Meißen/Elbe (Sachsen)

Datei:Meißen in MEI.svg Meißen ist mit derzeit ca. 28.000 Einwohnern die Kreisstadt des gleichnamigen Landkreises im Freistaat Sachsen - ca. 25 Kilometer elbabwärts von der sächsischen Landeshauptstadt Dresden (Karte TUBS, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Im Gebiet der späteren Mark Meißen hielten sich jüdische Kaufleute und Händler vermutlich bereits seit dem frühen Mittelalter auf; urkundlich nachweisbar sind sie seit dem 10.Jahrhundert; so sollen jüdische Fernhändler „heidnische Sklaven“ aus slawischen Ländern bis nach Mittel- und Westeuropa gebracht haben.

Im 13.Jahrhundert lebten jüdische Familien unter dem Schutz des Markgrafen Heinrich des Erlauchten in der Stadt Meißen; dieser gestand ihnen 1265 in einem Privileg die rechtliche Gleichstellung mit den Christen zu. Seine Nachfahren bestätigten diese Rechte in einer Urkunde aus dem Jahre 1368, in der es u.a. hieß:

Die Markgrafen Friedrich III., der Strenge, Balthasar und Wilhelm von Meißen haben alle ihre Juden, Jüdinnen und deren Kinder und ganzes Gesinde begnadigt, daß sie dieselben schützen, beschirmen und verteidigen wollen, so gut sie nur können. Sie wollen die Juden bei ihren jüdischen Rechten lassen, ihren Eid sollen sie auf das Buch Mose schwören. Den Juden soll gleiches Recht wie den Christen zuteil werden. Alle Juden im Gebiet der Markgrafen sollen von jeglichen Geleits- und Zollabgaben frei sein. Dafür haben die Juden insgesamt den drei Markgrafen 1000 Gulden für ein Jahr bezahlt. Kein Jude soll mehr Zinsen nehmen als auf ein Schock Groschen wöchentlich einen halben Groschen.

Anm.: Als Zeichen für diesen Judenschutz versah die Stadt Meißen ihr Stadtwappen mit einem Judenkopf. Dieses Zeichen ist noch heute an dem Wappen zu sehen, das über dem Eingang des Meißner Rathauses angebracht ist.

                    Judenkopf im Meißner Stadtwappen (Abb. aus: juden-in-mittelsachsen.de)

Die Meißener Judensiedlung soll sich auf dem hochwassersicheren Terrain des Neumarktes – zwischen Stadtmauer und Triebisch - befunden haben; wie viele Juden hier wohnten, ist nicht bekannt. Zugang zur Stadt hatten diese durch das sog. „Jüdentor“.

Der früheste Hinweis auf die Existenz eines Bethauses lässt sich aus den Aufzeichnungen des in Meißen geborenen und hier aufgewachsenen jüdischen Gelehrten Isaak en Mose ben Isaak ben Schalom (er führte den Beinamen Or Sarua) entnehmen, der später Rabbiner in Wien wurde. Demnach soll das Bethaus schon um 1180 bestanden haben; dessen Standort wird zwischen Nikolaisteg und Nikolaikirche vermutet.

Am Hang des „Jüdenberges” gab es damals auch einen kleinen „Judenkirchhof“; dieser wurde vermutlich bereits nach dem Pestpogrom von 1349 von den christlichen Stadtbewohnern teilweise als Weingarten, teilweise als Viehweide genutzt; Mauer- und Grabsteine des Friedhofes wurden als Baumaterial in der Stadt verwendet. Die mittelalterlichen, hebräische Inschriften tragenden Grabsteinfragmente aus dem 13. und 14.Jahrhundert stellen die ältesten materiellen Zeugnisse jüdischen Lebens in der Region Meißen dar.

