Meran/Südtirol (Italien)

Übersichtskarte von Südtirol Karte von Südtirol (Abb. aus: L., 2009, wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

In der Stadt Meran - bis 1918 zur Habsburger Monarchie gehörig - lebten vor 1943 die meisten Juden Südtirols; heute zählt die hier bestehende Kultusgemeinde zu den jüdischen Kleinstgemeinschaften.

Die ersten Spuren jüdischen Lebens in Südtirol reichen bis Ende des 13.Jahrhunderts zurück; so waren die wenigen namentlich bekannten Juden im Geldgeschäft tätig. Doch siedelten sich Juden hier nicht dauerhaft an, weil Innsbruck größere Anziehungskraft für jüdische Händler besaß.

Statt Meran (Merian).jpg

Die Stadt Meran auf einem Stich von M. Merian, um 1580 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Erst in den 1830er Jahren ließen sich die ersten jüdischen Kaufleute aus Mittel- und Osteuropa dauerhaft in Meran nieder; eine deutliche Zuwanderung in den rasch wachsenden Kurort erfolgte in den 1870er Jahren, als immer mehr jüdische Restaurant- und Pensionsbetreiber, Kaufleute, Handwerker, Ärzte und Rechtsanwälte sich im Ort niederließen; sie hatten sich hier mit Diffamierungen und antijüdischen Vorurteilen - besonders durch die beiden klerikalen Zeitungen „Der Burggräfler“ und das „Tiroler Volksblatt“ gepflegt – auseinanderzusetzen.

Eine „Kultuskooperation“ (mit Dr. Yehoshua Grunwald an der Spitze) konstituierte sich in Meran erst Ende des 19.Jahrhunderts; offiziell gründete sich eine Kultusgemeinde aber erst im Jahre 1921, als Südtirol bereits dem italienischen Staatsgebiet angegliedert war (die österreichischen Behörden hatten stets eine Autonomie verweigert).

1901 wurde dank der Bemühungen der jüdischen Gemeinde und der Königswarter-Stiftung in dem ehemaligen „Greutendamm“, der heutigen Schillerstraße, eine eigene Synagoge im neoklassizistischen Stil errichtet. Die feierliche Einweihung nahm der damalige Hohenemser (und spätere Meraner) Rabbiner Aaron Tänzer vor. Zudem anwesend waren Mitglieder der Meraner Königswarter-Stiftung, darunter die Kurärzte Julius Stein, Max Koref, David Kaufer, Alfred Lustig und Max Bermann, der Ehrenpräsident der Königswarter-Stiftung Kurarzt Raphael Hausmann aus Breslau und ihr Präsident Bankier Friedrich Stransky; letzterer hob in seiner Eröffnungsrede hervor, dass nur Dank großzügiger Spenden aus ganz Europa die Errichtung der Meraner Synagoge ermöglicht wurde.

Das nach Osten ausgerichtete Langhaus bestand aus einem einzigen Raum mit einem Emporen-Geschoss im zweiten Stock.

  Synagoge Meran am Tage der Einweihung (hist. Aufn. 1901)

   Synagoge/Jüdisches Museum Schillerstraße (Aufn. aus: gedenkorte-europa.de, um 2010)

Hinter dem Meraner Bahnhof wurde 1907 der neue jüdische Friedhof angelegt; umgeben von einer Mauer grenzte sich das Gelände von der ebenfalls neu geschaffenen kommunalen Begräbnisstätte ab.

... Die Tätigkeit der jüdischen Kultusgemeinde wurde Ende des 19. Jh. bis in die 1930er Jahre von einem wachsenden jüdischen Tourismus begleitet, der für Meran infolge seiner Verbindung mit der jüdischen Kulturwelt Wiens und Mitteleuropas auch wichtige geistige Impulse und viele bekannte Namen (z.B. Franz Kafka) brachte und somit zu ihrem Ansehen als internationale Kurstadt beitrug.” (aus: Karl Heinz Burmeister/Frederico Steinhaus, Beiträge zur Geschichte der jüdischen Kultusgemeinde von Meran)

http://static3.akpool.de/images/cards/13/131778.jpg Meran auf einer hist. Postkarte, um 1910

