Neustadtgödens/Ostfriesland (Niedersachsen)

Neustadtgödens ist heute ein Ortsteil von Sande (Landkreis Friesland) - nur wenige Kilometer von Wilhelmshaven gelegen.

Abb. O., 2007, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0

In Neustadtgödens siedelten sich um 1640 die ersten jüdischen Familien an. Der als Sielhafen gegründete ostfriesische Flecken hatte sich zu einem Handelsplatz entwickelt. Schutzbriefe der Freiherren von Frydag - sie liefen über einen relativ langen Zeitraum - sicherten ihnen bestimmte Handelsprivilegien und Bewegungsfreiheit zu; daneben war ihnen das Recht auf die Errichtung eigener Betstuben und Begräbnisplätze verbrieft. Bis Ende des 17.Jahrhunderts nahm die Zahl der jüdischen Familien deutlich zu, sodass sich eine Gemeinde herausbilden konnte. Ihre Angehörigen - zumeist in recht armseligen Verhältnissen lebend - verdienten ihren Lebensunterhalt mit dem Schlachtgewerbe und im Teehandel; einige lebten vom Altkleiderhandel. In den ersten Jahrzehnten des 19.Jahrhunderts betrug der Anteil der jüdischen Bevölkerung ungefähr 15% der Gesamtbevölkerung; diese Quote erhöhte sich bis Mitte des Jahrhunderts auf fast 25%.

Die erste schriftliche Erwähnung einer Synagoge („Israeliten Kirch“) in Neustadtgödens stammt aus dem Jahre 1752. Mit dem Wachstum der Zahl der Gemeindeangehörigen wurde der Bau einer größeren Synagoge notwendig; realisiert wurde der Neubau 1852/1853 auf einem schmalen Grundstück zwischen Häusern.

  http://www.alemannia-judaica.de/images/Niedersachsen/Neustadtgoedens%20Synagoge%20011.jpg

Synagoge in Neustadtgödens (hist. Aufn., um 1910, aus: E. Hegenscheid, Frisia Judaica)

Bis 1902 diente die Synagoge auch den in Wilhelmshaven lebenden Juden als Gotteshaus. Neben der Synagoge besaß die jüdische Gemeinde auch eine Schule und eine Mikwe; letztere wurde aber bereits Anfang des 20.Jahrhunderts nicht mehr genutzt. Die jüdische Schule hatte seit Anfang der 1830er Jahre den Status einer staatlichen Elementarschule; sie bestand in dieser Form bis in die Anfangsjahre der Weimarer Republik; dann musste sie wegen Schülermangels aufgegeben werden.

 

Stellenangebote der Gemeinde aus: „Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 11.Juni 1878 und vom Februar 1882

Trotz stark rückläufiger Schülerzahl war - noch 1907 - der Fortbestand der jüdischen Elementarschule gesichert:

 aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 6.Juni 1907 

Während des Ersten Weltkrieges soll der katholische Ortsgeistliche auch den jüdischen Kindern Unterricht erteilt haben; im Fache Religion war es ein jüdischer Lehrer aus der Umgebung.

Älteste Gemeindeeinrichtung der Judenschaft von Neustadtgödens war der 1708 angelegte Friedhof auf dem sog. Maanlande an der Landstraße nach Gödens; das Gelände dafür hatte die damalige Herrschaft, der Graf Burchard Philipp von Frydag, seinen jüdischen Untertanen zur Verfügung gestellt. Die ältesten heute noch vorhandenen Grabmale stammen aus der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts.

  alte Grabsteine (Aufn. Dieter Peters, 2007)

Als Begräbnisstätte hatte zuvor der alte jüdische Friedhof in Wittmund gedient.

Die Gemeinde gehörte im beginnenden 20.Jahrhundert zum Landrabbinatsbezirk Emden.

Juden in Neustadtgödens:

       --- um 1640 ......................   3 jüdische Haushalte,

    --- 1694 .........................  11     “       “     ,

    --- 1708 .........................  14     “       “     ,

    --- 1737 .........................  46 Juden (ca. 8% d. Bevölk.),

    --- 1749 .........................  63   "   (ca. 10% d. Bevölk.)

    --- 1802 ......................... 100   “  ,

    --- 1828 ......................... 129   “  ,

    --- 1836 ......................... 115   “  ,

    --- 1848 ......................... 197   “   (ca. 24% d. Bevölk.),

    --- 1867 ......................... 186   “  ,

    --- 1878 ......................... 196   “  ,

    --- 1887 ......................... 130   “  ,

    --- 1909 .........................  83   “  ,

    --- 1922/25 ......................  25   “  ,

    --- 1938/39 ......................   8   “  ,

    --- 1942 .........................   ein “ ().