                 Stadtansicht um 1560 - Stich (Abb. aus: juden-in-mittelsachsen.de)

Anfang des Jahres 1349 fielen fast alle Juden Meißens dem Pest-Pogrom zum Opfer, was auf ausdrücklichen Befehl des Markgrafen Friedrich geschah; in einer Chronik heißt es dazu: „ ... In dem neunundvierzigsten Jahre wurden die Juden gebrannt zur Fastnacht.” Als Dank für die Ermordung der Juden schenkte der Markgraf der Stadt Meißen den „... der stat zcu Myßne unsern lieben getruwen den Judenberg da selbins mit allem dem, daz darczu gehoret [...], also daz sie den ewiglichen zcu einer frien vyweide oder warzcu sie es durfen werden ane allerlei hindernizze haben und halden sullen.“

Eine jüdische Gemeinschaft sucht man jahrhundertelang vergeblich in Meißen. Obwohl ein durch August den Starken erlassenes „Judenstatut“ von 1746 eine „geregelte Duldung“ von Juden gestattete, blieb Meißen - abgesehen von kurzzeitigen Aufenthalten durchreisender jüdischer Händler - bis in die 1860er Jahre eine „judenfreie“ Stadt. Erst danach ließen sich jüdische Kaufleute in Meißen nieder und gründeten Ladengeschäfte.

Stadtansicht Meißen, um 1850 (aus: wikipedia.org, CCO)

Doch eine eigene Kultusgemeinde konnte sich auf Grund der geringen Anzahl jüdischer Bewohner nicht etablieren; auch verzichtete man auf die Einrichtung eines Betraumes. Dies mag wohl auch daran gelegen haben, dass die in Meißen nun ansässigen Juden nicht strenggläubig waren. An hohen Festtagen und zu familiären Anlässen suchte man die Dresdener Synagoge auf.

Juden in Meißen:

    --- 1890 ............................. 32 Juden,

    --- 1900 ............................. 62   “  ,

    --- 1910 ............................. 62   “  ,

    --- 1925 ............................. 60   “  ,

    --- 1933 ............................. 40   “  ,

    --- 1937 ............................. 35   “  ,

    --- 1939 .............................  3 jüdische Familien,   

    --- 1940 .............................  keine.

Angaben aus: A. Christl/G. Steinecke, Juden in Meißen

Der Boykott jüdischer Geschäfte am 1.4.1933 schien in Meißen keine große Wirkung gehabt zu haben, wie im „Meißner Tageblatt” vermerkt wurde („Hin und wieder kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Käufern und den aufgestellten Posten). Doch im Laufe der nächsten Jahre zeigte auch hier die antisemitische Hetzpropaganda Wirkung; in der Folge mussten jüdische Geschäfte aufgeben und ihre Inhaber abwandern.

Während der „Kristallnacht“ war auch Meißen Schauplatz gewalttätiger Ausschreitungen: Schaufenster wurden zertrümmert und Läden geplündert, so das Kaufhaus Schocken und die Geschäfte von Cohn, Heymann, Loewenthal und Sachs; Männer wurden "in Schutzhaft" genommen und vor aller Augen gedemütigt. In der Folgezeit verließen fast alle jüdischen Bewohner Meißen. Ende Juli 1939 vermeldete die NS-Gauzeitung „Der Freiheitskampf”: ... Nachdem die Zahl der in Meißen noch ansässigen Juden in der letzten Zeit bis auf drei Familien herabgesunken ist, steht nun die Abwanderung dieser letzten drei vom Stamme der Hebräer unmittelbar bevor.“

Die letzten Familien wurden in eines der „Judenhäuser“ in Dresden eingewiesen. Von hier wurden sie vermutlich nach Theresienstadt oder in ein anderes Lager im besetzten Osteuropa deportiert.

In der NS-Zeit war die „Jüdenbergstraße“ in „Theodor-Fritsch-Straße“ umbenannt worden; Anfang der 1950er Jahre machte man die Umbenennung rückgängig.

1952 entdeckte man am „Jüdenberg“ das Grab eines kleinen Mädchens, das die Existenz des mittelalterlichen Friedhofs an dieser Stelle belegt.

Anfang der 1990er Jahre wurde an der Nikolaikirche ein Gedenkstein für alle Opfer von Diktatur und Gewalt gesetzt.