Eine für die Region wirtschaftlich bedeutende jüdische Familie war die Familie Schwarz, die für den ökonomischen Aufschwung und die Infrastruktur Südtirols Pionierarbeit leistete. Daneben sind auch die Gebrüder Biedermann und die Familie Bermann zu nennen, die im Bankwesen bzw. in der Gastronomie für Meran als Kurort einen wichtigen Beitrag leisteten.

h99_012 

Geschäft/Bank der Gebr. Biedermann (hist. Aufn., Stadtmuseum Meran) und Geschäftsanzeige

Eigenständig wurde die Meraner Gemeinde erst Ende des Jahres 1921, nachdem die völkerrechtlichen Aspekte der Übernahme Südtirols durch Italien geklärt waren.

In den 1920er Jahren setzte sich die jüdische Gemeinde aus ca. 50 Familien zusammen; ihren Lebensunterhalt bestritten diese zumeist vom Handel, im Hotelgewerbe und in medizinischen Berufen. Innerhalb nur eines Jahrzehnts vergrößerte sich die Zahl der hier lebenden Juden auf mehr als 500 Personen (in mehr als 150 Familien).

https://www.barfuss.it/files/public/styles/node_story_image_fullwidth/public/field_imageblock_image_fullwidth/story/foto_05_1.jpg?itok=mHsBGQhS Orthodoxe Juden in Meran (hist. Aufn., aus: barfuss.it)

Auf dem Höhepunkt der Entwicklung lebten in Meran knapp 1.000 Juden. Die meisten waren als Ärzte, Kaufleute, Intellektuelle und Künstler aus Deutschland und der einstigen Habsburger Donaumonarchie eingewandert, einige kamen aber auch aus Osteuropa.

Nach 1938 gehörte Meran zu den Städten, in denen jüdische Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland vorübergehend Zuflucht fanden; doch die Einführung antijüdischer Gesetzgebung in Italien (1939) beendete ihr Leben in scheinbarer Sicherheit. 1940 wurde ein Teil der noch in Meran lebenden Juden inhaftiert, einige Tage später aber wieder auf freien Fuß gesetzt. Wer nicht untertauchen konnte, wurde nun zur Zwangsarbeit eingesetzt. Unmittelbar nach dem Einmarsch der deutschen Truppen am 8.September 1943 begann die Jagd des Südtiroler Ordnungsdienstes (SOD) und des Sicherheitsdienstes auf die hier noch lebenden jüdischen Bewohner - darunter auch Menschen, die hier vor der nationalsozialistischen Verfolgung Zuflucht gefunden hatten; sie wurden inhaftiert und anschließend deportiert; über das Lager Reichenau (bei Innsbruck) führte ihr Leidensweg nach Auschwitz-Birkenau. Die verlassenen Wohnungen der deportierten Juden wurden geplündert, ihr Eigentum konfisziert. Mindestens 50 Juden aus Meran wurden Opfer des Holocaust.

Während der Kriegsjahre gab es in Meran einen Anlaufpunkt der „Brichah“, die zahlreichen Juden die Flucht nach Palästina ermöglichte. In den unmittelbaren Nachkriegsjahren 1945 – 1947 wurden in Meran etwa 15.000 jüdische Überlebende von israelitischen Hilfsorganisationen betreut und auf ihre bevorstehende Emigration vorbereitet. Nach Kriegsende gründeten jüdische Rückkehrer eine neue Gemeinde in Meran.

Im Innenhof des heutigen Gewerkschaftshauses in der Otto-Huber-Straße, dem damaligen Haus der faschistischen Jugend, erinnert ein 1947 errichtetes Denkmal an die Deportation der Meraner Juden.

