Mönchsdeggingen/Schwaben (Bayern)

Datei:Mönchsdeggingen in DON.svg Mönchsdeggingen ist eine kleine Kommune mit derzeit ca. 1.500 Einwohnern im schwäbischen Landkreis Donau-Ries und Mitglied der Verwaltungsgemeinschaft Ries mit Sitz in Nördlingen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Die ersten jüdischen Familien siedelten sich in Deggingen in den 1680er Jahren an, nachdem diese aus Höchstädt vertrieben worden waren. In der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts soll Mönchsdeggingen eine blühende jüdische Gemeinde besessen haben.

Vom Pfarrer aus dem nahen Ort Untermagerbein stammt eine 1838 verfasste Beschreibung der jüdischen Gemeinde von Mönchsdeggingen:

Untermagerbein, Juli. (Privatmitth. Verspätet). Da es mit zu Ihrem Zwecke gehört dasjenige zu veröffentlichen, was zu Beförderung des Lichtes und Hebung der Religiosität von einzelnen Männern, oder ganzen Gemeinden Ihrer Glaubensgenossen geschehen ist, so bin ich so frei Ihnen, zu diesem Zwecke, einige Mittheilungen über das Wirken der israelitischen Gemeindezu Mönchsdeggingen, im Fürstenthum Wallerstein, zu machen, deren Synagoge und Schule (der Ort ist nur eine halbe Stunde von hier entfernt und der geprüfte Religions- und Elementarlehrer gehört zu einer Fortbildungsanstalt, deren Vorstand ich bin), ich schon mehrmals besucht habe. - Die vor 12 Jahren, von der, aus 53 Familien bestehenden Gemeinde neu erbaute Synagoge ist ein würdiger Tempel des Herrn, den die Gemeinde nur erst vor einem Jahre mit einer sehr geschmackvollen Chorgallerie geschmückt hat. Der Sängerchor ist trefflich eingeübt und der Gottesdienst von den alten, unpassenden Gebräuchen gereinigt. Vorträge in deutscher Sprache werden schon seit zwanzig Jahren gehalten. - Die Schule ist durch die Bemühungen des wackern Lehrers, Herrn Levi Hochstädter, welchen die Gemeinde schon seit zwanzig Jahren mit 300 fl. (Anm.: Gulden) besoldete, im schönsten Flore. Eben so erfreulich, als die Kenntnisse der Schüler, ist ihr gesundes Aussehen, ihre große Reinlichkeit und ihr wohlgesittetes, artiges Betragen. - Durch viele milde Stiftungen ist für die Armen, und durch einen neuen, 1.400 fl. kostenden Friedhof für die Gestorbenen gesorgt.

Stiller, Senior und Pfarrer.

 (aus: „Allgemeine Zeitung des Judentums“ vom 31. Aug. 1839)

Als Synagoge diente den hier lebenden Juden zunächst ein Raum in einem Fachwerkhaus, ehe sie 1734 einen Synagogenneubau in der Albstraße errichteten. Dieser wurde fast 100 Jahre genutzt und 1828 durch einen Neubau an gleicher Stelle ersetzt. In der Albstraße befand sich auch das jüdische Schulgebäude (das Haus dient heute als Rathaus und Fremdenverkehrsbüro).

Zur Besorgung religiöser Aufgaben war seitens der Gemeinde ein Lehrer verpflichtet, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20322/Moenchsdeggingen%20AZJ%2016101848.jpg aus: „Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 16.Okt. 1848

Aus dem Jahre 1841 stammt das rituelle Frauenbad in der Alemannenstraße.

 

      Mikwe in Mönchsdeggingen, rechts: Eingang zur ehem. Mikwe (Aufn. Helene Kränzlein 2005) 

Das Gebäude dient heute der Kommune Mönchsdeggingen als Museum.

Zunächst wurden verstorbene Gemeindeangehörige in Harburg beigesetzt. Ein eigenes Begräbnisareal an der Magerbeiner Steige, in Richtung Bissingen, stand der jüdischen Gemeinde Deggingen seit 1832/1833 zur Verfügung; es wurde bis zur Auflösung der Gemeinde um 1880 genutzt. Auf dem Friedhof befindet sich bis auf den heutigen Tag ein relativ großes Taharahaus.

Juden in Mönchsdeggingen:

         --- 1686 .........................  3 jüdische Familien,

    --- 1717 ......................... 14     “       “    ,

    --- 1735 ......................... 25     “       “    ,

    --- um 1760 ...................... 30     “       “    ,

    --- um 1790 ...................... 34     “       “    ,

    --- 1806 ......................... 40     “       “    ,

    --- 1833 ......................... 51 jüdische Haushaltungen,

    --- 1880 ......................... keine.