An dem ehemaligen jüdischen Geschäftshaus der Fam. Loewenthal in der Willy-Anker-Straße brachten deren Kinder eine Gedenktafel an, die an die Ermordung ihrer Eltern erinnert.

2012 wurden die ersten sog. „Stolpersteine“ in Meißen verlegt. In einem Aufruf der „Bürgerinitiative Stolpersteine“ hieß es: „Wir, die Meißner Bürgerinitiative Stolpersteine, wollen an die über 80 Meißner Juden erinnern, die Opfer der Ideologie des Nationalsozialismus wurden. Seit 2012 haben wir das Ziel, diesen Personen ihre Identität und ihr Schicksal zurückzugeben. Mit jedem neuen Stolperstein sorgen wir für eine Erinnerung. Wir möchten durch die Verlegung von Stolpersteinen und Veranstaltungen gezielt auf die einzelnen Schicksale aufmerksam machen, damit sie nicht vergessen werden.“

 Stolpersteine für Familie Mosszizki, Elbstrasse 28, Meissen.JPGzwei "Stolpersteine" in der Elbstraße (Aufn. B. Gross, 2018, aus: wikipedia.org, CCO)

Inzwischen sind weitere Stolpersteine verlegt worden; nach Vorstellungen der Initiative soll künftig an alle Meißner Juden (insgesamt wohl etwa 80 Pers.) erinnert werden.

 

In Döbeln – etwa 25 Kilometer westlich von Meißen – erinnern derzeit 16 sog. „Stolpersteine“ an ehemalige jüdische Bewohner der Muldestadt, die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, vertrieben, deportiert oder ermordet wurden.

Stolpersteine für Familie Gutherz, Bahnhofstrasse 51, Döbeln.JPG Stolpersteine für Max und Karl Glasberg, Bahnhofstrasse 73, Döbeln.JPGin der Bahnhofstraße (Aufn. aus: wikipedia.org, CCO)

Die stets nur geringe Zahl jüdischer Familien (maximal ca. zehn) – sie waren erst im ausgehenden 19. bzw. beginnenden 20.Jahrhundert nach Döbeln zugezogen – galten als assimiliert und in die kleinstädtische Gesellschaft weitgehend integriert.

 

Die Kommune Uebigau - Wahrenbrück – etwa 40 Kilometer nördlich von Meißen – hat im Jahre 2018 einen längst in Vergessenheit geratenen jüdischen Friedhof wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Der unmittelbar an der Bahntrasse Leipzig-Cottbus liegende Begräbnisplatz war 1839 angelegt worden; das kleine Gelände diente elf Verstorbenen als letzte Ruhestätte (letzte Beerdigung 1870). Danach verfiel der Friedhof, Grabsteine ‚verschwanden‘. Heute ist das Areal umzäunt, besitzt aber keine Grabsteine mehr; eine Stele informiert über die Historie dieses kleinen jüdischen Friedhofs.

 geschändeter Friedhof in Uebigau (Aufn. Rainer Pohl, aus: lr-online.de)

 

In Oschatz ca. 30 Kilometer nordwestlich von Meißen - erinnern 14 sog. „Stolpersteine“ in der Strehlaer Straße an Angehörige der jüdischen Familien Hirschfeld und Mendel.

 

Weitere Informationen:

Alfred Leicht, Die Judengemeinde in Meißen, in: Mitteilungen des Vereins der Geschichte Meißens, Bd. 2/1897, S. 421 - 453

H. Gröger, 1000 Jahre Meißen, Meißen 1929

Germania Judaica, Band II/2, Tübingen 1968, S. 531 - 533

H.-J. Pohl, Meißens mittelalterliche jüdische Geschichte, in Sächsische Zeitung, Jg. 43/1988, Artikelserie (am 12.1, 19.1., 26.1. und 2.2.)

Juden in Sachsen - Ihr Leben und Leiden, Hrg. Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Dresden e.V., Evang. Verlagsanstalt, Leipzig 1994, S. 8/9

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum, Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 500/501

Andreas Christl, Steine mit hebräischen Inschriften aus Meißen, in: Mitteilungen des Landesamtes für Denkmalpflege Sachsen, Dresden 1996, S. 53 - 57

Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus - eine Dokumentation II, Hrg. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1999, S. 712 f.