Deportations-Denkmal (Aufn. Manfred K., 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Die Inschrift lautet in deutscher Übersetzung: „Im Keller dieses Hauses hat der Nazi-Eindringling, in seiner letzten vergeblichen Grausamkeit eines erschöpften Gegners, mit Hilfe einiger einheimischer fanatischen Elemente des SOD, 45 unschuldige Opfer - unter ihnen auch viele italienische Bürger, Frauen und kleine Kinder- verhaftet. Die unglücklichen Märtyrer, die niemals zurückkehren werden, haben das sterbliche, den Frieden und die Freiheit herbeisehnende Leben hinter sich gelassen, den freien Geist im ewigen Frieden von jeder Sklaverei loslösend. Meran 15. September 1943“

Den von den Nazis ermordeten 50 Meraner Juden wurde lange Zeit das Andenken verweigert: Sie tauchten in der Südtiroler Opferliste nicht auf. Die offizielle Geschichtsschreibung hüllte einen Mantel des Schweigens um die NS-Mittäterschaft und deren jüdische Opfer. Im Untergeschoss des Synagogengebäudes ist heute das Jüdische Museum Merans untergebracht, in dem Dokumente über die Geschichte der jüdischen Gemeinde ausgestellt sind. Besonderes Gewicht wird dabei auf das Geschehen des 19. und 20. Jahrhunderts gelegt, so vor allem auf die Zeit der Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Weiterhin werden hier Kultusobjekte von hohem kulturellen und historischen Wert aufbewahrt. 

Im Hof der Synagoge von Meran sind alle Shoa-Opfer namentlich auf einer steinernen Tafel verewigt.

 (Aufn. aus: gedenkorte-europa.eu)

Im Untergeschoss des Synagogengebäudes befindet sich das Jüdische Museum eingerichtet; dessen Einrichtung ist der Initiative des langjährigen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Meran, Frederico Steinhaus, zu verdanken.

Auf dem gemeinsam mit dem (neuen) kommunalen Friedhof errichteten jüdischen Begräbnisgelände – eingeweiht im Jahre 1907 – sind Gräber von ca. 650 Verstorbenen zu finden. Ein Gedenkstein erinnert namentlich an die Shoa-Opfer.

http://www.juedischegemeindemeran.com/slideshow/p044_1_1.jpg  https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/9/96/Meran_J%C3%BCdischer_Friedhof_Gedenkstein.jpg/220px-Meran_J%C3%BCdischer_Friedhof_Gedenkstein.jpg

Friedhofstor und Mahnmal (Aufn. aus: juedischegemeindemeran.com u. Manfred K., 2015, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Seit 2012 findet man in der Stadt ca. 30 sog. „Stolpersteine“, die hier ehemals ansässigen Opfern des Nationalsozialismus gewidmet sind; die meisten erinnern an Angehörige jüdischer Familien.

Meran Stolperstein Carlotta Zipper.jpg Meran Stolperstein Meta Benjamin Sarason.jpg Meran Stolperstein Geltrude Benjamin.jpg Meran Stolperstein Giovanna Gregori.jpg Stolperstein Jacob Augapfel Meran Goethestr. 15.jpg Meran Stolperstein Maurizio Götz.jpg Meran Stolperstein Emma Saphir Götz.jpg Meran Stolperstein Leopold Götz.jpg Aufn. Manfred K., 2015, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0

Gegenwärtig leben etwa 50 Personen mosaischen Glaubens in Meran.

 

Nach Meran, dem traditionellen Zentrum jüdischen Lebens in Südtirol, rangierte die Stadt Bozen als Wohn- und Aufenthaltsort für jüdische Familien nur an nachgeordneter Stelle. So hatten sich sich in der Landeshauptstadt - verglichen mit Meran - nur wenige jüdische Handelstreibende niedergelassen. Ende 1938 waren in der Provinz Boden insgesamt 938 Juden erfasst worden, davon 69 in der Stadt Bozen selbst (zumeist mit deutscher Staatsbürgerschaft).

Bis August 1939 hatte bereits ein Großteil der jüdischen Bevölkerung die Provinz Bozen verlassen; die wenigen verbliebenen Juden, die über die italienische Staatsbürgerschaft verfügten, lebten unauffällig und zurückgezogen.