Angaben aus: Ludwig Müller, Aus fünf Jahrhunderten: Beiträge zur Geschichte der jüdischen Gemeinden im Ries, S. 177

In Mönchsdeggingen lebten weit über den Ort hinaus bekannte Getreide- und Lederhändler, die monopolartig diese Wirtschaftsbereiche im Ries bestimmten. In den 1860/1870er Jahren verließen fast alle jüdischen Familien das verkehrstechnisch ins Abseits geratene Mönchsdeggingen, um sich im nahen Nördlingen niederzulassen. Um 1880 gab es hier bereits keine Kultusgemeinde mehr. Das Synagogengebäude wurde 1882 veräußert und wenig später abgebrochen.

   Ehem. (erstes) Synagogengebäude (Aufn. GFreihalter, 2010, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Eine Gedenktafel erinnert am ehemaligen ersten Synagogengebäude an dessen einstige Nutzung; die Inschrift der Tafel lautet:

In diesem 1542 erbauten Hause befand sich von 1684 bis 1734 die erste Synagoge

der im Jahre 1879 aufgelösten israelitischen Kultusgemeinde Deggingen.

Von der zweiten und dritten Synagoge gibt es heute keine Überreste mehr; an deren Stelle befindet sich heute ein Gartengelände; seit 2005 erinnert ein unscheinbarer Gedenkstein an das einst hier befindliche Gotteshaus:

In diesem Obstgarten Hs. Nr. 52 alter Ordnung

stand von 1734 bis 1828 die zweite und von 1828 bis 1879 die dritte Synagoge

der im letztgenannten Jahre aufgelösten Israelitischen Kultusgemeinde Deggingen.

jüdischer Friedhof in Mönchsdeggingen (Aufn. GFreihalter, 2010, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Der jüdische Friedhof - mit Taharahaus und seinen fast 150 Grabsteinen - ist erhalten geblieben, da das Gelände während der NS-Zeit nicht zerstört wurde. Der ortsansässige evangelische Kirchendiener Johann Friedrich Wiedemann hatte nämlich das Friedhofsgelände 1939 käuflich erworben. Eine Erinnerungstafel am Taharahaus erinnert heute an J.F.Wiedemann.

Hier am ehemaligen Ritualbad (Mikwe) erinnern wir an

JOHANN FRIEDRICH WIEDEMANN * 1897

Er hat den jüdischen Friedhof Mönchsdeggingen am 27.6.1939 der israelitischen Kultusgemeinde abgekauft und ihn so vor der geplanten Zerstörung durch die Nationalsozialisten bewahrt. Herr Wiedemann betreute als Christ die letzte Ruhestätte der Juden und pflegte ihr Andenken bis zu seinem Tod 1991

         Evang. Bildungswerk                                      Gemeinde Mönchsdeggingen                          Deutsch-Israelische Gesellschaft

         Heidenheim/Brenz                                                       8.Mai 1994                                                    Heidenheim/Brenz

                               

   alte Grabsteine auf dem Friedhof in Mönchsdeggingen (Aufn. R. Hofmann, 1997, aus: HarburgProjekt)

[vgl. Nördlingen (Bayern)]

Weitere Informationen:

Ludwig Müller, Aus fünf Jahrhunderten: Beiträge zur Geschichte der jüdischen Gemeinden im Ries, in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben und Neuburg, Jahrgänge 1899/1900

Johann Friedrich Wiedemann, 200 Jahre Israelitische Kultusgemeinde Mönchsdeggingen 1684 - 1879, in: Nordschwaben - Zeitschrift für Landschaft, Geschichte, Kultur und Zeitgeschehen, Heft 1/1980, S. 38 f.

Martina Illian, Judengemeinde und Judenfriedhof von Mönchsdeggingen, in: Rieser Kulturtage, Dokumentation Band VI/1986

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern - Eine Dokumentation, Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, 2.Aufl., München 1992, S. 269 - 271

Peter Hirsch/Billie Ann Lopez, Reiseführer durch das jüdische Deutschland, Verlag Roman Kovar, München 1995, S. 171/72 und S. 222/223

Ein fast normales Leben - Erinnerungen an die jüdischen Gemeinden Schwabens. Ausstellungskatalog der Stiftung Jüdisches Kulturmuseum Augsburg- Schwaben, Augsburg 1995, S. 60

Theodor Harburger, Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, Band 3: Markt Berolzheim - Zeckendorf, Hrg. Jüdisches Museum Franken - Fürth & Schnaiitach, Fürth 1998, S. 389 - 393

Martina Illian-Wörle, Der jüdische Friedhof von Mönchsdeggingen, in: Rieser Kulturtage, Dokumentation Band 13/2000

Dietrich Bösenberg, Jüdische Friedhöfe im Ries (Aufsatz), Maschinenmanuskript (o.J.)

A. Hager/H.-Chr. Haas, Harburg, in: Mehr als Steine ... Synagogengedenkband Bayern, Band 1, Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2007, S. 461 ff. (einige Angaben zu Mönchsdeggingen sind unter: „Harburg“ S. 461 – 465 zu finden) 

Mönchsdeggingen, in: alemannia-judaica.de (mit Text- u. Bilddokumenten zur jüdischen Ortshistorie)