Michael Höhme (Red.), Schwierigkeiten mit der Wahrheit – Zur Geschichte jüdischer Bürger der Stadt Döbeln in der Zeit des Nationalsozialismus, basierend auf Artikeln in: „Döbelner Allgemeine Zeitung“ vom 6./7.11.1999 (vor allem Schicksal der Familie Glasberg)

A. Christl/G.Steinecke, Juden in Meißen, hrg. anlässlich des 10jährigen Bestehens des Europa-Zentrum Meißen e.V., Meißen 2000

Christiane Donath, Misnia Judaica. Mittelalterliche hebräische Grabinschriften in Meißen und die Geschichte der Juden in der Mark Meißen bis zum 15. Jahrhundert, in: Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege 46 (2004), S. 391 - 484

Maike Lämmerhirt, Juden in den wettinischen Herrschaftsgebieten. Recht, Verwaltung und Wirtschaft im Spätmittelalter, in: Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen, Kleine Reihe Band 21, Böhlau-Verlag, Köln/Weimar/Wien 2007, S. 9/10, 32 und S. 161 f.

Andreas Christl, Die Meißner Judengemeinde im Mittelalter. Sachzeugen und Schriftquellen im Kontext, Kreisbauamt Meißen – Untere Denkmalschutzbehörde (als PDF-Datei online abrufbar unter: journals.ub.uni-heidelberg.de)

Döbeln und seine jüdischen Familien, online abrufbar unter: doebeln-entdecken.de/doebeln/juedischen-familien.html

Wolfgang Michael, Der Aufstieg des Nationalsozialismus und seine „Machtergreifung“ in Oschatz 1928 – 1933, hrg. vom Oschatzer Geschichts- u. Heimatverein e.V., Heft 3/2007

Stolpersteine Oschatz, hrg. vom Jugend-, Kultur- u. Umweltzentrum e.V. Oschatz, Oschatz 2011

Skl (Red.), Erste „Stolpersteine“ in Meißen eingeweiht, in: „Dresdner Neueste Nachrichten“ vom 10.11.2012

Stolpersteine in Meißen, online abrufbar unter: stolpersteine-meissen.de

Auflistung aller in Meißen verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Meißen

Stolpersteine in Döbeln, in: Stadtportal Döbeln vom 17.11.2015

Auflistung der in Döblen verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Döbeln

Döbeln im Nationalsozialismus – eine Aufarbeitung der AG Geschichte des Treibhaus e.V., online abrufbar unter: doebeln-im-ns.de (Anm. mit Kurzbiografien der Familien)

Dominique Bielmeier (Red.), Neue Stolpersteine für Meißen, in: „Sächsische Zeitung“ vom 29.11.2017

Sophie Spitzner/Stephan Conrad (Bearb.), Niemand kam zurück – Jüdisches Leben im Altkreis Döbeln bis 1945, Hrg. AG Geschichte des Treibhaus e.V. Döbeln, Döbeln 2018 (Anm. stellt Schicksale jüdischer Familien aus der Region Döbeln dar)

Dominique Bielmeier (Red.), Die Pogromnacht in Meißen, in: „Sächsische Zeitung“ vom 8.11.2018

Sylvia Kunze (Red.), Der Vergessenheit entrissen, in: lr-online.de vom 9.11.2018 (betr. Jüdischen Friedhof in Uebigau)

Frank Claus (Red.), Moment des Erinnerns – Nicht nur Gedenkort, auch einer, um Fragen zu stellen, in: „Lausitzer Rundschau“ vom 12.11.2018 (betr. Jüdischer Friedhof in Uebigau)

Daniel Roßbach (Red.), Jüdischer Friedhof in Uebigau beschädigt, in: lr-online.de vom 4.7.2019

Uta Büttner (Red.), Stolpersteine erinnern an Meißner Juden, in: „Sächsische Zeitung" vom 2.12.2019