Ab Sommer 1944 existierte in der Bozener Reschenstraße das sog. „Polizeiliche Durchgangslager“ für aus rassischen Gründen internierte Juden, Roma und Dissidenten; es löste damit das Lager Fossoli di Carpi (Modena) ab. Mehr als 11.000 Häftlinge wurden durch das Bozener Lager geschleust; von hier gingen mindestens 13 Transporte in Konzentrations- und Vernichtungslager ab. Unbekannt ist die Zahl derjenigen, die nicht mehr zurückkehrten.

2015 hat man in Bozen begonnen, sog. „Stolpersteine“ zu verlegen. Recherchiert werden konnten bislang die Namen von 25 jüdischen Opfern.

Stolpersteine für Familie Carpi in Bozen (Südtirol).JPG in Bozen verlegte Stolpersteine (Aufn. Stadtarchiv Bozen, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Weitere Informationen:

Aaron Tänzer: Die Geschichte der Königswarter-Stiftung in Meran 1872-1907, Meran 1907

Karl Heinz Burmeister/Frederico Steinhaus, Beiträge zur Geschichte der jüdischen Kultusgemeinde von Meran, Selbstverlag, Meran 1987

Pierre Genée, Synagogen in Österreich, Löcker Verlag, Wien 1992, S. 111

Frederico Steinhaus, Die jüdische Kultusgemeinde von Meran, Meran 1999

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust, New York 2001, Band 2, S. 811

Mateo Taibon, Vergessen – verdrängt. Das jüdische Südtirol, in: „pogrom – bedrohte Völker“, No. 221, 5/2002

Cinzia Villani, Zwischen Rassengesetzen und Deportation - Juden in Südtirol, im Trentino und in der Provinz Belluno 1933 - 1945, Bozen 2003

Dario Venegoni, Männer, Frauen und Kinder im Durchgangslager Bozen. Eine italienische Tragödie in 7.800 persönlichen Geschichten. Forschungsbericht, Mailand 2004

Juliane Wetzel (Red.), Deutsches Polizeihaft- und Durchgangslager Bozen/Bolzano-Gries, in: W. Benz/B. Distel (Hrg.), Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Band 9, Verlag C. H. Beck, München 2009

Jüdische Gemeinde Meran, Internetpräsentation in Wort und Bild, in: juedischegemeindemeran.com

Sabine Mayr/Hannes Obermaier (Red.), Sprechen über den Holocaust. Die jüdischen opfer in Bozen - eine vorläufige Bilanz, in: Der SCHLEM-Monatszeitschrift für Südtiroler Landeskunde. No. 88/2014, Heft 3, S. 4 – 36

Sabine Mayr/Hannes Obermaier, online als PDF-Datei abrufbar unter: gemeinde.bozen.it/UploadDocs/14262_Holocaust_BZ_2015_Stolpersteine_DEUTSCH_(2014)

Sabine Mayr, Jüdische Spuren in Meran, in: DAVID - Jüdische Kulturzeitschrift, Heft Nr. 99 (Dez. 2013)

Tina Walzer, Die Synagoge von Meran, in: DAVID - Jüdische Kulturzeitschrift, Heft Nr. 99 (Dez. 2013)

Joachim Innerhofer/Sabine Mayr, Mörderische Heimat. Verdrängte Lebensgeschichten jüdischer Familien in Bozen und Meran, Edition Raetia, hrg. vom Jüdischen Museum Meran, 2015

Heinz-Peter Katlewski (Red.), Die jüdische Gemeinde in Meran ist das Zentrum jüdischen Lebens in Südtirol, hrg. vom Zentralrat der Juden in Deutschland vom 29.5.2015

Auflistung der in Meran verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Meran

Auflistung der in Bozen verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Bozen

Bettina Gabbe (Red.), Fast vergessene Kurgäste – Verfolgung löschte die Spuren jüdischen Lebens in Südtirol fast völlig aus, in: „Jüdische Allgemeine“ vom 10.1.2016

Sabine Mayr/Joachim Innerhofer, Quando la patria uccice: Storie ritrovate di famiglie ebraiche in Aldo Adige (Die bewegte Geschichte der Südtiroler Juden), 2016

Sabine Mayr (Red.), Die Hoteliers-Familie Bermann und das koschere Belaria in Meran, in: „Jüdische Rundschau“ vom 7.7.2017