religionslehrer. Prägende Persönlichkeit unter den Lehrern im 19. Jahrhundert war Raphael Fränkel, der fast sechs Jahrzehnte in Obernbreit tätig war.

      Anzeigen aus der Zeitschrift "Der Israelit" von 1894/1901

Um 1900/1905 war die Landflucht schon so weit fortgeschritten, dass kein Minjan mehr zustande kam. Wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg löste sich die jüdische Gemeinde in Obernbreit offiziell auf; das Synagogengebäude wurde verkauft und dann als Werkstatt/Lager genutzt.

                                                   Anzeige aus der Zeitschrift „Der Israelit“ (April 1911) 

Im Dorf verblieben nur noch sehr wenige Juden, die nun der Kultusgemeinde Marktbreit angeschlossen waren. Die letzten drei Gemeindemitglieder verbrachten die NS-Behörden im Sommer 1942 nach Würzburg; von hier aus erfolgte ihre Deportation nach Theresienstadt.

Die ehemaligen Synagogen- und Schulgebäude sind heute noch erhalten und wurden jahrzehntelang zu Wohn- und Gewerbezwecken genutzt. 2005 gründete sich der „Träger- und Förderverein ehemalige Synagoge Obernbreit“, der das Synagogengebäude erwerben, rekonstruieren und für Begegnungen nutzen wollte; 2013 wurden die umfangreichen Restaurierungsarbeiten abgeschlossen und das Synagogengebäude als „Ort des Erinnerns, des Gedenkens und der Begegnung“ wieder eingeweiht. Ein Jahr später erhielt der Träger- und Förderverein für seine vorbildliche Arbeit die Bayrische Denkmalschutzmedaille verliehen.

 

restauriertes Synagogengebäude (Aufn. Friedrich Heidecker, 2013)

An der Außenwand des ehemaligen Synagogengebäudes erinnert heute noch ein Hochzeitsstein an die einstige Nutzung des Hauses.

  Chuppastein am ehem. Synagogengebäude* (Aufn. Friedrich Heidecker)

* Text der Inschrift: „Stimme des Jubels und Stimme der Freude - Stimme des Bräutigams und Stimme der Braut“ sowie die Jahreszahl (5)508 = 1747/1748 und im Zentrum des Steins „Masel Tow“ („Gut Glück“).

Das rituelle Bad (Mikwe) - es war unter der Synagoge in knapp zehn Meter Tiefe verschüttet - wurde erst bei einer Bauaufnahme entdeckt und freigelegt; über 40 Stufen erreicht man das Wasserniveau der Mikwenanlage.

                                Abgang zur Mikwe (Aufn. Bjs, 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Weitere Informationen:

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1979, S. 380

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern, Hrg. Bayr. Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 110

Webseite des Träger- und Fördervereines ehemalige Synagoge Obernbreit (2008)

N.N. (Red.), Neues Leben in der Synagoge - Das 260 Jahre alte Gebäude soll ein Raum für kulturelle Begegnungen werden, in: "Main-Post" vom 15.6.2008

Dirk Rosenstock (Bearb.), Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle, in: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg, Band 13, Würzburg 2008, S. 198  

Obernbreit, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Hans-Peter Süss, Jüdische Archäologie im nördlichen Bayern. Franken und Oberfranken, in: Arbeiten zur Archäologie Süddeutschlands, Bd. 25, Verlag Dr. Faustus, Büchenbach 2010, S. 102 - 104 

Robert Haaß (Red.), Obernbreit. 300.000 Euro für die Sanierung der Synagoge, in: „Main-Post“, Febr. 2012

Robert Haaß (Red.), Ehemalige Synagoge wird zum Ort des Erinnerns, in: „Main-Post“ vom 23.9.2013

Die ehemalige Synagoge Obernbreit - ein Ort des Erinnern und der Begegnung, hrg. vom Markt Obernbreit und Träger- und Förderverein ehemalige Synagoge Obernbreit e.V., Obernbreit 2013 (verschiedene Aufsätze)

Israel Schwierz, Begegnungen in Obernbreit. Ehemalige Synagoge wird Ort des Erinnerns, in: „Jüdische Allgemeine“ vom 17.10.2013

Träger- und Förderverein Ehemalige Synagoge Obernbreit e.V. (Hrg.), Geschichtliches und aktuelle Informationen, in: synagoge-obernbreit.de

Robert Haaß (Red.), Ganz Obernbreit ist stolz (Denkmalschutzmedaille für Friedrich Heidecker), in: franken.de vom 22.5.2014

Hartmut Hess (Red.), Obernbreit: Geduldet, verachtet und verjagt, in: „Main-Post“ vom 1.6.2014

Robert Haaß (Red.), 270 Jahre ehemalige Synagoge Obernbreit, in: infranken.de vom18.6.2018