Angaben aus: Enno Hegenscheid/Achim Knöfel, Die Synagoge Neustadtgödens

Anfang der 1780er Jahre kam es in Gödens zu pogromartigen Ausschreitungen; vordergründig machten die Bauern religiöse Motive geltend, doch waren wirtschaftliche Interessen für das judenfeindliche Verhalten ausschlaggebend: viele neideten den Juden ihr Monopol im Pferde- und Viehhandel. Nach 1870/1880 wanderten jüdische Familien verstärkt aus Neustadtgödens ab; sie zogen in ökonomisch attraktivere Städte, darunter auch in die aufstrebende neue Stadt Wilhelmshaven mit ihrem Kriegshafen.

Innerhalb weniger Jahrzehnte war die Judenschaft in Neustadtgödens auf wenige Familien zusammengeschrumpft. Zu Beginn der NS-Zeit lebten gerade noch 10 bis 15 Juden in Neustadtgödens. Da die wenigen Gemeindemitglieder ihre Synagoge nicht mehr unterhalten konnten und auch die Zahl der für einen Gottesdienst benötigten Männer nicht mehr gegeben war, wurde das Gebäude im Frühjahr 1936 aufgegeben; der letzte Gottesdienst wurde am 15.März 1936 hier abgehalten. Im „Israelitischen Familienblatt” vom 9.April 1936 hieß es:

Neustadt-Gödens, Abschied von einem Gotteshaus

In der Synagoge zu Neustadt-Gödens fand die Abschiedsfeier von diesem ehrwürdigen Gotteshaus statt, das wegen Baufälligkeit geschlossen werden muß. Die Gemeinde Neustadt-Gödens, die älteste Synagogengemeinde Ostfrieslands, ist heute auf ganz wenige Mitglieder zusammengeschmolzen. Trotzdem war die Synagoge bei diesem Gottesdienst bis auf den letzten Platz gefüllt; viele Freunde und ehemalige Gemeindemitglieder hatten sich eingefunden. Landesrabbiner Dr. Blum (Emden) sprach über Psalm 43,5. Der Synagogenchor aus Jever, unter Leitung von Lehrer Hertog, umrahmte die Feier mit Gesängen; Schofartöne schlossen die ernste Feier.                                 

Obwohl kaum noch jüdische Bewohner am Ort lebten und auch das Synagogengebäude seit Jahren nicht mehr als solches genutzt worden war, kam es auch in Neustadtgödens im November 1938 zu Ausschreitungen, die von der SA-Führung in Emden angeordnet worden waren. Auf die Zerstörung der Synagoge wurde verzichtet, da das Gebäude inzwischen in „arischen“ Händen war. Die wenigen jüdischen Einwohner und elf Juden vom landwirtschaftlichem Lehrbetrieb für auswanderungswillige Juden im „Horster Grashaus” wurden festgenommen; während die Frauen bald wieder auf freien Fuß gesetzt wurden, transportierte man die Männer nach Oldenburg, von wo sie ins KZ Sachsenhausen verschleppt wurden. Kurz vor Kriegsbeginn lebten nur noch acht jüdische Bewohner im Ort. Außer einem, der „in Mischehe“ lebte, wurden alle bis Ende 1941 aus Neustadtgödens deportiert; aber auch dieser letzte wurde noch Anfang 1945 (!) nach Theresienstadt abtransportiert; er überlebte und kehrte in seinen Heimatort zurück.

In den Jahrzehnten nach dem Kriege diente das einstige Synagogengebäude dann verschiedensten Zwecken, so als Wohngebäude und als Feuerwehrgerätehaus. In den 1980er Jahren stellten die Kommune und andere öffentliche Träger Finanzmittel zur Verfügung, um die ehemalige Synagoge Neustadtgödens – das einzig erhalten gebliebene Synagogengebäude Ostfrieslands - als Bau- und Kulturdenkmal zu erhalten. 1988 war dann die Sanierung abgeschlossen. In dem nun von einem Privatmann genutzten Gebäude war bis 2002 eine Galerie untergebracht. Seit 2015 steht das Gebäude als „Ort der Erinnerung“ wieder der Öffentlichkeit zur Verfügung; das Erdgeschoss ist als Informationsstätte eingerichtet.

Front der ehem. Synagoge (Aufn. Uwe Karwath, 2015, aus: wikipedia.org CC BY-SA 3.0)

Im Museum, dem ehemaligen Landrichterhaus, findet sich die Dokumentation „Jüdische Nachbarn“, die sich mit dem Zusammenleben von Juden und Nichtjuden in Neustadtgödens beschäftigt.

Anlässlich des 80.Jahrestages der Reichspogromnacht wurde im Gebäude eine Gedenktafel angebracht.

Auf dem zwischen Neustadtgödens und Gödens gelegenen jüdischen Friedhof stehen heute wieder etwa 85 Grabsteine. Denn während der Kriegsjahre waren die Grabsteine abgeräumt und angeblich zur Erstellung von Panzersperren benutzt worden. Nach 1945 wurden die Steine auf das angestammte Areal zurückgebracht; doch markieren sie heute nicht mehr exakt die Lage der dazugehörenden Gräber.

 

Jüdischer Friedhof (Aufn. p., 2007 und Matthias Süßen, 2007, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Weitere Informationen:

Zvi Asaria, Die Juden in Niedersachsen von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart, Verlag Gerhard Rautenberg, Leer Ostfriesland 1979

Enno Hegenscheid/Achim Knöfel, Die Synagoge Neustadtgödens, in: Enno Meyer (Hrg.), Die Synagogen des Oldenburger Landes, Heinz Holzberg Verlag, Oldenburg 1988, S. 122 - 141

Enno Hegenscheid, Das Entstehen der Synagogengemeinde Neustadtgödens und der Pogrom von 1782, in: H.Reyer/M.Tielke (Hrg.), Frisia Judaica. Beiträge zur Geschichte der Juden in Ostfriesland, Aurich 1988, S. 97 - 112

Enno Hegenscheid/Achim Knöfel, Die Juden in Neustadtgödens. Das Entstehen der Synagogengemeinde, ihr Leben und Wirken, der Aufstieg und Untergang, Neustadtgödens 1988

Albert Marx, Geschichte der Juden in Niedersachsen, Sonderausgabe für die Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung, Hannover 1995

Werner Teuber, Jüdische Viehhändler in Ostfriesland und im nördlichen Emsland 1871 – 1942. Eine vergleichende Studie zu einer jüdischen Berufsgruppe in zwei wirtschaftlich und konfessionell unterschiedlichen Regionen, in: Schriften des Instituts für Geschichte und Historische Landesforschung, Band 4, Cloppenburg 1995

Herbert Obenaus (Hrg.), Landjuden in Nordwestdeutschland. Vorträge des Arbeitskreises Geschichte der Juden in der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen, Hannover 2005

Karl-Heinz Wall, Stätten der Erinnerung: Die ehemalige Synagoge in Neustadtgödens, in: ‘Unser Ostfriesland’ 10/2005

Werner Vahlenkamp (Bearb.), Neustadtgödens, in: Herbert Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, Band 2, S. 1099 – 1104

Silke Ahrends, Der Glaube lebt in fünf Häusern. Neustadtgödens gehörte ..., in: Zeitschrift für Land und Inseln zwischen Dollart und Jadebusen, Heft 3/2013, S. 70 - 77

Sande – Neustadtgödens: Ehemalige Synagoge, in: Gröschler-Haus - Zentrum für jüdische Geschichte und Zeitgeschichte der Region Friesland / Wilhelmshaven (Hrg.), online abrufbar unter: groeschlerhaus.eu

Hartmut Peters (Bearb.), Sande-Neustadtgödens: Die Synagoge von 1852 und die jüdische Gemeinde in der NS-Zeit, hrg. vom Gröschlerhaus, online abrufbar unter: groeschlerhaus.eu/erinnerungsorte/sande/sande-neustadtgoedens-die-synagoge-der-pogrom-von-1938-und-die-opfer/

Schlossmuseum Jever (Hrg.), Die Synagoge von Neustadtgödens - ein Erinnerungsort, online abrufbar unter: schlossmuseum.de/ueber-uns/kulturverbund-friesland/synagoge-von-neustadtgoedens

Stephan Horschitz (Red.), NEUSTADTGÖDENS - Novemberpogrome 1938 in Niedersachsen, Hrg. Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten, online abrufbar unter: pogrome1938-niedersachsen.de/neustadtgoedens/

N.N. (Red.), Mahnung und Erinnerung in Neustadtgödens, in: "Friesisches Tageblatt" vom 7.11.2018